Verschollen

Heute hütete ich die fieberkranke Tochter, wir schauten Kinderfilme. Momo, das ich in der eigenen Kindheit nur als Buch kannte, ist einer ihrer Lieblingsfilme. Ich schaute das konzentriert mit. Diese Zeitdiebe, die grauen Herren. Ein bedenkenswertes Bild. Am Fiebersofa verging die Zeit gleich viel langsamer und ungetrieben. Tee kochen, Fiebermessen, ein Brot schmieren, sie zum Trinken anhalten, ansonsten nur da sein, das war mein Auftrag.

Als sie dann am späten Mittag eingeschlafen war, las ich neben ihr auf dem Sofa liegend und ihre Fieberhitze immer ganz angenehm an meiner linken Seite spürend weiter im Verschollenen, dessen Lektüre mir bei meiner letzten Kafka-Phase vor ungefähr zehn Jahren noch völlig unmöglich war, da hieß das Buch allerdings auch noch Amerika. Ich hatte damals den Prozess und das Schloss verschlungen und die Tagebücher Kafkas auch, aber bei Amerika war Schluss. Das sagte mir nichts. Ein leeres Buch, voll unsinniger Beschreibungen aber ohne Essenz, wie mir damals schien. Hier verstand ich, dass das nur Fragment geblieben ist, vom Autor als untauglich verworfen.

Und jetzt kann ich das plötzlich lesen. Wer weiß warum. Ich glaube nicht, dass man eine Heimat finden kann in einem literarischen Werk, ich bin nicht daheim bei Kafka. Man setzt sich ja nicht zu Kafka wie an einen warmen Ofen. Andererseits stimmt es schon: Die Sprache ist mir vertraut, die Seltsamkeit, dieses plötzliche Eskalieren scheinbar ganz harmloser Situationen.

Aber hauptsächlich ist es die Sprache, ich glaube, mich interessiert im Grunde sowieso nichts anderes an den Büchern als dieses musikalische Element darin, der Sound. Drum bin ich auch froh, jetzt die der Handschrift folgende kritische Ausgabe zu lesen. Man höre sich mal diesen Satz an:

Die Brücke, die New York mit Boston verbindet hieng zart über den Hudson und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte.

Kein Lektor auf der Welt könnte diesen Satz voller Kommafehler und geographischer Unsinnigkeiten so stehen lassen, und doch hört er sich so viel besser an als die von Brod korrigierte Version:

Die Brücke, die New York mit Brooklyn verbindet, hing zart über den East River, und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hier ganz deutlich machen kann, aber mir scheint, als könne nur eine geträumte Brücke zwischen New York und Boston, die über den Hudson hinweg gespannt wäre, zart erzittern, wenn man die Augen klein macht. Eine tatsächliche Brücke zwischen Manhattan und Brooklyn vermag das nicht, und der geographisch korrekte East River zerstört den Satz endgültig. Ich mag mich aber täuschen, ich war ja auch noch nie in New York. Sollte ich jemals hinkommen, werde ich die Augen klein machen und schauen, ob ich die Brooklyn Bridge dadurch vielleicht ein bisschen zum Zittern bringen kann.

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5 Kommentare zu “Verschollen

  1. Woanders – diesmal mit Erziehung, Prophylaxe, Schulsport und anderem | Herzdamengeschichten

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