Josefine auf der Bierbank

Der Sommer ist vorbei, er war allzu kurz dieses Jahr, aber ich will mich von den Supermärkten, die jetzt schon Lebkuchen und Christstollen übereinander stapeln, auch nicht allzusehr in Panik versetzen lassen: es gibt ja noch den Herbst, und da will ich dann schnell noch ein paar Dinge tun, die man im Winter nicht tun kann, zum Beispiel unter freiem Himmel auf einer Bierbank ein ungeplantes Nachmittagsbier trinken. Dieser Gedanke kam mir gestern gegen zwei, als das Wetter grade aufzuklaren schien, und ich machte mich gleich auf, meinen Plan vom ungeplanten Bier in die Tat umzusetzen. Ich lief also los zum Straßenfeger, aber die hatten draußen noch gar nicht aufgedeckt, da es am Vormittag ja noch geregnet hatte. Mittlerweile war es aber trocken und warm und ich sah nicht ein, warum mein Plan vom Freiluftbier nicht Wirklichkeit werden sollte, also lief ich schlendernd und sogar noch einige Umwege nehmend, um die Illusion der Ungeplantheit aufrechtzuerhalten, weiter in Richtung Biergarten, der aber ebenfalls nicht geöffnet hatte. Nun schlug sogar das Wetter wiederum um und Nieselregen setzte ein, verdammt, aber umso fester klammerte ich mich an die Idee des ungeplanten Nachmittagsbiers und landete schließlich auf einer Bierbank des Café Egal, wo idealerweise sogar eine Markise mich vor dem Regen bewahrte, der jetzt aber ohnehin schon wieder am Abflauen war.

Da saß ich dann zufrieden mit meinem Bier und las Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. Kafkas letzte Erzählung, geschrieben wenige Monate vor seinem Tod. Schon der Name der Titelheldin erinnert an Kafkas Doppelgänger Josef K. und man kann nicht anders, als die Erzählung als die Bilanz eines Schriftstellerlebens zu lesen. Auch hier, im Angesicht des nahenden Todes, verlässt Kafka sein Humor nicht. Zuerst wird vom mäusischen Erzähler Josefines Sangeskunst gerühmt und gepriesen, fulminant setzt der Text ein: „Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges.“ Aber schon bald schleichen sich Zweifel in seinen Bericht ein:

Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustande bringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.  („Drucke zu Lebzeiten“, S. 350ff.)

Da ist sofort wieder die Komik Kafkas da: Eine vom ganzen Mäusevolk verehrte Sängerin, die bei genauerer Betrachtung nicht nur nicht singen kann, sondern in ihrer Kunstanstrengung sogar noch schlechter pfeift als all die normalen Mäuse, die während der Erdarbeit ganz unbewusst vor sich hinpfeifen. Ich musste, als ich das bei meinem Bier sitzend las, der Regen hatte mittlerweile wieder aufgehört, unwillkürlich an die immer wiederkehrenden Versuche denken, die Literatur und das Literarische von der normalen Sprache abzugrenzen und über sie hinauszuheben. Vielleicht ist das das Eigentümliche an der Literatur: Dass die Schriftsteller die Sprache eigentlich schlechter und unzweckmäßiger benutzen als die normalen Leute, aber paradoxerweise genau dafür dann von eben diesen Leuten als besondere Sprachkünstler verehrt werden.

Ich wage übrigens die These, dass Kafka sich als Schriftsteller unter anderem deshalb für gescheitert betrachtete, weil die Leser das Komische an seinen Texten nicht verstanden haben. So jedenfalls interpretiere ich diese Stelle:

Nur darf man freilich bei solchen allgemeinen Urteilen nicht zu weit gehn, das Volk ist Josefine doch ergeben, nur nicht bedingungslos. Es wäre z.B. nicht fähig, über Josefine zu lachen. Man kann es sich eingestehn: an Josefine fordert manches zum Lachen auf; und an und für sich ist uns das Lachen immer nah; trotz allem Jammer unseres Lebens ist ein leises Lachen bei uns immer zu Hause; aber über Josefine lachen wir nicht. (S. 358)

Wenn man über Kunst und Literatur wieder unbefangen lachen dürfte, ohne dass das jeweilige Objekt dann gleich von den superseriösen Kunst- und Literaturkennern in die verachtenswerte Entertainment-Schublade gesteckt würde; wenn man also über etwas lachen dürfte und trotzdem noch fordern, dass es als Kunst ernst genommen werde: dann wäre etwas gewonnen für die Kunst, dachte ich, schlug das Kafkabuch zu, trank mein Bier aus, zahlte und ging heim.

 

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Ein Kommentar zu “Josefine auf der Bierbank

  1. Naturgemäß stimme ich Thesen selten vollkommen zu, doch eben dieser Deiner These springe ich voll bei: „Ich wage übrigens die These, dass Kafka sich als Schriftsteller unter anderem deshalb für gescheitert betrachtete, weil die Leser das Komische an seinen Texten nicht verstanden haben.“ Und dabei läßt es sich bei Kafka schon beim ersten Lesen nicht ganz vermeiden, die komischen, abstrusen oder sogar lustigen Stellen schmunzelnd oder gar lachend zu quittieren. (Anders bei schwerer zu lesenden Texten, etwa Joyce oder Musil, da bedarf manche Szene eines zweiten Lesens mit mehr Lockerheit – so jedenfalls meine Erfahrung.) Warum aber wird oder wurde Kafka falsch ernst genommen? Ich stelle mal die These auf, daß daran heutzutage der grundsätzlich falsch aufgezogene Deutschunterricht hierzulande nicht ganz unschuldig ist, denn er wird offensichtlich immer noch oder vielleicht auch wieder wie Physik- oder Chemieunterricht gestaltet. Kafka könnte daraus aber natürlich eine komische Erzählung machen, keine Frage.

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