Selbstgemachte Drogen

Im Zuge meiner Breaking Bad-Exzesse der letzten Wochen musste ich an meinen alten Chemielehrer zurückdenken, der war auch ein Original, wie man so sagt. „Wir wenden uns zum Periodensystem“, so begann er jede Stunde. Dann drehten sich alle nach rechts, wo das Periodensystem an der Wand hing, er las einen Sinnspruch aus einem katholischen Abreißkalender vor und fügte dann noch einige freie Meditationen dazu an. Das war das Morgengebet, zum Periodensystem hin gebetet, weil im Chemiesaal unserer Klosterschule seltsamerweise kein Kruzifix hing. Obwohl er sehr gläubig war, machte er nie Anstalten, daran etwas zu ändern, ich vermute, er fand es richtig, das Periodensystem anzubeten als schlüssiges Sinnbild der Vollkommenheit von Gottes Schöpfungswerk.

Als Pädagoge war er eher wirr, mir fiel es oft schwer, seinen Ausführungen zu folgen, meine Kenntnisse der Chemie sind bis heute ziemlich bescheiden geblieben. Aber oft sind es ja gerade die Sätze, die ganz abseits jedes Lehrplans fallen, die einem Jahre später von so einem Lehrer noch in der Erinnerung bleiben: „Machts euch eure Drogen selber!“, in diesem Ausruf gipfelte einmal ein längerer Vortrag über gewisse neurochemische Prozesse und damit meinte er natürlich nicht, wir sollten jetzt im Hobbykeller Drogen synthetisieren, sondern er meinte die Endorphinausschüttungen, mit denen der eigene Körper gewisse Erfolgserlebnisse belohnt. Einen Berg besteigen oder eine schwierige Sonate bis zur Perfektion üben, das waren seine Beispiele, wie ich mich noch genau erinnere. Keine noch so starke Droge könne einem das Gefühl ersetzen, eine schwierige Aufgabe wirklich selbst bewältigt zu haben.

Auch das ist eine Ebene, auf der Breaking Bad zu lesen ist. (Kann man das sagen? Liest man eine Fernsehserie? Egal.) Denn Walter White produziert zwar Crystal Meth, aber er konsumiert es nicht ein einziges Mal. Die Wirkung seines Produkts am eigenen Leib zu erfahren, interessiert ihn nicht im Geringsten, vom Meth wird immer nur in Begriffen chemischer Reinheit gesprochen. Die Droge, auf der er selber unterwegs ist, ist hingegen genau die von meinem Chemielehrer beschworene Ego-Droge. Unter widrigsten Umständen Dollarberge auftürmen, Gegner eliminieren, dem Tod von der Schippe springen: das gibt ihm den Kick. Warum er es getan habe, wird er am Ende gefragt, als er auf fürchterlichste Weise gescheitert ist, einen Berg Leichen auf dem Gewissen und die über alles geliebte Familie endgültig verloren: „I did it for me“, antwortet er: „I liked it. I was good at it and I was really – I felt alive.“

Die von meinem Chemielehrer empfohlenen selbstgemachten Drogen scheinen also auch nicht ganz ungefährlich zu sein.

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2 Kommentare zu “Selbstgemachte Drogen

  1. „With laser videodiscs and then cd-roms users/readers started „reading“ motion pictures …“

  2. Sehr interessanter Link, da muss ich noch mehr drüber nachdenken. Der springende Punkt ist doch dieses „users/readers“. Die Frage ist, ob die vormaligen Leser nicht genau in dem Moment eher zu Usern werden, wo sie das Buch durch eine Videodisc oder CD-Rom ersetzen. Was ist eigentlich Lesen, und noch kniffliger: was ist usen? Der Leser eines Papierbuchs: ist das ein Buch-User? Benützt man ein Buch, oder liest man es? Oder fallen diese Begriffe, wie das Zitat nahelegt, einfach zusammen? Für mich im Moment unlösbare Fragen, aber ich denk weiter drüber nach.

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