All along the Watchtower

Es gibt so Nonsens-Gedichte, da weiß man sofort: hier gibt es nichts großartig zu verstehen. Und das Gegenteil sind Gedichte, die ihre Geschichte ganz unverstellt erzählen. Und dann gibt es die Gedichte dazwischen. Die erzählen eine Geschichte, erzählen sie aber nicht aus, deuten nur an, lassen sehr viel unerzählten Freiraum. Die liest man dann wieder und wieder, eine klar fassbare Botschaft scheint zum Greifen nah, aber du kriegst sie nie zu fassen, sie entgleitet immer in dem Moment, wo du die Hand danach ausstreckst. Das sind die ästhetischen Momente, da hat die Kunst einen am Wickel, ich finde das toll, man kriegt dieses Gefühl nicht jeden Tag.

Die letzten Tage ging mir das so mit dem Lied „All along the Watchtower“ von Bob Dylan. Ein berühmtes Lied, vor allem berühmt durch die Version von Jimi Hendrix. Noch nie habe ich den Text verstanden, aber immer schien mir, er teile etwas sehr Dringliches mit. Ich hörte es in der Hendrix-Version und dann wieder in der Dylan-Version, und wieder und wieder. Im Netz fand ich die wildesten Interpretationen und unmöglichsten Übersetzungen. Anstatt es einer weiteren Gedichtanalyse zu unterziehen, habe ich es dann bloß für mich übersetzt, was ja auch immer schon eine Interpretation ist.

Der Text der Hendrix-Version weicht leicht vom Original ab, ich habe mich an den Dylan-Text gehalten, obwohl ich musikalisch die Coverversion von Hendrix kraftvoller und sprechender finde. Die Reime zu erhalten schien mir unmöglich, stattdessen habe ich versucht, nach Möglichkeit den von der Musik ja auch sehr genau getakteten Sprachrhythmus nachzuvollziehen. Aber auch das war mir eigentlich nicht möglich. Lyrik zu übersetzen muss ein fürchterlicher Job sein.

All along the Watchtower
(Meine Übersetzung, Originaltext hier)

„Es muss doch irgendeinen Weg hier raus geben“,
sagte der Hofnarr zum Dieb.
„Es ist alles zu verwirrend,
ich kann gar nicht mehr verschnaufen.
Geschäftsleute trinken meinen Wein,
Bauern pflügen meine Erde,
und keiner von denen hat die geringste Ahnung, welchen Wert das alles hat.

„Kein Grund sich so aufzuregen“,
sprach freundlich der Dieb,
„Es gibt bei uns ziemlich viele,
die das Gefühl haben, das Leben sei nur ein Scherz.
Aber du und ich, wir haben das hinter uns,
und es ist nicht unser Schicksal,
also lass uns jetzt nichts Falsches sagen,
es wird schon langsam spät.“

Das Gebiet entlang des Wachturms
behielten Prinzen im Blick,
während all die Frauen kamen und gingen,
und barfüßige Diener auch.

Draußen in der Ferne
fauchte eine Wildkatze.
Zwei Reiter rückten näher
und der Wind begann zu heulen.

[Und jetzt kann ich doch nicht widerstehen, dem noch eine Art Interpretation anzufügen: Es ist ein Grundgefühl des Gefangenseins, das von der ersten Zeile an vermittelt wird. Gefangen in einem Lager, das von dekadenten Prinzen mit ihren Damen und Dienern vom Wachturm aus weniger regiert als einfach nur überwacht wird. Dieb und Hofnarr sind eine Art Intellektuelle in einer Schar von Häftlingen, welche sich das Leben schon zum reinen Witz kleingeredet haben, um die Gefangenschaft zu ertragen. Ausbruch scheint nicht möglich, aber vielleicht kommt Rettung aus einer wilden Ferne. Wenigstens gibt es ein Außen, also Hoffnung. Zwei apokalyptische Reiter nahen, wie Doppelgänger des Narren und des Diebs. Ausgang ungewiss. Gitarrensolo.]

[Und: Lyrik ist nicht tot. Sie ist bloß dahin zurückgekehrt, wo sie herkam: Zum Lied.]

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12 Kommentare zu “All along the Watchtower

      • Danke für die Richtigstellung, dass Dylan nicht singt: „Princess kept the view“! Das war für mich immer ganz klar, dass da so Delacroix’sch eine Prinzessin auf dem Turm steht, und im Hintergrund kriecht ihr Gesinde. Bestimmt kam ich drauf wegen der „princess on the steeple“ aus „Like A Rolling Stone“, das ja ein viel tollerer Kracher ist als „All Along The Watchtower“, wobei da die Hendrix-Version in diesem Fall etwas abstinkt, oder? Für mich gibt’s absolut keine bessere und magischere als die Originalversion von Dylan aus dem Jahre 1965. Von „Highway 61 Revisited“. Vielleicht noch die Live-Fassung aus dem Jahr drauf, auf der Doppel-CD aus der Bootleg-Series erhältlich, die Manchester-Version, die als „Royal Albert Hall“-Version berühmt wurde, die kann diesem Jahrtausend-Take vielleicht das Wasser reichen, aber sonst … hey, wer sind Sie? Wie kommen Sie in diesen Blog? Lassen Sie mich los. Was soll das? Wohin bringen Sie mich? Hey? Ich rede mit Ihnen! Hal–

      • Bitte, gern geschehen, ich stelle immer gerne richtig, bin ein regelrechter Richtigsteller. Sogar, wenn ich gar keine Ahnung davon habe, dass irgendwo in einem Hirn was falsch gestellt ist, stelle ich es richtig, mit traumwandlerischer Sicherheit.
        „Like a Rolling Stone“ ist zwar von der Zeitschrift „Rolling Stone“ zum besten Lied aller Zeiten erklärt worden (vermutlich nur aus Gründen der Verherrlichung des eigenen Magazinnamens), aber ich schätze „All along the Watchtower“ viel höher, gerade wegen dieser extremen Verknapptheit im Text, die so eine Fülle ungereimter, aber sehr visueller, geradezu kinomäßiger Assoziationen hervorruft. Im Gegensatz dazu ist „Like a Rolling Stone“ doch viel zu geschwätzig, der ganze höhnisch-hämische Gestus des Liedes gefällt mir eigentlich nicht.
        Aber davon abgesehen ist Dylans Studio-Version die gültige, Hendrix zerdehnt es zu einem unerträglichen Kaugummi, er hat dem Lied nichts hinzuzufügen, es ist ein bloßes Nachspielen. Nach meiner Theorie sind die besten Dylan-Lieder die, die er selber ganz roh und skizzenhaft eingespielt hat. Wo er also auf der eigenen Dylan-Schallplatte noch nicht die endgültige Version vorgestellt hat. Das hielt die Songs offen für die Interpretationen anderer. „Like a Rolling Stone“ hat er selbst verendgültigt, weswegen alle Coverversionen scheitern, am grauenvollsten vielleicht Wolfgang Ambros mit „Allan wiar a Stan“.

      • Oh, Pardon, das war mein erster Kommentar … Mir schien, man solle einfach mal so heraus blubbern, was im eigenen Kopf an Merkwürdigkeiten vorgegangen ist in den letzten Jahren, und das mit einem Dank verbinden. Na ja, ist wohl daneben gegangen. Nichts für ungut. (Und ich fürchte, die übelste „Like A Rolling Stone“-Coverversion ist die von den Rolling Stones, die vom „Rolling Stone“ zur besten Band aller Zeiten gewählt wurden.)

      • Aber nein, da ist doch nichts danebengegangen, jetzt muss ich mich wieder entschuldigen für mein Geblubber, und immer so weiter…
        Die Stones-Version von „Like a Rolling Stone“ kenne ich gar nicht, glaube dir aber sofort, dass sie fürchterlich ist.

  1. Never-Ending détournement – Wirre Welt WordPress

  2. Wieso habe ich denn diesen Artikel überlesen??? Ich als erklärter absoluter Bob Dylan Fan.
    Deine Übersetzung gefällt mir. Und ich finde auch, dass Du mit ihr und der damit einhergehenden Zurückhaltung in der Interpretation dem Originaltext einen größeren Gefallen tust als alle sonstigen Interpretationsversuche. Und ich mag auch das Original am liebsten, gesungen von Dylan Himself.
    Übrigens habe ich es am 20. Oktober live gehört, bei seinem Konzert in Hamburg. Da gab es All Along the Watchtower als Zugabe, wieder mal völlig neu interpretiert, erkennbar nur am Text. 🙂
    Aber es gibt eine Version von Werner Lämmerhirt, die finde ich auch ziemlich gut: http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de/2010/05/werner-lammerhirt-all-along-watchtower_11.html

  3. Übersetzung finde ich ganz gelungen, nur hier sehe ich das etwas anderes:
    „also lass uns jetzt nichts Falsches sagen“
    „let’s not talk falsely“ heißt „lass uns nicht falsch reden“, das tendiert mehr zu „Lass uns nicht lügen“ oder auch „Machen wir uns doch (gegenseitig) nichts vor“

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