Nervös

Kittler, Lessing, Pythagoras, McLuhan, Benjamin, Joseph Mitchell, Foucault, Stephen Greenblatt. Konfuses Lesen in den letzten Wochen, ich blättere nervös herum und trage einen stetig wachsenden Bücherstapel von einem Zimmer ins nächste und wieder zurück. Aber ich bin geistig so unruhig, nebenher am Laptop muss man ja auch immer noch Facebook schauen und Twitter lesen und was die Zeitungen so schreiben, meistens Unsinn, siehe Passig über Bibliotheken in der ZEIT, wo unverdrossen die altbekannte Anti-Papier-Rhetorik aufgefahren wird, dass man gerne mal fragen würde, was eigentlich genau so toll ist an Silizium als Speichermedium für Schrift. Dass die Buchstaben erstmal in Nuller und Einser transformiert werden müssen, um dann mittels teurer und in vielerlei Hinsicht fehleranfälliger Geräte und unfreier Software wieder in etwas Lesbares verwandelt zu werden?

In der Bibliothek ist die Idee von frei zugänglichem Wissen bereits realisiert, da grinst mich nicht ständig ein Gema-Männchen mit schrägem Mund an und sagt, ich dürfe dieses Buch oder diese CD leider nicht ausleihen, weil so und so und bla. Wikipedia ist ja schön und gut, aber eine Bibliothek hat noch etwas mehr zu bieten als bloß ein schlecht geschriebenes Riesenlexikon. Ich glaube 10 Euro war der Jahresbeitrag in der Frankfurter Stadtbibliothek damals, und dafür durfte ich alles mitnehmen, was da war, und das war ziemlich viel. Und in der Münchner Stabi musste ich als Student gar nichts zahlen und die hatten ungefähr alles, was seit Homer den Leuten so eingefallen ist zu schreiben. Dagegen nimmt sich das Internet erbärmlich aus. Tolle Volltext-Suchfunktionen und multiple Regalbestückung nützen mir wenig, wenn der Bestand so limitiert ist. Das ist einfach mal der status quo, da können die Passigs und Lobos das Internet noch so sehr zur Welterlösungsmaschine hochlabern, für mich wird es mehr und mehr zu einer Zeitverschwendungs- und Verwirrungsmaschine. Ich brauch Entschleunigung. Vielleicht sollte ich die Kafkalektüre wieder aufnehmen. Amerika. (Der Verschollene).

 

 

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5 Kommentare zu “Nervös

  1. Das Internet als Verführung zur Unfreiheit – diesen Aspekt gibt es, und aus Bequemlichkeit oder Unkenntnis lassen sich viele darauf ein.
    Das Internet kann als hilfreiches Werkzeug und praktisches Medium dienen, aber das eigene Denken nicht ersetzen.

  2. Durchaus. Es ist nicht einzusehen, dass das Heeresgerät Internet auf einmal all die Freiheit und Demokratie bringen soll, welche sonst nur Kapitalismus oder die USA verheißen. Andererseits kristallisiert sich an dem Fetisch Buch (ja, ich gehöre auch zu den Betroffenen und darf nicht in Bibliotheken und Buchantiquariate gelassen werden) doch oft eine vom Aufstiegswillen geprägte Bildungsbürgerideologie.

  3. Was die Passig in der Zeit schrieb, ist allerdings derartig blödsinnig, daß ich die Autorin böse und unzitierbar beschimpfte – indem ich meinen Bildschirm anblaffte. Klar, ich habe auch schon Bücher in die Mülltonne geschmissen, Georg Lukács, Günter Grass, Martin Walser und so weiter, weil ich keine Propaganda und keinen Schund in meiner Bibliothek haben will, aber das waren befreiende Akte, während der Müll im Internet mir jederzeit ins Gesicht springen kann – Du siehst, auch ich bin nervlich nicht auf der Höhe, auch ich muß mich beruhigen. Zum Glück wartet in meiner eigenen bescheidenen Bibliothek noch einiges darauf, (wieder-)gelesen zu werden, und einen Stabiausweis habe ich jetzt auch wieder. Manche werden noch an ihrem reinen Faktenwissen ersticken, weil sie nur noch Nullen und Einsen in den Hals kriegen!

  4. Ohne das Buch zum Fetisch erheben oder Computer und Internet apodiktisch verteufeln zu wollen, kann ich euch nur kurz berichten: Das Kafkalesen beruhigt mich wirklich sehr.

  5. Der Begriff „Kafkalesen“ allein hört sich schon beruhigend an, finde ich, obgleich ja Kafka alles andere ist als Wohlfühlliteratur. Kann man sich also in bestimmten literarischen Werken zuhause fühlen? Man kann!

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