Die Freunde des Internets und ihre zerstörten Träume

Die Tagung also. Vielleicht müsste ich nur beschreiben wie ich da ankam, und alles wäre sofort klar. Ich war ein bisschen zu früh, noch nicht viel los, und da war so ein hübsches kleines Tischchen aufgebaut mit hübschen, lächelnden Frauen dahinter, und ein Schild war drüber: „Presse“. Da ging ich also hin, stellte mich vor, aber man wusste da gar nichts von Bloggertickets. Ratlos blätterten sie schön vorbereitete Briefumschläge durch, aber da war nichts für einen Herrn Wolf. Erst ein herbeigerufener Dritter wusste: Die Bloggertickets gibts am normalen Kassenhäuschen, wo ich mir bei einem mürrisch hinter Plexiglas sitzenden Griesgram meine Karte abholen konnte. Erste Erkenntnis: Es läuft bei einer Tagung der Internetfreunde nicht anders als irgendwo sonst: Die Herrschaften von der „Presse“ werden hofiert; Blogger hingegen sind auch hier nur ein namenloses Fußvolk, das man mit Gratistickets anlockt, um die Leere in den hinteren Bankreihen aufzufüllen und noch ein bisschen zusätzliche Publicity zu generieren.

Aber sei’s drum, ich hatte jetzt als kleiner Popelblogger auch keinen Sektempfang erwartet. Wenn ich eine interessante Diskussion erleben und etwas lernen kann, ist mir das Drumherum auch wieder egal. Leider, das kann ich gleich mal vorwegnehmen, war das nicht der Fall. Es wurde eigentlich nichts gesagt, was so nicht auch schon tausendfach in den Zeitungen zu lesen war. Das Ganze war außerdem eine gigantische Themaverfehlung. „Technologie-Evolution: Wo wir herkommen“ war der Titel der Veranstaltung. Darüber wer mit diesem „Wir“ da überhaupt gemeint sei, darüber wo „Wir“ herkommen, und darüber, inwiefern Technologie evolutionären Prinzipien unterworfen wäre und welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen sich daraus ergäben – über all das redete auf dieser Tagung kein Mensch. Das alles überschattende Thema war stattdessen NSA und Überwachung. Verständlicherweise, das ist natürlich das Thema im Moment und eine Netztagung, die an dem Thema vorbeiginge, wäre erst recht verfehlt. Aber warum deutet man das dann nicht auch im Titel an, sondern schreibt stattdessen etwas darüber, worum es dann definitiv überhaupt nicht geht? Kapier ich nicht.

Im Einführungsvortrag erklärte Juli Zeh erstmal alles Reden über das Internet im Internet für Schwachsinn. Auffällig, wie sehr als Juristin sie redete, und wie überhaupt nicht als Schriftstellerin: Es sei ein Unsinn, zu sagen, das Netz sei ein rechtsfreier Raum, vielmehr fehle es bloß am politischen Willen, das Netz juristisch durchzureglementieren und per Klarnamenpflicht eine problemlose Rechtsdurchsetzung dann auch sicherzustellen. Da friert’s einen ja gleich. Das soll die Konsequenz aus der Massenüberwachung sein? Ein Klarnamenzwang und ein Haufen Gesetze, von denen ich annehmen kann, dass ich Kleinheinz sie zwar penibel einhalten muss, ein ausländischer Geheimdienst sich aber einen Scheiß darum kümmert, sondern sich bloß über die leichtere und eindeutigere Identifizierung von Individuen freut? Aber einen Widerspruch zwischen nationaler Gesetzgebung und dem supranationalen Netz sieht sie nicht, wischte das Argument vom Tisch. Schließlich habe sie ihren nicht passenden Babyschlafsack auch an eine Firma zurückschicken können, die ihren Sitz nicht in Deutschland hat, sich aber ans deutsche Recht einer Rücknahmepflicht halten muss, wenn sie auf deutschem Boden Handel treibt. Beweis also erbracht. Wenn Amazon sich ans BGB halten muss, dann doch auch die NSA. Ist ja klar.

Was aus unseren Träumen geworden sei, der Utopie vom herrschaftsfreien Diskurs im Netz, so hatte die Kuratorin Nikola Richter in ihren Einführungsworten gefragt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich noch nie an das Internet als den Ort eines herrschaftsfreien Diskurses geglaubt habe – das Gestänker auf Twitter, die Shitstorms, das Facebookmobbing usw., das sind doch allesamt gnadenlose Gefechte um Diskurshoheit, Hoheitsdiskurse also, weit entfernt von geglückter Anarchie und Herrschaftsfreiheit – aber die juristische Durchregulierung der Juli Zeh führt uns an diese Utopie auch nicht näher heran.

Danach kamen die Workshops. Ich tingelte durch alle so ein bisschen durch, was mir auch zum Nachteil geriet, da ich nichts zur Gänze erlebte und nirgends richtig mitmachte. Es hielt mich aber auch bei keinem wirklich. Eine Bloggerin half angehenden Bloggern dabei, ein Blog bei WordPress zu erstellen. Das brauche ich nicht, ich hab schon ein Blog, und brauchte auch keinen Workshop, um das einzurichten. Das soll jetzt keine Kritik sein, die Leiterin des Workshops erschien mir supernett und kompetent, mich interessierte bloß das Thema nicht.

Nebenan wurde eine Cryptoparty gefeiert. Das war das Gegenteil, da wusste ich überhaupt nicht, was das eigentlich sein soll. Nach Party sah es jedenfalls nicht aus, alle saßen mit ihren Laptops in Reih und Glied, am Beamer wurde still mit Dateien hantiert. Meine Frau klärte mich später auf, dass „Cryptoparty“ ein stehender Begriff sei. Einer zeigt da anderen, wie sie ihren Datenverkehr verschlüsseln können, ein offensichtlich nicht ganz trivialer Vorgang. Das war mir jetzt andererseits zu nerdig, schnell ging ich weiter und landete bei Stephan Porombka, der sich mit einer Schülergruppe unterhielt. Das war jetzt mal interessant. Da sitzt der Twitterer und Medienprofessor und versucht, die Schüler für die Möglichkeiten der neuen Medien zu begeistern. Twitter, YouTube, was für Möglichkeiten, die eigene Kreativität zu entfalten. Gerade die Neuheit dieser Medien zwinge einen ja, sich selbst immer bei der Nutzung und Gestaltung zu beobachten. Wie interessant, wie toll das sei, eine Euphorisierung des Lebens bewirke das. Aber die Schüler, diese wirklichen Digital Natives, waren eher skeptisch, zurückhaltend. Einer berichtete von der Löschung seines Facebookaccounts und welche Befreiung das für ihn war. Auch andere erzählten vom Zwang, den das Handy und das permanente Checken von Facebook für sie bedeuteten, und davon, wie wirkliche Begegnungen doch der Facebookfreundschaft vorzuziehen seien. Vielleicht taten sie das auch ihrer Lehrerin zuliebe, die auch dabei saß und sich von Porombkas Medienoptimismus völlig überwältigt zeigte: So eine krasse Meinung habe sie nicht erwartet, das sei so krass, immer wieder benutzte sie das Wort „krass“. Da müsse sie erstmal drüber nachdenken jetzt. Aber eigentlich schienen mir diese Schüler ganz echt und aus dem Eigenen heraus zu sprechen. Das wird interessant, wie diese Generation sich im Netz positionieren wird. Noch verwechseln sie Facebook mit dem ganzen Netz, und die NSA ist ihnen herzlich egal. Aber in ihren Facebook-Kreisen erleben sie die Mechanismen von Überwachung in Form von gegenseitiger Kontrolle unter „Freunden“ im Mikrokosmos am eigenen Leib. Und entscheiden sich dagegen, bzw. entscheiden sich für Datensparsamkeit. Das war für mich fast der erkenntnisreichste Moment bei dieser Tagung.

Zu Michael Seemann und seiner Gesprächsrunde zum Thema „Kultur und Überwachung“ kann ich nicht viel sagen, denn die nuschelten alle so leise vor sich hin, dass ich kaum ein Wort verstand. Als wollten sie ostentativ lieber unter sich bleiben, flüsterten die weiter innen Sitzenden sich die Worte zu, und ich, ganz außen sitzend, konnte nur die Mimik und Gestik studieren: Sie wirkten alle ungeheuer deprimiert und ratlos. Eine Lost Generation, aber mit exzellenten Kopfhörern als Halsschmuck.

Dann der Hauptact: Frank Schirrmacher. Auch wenn ich ihm nicht in jedem Gedanken folgen konnte, war er für mich der klarsichtigste Sprecher an diesem Tag. Er sieht den ganzen NSA-Komplex durch eine Ökonomie-Brille, fordert eine Abkehr vom Orwell-Bild von Überwachung. Das flächige Absammeln von Daten sei kein genuiner Akt von Unterdrückung und Kleinhaltung wie bei Orwell beschrieben, sondern man müsse das nach einem ökonomischen Modell verstehen: Profit, ganz allgemein verstanden als die Verschaffung eines Vorteils, darum gehe es den Datensammlern. Je mehr ich über die Anderen weiß, desto besser kann ich sie manipulieren, einen desto besseren Preis kann ich bei Verhandlungen herausschlagen. Der wahre Erfinder des Computers sei nicht Alan Turing, sondern Adam Smith. Schon der NSA-interne Jargon, wo viel von Kunden und Produkten die Rede sei, zeige dies an, und erst, wenn man dies mal verstanden habe und sich von der Orwellschen Metaphorik der Überwachung löse, könne man wieder sinnvoll über Handlungsalternativen und konkrete politische Forderungen reden. Die Rede von einer Utopie des Netzes sei jedenfalls nach Snowden nicht mehr zeitgemäß, sagte Schirrmacher, und man sah Nikola Richter an, wie hart sie diese Botschaft traf, wie gerne sie weiter an das Netz als einen Ort des Guten und Schönen glauben würde.

Man kann jetzt Schirrmachers rein ökonomische Lesart der ganzen Problematik auch für verfehlt oder zu kurz gegriffen halten, aus dem Publikum kam auch einiger Widerspruch, aber wenigstens geht er das Thema überhaupt mal auf einer theoretischen Ebene an und beschränkt sich nicht wie Juli Zeh auf den neulich getätigten Amazon-Einkauf, um daraus alles andere abzuleiten.

Zum Abschluss noch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Computer und Kunst: Wer programmiert wen?“ Überflüssig zu erwähnen, dass über die Frage, wer wen programmiere, kein Sterbenswort verloren wurde. Ranga Yogeshwar moderierte das so heiter und unbeschwert weg wie eine seiner Fernsehsendungen, man plauderte über dies und jenes, z.B. ob man als Künstler/in Medien wie Facebook oder YouTube nutzen sollte oder eher nicht. Fazit: Muss jede/r selbst für sich entscheiden. Ah, wer hätte das gedacht.

Eine Dame aus dem Publikum bekundete dann auch noch ein bisschen wütend ihr Entsetzen, dass man 2013 ein Panel mit so wenig Netzkompetenz aufstellen könne, sie fühle sich ins Jahr 2005 zurückversetzt. So weit, so gut. Aber wenn die ergänzenden Bemerkungen derselben Dame über persönliche Suchmaschinenoptimierung den Stand der Debatte von 2013 repräsentieren, dann – ja, dann weiß ich auch nicht weiter.

Komplett verfehlt fand ich auch die Twitter-Nachlese am Ende jedes Programmpunkts. Eine „Twitter-Ombudsfrau“ las die ihrer Meinung nach interessantesten Tweets vor, die während des Vortrags eingetrudelt waren, und auf einer Leinwand standen die zuletzt gesendeten Tweets zu lesen. Sowas ist ja bei Ulrich Deppendorfs ARD-Wahlstudio schon lächerlich („Antje, bitte erzählen Sie uns: Was ist auf Twitter gerade so los?“), um wieviel lächerlicher also auf einer Netz-Tagung, wo sowieso alle ständig auf ihre Laptops und Wischtelefone starren. Erkenntnisgewinn exakt gleich Null.

Und so saß ich da also ein bisschen verloren herum mit meinem Bleistift und meinem Notizheftlein, und kam aus dem Kopfschütteln eigentlich gar nicht mehr heraus. Vielleicht war ich da ja auch wirklich fehl am Platz, als jemand, der zwar bloggt, aber das Netz doch niemals als seine Heimat definieren würde und jeden Gedanken, der ihm durch den Kopf schießt, sofort auf Twitter auslagern müsste. Schirrmachers Vortrag war mir allerdings Beleg dafür, dass die interessanteren Überlegungen zum Netz immer noch von Leuten kommen, die ihren Platz nicht primär im Netz haben. Wobei Zehs Vortrag auch sofort als schlagender Gegenbeleg für diese These herangezogen werden könnte. Enttäuscht lief ich nach Hause durchs kalte Westberlin.

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18 Kommentare zu “Die Freunde des Internets und ihre zerstörten Träume

  1. Ein schöner Bericht über diese westberliner Tagung! (Wie oft sind Tagungsberichte reines Gesülze oder von Leuten geschrieben, die gar nicht da waren.) Frank Schirrmacher, der sich ja tatsächlich vom Journalisten zum Denker entwickelt hat, hätte ich auch gerne gesehen, aber am interessantesten finde ich die von Dir geschilderte Sache mit den Schülern, weil ich von 15-, 16-jährigen auch schon Ähnliches gehört habe. Soooo wild auf die „Befreiung“ sind viele gar nicht mehr, während die jetzt schon Gealterten im Netz noch immer die „Freiheit“ suchen (von was eigentlich und für was?) – erinnert mich ein wenig an die Generation der jetzt etwa 60-, 65-jährigen, für die Sex damals Befreiung und Widerstand bedeutete und die auch jetzt noch immerzu davon faseln (wie politisch der doch sei), während die nachfolgende Generation das schon viel lockerer und unverkrampfter anging und auch ohne tägliche Dosis Geschlechtsverkehr gut leben kann. Schon bald jedenfalls wird, denke ich, das Internet an spezieller Bedeutung verlieren, weil der Mensch sich daran gewöhnt hat – so wie an die Eisenbahn, das Telefon, das Radio und das Fernsehen.

    • Ja, eine Konferenz der Telefon- und Eisenbahnfreunde ist heute nicht wirklich gut vorstellbar. In hundert Jahren wird so eine Internettagung wahrscheinlich ähnlich surreal anmuten.

  2. Beim Nachwuchs in meiner Umgebung (altersmässig zwischen 9 und 14) ist Facebook auch überhaupt kein Thema. Patenkind I hält den Kontakt zu den Kumpels via Skype Chat (es gibt nur die Initialien von sich preis und steht grundsätzlich für den Rest der Welt auf unsichtbar), das Cousinenkind ist WhatsApp verfallen (wo ja noch besser gecheckt werden kann, wer wann wo online war und was gelesen hat) und Patenkind II interessiert sich ausschliesslich für Minecraft. Ich verfolge das sehr fasziniert, wohin die drei sich online bewegen werden.

  3. Herr Urbach – Konferenz Netzkultur – “Freunde des Internets”

  4. DU warst also der junge Mann, der sich zur Schülergruppe rund um Stephan Porombka gesellt hat! Da hatten wir ja die gleiche Idee. Ich dachte, du bist der Referendar. ^^
    Wir haben offenbar in vielerlei Hinsicht ähnliche Beobachtungen gemacht, wenngleich wir sie anders interpretiert haben.
    http://granaton.com/netzkultur/
    Wenn du Tipps zu zeitgenössischer Suchmaschinenoptimierung brauchst, frag mich gern. EMDs, wie ich Helena Hauff empfahl – zwar nicht wütend aber einigermaßen entsetzt über ihr totales Unwissen über das Netz, sind nach wie vor eine gute Möglichkeit, in Suchmaschinen für den eigenen Namen zu ranken, vorausgesetzt, man schafft es, Publikum zu finden, das diesen Namen auch sucht …
    Freue mich auf deinen Kommentar zu meinem Artikel, bitte mit Link auf deinen Beitrag.
    Herzlich, Deine
    Granat On

    • Danke. Für mich war es die erste Netzkonferenz, auf der ich je war. Aber wenn das der Archetyp davon ist, dann werde ich mir den Besuch von derlei Konferenzen in Zukunft wohl eher wieder sparen.

    • Hm, mal schauen. Die Tickets sind ja ganz schön teuer und im Moment steht das Programm noch gar nicht. Da kaufe ich ja die Katze im Sack. Bist du sicher, dass sich das lohnt? Interessieren würde es mich ja andererseits schon.

      • Nein, das käme mir auch komisch vor. Ich kann mir das Ticket schon leisten, weiß bloß nicht, ob es mir das wert ist, oder ich danach dann denke: Für das Geld hätte ich mir lieber zehn Bücher gekauft, anstatt drei Tage auf der öden Konferenz rumzusitzen. Aber wenn ihr der Meinung seid, dass ich darüber berichten sollte – vielleicht gehe ich wirklich hin.

  5. Kauf Dir lieber zehn Bücher, würde ich sagen! Solche Konferenzen dienen doch nur den Großkopferten des Medienbetriebs, während die Schäfchen drumherum die Chose bezahlen müssen. (Die haben ja Preise, mannomann!!!)

  6. Woanders – diesmal mit einer Tagung, Angst, Lego und anderem | Herzdamengeschichten

  7. Monatsabrechnung: Links des Jahresendes 2013 | Journelle

  8. Schirrmacher – Sichten und Ordnen

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