User, Reader, Dreamer

Das Tolle am Lesen, will ich schreiben, ist doch, dass es ohne Geräte auskommt. Nichts steht zwischen mir und der Buchseite, das erzeugt eine Nähe. Außer meinem Hirn, ohne das ich sowieso nicht existieren würde, brauche ich nichts, um die Schriftzeichen zu entziffern. Ganz automatisch verwandeln sich diese Zeichen in meinem Kopf in Worte, die ich noch nicht mal hören muss, ich verstehe sie direkt. Aber als ich das schreiben will, fällt mir ein, wie ich noch eben meiner Tochter einige Kapitel aus dem Räuber Hotzenplotz vorgelesen habe. Sie kann noch nicht lesen, braucht also mich als Übersetzungsmaschine dieser Zeichen, für sie müssen diese Zeichen noch laut werden, gesprochene Sprache, durch jemand anderen. Was sie aber schon vollkommen verinnerlicht hat, ist die Struktur geschriebener Erzählung, und diese Struktur ist magnetisch, sie bannt den Hörer oder Leser in den Strom, er verlangt, dass es weitergehe. Wenn ein Kapitel aufhört, merkt sie das sofort, an meiner Stimme vermutlich, wahrscheinlich mache ich unwillkürlich eine Zäsur, senke die Stimme vielleicht nur um ein Weniges, und sie sagt dann verlässlich: Noch ein Kapitel! Ich glaube nicht, dass sie wahnsinnig begierig ist, das Ende der Geschichte zu erfahren, das ist es nicht, was sie weitertreibt. Sie will einfach, dass der Strom nicht abreißt, will weiterfließen. Wie jemand, der nicht aufwachen will, weil der Traum so schön ist.

Der primäre Nutzen von Sprache ist der Austausch von Information, von Fakten. So ist sie entstanden in der Evolution des Menschen: das war nützlich, den anderen sagen zu können, wo es gerade Nahrung gibt, oder auch dass dieser Pilz da giftig ist. Eine sehr nützliche Info. Dass die so gewonnene Sprache dann für das gerade Gegenteil von Information auch genutzt wurde, das Erzählen kontrafaktischer Begebenheiten, das ist doch wirklich faszinierend. Ich denke, dass die Ur-Erfahrung des Träumens das Vorbild dafür war. Du wachst auf, weißt, dass das Geträumte nur geträumt, nicht wirklich war, und doch war es auf andere Weise wirklich: Du hast es ja wirklich und wahrhaftig geträumt, die Bilder gesehen und die Worte gehört, die die Traumfiguren gesagt haben. Ich glaube, Literatur – oder sagen wir besser: Erzählung – ist ihrer Form nach immer der Versuch, das Träumen zu imitieren, das Träumen auch im Wachzustand zu ermöglichen. Auch die Alpträume: daher der Erfolg von Gruselgeschichten und Zombiefilmen.

Das Lustige dabei ist: Ich interessiere mich absolut überhaupt nicht für die Traum-Erzählungen der anderen. Auch in Literatur: sobald ein Traum nacherzählt wird, was ja die klassische Möglichkeit ist, um sehr expressionistisches Vokabular aufzufahren, bin ich sofort weg und überfliege die Passage bloß, bis ich wieder den festen Boden der ganz normal erfundenen Geschichte unter mir fühle.

Dennoch ist der Traum das Urbild der Erzählung und erträgt vielleicht sogar genau deswegen keine Traumerzählungen in sich, so wie die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten, sich selbst nicht enthalten kann und dann doch wieder, und also implodiert, weil sie unmöglich ist.

Was ich damit eigentlich sagen wollte: Macht ruhig eure Social-Books und euer Social-Writing, euer Social-Sonstwas. Aber das Lesen wird immer sowas Einsames bleiben wie das Träumen. Nicht mitteilbar, nicht likebar, nicht kommentierbar. Völlig verschlossen, so wie ich nie herauskriegen werde, was im Kopf meiner Tocher vorgeht, wenn ich ihr den Räuber Hotzenplotz vorlese, und sie ihrerseits keinen Schimmer davon haben kann, was dieses Vorlesen in mir auslöst, ungefähr dreißig Jahre nach der Erstlektüre.

Den Träumen ist man ausgesetzt: man ist da nur Reader, nicht User, man ist nicht in full control. User und Reader fallen nicht zusammen.

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