Defekt

Es ist nicht ganz klar, wer wirklich als der Erfinder des Radios zu gelten hat. Nach der Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz im Jahr 1886, der damit seinerseits nur die theoretischen Überlegungen und Berechnungen von James Clerk Maxwell experimentell bestätigt hatte, schien die Idee, mit diesen Wellen Signale drahtlos zu versenden, mehr oder weniger in der Luft gelegen zu haben. Unabhängig voneinander bastelten Alexander Popov in St. Petersburg, Nikola Tesla in New York und Guglielmo Marconi in Bologna an Apparaten zur drahtlosen Signalübertragung. Dass ausgerechnet Marconi dann den Titel des Erfinders des Radios davontragen konnte, hat wohl eher zufällige Gründe, aber er hat der Welt bemerkenswerte Sätze über das Radio und Massenmedien überhaupt hinterlassen. In Kittlers Aufsatz über Alan Turing wird Marconi wie folgt zitiert:

Als mir vor 42 Jahren in Pontecchio die erste Radioübertragung gelang, sah ich schon die Möglichkeit voraus, elektrische Wellen über große Entfernungen zu senden, aber ich hegte dennoch keine Hoffnung, zur Erlangung jener großen Genugtuung zu kommen, die mir heute widerfährt. Denn damals wurde meiner Erfindung in der Tat ein großer Defekt zugeschrieben: die mögliche Interzeption übermittelter Nachrichten. Dieser Defekt beschäftigte mich so sehr, dass meine hauptsächlichen Forschungen viele Jahre lang auf seine Behebung gerichtet waren. Und nichtsdestoweniger wurde genau dieser ›Defekt‹ nach etwa 30 Jahren ausgenutzt und ist zum Rundfunk geworden – zu jenem Mittel der Rezeption, das täglich mehr als 40 Millionen Zuhörer erreicht.  (zitiert nach: Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt, Berlin 2013)

Die Möglichkeit der Interzeption wurde erstmal als ein Defekt des neuen Mediums wahrgenommen, das ist doch faszinierend. Der wahre Erfinder des Radios wäre demnach der, der als erster erkannte, dass massenhafte Interzeption eines an keinen konkreten Empfänger adressierten Signalstroms etwas Wünschenswertes sein könnte. Natürlich musste man möglichem Missbrauch vorbeugen und so entstand ein Staatsrundfunk, dessen Übernahme seither das erste und wichtigste Ziel aller Putschisten und Umstürzler war. Die Verschwörung des 20. Juli 1944 ist ja z. B. nicht nur deshalb gescheitert, weil Hitler nicht getötet wurde, sondern vor allem auch deshalb, weil entgegen der ursprünglichen Planung das Haus des Rundfunks in Berlin nicht besetzt wurde.

Dass das völlig anders geartete und staatlich nicht mehr kontrollierbare Massenmedium Internet überhaupt entstehen konnte, dass das zugelassen wurde, ist so betrachtet ja fast schon ein Wunder. Vielleicht hängt es mit diesem kurzzeitig grassierenden Optimismus nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zusammen, dass man die Entstehung dieses Mediums nicht verhindert hat, wo alle senden und empfangen können, wie sie wollen. Oder man hat das neue Medium anfangs unterschätzt, hielt es für eine Art CB-Funk für Computerfreaks, und erkannte zu spät, dass hier nicht ein weiteres Medium zu den anderen hinzukommt, sondern dass das Internet die alten Medien alle in sich aufnimmt und Stück für Stück ersetzt.

Wie dem auch sei, meine These ist jedenfalls, dass die Überwachung der NSA letztlich nichts anderes ist, als der Versuch, die verlorengegangene staatliche Kontrolle über die Massenmedien zurückzugewinnen. Wenn man schon nicht mehr entscheiden kann, was gesendet und also überhaupt empfangen werden kann, dann will man wenigstens mithören, was da so gesendet und empfangen wird. Das Problem ist dabei nur, dass im Netz der Unterschied zwischen Inhalten, die für alle verfügbar sein sollen, und jenen, die nur für ganz bestimmte und konkret adressierte Empfänger bestimmt sind, sich aufweicht. E-Mail und Blogpost werden über dasselbe Netz verschickt und also auch gleichermaßen von der NSA abgefischt und ausgewertet, einfach weil das im Prinzip derselbe technische Vorgang ist.

Marconis „Defekt“, dessen positiv nutzbares Potential erstmal erkannt werden musste, um die Entstehung technischer Massenmedien zu ermöglichen, ist wieder zum Defekt geworden.

 

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4 Kommentare zu “Defekt

  1. Sehr schöner Artikel! Nachdem ich hier die Nachrichten über Mobile Merkel sah, habe ich die These aufgestellt, dass in den Spionagezentren seit dem Fall des eisernen Vorhangs zu viele Überkapazitäten entstanden sind. Und die müssen sich ja irgendwie beschäftigen. Ich wette, die waren auch nicht vom Government Shutdown betroffen. Man hätte ja eine SMS der Kanzlerin verpassen können. 😉

    • Danke. Ich glaub ja, dass die Geheimdienste nach 9/11 erst richtig aufgerüstet haben. Die Spionage während des kalten Kriegs scheint dagegen ja fast ein Witz gewesen zu sein, schon allein, weil sie noch unter analogen Bedingungen stattfand.

  2. Interessante Überlegung!
    Zur Spionage in früheren Zeiten wollte ich anmerken, daß es persönlich riskant und auch sehr aufwendig war, an Material zu kommen, etwa geheime Unterlagen zu fotografieren. So etwas entfällt heute komplett.

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