Missbrauch von Heeresgerät (2)

In einer besonders einprägsamen Szene von Breaking Bad übergibt Walter White, hier noch relativ neu im Drogengeschäft, eine Lieferung Crystal Meth an einen neuen Drogenboss, der für die Distribution des Stoffs sorgen soll. Der unterzieht das Material erstmal einer Qualitätskontrolle, schnupft eine ordentliche Dosis und dreht dann völlig ab. Völlig grundlos schlägt er im Drogenwahn einen seiner Untergebenen mit bloßen Fäusten zu Tode. Entgeistert beobachtet White die Szene. Hier kriegt er ja nicht nur vor Augen geführt, in was für schlechte Gesellschaft er sich mit diesem Geschäft begeben hat, sondern vor allem auch, was das für eine teuflische Droge ist, die er da herstellt. Aber auch diese Vorführung führt zu keiner Läuterung bei ihm, er zeigt sich weiter an der Wirkung der Droge völlig uninteressiert, kümmert sich nur um chemische Reinheit und ums Geschäft.

Aber ist das nicht vielleicht auch eine filmische Übertreibung, dass einer aus dem Nichts heraus einen Mord begeht, weil er Methamphetamin geschnupft hat? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Methamphetamin genau zu diesen Tötungszwecken schon einmal massenhaft eingesetzt wurde: Unter dem Namen Pervitin wurde exakt dieselbe Chemikalie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs massenhaft an deutsche Soldaten verteilt. Erhöhte Leistungsbereitschaft, vermindertes Schlafbedürfnis, Abbau von Hemmungen und Angstgefühlen: Genau die richtige Pille für Blitzkriegssoldaten. Es schaudert einen, wenn man sich vorstellt, dass Polen und Frankreich von einer Horde entfesselter Meth-Junkies überrannt worden ist. Aber genau so war es: 35 Millionen Pervitin-Tabletten wurden allein zwischen April und Juni 1940 an die Wehrmacht ausgegeben. Erst später erkannte man die eher unsoldatischen Nebenwirkungen wie Sucht und schwere Psychosen, berauschte Piloten schrotteten ihre Flugzeuge bei der Landung, und so wurde Mitte 1941 die Wunderdroge Pervitin durch das Reichsopiumsgesetz aus dem freien Verkehr genommen. Zu diesem Zeitpunkt war aber, glaubhaften Berichten und Forschungen zufolge, Hitler selbst dem Methamphetamin schon völlig verfallen. Er ließ es sich täglich von seinem Leibarzt spritzen und nahm es bei Bedarf in Stresssituationen noch zusätzlich in Pillenform. Während die nun nicht mehr mit der Droge versorgten Soldaten an der Front Entzug schieben, steuert ein im Crystal-Rausch endgültig irre gewordener Diktator sie in den Untergang. Ein bizarres Szenario. Crank ist ein weiterer Szenename für Methamphetamin, und das trifft es: Krank.

Wenn also Kittler nachweist, dass technische Medien in erster Linie immer Kriegstechnologien sind, so scheint dasselbe auch für Drogen zu gelten. Ob Fernsehgaffer oder Methheads: sie alle betreiben Missbrauch von Heeresgerät.

(Weitere Informationen über die Wechselbeziehung zwischen Medien- und Drogenkonsum: hier.)

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