Paranoid

Er war der Hausmeister, das war klar, und dass er aus dem Osten kam, das Abziehbild eines Ossis mit seinem sächsischen Dialekt. Durchaus sympathisch, aber auch seltsam. Ein Eigenbrötler, etwas Kauziges haftete an ihm, außerdem stotterte er: nur mühsam konnte er sein Stottern durch den Gebrauch gewisser Floskeln, die er immer in die Rede einschob, kontrollieren. Es stellte sich außerdem heraus, dass er ein fanatischer Beatles-Verehrer war. Oft musste ich runter gehen ins Erdgeschoß, wo er wohnte, und ihn bitten, die Musik leiser zu stellen, die er, wenn er seine Anfälle hatte, so laut drehte, dass das Haus schier wackelte und ich zum Klingeln eine Pause zwischen zwei Liedern abwarten musste, weil er die Glocke sonst einfach nicht hörte. Dann öffnete er die Tür, ganz hausmeistermäßig in Jogginghose und Doppelripp-Unterhemd und tat verwundert: Musik zu laut? Ob das wohl möglich sei? Hinter ihm die Wände zugepflastert mit Beatles-Postern, zusammen, in Einzelporträts, als Zeichentrickfiguren im gelben Unterseeboot.

Irgendwie mochte ich ihn, trotz seiner Schrulligkeit. Manchmal begegneten wir uns in der Waschküche, dann erzählte er mir dies und das, meist Anekdoten aus der NVA. Er verklärte diese Militärzeit, sah sich selbst als eine Art Soldat Schweijk, und deutete an, das alles demnächst aufschreiben zu wollen. Da ich doch so ein Büchertyp sei, könne ich ja dann seine Erinnerungen lesen und korrigieren. Ich bejahte und ermunterte ihn zum Schreiben, aber es kam nie etwas.

Und einmal spätabends klingelte er und drückte mir eine CD-ROM in die Hand: seine Stasi-Akte. Faselte irgendwas, ich solle das alles sichten, alles lesen, das müsse mich interessieren, damit ich mal wüsste, wer er wirklich sei. Und verschwand wieder.

Ich las das alles in derselben Nacht noch atemlos durch, klickte mich durch alle Dokumente, habe nie etwas Spannenderes gelesen. Dabei hatte es nichts von einem Agententhriller. Der Mann wollte einfach nur ausreisen in den Westen, hatte die Schnauze voll, wollte Bananen. Stellte also Ausreiseanträge, sprach bei den Behörden vor, und plötzlich wurde dieser einfache Arbeiter zur Akte. Seine wiederholten Anträge wurden natürlich abgelehnt, soweit sie überhaupt beantwortet wurden, aber man hatte ihn jetzt auf dem Schirm: er wird beobachtet, Arbeitskollegen werden befragt. Die Behörde wirkt ganz ratlos, denn er wird als völlig harmlos befunden. Man dringt in seine Wohnung ein, fotografiert alles: Beatles-Poster über dem Einzelbett in der kargen Einzimmerwohnung. Peace. Love is all you need. Imagine. Kein Aufwiegler, aber er lässt nicht locker. In handschriftlichen Briefen wendet er sich an den „Werten Genossen Honecker“, dem er die Verfassung erklärt. Laut DDR-Verfassung habe er ein Recht auf Ausreise.

Da der Genosse Honecker ihm nicht antwortet, niemand ihm antwortet auf seine Anträge und Einschreiben, bemalt er zuletzt ein Bettlaken mit dem Verfassungsparagraphen, der ihm seiner Meinung nach die Ausreise zusichert und hängt das ins Fenster seiner Wohnung. Daraufhin wird er wegen „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ verurteilt und eingesperrt, sitzt ein Jahr im Knast. Kurz vor dem Mauerfall wird er entlassen und in den Westen gebracht.

Was mich am meisten irritierte an der Akte, war die Tatsache, dass nirgendwo sein Stottern erwähnt wird. Diverse Psychogramme wurden erstellt, die Stasi wollte ergründen, mit wem sie es hier zu tun hat, er wird sehr genau beschrieben, ich erkannte ihn auch wieder in diesen Beschreibungen, ein sturer Simplicissimus. Bloß dieses augenfällige Stottern kommt nicht vor. Ich habe mich nie getraut ihn zu fragen, was ihm im Gefängnis widerfahren war.

Kurz bevor wir aus dem Haus auszogen, trank ich noch ein Bier mit ihm zusammen im Garten. Er zahle immer mit Bargeld, niemals mit Karte, sagte er da. Auch ich solle niemals mit Karte bezahlen, das gehe doch niemanden etwas an, was man wo für wieviel Geld kaufe. Erst neulich habe er im Baumarkt einen Kassierer niedergebrüllt, der ihn nach seiner Postleitzahl gefragt habe. Das alles gehe niemanden etwas an und den Teufel werde er tun, irgendetwas über sich zu verraten. Die speichern alles, geht alles in die Computer, er kaufe auch nie was im Internet, alles nur bar bezahlen.

Er hätte auch ein Verbrecher werden können, sagte er auf der Gartenbank zu mir, oder ein Drogen-Junkie. Dass er es nicht wurde, das verdanke er einzig und allein den Beatles. Bei jeder Lebensentscheidung habe er sich immer gefragt: Was würden die Beatles tun?

 

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4 Kommentare zu “Paranoid

  1. Willkommen bei wordpress, jeder like, jede Verbindung die durch mein lesen hier entsteht wird abgespeichert. Aus all diesen, meinen Bewegungen in diesem Netz laesst sich ein viel umfangreichres Profil erstellen als es die Stasi je haette erstellen können, alles harmlos fragst du? Es kommt auf die Zeit an und auf die „Bananen “ die du willst.

  2. Woanders – diesmal mit Freigängern, den Beatles, Karpfen und anderem | Herzdamengeschichten

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