Defekt

Es ist nicht ganz klar, wer wirklich als der Erfinder des Radios zu gelten hat. Nach der Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz im Jahr 1886, der damit seinerseits nur die theoretischen Überlegungen und Berechnungen von James Clerk Maxwell experimentell bestätigt hatte, schien die Idee, mit diesen Wellen Signale drahtlos zu versenden, mehr oder weniger in der Luft gelegen zu haben. Unabhängig voneinander bastelten Alexander Popov in St. Petersburg, Nikola Tesla in New York und Guglielmo Marconi in Bologna an Apparaten zur drahtlosen Signalübertragung. Dass ausgerechnet Marconi dann den Titel des Erfinders des Radios davontragen konnte, hat wohl eher zufällige Gründe, aber er hat der Welt bemerkenswerte Sätze über das Radio und Massenmedien überhaupt hinterlassen. In Kittlers Aufsatz über Alan Turing wird Marconi wie folgt zitiert:

Als mir vor 42 Jahren in Pontecchio die erste Radioübertragung gelang, sah ich schon die Möglichkeit voraus, elektrische Wellen über große Entfernungen zu senden, aber ich hegte dennoch keine Hoffnung, zur Erlangung jener großen Genugtuung zu kommen, die mir heute widerfährt. Denn damals wurde meiner Erfindung in der Tat ein großer Defekt zugeschrieben: die mögliche Interzeption übermittelter Nachrichten. Dieser Defekt beschäftigte mich so sehr, dass meine hauptsächlichen Forschungen viele Jahre lang auf seine Behebung gerichtet waren. Und nichtsdestoweniger wurde genau dieser ›Defekt‹ nach etwa 30 Jahren ausgenutzt und ist zum Rundfunk geworden – zu jenem Mittel der Rezeption, das täglich mehr als 40 Millionen Zuhörer erreicht.  (zitiert nach: Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt, Berlin 2013)

Die Möglichkeit der Interzeption wurde erstmal als ein Defekt des neuen Mediums wahrgenommen, das ist doch faszinierend. Der wahre Erfinder des Radios wäre demnach der, der als erster erkannte, dass massenhafte Interzeption eines an keinen konkreten Empfänger adressierten Signalstroms etwas Wünschenswertes sein könnte. Natürlich musste man möglichem Missbrauch vorbeugen und so entstand ein Staatsrundfunk, dessen Übernahme seither das erste und wichtigste Ziel aller Putschisten und Umstürzler war. Die Verschwörung des 20. Juli 1944 ist ja z. B. nicht nur deshalb gescheitert, weil Hitler nicht getötet wurde, sondern vor allem auch deshalb, weil entgegen der ursprünglichen Planung das Haus des Rundfunks in Berlin nicht besetzt wurde.

Dass das völlig anders geartete und staatlich nicht mehr kontrollierbare Massenmedium Internet überhaupt entstehen konnte, dass das zugelassen wurde, ist so betrachtet ja fast schon ein Wunder. Vielleicht hängt es mit diesem kurzzeitig grassierenden Optimismus nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zusammen, dass man die Entstehung dieses Mediums nicht verhindert hat, wo alle senden und empfangen können, wie sie wollen. Oder man hat das neue Medium anfangs unterschätzt, hielt es für eine Art CB-Funk für Computerfreaks, und erkannte zu spät, dass hier nicht ein weiteres Medium zu den anderen hinzukommt, sondern dass das Internet die alten Medien alle in sich aufnimmt und Stück für Stück ersetzt.

Wie dem auch sei, meine These ist jedenfalls, dass die Überwachung der NSA letztlich nichts anderes ist, als der Versuch, die verlorengegangene staatliche Kontrolle über die Massenmedien zurückzugewinnen. Wenn man schon nicht mehr entscheiden kann, was gesendet und also überhaupt empfangen werden kann, dann will man wenigstens mithören, was da so gesendet und empfangen wird. Das Problem ist dabei nur, dass im Netz der Unterschied zwischen Inhalten, die für alle verfügbar sein sollen, und jenen, die nur für ganz bestimmte und konkret adressierte Empfänger bestimmt sind, sich aufweicht. E-Mail und Blogpost werden über dasselbe Netz verschickt und also auch gleichermaßen von der NSA abgefischt und ausgewertet, einfach weil das im Prinzip derselbe technische Vorgang ist.

Marconis „Defekt“, dessen positiv nutzbares Potential erstmal erkannt werden musste, um die Entstehung technischer Massenmedien zu ermöglichen, ist wieder zum Defekt geworden.

 

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Dorf, Terror, Panik

Im Grunde hat McLuhan ja alles schon vorhergesagt: Durch die elektronischen Medien wird die Welt zu einem Global Village. Als das dann Wirklichkeit wurde, fanden es alle gleich ganz toll, ich auch natürlich. Das globale Dorf, das ist doch wunderbar: nichts trennt uns mehr von unsern Brüdern und Schwestern in Amerika, Neuseeland, Russland, wo auch immer, diese Nationalstaaten hätten in dem Moment aufhören können zu existieren, da doch de facto nur noch eine Grenze in der Welt existierte, und die verlief zwischen Leuten mit Internetanschluss und denen ohne. Und Dorf klingt ja als Wort auch herrlich, klein und gemütlich, total nett eigentlich.

Ich komme zufällig vom Dorf und kann berichten: Gemütliches Beisammensein abends in der Wirtschaft ist das eine, aber Überwachung ist auch eine ganz typische Eigenschaft solcher Dörfer. Jeder kennt jeden, wird immer gern gesagt über die Provinz, aber das heißt auch: Jeder weiß sehr viel über jeden, und alle versuchen ständig noch mehr über die andern herauszubekommen.

Mir ist ein Tag erinnerlich, wo mir meine Mutter ganz beiläufig erzählte, der Guggerutz sei wohl heute gesichtet worden, wie er mit ein paar Aktenordnern unter dem Arm über den Dorfplatz gelaufen sei. Sie wisse gar nicht mehr, wer es ihr erzählt habe, aber sie frage sich jetzt doch, warum wohl der Guggerutz den Dorfplatz mit Aktenordnern unterm Arm überquert habe, ob ich da etwas wisse. Ich wusste von nichts, lüge aber auch nicht, wenn ich berichte, dass mich an diesem Tag noch drei andere Menschen nach der Dorfplatzüberquerung des Guggerutz mit Aktenordnern unter dem Arm befragt haben. Als ich am Abend dieses Tages den Guggerutz selber traf, da lachten wir beim Bier über die Neugier der Leute und über die Ereignislosigkeit des Dorflebens, das eine Dorfplatzüberquerung mit Aktenordner zum heißesten Thema des Tages werden lässt.

Aber im Grunde ist es nicht zum Lachen, sondern genau NSA-Logik: Man kann nie genug wissen über die anderen. Die kleinste Auffälligkeit, minimalste Abweichung vom Normalverhalten wird registriert und ausgewertet.

Es ist wirklich erstaunlich, wie genau McLuhan vor fünfzig Jahren unsere Welt von heute beschreiben konnte:

Instead of tending towards a vast Alexandrian library the world has become a computer, an electronic brain, exactly as in an infantile piece of science fiction. And as our senses have gone outside us, Big Brother goes inside. So, unless aware of this dynamic, we shall at once move into a phase of panic terrors, exactly befitting a small world of tribal drums, total interdependance, and superimposed co-existence.  (Marshall McLuhan, The Gutenberg Galaxy, University of Toronto Press 1962, S. 32)

User, Reader, Dreamer

Das Tolle am Lesen, will ich schreiben, ist doch, dass es ohne Geräte auskommt. Nichts steht zwischen mir und der Buchseite, das erzeugt eine Nähe. Außer meinem Hirn, ohne das ich sowieso nicht existieren würde, brauche ich nichts, um die Schriftzeichen zu entziffern. Ganz automatisch verwandeln sich diese Zeichen in meinem Kopf in Worte, die ich noch nicht mal hören muss, ich verstehe sie direkt. Aber als ich das schreiben will, fällt mir ein, wie ich noch eben meiner Tochter einige Kapitel aus dem Räuber Hotzenplotz vorgelesen habe. Sie kann noch nicht lesen, braucht also mich als Übersetzungsmaschine dieser Zeichen, für sie müssen diese Zeichen noch laut werden, gesprochene Sprache, durch jemand anderen. Was sie aber schon vollkommen verinnerlicht hat, ist die Struktur geschriebener Erzählung, und diese Struktur ist magnetisch, sie bannt den Hörer oder Leser in den Strom, er verlangt, dass es weitergehe. Wenn ein Kapitel aufhört, merkt sie das sofort, an meiner Stimme vermutlich, wahrscheinlich mache ich unwillkürlich eine Zäsur, senke die Stimme vielleicht nur um ein Weniges, und sie sagt dann verlässlich: Noch ein Kapitel! Ich glaube nicht, dass sie wahnsinnig begierig ist, das Ende der Geschichte zu erfahren, das ist es nicht, was sie weitertreibt. Sie will einfach, dass der Strom nicht abreißt, will weiterfließen. Wie jemand, der nicht aufwachen will, weil der Traum so schön ist.

Der primäre Nutzen von Sprache ist der Austausch von Information, von Fakten. So ist sie entstanden in der Evolution des Menschen: das war nützlich, den anderen sagen zu können, wo es gerade Nahrung gibt, oder auch dass dieser Pilz da giftig ist. Eine sehr nützliche Info. Dass die so gewonnene Sprache dann für das gerade Gegenteil von Information auch genutzt wurde, das Erzählen kontrafaktischer Begebenheiten, das ist doch wirklich faszinierend. Ich denke, dass die Ur-Erfahrung des Träumens das Vorbild dafür war. Du wachst auf, weißt, dass das Geträumte nur geträumt, nicht wirklich war, und doch war es auf andere Weise wirklich: Du hast es ja wirklich und wahrhaftig geträumt, die Bilder gesehen und die Worte gehört, die die Traumfiguren gesagt haben. Ich glaube, Literatur – oder sagen wir besser: Erzählung – ist ihrer Form nach immer der Versuch, das Träumen zu imitieren, das Träumen auch im Wachzustand zu ermöglichen. Auch die Alpträume: daher der Erfolg von Gruselgeschichten und Zombiefilmen.

Das Lustige dabei ist: Ich interessiere mich absolut überhaupt nicht für die Traum-Erzählungen der anderen. Auch in Literatur: sobald ein Traum nacherzählt wird, was ja die klassische Möglichkeit ist, um sehr expressionistisches Vokabular aufzufahren, bin ich sofort weg und überfliege die Passage bloß, bis ich wieder den festen Boden der ganz normal erfundenen Geschichte unter mir fühle.

Dennoch ist der Traum das Urbild der Erzählung und erträgt vielleicht sogar genau deswegen keine Traumerzählungen in sich, so wie die Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten, sich selbst nicht enthalten kann und dann doch wieder, und also implodiert, weil sie unmöglich ist.

Was ich damit eigentlich sagen wollte: Macht ruhig eure Social-Books und euer Social-Writing, euer Social-Sonstwas. Aber das Lesen wird immer sowas Einsames bleiben wie das Träumen. Nicht mitteilbar, nicht likebar, nicht kommentierbar. Völlig verschlossen, so wie ich nie herauskriegen werde, was im Kopf meiner Tocher vorgeht, wenn ich ihr den Räuber Hotzenplotz vorlese, und sie ihrerseits keinen Schimmer davon haben kann, was dieses Vorlesen in mir auslöst, ungefähr dreißig Jahre nach der Erstlektüre.

Den Träumen ist man ausgesetzt: man ist da nur Reader, nicht User, man ist nicht in full control. User und Reader fallen nicht zusammen.

Missbrauch von Heeresgerät (2)

In einer besonders einprägsamen Szene von Breaking Bad übergibt Walter White, hier noch relativ neu im Drogengeschäft, eine Lieferung Crystal Meth an einen neuen Drogenboss, der für die Distribution des Stoffs sorgen soll. Der unterzieht das Material erstmal einer Qualitätskontrolle, schnupft eine ordentliche Dosis und dreht dann völlig ab. Völlig grundlos schlägt er im Drogenwahn einen seiner Untergebenen mit bloßen Fäusten zu Tode. Entgeistert beobachtet White die Szene. Hier kriegt er ja nicht nur vor Augen geführt, in was für schlechte Gesellschaft er sich mit diesem Geschäft begeben hat, sondern vor allem auch, was das für eine teuflische Droge ist, die er da herstellt. Aber auch diese Vorführung führt zu keiner Läuterung bei ihm, er zeigt sich weiter an der Wirkung der Droge völlig uninteressiert, kümmert sich nur um chemische Reinheit und ums Geschäft.

Aber ist das nicht vielleicht auch eine filmische Übertreibung, dass einer aus dem Nichts heraus einen Mord begeht, weil er Methamphetamin geschnupft hat? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Methamphetamin genau zu diesen Tötungszwecken schon einmal massenhaft eingesetzt wurde: Unter dem Namen Pervitin wurde exakt dieselbe Chemikalie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs massenhaft an deutsche Soldaten verteilt. Erhöhte Leistungsbereitschaft, vermindertes Schlafbedürfnis, Abbau von Hemmungen und Angstgefühlen: Genau die richtige Pille für Blitzkriegssoldaten. Es schaudert einen, wenn man sich vorstellt, dass Polen und Frankreich von einer Horde entfesselter Meth-Junkies überrannt worden ist. Aber genau so war es: 35 Millionen Pervitin-Tabletten wurden allein zwischen April und Juni 1940 an die Wehrmacht ausgegeben. Erst später erkannte man die eher unsoldatischen Nebenwirkungen wie Sucht und schwere Psychosen, berauschte Piloten schrotteten ihre Flugzeuge bei der Landung, und so wurde Mitte 1941 die Wunderdroge Pervitin durch das Reichsopiumsgesetz aus dem freien Verkehr genommen. Zu diesem Zeitpunkt war aber, glaubhaften Berichten und Forschungen zufolge, Hitler selbst dem Methamphetamin schon völlig verfallen. Er ließ es sich täglich von seinem Leibarzt spritzen und nahm es bei Bedarf in Stresssituationen noch zusätzlich in Pillenform. Während die nun nicht mehr mit der Droge versorgten Soldaten an der Front Entzug schieben, steuert ein im Crystal-Rausch endgültig irre gewordener Diktator sie in den Untergang. Ein bizarres Szenario. Crank ist ein weiterer Szenename für Methamphetamin, und das trifft es: Krank.

Wenn also Kittler nachweist, dass technische Medien in erster Linie immer Kriegstechnologien sind, so scheint dasselbe auch für Drogen zu gelten. Ob Fernsehgaffer oder Methheads: sie alle betreiben Missbrauch von Heeresgerät.

(Weitere Informationen über die Wechselbeziehung zwischen Medien- und Drogenkonsum: hier.)

Selbstgemachte Drogen

Im Zuge meiner Breaking Bad-Exzesse der letzten Wochen musste ich an meinen alten Chemielehrer zurückdenken, der war auch ein Original, wie man so sagt. „Wir wenden uns zum Periodensystem“, so begann er jede Stunde. Dann drehten sich alle nach rechts, wo das Periodensystem an der Wand hing, er las einen Sinnspruch aus einem katholischen Abreißkalender vor und fügte dann noch einige freie Meditationen dazu an. Das war das Morgengebet, zum Periodensystem hin gebetet, weil im Chemiesaal unserer Klosterschule seltsamerweise kein Kruzifix hing. Obwohl er sehr gläubig war, machte er nie Anstalten, daran etwas zu ändern, ich vermute, er fand es richtig, das Periodensystem anzubeten als schlüssiges Sinnbild der Vollkommenheit von Gottes Schöpfungswerk.

Als Pädagoge war er eher wirr, mir fiel es oft schwer, seinen Ausführungen zu folgen, meine Kenntnisse der Chemie sind bis heute ziemlich bescheiden geblieben. Aber oft sind es ja gerade die Sätze, die ganz abseits jedes Lehrplans fallen, die einem Jahre später von so einem Lehrer noch in der Erinnerung bleiben: „Machts euch eure Drogen selber!“, in diesem Ausruf gipfelte einmal ein längerer Vortrag über gewisse neurochemische Prozesse und damit meinte er natürlich nicht, wir sollten jetzt im Hobbykeller Drogen synthetisieren, sondern er meinte die Endorphinausschüttungen, mit denen der eigene Körper gewisse Erfolgserlebnisse belohnt. Einen Berg besteigen oder eine schwierige Sonate bis zur Perfektion üben, das waren seine Beispiele, wie ich mich noch genau erinnere. Keine noch so starke Droge könne einem das Gefühl ersetzen, eine schwierige Aufgabe wirklich selbst bewältigt zu haben.

Auch das ist eine Ebene, auf der Breaking Bad zu lesen ist. (Kann man das sagen? Liest man eine Fernsehserie? Egal.) Denn Walter White produziert zwar Crystal Meth, aber er konsumiert es nicht ein einziges Mal. Die Wirkung seines Produkts am eigenen Leib zu erfahren, interessiert ihn nicht im Geringsten, vom Meth wird immer nur in Begriffen chemischer Reinheit gesprochen. Die Droge, auf der er selber unterwegs ist, ist hingegen genau die von meinem Chemielehrer beschworene Ego-Droge. Unter widrigsten Umständen Dollarberge auftürmen, Gegner eliminieren, dem Tod von der Schippe springen: das gibt ihm den Kick. Warum er es getan habe, wird er am Ende gefragt, als er auf fürchterlichste Weise gescheitert ist, einen Berg Leichen auf dem Gewissen und die über alles geliebte Familie endgültig verloren: „I did it for me“, antwortet er: „I liked it. I was good at it and I was really – I felt alive.“

Die von meinem Chemielehrer empfohlenen selbstgemachten Drogen scheinen also auch nicht ganz ungefährlich zu sein.

Zahlen und Figuren

Ich weiß gar nicht mehr, wie wir drauf gekommen waren, aber plötzlich, als wir so beim Grillen saßen, hatte der Ochse angefangen von der Serie Breaking Bad zu erzählen, hatte in aller Kürze den Inhalt skizziert – der Chemielehrer Walter White, bei dem unheilbarer Krebs festgestellt wird, beschließt, die ihm verbleibende Lebenszeit zur Herstellung von Crystal Meth zu nutzen, um damit genug Geld zu verdienen, dass seine Familie nach seinem Tod versorgt sein solle – und beiläufig angemerkt, halb Amerika drehe jetzt fast durch, weil nur noch drei oder vier Folgen zum Ende fehlten und alle vor Spannung vergehen, wie es wohl ausgehen möge. Ich hatte von der Serie noch nie zuvor gehört. Als ich dann aber anfing, die Serie selbst zu schauen und sehr schnell in den Bann dieser episch verzweigten Erzählung geriet, schien es plötzlich auf der ganzen Welt kein anderes Thema mehr zu geben: vom Spiegel bis zur FAZ wurde jetzt diese Serie gerühmt und gepriesen, interpretiert und durchleuchtet, so dass ich in letzter Zeit, da ich selbst jetzt nur noch wenige Folgen vom Ende entfernt bin, mich nur noch sehr vorsichtig und mit Scheuklappen durchs Internet bewegen konnte, um nicht vorzeitig das Ende zu erfahren.
Es wird also schon genug über Breaking Bad geschrieben im Moment, da müsste ich eigentlich nicht auch noch einen Text hinzufügen, aber ein eher nebensächliches Motiv möchte ich doch kurz erwähnen, weil es mir auf seltsame Weise nicht aus dem Kopf geht. Und zwar rezitiert Mr. Whites neuer Assistent im Meth-Labor ein Gedicht von Walt Whitman:

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Was mich daran beschäftigt, ist die dem Gedicht zugrundeliegende Metapher, dass die Zahlen und Diagramme der Wissenschaft den Blick auf die wahrhaftige Natur verstellen. Die Szene ist fast paradox: Da stehen diese zwei Vollblut-Wissenschaftler in ihrem Drogenlabor und sind höchst ergriffen von diesem wissenschaftskritischen Gedicht. Es sind ja genau Whites wissenschaftliche Kenntnisse – im Lauf der Serie wird deutlich, dass er für einen Chemielehrer eigentlich heillos überqualifiziert ist –, die ihn dazu befähigen, das beste und begehrteste Crystal Meth des ganzen Landes herzustellen. Müsste er also nicht genau der umgekehrten Meinung anhängen, dass also die Zahlen, Formeln und Diagramme uns nicht die Sicht auf die Natur verstellen, sondern uns im Gegenteil die Erkenntnis ihres wahren Seins erst ermöglichen? Indem ich darüber nachgrübelte, fiel mir ein anderes Gedicht ein, auch ein sehr berühmtes, von Novalis:

Novalis

Noch deutlicher als bei Whitman wird hier der Weltzugang der Tiefgelehrten mit ihren Zahlen und Figuren als falsch und minderwertig kritisiert, das Gegenbild ist eine Utopie, ein magisches Weltbild, wo echtes Wissen nur den Singenden und Küssenden zugeschrieben wird. Wahre Erkenntnis ist hier etwas Rauschhaftes, Ekstatisches, den nüchternen Berechnungen der Wissenschaft diametral entgegengesetzt. Ich weiß nicht, ob Whitman das Gedicht von Novalis kannte – die vierfache Wiederholung des einleitenden „Wenn“ in beiden Gedichten spräche dafür – aber so oder so ist es doch bemerkenswert, dass gerade im 19. Jahrhundert, wo die Wissenschaft durch die Verbindung von Empirie und mathematischer Formalisierung so rasende Fortschritte machte wie nie zuvor, die Dichter sich in ein vorwissenschaftliches magisch-animistisches Weltbild flüchten. Das Periodensystem der Elemente, das durch jeden Vorspann von Breaking Bad flimmert, ist ebenfalls eine Entdeckung des 19. Jahrhunderts, der russische Chemiker Mendelejew, mit seinem weißen Rauschebart ein physiognomischer Doppelgänger Whitmans, stellte es 1869 der Öffentlichkeit vor. Wird nicht im Periodensystem augenfällig, dass Mathematik genau nicht eine willkürlich gewählte und fehleranfällige Methode der Weltbeschreibung ist, sondern dass die Welt wirklich in ihrem Innersten nach mathematischen Prinzipien aufgebaut ist? Ausgehend vom Wasserstoff mit einem Proton im Kern und einem Elektron in der Schale, gewinnen wir sämtliche Elemente durch Hinzufügung eines weiteren Protons und eines weiteren Elektrons. Und wundersamer Weise haben immer diejenigen Elemente mit derselben Anzahl von Elektronen in der jeweils äußersten Schale vergleichbare Eigenschaften, die es erlauben, die Elemente in Gruppen zusammenzufassen. Nicht dass ich etwas gegen Novalis oder Whitman hätte, geschweige denn gegen das Singen und Küssen, aber dieser mathematische Aufbau der Welt fasziniert mich aufs Äußerste.
Von Pythagoras und seiner sehr geheimniskrämerischen Schule ist uns nur wenig überliefert, aber allem Anschein nach war es ein Grundprinzip der Pythagoreer, dass die Dinge ihrem wahren Wesen nach Zahlen sind. Platon äußerte sich widersprüchlich und uneindeutig über Zahlen, aber irgendwie ordnete er sie zwischen den ewigen Ideen (Noumena) und den vergänglichen Objekten der Sinnenwelt (Phainomena) ein. Und für Aristoteles waren sie dann schließlich bloße Abstraktionen, Dinge, die kein wirkliches Sein außerhalb des Bewusstseins haben, abgeleitet von der sinnlichen Welt der Erfahrung. Das Periodensystem scheint mir ein deutlicher Fingerzeig, dass Pythagoras näher an der Wahrheit war als Aristoteles.
Sind also die lyrischen Beschwörungen einer direkten, ekstatischen und durch keinerlei Zahlen und Berechnungen vermittelten Naturoffenbarung einfach falsch und naiv? Ich weiß es nicht, aber die Kluft zwischen den Künsten auf der einen und der Naturwissenschaft auf der anderen Seite scheint seit dem 19. Jahrhundert nicht eben kleiner geworden zu sein. Ein Goethe konnte sich selbst noch problemlos als Dichter und Naturforscher gleichermaßen definieren. Das scheint heute undenkbar. In Breaking Bad, wo es ja um die zwei Seelen in der Brust des Walter White geht, der brave und biedere Lehrer und der finstere, skrupellose Drogenbaron, ist das sehr schön gespiegelt: Der bürgerliche Name des braven Lehrers erinnert an den Dichter Walt Whitman. Für seine Funktion als Meth-Produzent wählt er aber den Künstlernamen „Heisenberg“, und den abgebrühtesten Gestalten der Drogenszene schlottern plötzlich die Knie, wenn sie den Namen eines Physikers hören. Das ist auch sehr lustig.