Dorf, Terror, Panik

Im Grunde hat McLuhan ja alles schon vorhergesagt: Durch die elektronischen Medien wird die Welt zu einem Global Village. Als das dann Wirklichkeit wurde, fanden es alle gleich ganz toll, ich auch natürlich. Das globale Dorf, das ist doch wunderbar: nichts trennt uns mehr von unsern Brüdern und Schwestern in Amerika, Neuseeland, Russland, wo auch immer, diese Nationalstaaten hätten in dem Moment aufhören können zu existieren, da doch de facto nur noch eine Grenze in der Welt existierte, und die verlief zwischen Leuten mit Internetanschluss und denen ohne. Und Dorf klingt ja als Wort auch herrlich, klein und gemütlich, total nett eigentlich.

Ich komme zufällig vom Dorf und kann berichten: Gemütliches Beisammensein abends in der Wirtschaft ist das eine, aber Überwachung ist auch eine ganz typische Eigenschaft solcher Dörfer. Jeder kennt jeden, wird immer gern gesagt über die Provinz, aber das heißt auch: Jeder weiß sehr viel über jeden, und alle versuchen ständig noch mehr über die andern herauszubekommen.

Mir ist ein Tag erinnerlich, wo mir meine Mutter ganz beiläufig erzählte, der Guggerutz sei wohl heute gesichtet worden, wie er mit ein paar Aktenordnern unter dem Arm über den Dorfplatz gelaufen sei. Sie wisse gar nicht mehr, wer es ihr erzählt habe, aber sie frage sich jetzt doch, warum wohl der Guggerutz den Dorfplatz mit Aktenordnern unterm Arm überquert habe, ob ich da etwas wisse. Ich wusste von nichts, lüge aber auch nicht, wenn ich berichte, dass mich an diesem Tag noch drei andere Menschen nach der Dorfplatzüberquerung des Guggerutz mit Aktenordnern unter dem Arm befragt haben. Als ich am Abend dieses Tages den Guggerutz selber traf, da lachten wir beim Bier über die Neugier der Leute und über die Ereignislosigkeit des Dorflebens, das eine Dorfplatzüberquerung mit Aktenordner zum heißesten Thema des Tages werden lässt.

Aber im Grunde ist es nicht zum Lachen, sondern genau NSA-Logik: Man kann nie genug wissen über die anderen. Die kleinste Auffälligkeit, minimalste Abweichung vom Normalverhalten wird registriert und ausgewertet.

Es ist wirklich erstaunlich, wie genau McLuhan vor fünfzig Jahren unsere Welt von heute beschreiben konnte:

Instead of tending towards a vast Alexandrian library the world has become a computer, an electronic brain, exactly as in an infantile piece of science fiction. And as our senses have gone outside us, Big Brother goes inside. So, unless aware of this dynamic, we shall at once move into a phase of panic terrors, exactly befitting a small world of tribal drums, total interdependance, and superimposed co-existence.  (Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, University of Toronto Press 1962, S. 32)

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11 Kommentare zu “Dorf, Terror, Panik

  1. Wahrscheinlich geht es im Leben immer um Absichern: je mehr ich über Andere weiß, desto sicherer bin ich im Fall der Fälle, weil ich ja sozusagen Erpressungsmaterial habe. Das ist auf dem Dorf nicht anders als in der Kleinstadt, ich komme ursprünglich aus einer solchen mit knapp 50.000 Einwohnern – als ich als Jugendlicher den Fußballverein wechselte, wußten das am Tag der Absendung der Postkarte (als Einschreiben; Brief ging nicht, dann wurde behauptet, der Umschlag sei leer gewesen) schon viel zu viele, weil der Postbeamte geplaudert hatte. Und da sich die Fußballvereine innerhalb einer Stadt nicht mögen … Aber auch hier in Berlin gibt es Dörfer, zehntausende, zum Beispiel bei uns in der Siedlung, wo man natürlich wissen will, was der da so macht, wer der Vater des Kindes ist, wie die ihr Geld verdient, warum das Pärchen schräg gegenüber Streit hat und so weiter. Und das in einem Kiez mit 25.000 Menschen auf dem Quadratkilometer. Ich würde also mal sagen, die NSA ist überall, auch in uns, verkleinert zu einer persönlichen Sicherheitsbehörde. Der Unterschied zwischen NSA und PSA scheint nur zu sein, daß ich bei einer Regelüberschreitung (Einbruch in die Wohnung von Nachbarn u. ä.) zur Rechenschaft gezogen würde, die NSA und andere „Sicherheits“-Behörden aber offensichtlich nicht.

    • In Einzelfällen mag das mit dem Sammeln von Erpressungsmaterial stimmen, aber meist ist es doch bloß so, dass die Leute Informationen sammeln, damit sie was zum Reden haben. Und das wäre für mich der ganz große Unterschied zur NSA, denn die schweigen ja wie das sprichwörtliche Grab und halten alles unter Verschluss. Womit ich natürlich nicht andeuten will, dass die NSA jetzt aus Transparenzgründen meine Emails publik machen sollte, im Gegenteil: die sollen mit der flächendeckenden Bespitzelung einfach aufhören. Den Unterschied macht doch einfach die Technologie: ein Dorfbewohner kann aufgrund seiner begrenzten Aufnahmefähigkeit ja immer nur vergleichsweise wenig Information verarbeiten. Die NSA hingegen überwacht den ganzen Planeten und wertet das alles maschinell aus. Irr.

  2. Das mit dem Sammeln von „Erpressungsmaterial“ im privaten Leben ist natürlich nicht der Hauptgrund fürs Neugierigsein, das stimmt, ich denke aber, tief im Innern und unbewußt spielt das schon eine Rolle. Das steckt dem modernen Menschen in den Genen. Was die NSA angeht, hast Du natürlich recht, denn deren Tun ist nicht nur bedenklich, sondern bedroht die Zivilisation als solche. Außerdem glaube ich, nach den historischen Erfahrungen mit Kommunismus und Faschismus, daß die NSA (ein Staat im Staate) und andere derartige Behörden durchaus weltweit ganz offensiv Druck ausüben, einfach deswegen, weil sie es können, wenn auch womöglich nicht direkt auf Präsidenten und Kanzler der großen Staaten. Aber es gibt ja Ebenen dadrunter. So gesehen ist die Welt wirklich ein großes Dorf, aber leider ein böses. Die ganze Welt ist also besetzt, und nur noch in unseren Köpfen scheint es ein „Gallierdorf“ zu geben.

  3. Hallo Herr Schlinkert, können Sie bitte mal erklären, was Sie unter historische Erfahrungen mit dem Kommunismus verstehen? Bisher gab es doch nur Gesellschaftsentwürfe die versucht haben den Kommunismus umzusetzen. Und den Faschismus gab es nur in Italien oder meinten Sie den Nationalsozialismus?

  4. Hallo Frau ohneeinander,
    mit der Formulierung „historische Erfahrung mit Kommunismus und Faschismus“ beziehe ich mich auf die Machtstrukturen, die in Diktaturen jeglicher Couleur dazu führen, daß Menschen einander noch viel weniger trauen können als in freieren Gesellschaften. Dieses Dilemma entsteht meiner Ansicht nach ganz wesentlich dadurch, daß eine strikte Überwachung der eigenen Bevölkerung Teil des wie auch immer genannten Systems ist, so daß Mißtrauen und Absicherung gegen staatliche Übergriffe Teil des alltäglichen Lebens werden. Feinere begriffliche Unterscheidungen bezüglich Sozialismus und Kommunismus einerseits und Faschismus und Nationalsozialismus andererseits ließen sich natürlich benennen, mir jedoch kam es darauf an zu sagen, daß Diktaturen es per se an sich haben, skrupellos alle Machmittel einzusetzen, eben weil sie es können – auch wegen der fehlenden Opposition im Lande und der fehlenden Gewaltenteilung. Was mir allerdings Sorgen macht, ist, daß nun die USA, als de facto demokratischer Staat, sich immer eindeutiger im Lande selbst und auch global der selben Mittel bedient, wie sie in Diktaturen zur Verfügung stehen, was wahrscheinlich an der Paranoia liegt, die sterbenden Weltmächten immer zu eigen war und die nun in den USA grassiert.

    • Ich würde es viel mehr als Paranoia des Bürgers bezeichnen. Warum? Das der National Security Agency Telefone und Computer überwacht ist womöglich als Sensationmeldung mancher Journalisten zu verstehen, die anscheinend selber gerne Agenten wären, denen keiner was vormacht. Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, das der National Security Agency schon seit Jahrzehnte mit seinem System Echelon im Meer der weltweiten Telefon-, Fax-, Handy- und Internetkommunikation herum fischt. Wen überrascht es jetzt, wenn Tausende von Amerikanern abgehört werden? Sie etwa, Herr Schlinkert? Geheimdienste hatten noch nie einen guten Ruf und das sie im Kampf gegen Terroristen mit Bürgerrechten und Transparenzgebot es so genau nicht nehmen können, ist die Kehrseite. Um so mehr negatives über Geheimndienste, Abhörskandale, Datenspeicherun geschrieben wird, um so größer ist die Aufgeregtheit, ja beinah skandalträchtig. Ich habe keine Angst vor alledem und ich hoffe immer, das im Zuge dessen Glaubenskrieger, Terroristen, Fanatiker, Möder, Betrüger, Pädophile geschnappt werden und einer gerechten Strafe nicht entgehen. Und solange mein Nachbar mich beobachtet und die gesammelten Informationen am Mittagstisch seiner Familie kundtut ist mir das ziemlich wurscht. Angst habe ich nur davor, dass sein allgemeines Interesse in Neid und Missgunst umschlägt. Dann wird er möglicherweise zur realen Bedrohung für mich.

      • Ich bin keineswegs überrascht von den Aktivitäten der NSA, auch nicht vom Umfang derselben und der Tatsache, daß anlaßlos alle überwacht werden. Was technisch machbar ist, wird leider gemacht – immer! Ebensowenig bin ich aber überrascht, daß es immer noch Folter auf der Welt gibt und Versklavung und Kindesmißbrauch und so weiter. Der Punkt ist aber der, daß solche Taten als solche Schaden anrichten, bei einzelnen Menschen und deren Umfeld (schlimm genug!) und auch in der ganzen Gesellschaft, die meiner Ansicht nach möglichst ein friedliches Miteinander gewährleisten sollte. (Schön wär’s!) Was, wann, wie und aus welchen Gründen in die Medien gelangt ist dabei eine Frage, die zweitrangig ist, so lange nur kontinuierlich an Lösungen und Verbesserungen der Umstände gearbeitet wird, wenngleich manchmal öffentlicher Druck durchaus der Sache dient. Nur wer von einer Sache weiß, kann tätig werden, auch in dem Sinne, den Sie ansprechen, nämlich diejenigen unschädlich zu machen, die solch immensen Schaden anrichten. Diese Leute müssen mit angemessenen Mitteln ausfindig gemacht und ihrer Taten überführt werden, keine Frage, doch sollte dies zum Nutzen der Gesellschaft geschehen – sonst heißt es am Ende, Operation gelungen, Patient tot. Angst sollte man natürlich nicht haben, wenn man denn einigermaßen sicher ist, die Mittel zu besitzen, Schaden abzuwenden. Diese Mittel reichen von Polizei, Justiz und Gesetzgebung bis hin zu Zivilcourage und bürgerlichem Engagement, und eben diese Mittel sind gefährdet, wenn stetiges Mißtrauen aller gegen alle sich in die Gesellschaft einfrißt; wer sich permanent überwacht fühlt, handelt nicht frei, glaubt sich schützen zu müssen und geht womöglich fragwürdige Verbindungen ein – und eben dies sind die Dinge, die in Diktaturen jeglicher Art „normal“ sind und der jeweiligen Machtclique die Macht sichern. Es gilt, denke ich, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, zu klopfen!, und klarzumachen, daß der Bürger diese Überwachungs“kultur“ für schädlich hält und sich keineswegs zum Untertanen zurückentwickeln wird!

  5. Öffentlicher Druck klingt mir zu populär. Eine demokratische Kontrolle von Geheimdiensten halte ich dagegen für notwendig, Herr Schlinkert. Aufklärung und sinnvolle Diskussionen über den Betrieb von Geheimdiensten kann allerdings nur funktionieren, wenn man sich über die Strukturen und Bedingungen von Geheimdiensten im klaren ist. Dazu gehört auch die Einsicht und das Verständnis wie Geheimdienste funktionieren. Denkt man jetzt über den Wortsinn GEHEIMdienst nach, verrennt man sich schnell in einen Widerspruch. Denn Geheimdienste heißen ja nicht umsonst GEHEINdienste. Und schon zweifle ich meine oben genannte Aussage: demokratische Kontrolle, sofort an. Das Problem ist vll viel größer als wir uns vorstellen können, Herr Schlinkert. Die Rechenschaftspflicht von Geheimdiensten in Demokratien ist möglicherweise ein Prozess der gar nicht so einfach ist und ein Widerspruch auf den wir uns einstellen müssen. Oder?

    • Natürlich arbeitet ein Geheimdienst weitgehend geheim, dennoch aber bedarf es, wie Sie sagen, einer parlamentarischen Kontrolle, damit der Geheimdienst nicht zu einem Staat im Staate wird. Funktioniert das nicht ausreichend, ist öffentlicher Druck richtig und gut – schließlich besteht die Teilhabe an der Gesellschaft nicht nur darin, alle paar Jahre ein primitives Kreuz in einen Kreis zu malen. Ich denke also nicht, daß man einen ernsthaften Diskurs zu wichtigen gesellschaftspolitischen Themen als zu populär bezeichnen sollte, denn darum geht es doch, daß nämlich möglichst viele Bürger:innen konstruktiv teilnehmen, um zu einem möglichst richtigen Umgang mit Problemen zu kommen. Ließe man die Regierung ohne Rückmeldung aus der Bevölkerung, hätte man am Ende wieder so eine Art Diktatur, also eine Herrscherclique, die alles unter sich ausmacht und allerlei „Dienste“ für sich arbeiten läßt. Im besten Falle aber wird in vielen Ländern zugleich ganz offen und damit auch „populär“ diskutiert – ich habe mir heute morgen mal einen kleinen Teil der bis dahin gut 400 Kommentare in der New York Times zum Thema Überwachung des Kanzlerinnenhandys durch die NSA durchgelesen, da zeigt sich das Selbe wie hierzulande, daß nämlich recht viele unzufrieden sind mit dieser speziellen Arbeit der Geheimdienste. Und hat das „Volk“ nicht recht? Schutz ist das Erste, was der Mensch im Leben nötig hat, und wenn das Vertrauen in diesen Schutz unterminiert wird, empfinden viele das als weitaus bedrohlicher als Terrorismuswarnungen. Ich denke, niemand hat etwas dagegen, wenn angemessen gegen Gewalt vorgegangen wird, eben dafür hat ja der Staat das Gewaltmonopol. Doch wenn dabei die Grundverfaßtheit des Staatswesens Schaden nimmt, weil beide Seiten, Terroristen und Geheimdienste, schwere Schäden anrichten, ist am Ende den Terroristen und auch den Korrupten und den Mafiosis und Waffenhändlern und so weiter geholfen worden, nur nicht denen, die an sich beschützt werden sollten und darauf ein Recht haben.
      Ich halte es übrigens nicht für schwer, sich über die Geheimdienststrukturen zu informieren, dazu gibt es eine Menge Bücher, nicht zuletzt auch über deren Versagen (Stichwort NSU). Was die im Augenblick im Innern aber ausbrüten, da haben Sie recht, weiß man natürlich nichts, und ich fürchte, auch manch Staatslenker weiß nicht genug darüber, was seine Geheimdienste so treiben – vor allem, wenn diese untereinander konkurrieren, kann das ziemlich bedrohlich werden, siehe USA. Und wenn dann noch dort die Tea-Party weiter an Einfluß gewinnt und Zugriff auf die Geheimdienste bekäme, dann werden wir erst wirklich sehen, was manche US-Amerikaner unter Freiheit verstehen.

    • Frau Krüger, hören Sie endlich auf, aus dem Nähkästchen zu plaudern! Oder wir stopfen Ihnen das Maul! (Ihr Tee hat jetzt lange genug gezogen, soll ich Ihnen ausrichten.)

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