Utopia

Ich bin hier ja in letzter Zeit eher durch schon fast morozoveske Netz-Skepsis auffällig geworden. Kittler-Lektüre und NSA-Affäre verwoben sich in mir zu einem tödlich desillusionierenden Mix, der mir auch den allerletzten Rest von digitalgläubigem Technologieoptimismus austrieb. Kittlers Nachweis, dass Medientechnologie ihrem Wesen nach immer Kriegstechnologie ist und sie diese wahre Natur nur hinter einer benutzerfreundlichen Unterhaltungsoberfläche zu verbergen sucht, sowie seine geradezu prophetisch wirkenden Anmerkungen, dass die Digitalisierung der Datenströme vor allem ihrer automatisierten Überwachung dienlich ist – all diese Überlegungen lassen die Hoffnung auf das Netz als einen Ort kreativer Freiheit oder künstlerischer Weltverbesserung geradezu lächerlich erscheinen.

Da kommt mir natürlich eine Konferenz, die sich selbst als „Verteidigerin einer Utopie des Netzes“ versteht, gerade recht. Bevor ich es mir also in einer vorgestrigen Papierwelt wieder allzu gemütlich mache und gar nicht mehr von meinem Kafkaleseohrensessel aufstehe, werde ich morgen zu dieser „Netzkultur“-Konferenz hingehen und dann darüber berichten, (sofern die Veranstalter, die mir für den Gegenwert zweier Blogposts ein Gratis-Ticket offeriert haben, es sich jetzt nicht anders überlegen, weil sie sich denken: „Den Miesepeter können wir auf unserer schönen Tagung nun wirklich nicht gebrauchen!“)

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All along the Watchtower

Es gibt so Nonsens-Gedichte, da weiß man sofort: hier gibt es nichts großartig zu verstehen. Und das Gegenteil sind Gedichte, die ihre Geschichte ganz unverstellt erzählen. Und dann gibt es die Gedichte dazwischen. Die erzählen eine Geschichte, erzählen sie aber nicht aus, deuten nur an, lassen sehr viel unerzählten Freiraum. Die liest man dann wieder und wieder, eine klar fassbare Botschaft scheint zum Greifen nah, aber du kriegst sie nie zu fassen, sie entgleitet immer in dem Moment, wo du die Hand danach ausstreckst. Das sind die ästhetischen Momente, da hat die Kunst einen am Wickel, ich finde das toll, man kriegt dieses Gefühl nicht jeden Tag.

Die letzten Tage ging mir das so mit dem Lied „All along the Watchtower“ von Bob Dylan. Ein berühmtes Lied, vor allem berühmt durch die Version von Jimi Hendrix. Noch nie habe ich den Text verstanden, aber immer schien mir, er teile etwas sehr Dringliches mit. Ich hörte es in der Hendrix-Version und dann wieder in der Dylan-Version, und wieder und wieder. Im Netz fand ich die wildesten Interpretationen und unmöglichsten Übersetzungen. Anstatt es einer weiteren Gedichtanalyse zu unterziehen, habe ich es dann bloß für mich übersetzt, was ja auch immer schon eine Interpretation ist.

Der Text der Hendrix-Version weicht leicht vom Original ab, ich habe mich an den Dylan-Text gehalten, obwohl ich musikalisch die Coverversion von Hendrix kraftvoller und sprechender finde. Die Reime zu erhalten schien mir unmöglich, stattdessen habe ich versucht, nach Möglichkeit den von der Musik ja auch sehr genau getakteten Sprachrhythmus nachzuvollziehen. Aber auch das war mir eigentlich nicht möglich. Lyrik zu übersetzen muss ein fürchterlicher Job sein.

All along the Watchtower
(Meine Übersetzung, Originaltext hier)

„Es muss doch irgendeinen Weg hier raus geben“,
sagte der Hofnarr zum Dieb.
„Es ist alles zu verwirrend,
ich kann gar nicht mehr verschnaufen.
Geschäftsleute trinken meinen Wein,
Bauern pflügen meine Erde,
und keiner von denen hat die geringste Ahnung, welchen Wert das alles hat.

„Kein Grund sich so aufzuregen“,
sprach freundlich der Dieb,
„Es gibt bei uns ziemlich viele,
die das Gefühl haben, das Leben sei nur ein Scherz.
Aber du und ich, wir haben das hinter uns,
und es ist nicht unser Schicksal,
also lass uns jetzt nichts Falsches sagen,
es wird schon langsam spät.“

Das Gebiet entlang des Wachturms
behielten Prinzen im Blick,
während all die Frauen kamen und gingen,
und barfüßige Diener auch.

Draußen in der Ferne
fauchte eine Wildkatze.
Zwei Reiter rückten näher
und der Wind begann zu heulen.

[Und jetzt kann ich doch nicht widerstehen, dem noch eine Art Interpretation anzufügen: Es ist ein Grundgefühl des Gefangenseins, das von der ersten Zeile an vermittelt wird. Gefangen in einem Lager, das von dekadenten Prinzen mit ihren Damen und Dienern vom Wachturm aus weniger regiert als einfach nur überwacht wird. Dieb und Hofnarr sind eine Art Intellektuelle in einer Schar von Häftlingen, welche sich das Leben schon zum reinen Witz kleingeredet haben, um die Gefangenschaft zu ertragen. Ausbruch scheint nicht möglich, aber vielleicht kommt Rettung aus einer wilden Ferne. Wenigstens gibt es ein Außen, also Hoffnung. Zwei apokalyptische Reiter nahen, wie Doppelgänger des Narren und des Diebs. Ausgang ungewiss. Gitarrensolo.]

[Und: Lyrik ist nicht tot. Sie ist bloß dahin zurückgekehrt, wo sie herkam: Zum Lied.]

Weiterfahrn

Meine Tochter interessiert sich in letzter Zeit sehr für den Tod. Neulich fragte sie, wo ihr Opa, mein Vater also, jetzt wohne. Ich wollte nichts vom Himmel faseln, antwortete also, der wohne nirgends mehr, da er ja tot sei. Das wisse sie schon, antwortete sie. Dass er nirgendwo wohne, sei aber dennoch nicht richtig. Als ein Gestorbener wohne er doch wohl auf einem Friedhof. (Sie ist schlimmer als Sokrates.) Ok, wenn du das so siehst, sagte ich, dann wohnt er jetzt also auf dem Friedhof. Da wolle sie mal hin, ob sie da mal hin dürfe? Na klar, wenn wir das nächste Mal in Oberammergau sind, dann gehen wir auf den Friedhof, zum Grab vom Opa. Gut, sagte sie, sie wolle ihn nämlich ausbuddeln. Mir fiel fast das Essen wieder aus dem Mund. Die Vorstellung, dass meine Tochter mit ihrer Plastikschaufel meinen Vater exhumiert, jagte mir das reine Grauen über den Rücken. Warum willst du ihn ausbuddeln? Sie wolle ihn eben mal sehen.

(Sie sah ihn einmal, und er sie, da war sie vier Monate alt. Er hatte sie auf dem Schoß und freute sich, grinste von einem Ohr zum andern. Fotos bezeugen das, aber weder er noch sie wissen heute noch etwas davon. Ich fühle mich seltsam, so als Zwischenhändler der Erinnerung.)

Ein paar Tage drauf, ich lenke das Auto zum Kindergarten, beide Kinder sitzen schweigend auf der Rückbank. Die Tochter zerschneidet unerwartet die Stille: „Also Papa: Du bist jetzt tot.“ – „Moment mal“, sage ich, „noch bin ich ja lebendig.“ – „Ja, ok, aber wenn du tot bist. (Lange Pause) Wem gibst du dann dein Geld?“ – „Na, euch natürlich.“ – „Ah. Danke.“

Wieder Stille. An der roten Ampel bleibe ich stehen. „Weiterfahrn!“, sagt der Sohn.

Verschollen

Heute hütete ich die fieberkranke Tochter, wir schauten Kinderfilme. Momo, das ich in der eigenen Kindheit nur als Buch kannte, ist einer ihrer Lieblingsfilme. Ich schaute das konzentriert mit. Diese Zeitdiebe, die grauen Herren. Ein bedenkenswertes Bild. Am Fiebersofa verging die Zeit gleich viel langsamer und ungetrieben. Tee kochen, Fiebermessen, ein Brot schmieren, sie zum Trinken anhalten, ansonsten nur da sein, das war mein Auftrag.

Als sie dann am späten Mittag eingeschlafen war, las ich neben ihr auf dem Sofa liegend und ihre Fieberhitze immer ganz angenehm an meiner linken Seite spürend weiter im Verschollenen, dessen Lektüre mir bei meiner letzten Kafka-Phase vor ungefähr zehn Jahren noch völlig unmöglich war, da hieß das Buch allerdings auch noch Amerika. Ich hatte damals den Prozess und das Schloss verschlungen und die Tagebücher Kafkas auch, aber bei Amerika war Schluss. Das sagte mir nichts. Ein leeres Buch, voll unsinniger Beschreibungen aber ohne Essenz, wie mir damals schien. Hier verstand ich, dass das nur Fragment geblieben ist, vom Autor als untauglich verworfen.

Und jetzt kann ich das plötzlich lesen. Wer weiß warum. Ich glaube nicht, dass man eine Heimat finden kann in einem literarischen Werk, ich bin nicht daheim bei Kafka. Man setzt sich ja nicht zu Kafka wie an einen warmen Ofen. Andererseits stimmt es schon: Die Sprache ist mir vertraut, die Seltsamkeit, dieses plötzliche Eskalieren scheinbar ganz harmloser Situationen.

Aber hauptsächlich ist es die Sprache, ich glaube, mich interessiert im Grunde sowieso nichts anderes an den Büchern als dieses musikalische Element darin, der Sound. Drum bin ich auch froh, jetzt die der Handschrift folgende kritische Ausgabe zu lesen. Man höre sich mal diesen Satz an:

Die Brücke, die New York mit Boston verbindet hieng zart über den Hudson und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte.

Kein Lektor auf der Welt könnte diesen Satz voller Kommafehler und geographischer Unsinnigkeiten so stehen lassen, und doch hört er sich so viel besser an als die von Brod korrigierte Version:

Die Brücke, die New York mit Brooklyn verbindet, hing zart über den East River, und sie erzitterte, wenn man die Augen klein machte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hier ganz deutlich machen kann, aber mir scheint, als könne nur eine geträumte Brücke zwischen New York und Boston, die über den Hudson hinweg gespannt wäre, zart erzittern, wenn man die Augen klein macht. Eine tatsächliche Brücke zwischen Manhattan und Brooklyn vermag das nicht, und der geographisch korrekte East River zerstört den Satz endgültig. Ich mag mich aber täuschen, ich war ja auch noch nie in New York. Sollte ich jemals hinkommen, werde ich die Augen klein machen und schauen, ob ich die Brooklyn Bridge dadurch vielleicht ein bisschen zum Zittern bringen kann.

Nervös

Kittler, Lessing, Pythagoras, McLuhan, Benjamin, Joseph Mitchell, Foucault, Stephen Greenblatt. Konfuses Lesen in den letzten Wochen, ich blättere nervös herum und trage einen stetig wachsenden Bücherstapel von einem Zimmer ins nächste und wieder zurück. Aber ich bin geistig so unruhig, nebenher am Laptop muss man ja auch immer noch Facebook schauen und Twitter lesen und was die Zeitungen so schreiben, meistens Unsinn, siehe Passig über Bibliotheken in der ZEIT, wo unverdrossen die altbekannte Anti-Papier-Rhetorik aufgefahren wird, dass man gerne mal fragen würde, was eigentlich genau so toll ist an Silizium als Speichermedium für Schrift. Dass die Buchstaben erstmal in Nuller und Einser transformiert werden müssen, um dann mittels teurer und in vielerlei Hinsicht fehleranfälliger Geräte und unfreier Software wieder in etwas Lesbares verwandelt zu werden?

In der Bibliothek ist die Idee von frei zugänglichem Wissen bereits realisiert, da grinst mich nicht ständig ein Gema-Männchen mit schrägem Mund an und sagt, ich dürfe dieses Buch oder diese CD leider nicht ausleihen, weil so und so und bla. Wikipedia ist ja schön und gut, aber eine Bibliothek hat noch etwas mehr zu bieten als bloß ein schlecht geschriebenes Riesenlexikon. Ich glaube 10 Euro war der Jahresbeitrag in der Frankfurter Stadtbibliothek damals, und dafür durfte ich alles mitnehmen, was da war, und das war ziemlich viel. Und in der Münchner Stabi musste ich als Student gar nichts zahlen und die hatten ungefähr alles, was seit Homer den Leuten so eingefallen ist zu schreiben. Dagegen nimmt sich das Internet erbärmlich aus. Tolle Volltext-Suchfunktionen und multiple Regalbestückung nützen mir wenig, wenn der Bestand so limitiert ist. Das ist einfach mal der status quo, da können die Passigs und Lobos das Internet noch so sehr zur Welterlösungsmaschine hochlabern, für mich wird es mehr und mehr zu einer Zeitverschwendungs- und Verwirrungsmaschine. Ich brauch Entschleunigung. Vielleicht sollte ich die Kafkalektüre wieder aufnehmen. Amerika. (Der Verschollene).

 

 

Paranoid

Er war der Hausmeister, das war klar, und dass er aus dem Osten kam, das Abziehbild eines Ossis mit seinem sächsischen Dialekt. Durchaus sympathisch, aber auch seltsam. Ein Eigenbrötler, etwas Kauziges haftete an ihm, außerdem stotterte er: nur mühsam konnte er sein Stottern durch den Gebrauch gewisser Floskeln, die er immer in die Rede einschob, kontrollieren. Es stellte sich außerdem heraus, dass er ein fanatischer Beatles-Verehrer war. Oft musste ich runter gehen ins Erdgeschoß, wo er wohnte, und ihn bitten, die Musik leiser zu stellen, die er, wenn er seine Anfälle hatte, so laut drehte, dass das Haus schier wackelte und ich zum Klingeln eine Pause zwischen zwei Liedern abwarten musste, weil er die Glocke sonst einfach nicht hörte. Dann öffnete er die Tür, ganz hausmeistermäßig in Jogginghose und Doppelripp-Unterhemd und tat verwundert: Musik zu laut? Ob das wohl möglich sei? Hinter ihm die Wände zugepflastert mit Beatles-Postern, zusammen, in Einzelporträts, als Zeichentrickfiguren im gelben Unterseeboot.

Irgendwie mochte ich ihn, trotz seiner Schrulligkeit. Manchmal begegneten wir uns in der Waschküche, dann erzählte er mir dies und das, meist Anekdoten aus der NVA. Er verklärte diese Militärzeit, sah sich selbst als eine Art Soldat Schweijk, und deutete an, das alles demnächst aufschreiben zu wollen. Da ich doch so ein Büchertyp sei, könne ich ja dann seine Erinnerungen lesen und korrigieren. Ich bejahte und ermunterte ihn zum Schreiben, aber es kam nie etwas.

Und einmal spätabends klingelte er und drückte mir eine CD-ROM in die Hand: seine Stasi-Akte. Faselte irgendwas, ich solle das alles sichten, alles lesen, das müsse mich interessieren, damit ich mal wüsste, wer er wirklich sei. Und verschwand wieder.

Ich las das alles in derselben Nacht noch atemlos durch, klickte mich durch alle Dokumente, habe nie etwas Spannenderes gelesen. Dabei hatte es nichts von einem Agententhriller. Der Mann wollte einfach nur ausreisen in den Westen, hatte die Schnauze voll, wollte Bananen. Stellte also Ausreiseanträge, sprach bei den Behörden vor, und plötzlich wurde dieser einfache Arbeiter zur Akte. Seine wiederholten Anträge wurden natürlich abgelehnt, soweit sie überhaupt beantwortet wurden, aber man hatte ihn jetzt auf dem Schirm: er wird beobachtet, Arbeitskollegen werden befragt. Die Behörde wirkt ganz ratlos, denn er wird als völlig harmlos befunden. Man dringt in seine Wohnung ein, fotografiert alles: Beatles-Poster über dem Einzelbett in der kargen Einzimmerwohnung. Peace. Love is all you need. Imagine. Kein Aufwiegler, aber er lässt nicht locker. In handschriftlichen Briefen wendet er sich an den „Werten Genossen Honecker“, dem er die Verfassung erklärt. Laut DDR-Verfassung habe er ein Recht auf Ausreise.

Da der Genosse Honecker ihm nicht antwortet, niemand ihm antwortet auf seine Anträge und Einschreiben, bemalt er zuletzt ein Bettlaken mit dem Verfassungsparagraphen, der ihm seiner Meinung nach die Ausreise zusichert und hängt das ins Fenster seiner Wohnung. Daraufhin wird er wegen „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ verurteilt und eingesperrt, sitzt ein Jahr im Knast. Kurz vor dem Mauerfall wird er entlassen und in den Westen gebracht.

Was mich am meisten irritierte an der Akte, war die Tatsache, dass nirgendwo sein Stottern erwähnt wird. Diverse Psychogramme wurden erstellt, die Stasi wollte ergründen, mit wem sie es hier zu tun hat, er wird sehr genau beschrieben, ich erkannte ihn auch wieder in diesen Beschreibungen, ein sturer Simplicissimus. Bloß dieses augenfällige Stottern kommt nicht vor. Ich habe mich nie getraut ihn zu fragen, was ihm im Gefängnis widerfahren war.

Kurz bevor wir aus dem Haus auszogen, trank ich noch ein Bier mit ihm zusammen im Garten. Er zahle immer mit Bargeld, niemals mit Karte, sagte er da. Auch ich solle niemals mit Karte bezahlen, das gehe doch niemanden etwas an, was man wo für wieviel Geld kaufe. Erst neulich habe er im Baumarkt einen Kassierer niedergebrüllt, der ihn nach seiner Postleitzahl gefragt habe. Das alles gehe niemanden etwas an und den Teufel werde er tun, irgendetwas über sich zu verraten. Die speichern alles, geht alles in die Computer, er kaufe auch nie was im Internet, alles nur bar bezahlen.

Er hätte auch ein Verbrecher werden können, sagte er auf der Gartenbank zu mir, oder ein Drogen-Junkie. Dass er es nicht wurde, das verdanke er einzig und allein den Beatles. Bei jeder Lebensentscheidung habe er sich immer gefragt: Was würden die Beatles tun?