Thank you for travelling with

07.09.2013
Um halb elf sollte es losgehen. Am Hauptbahnhof dann aber erstmal schönstes Bahnchaos, die Wägen werden mehrfach umnummeriert, hilflos rennen die Leute den ganzen Bahnsteig auf und ab auf der Suche nach ihren reservierten Plätzen. Ein Auf- und Abgewoge und ich mittendrin. Mein Wagen war zunächst am einen Ende des Zuges angezeigt worden, als ich da aber ankam, wies mich eine Bahnfrau darauf hin, dass ich jetzt zum genau entgegengesetzten Ende laufen müsse, dort angekommen hatte man alles aber noch einmal neu nummeriert, also alle wieder zurück, die Leute wurden immer panischer, die planmäßige Abfahrtszeit des Zuges war schon längst durch, auch ich vollzog den letzten Rückweg sicherheitshalber im Zug, obwohl das Hin-und Hergewoge der Reisenden hier natürlich viel beschwerlicher war. „Meine Schwester schreibt bei sowas Briefe!“, rief eine erzürnte Frau.
Als aber der Zug endlich losfuhr, war alles sofort angenehm: in aller Seelenruhe lesen, zum Fenster rausschauen, lesen: viel besser als das elende Autofahren.
Zuggespräch hinter mir: Frau 1: „Und dann war doch der Stoiber plötzlich verschwunden, das war noch zu RAF-Zeiten. Und da hieß es dann, Stoiber wäre entführt worden. Und zwei Tage später tauchte er wieder auf, mit grindiger Stirn. Niemand weiß, wo er zwei Tage lang war. Da wurde auch nicht drüber geredet.“ (Kurzes Schweigen.) Frau 2: „Wahrscheinlich war er einfach besoffen und wusste es selber nicht mehr.“ Beide lachen.
Lese William Boyd, „Einfache Gewitter“. Sofort gut. In München steige ich um, im Regionalzug lese ich nichts mehr, betrachte nur noch die Landschaft, wie sie immer hügliger wird, schließlich die Berge aufragen und immer näher kommen bis man schließlich drin ist. Ochse holt mich am Bahnhof ab und wir fahren direkt zu ihm, wo der Glaser schon am Grill steht.
Reden sehr viel übers Essen und Kochen, Ochs beschreibt ein Restaurant in London: Ein Wirtshaus voller Models. Mehr als das Essengehen interessiert mich ja das Selberkochen, die beiden überbieten sich in Kochbuchempfehlungen für mich.
Lustige Randbeobachtung: von allem, was ich je im Blog geschrieben habe, hat nichts die Gemüter meiner Freunde so erhitzt, wie meine nur ganz beiläufig mal beschriebene Methode der Gulaschzubereitung, die ich ja vom Glaser ursprünglich adaptiert habe. Fleisch anbraten oder nicht, Zwiebeln ewig bräunen oder nicht, darüber debattieren wir ausführlich. Auch der Lombo, den der Glaser am Vorabend getroffen hat, habe sofort davon angefangen und sie hätten dann auch ewig darüber geredet, wie ich ein Gulasch mache. Wahrscheinlich sollte ich auf Foodblogger umlernen. Literatur, Kafka, Keller – wen interessiert denn das? Bloß ein paar Spinner, wenn man ehrlich ist. Aber fressen müssen alle, das ist der Unterschied. Viel Bier, erst um 2 nach Hause.

08.09.2013
Tagsüber erste Regenfälle. Abends wieder Grillen, diesmal mit Guggerutz und Hagen und meiner Mutter, auch der Mikele war kurz da. Ob er jetzt gesichtet und geordnet werde, ruft er aus, als er mich sieht und schlägt sich die Hände vors Gesicht. Ja klar, erwidere ich, ich sichte und ordne unentwegt, mir entkommt keiner. Es fehle jetzt nicht mehr viel, sagt er, dass er auch noch zum Kafkalesen anfange. Ich habs mit dem Kafka wirklich übertrieben, denke ich, und versichere ihm, dass mit Kafka jetzt wirklich Schluss ist. Strömender Regen mittlerweile, Hagen fährt uns mit dem Auto heim.

09.09.2013
Temperatursturz. Eiskalt plötzlich, und weiterhin Regen. Lese Boyd und friere, dann geht es nicht mehr: Fenster zu und Heizkörper auf volles Rohr. Wohnung erwärmt sich nur langsam. Weiter im Boyd.

10.09.2013
Kein Regen. Laune anderweitig verhagelt.

11.09.2013
Dauerregen. Den Boyd fertig gelesen. Ein sehr gutes Buch, wahnsinnig genau in den Details, ein Abbild der Gegenwart, schnörkellos, ohne Verklärung und ohne Erklärung. Einfach so. Abends in der Wirtschaft, Bier schmeckt muffig, muss auf Weißbier umschwenken.

12.09.2013
Tag komplett verregnet. Nach kleiner Einkaufsrunde mit dem Rad völlig durchnässt.

13.09.2013
Regnerisch. Abends beim Ochsen. Ich sehe ihm zu, wie er die Briefwahlunterlagen ausfüllt. Ein New Yorker wählt den bayrischen Landtag.

14.09.2013
Immer wieder Regen. Abends beim Ochsen: Steinpilz-Tagliatelle und Beefsteak-Tatar. Sehr gut. Reden über Pilze, Taxonomie, Merkel, Kunst, Fotografie und übers Bügeln.

15.09.2013
Sechs Uhr klingelt der Wecker, um sieben holt mich der Ochs ab und fährt mich bis München Hauptbahnhof. Während er weiter zum Flughafen fährt und zurück nach New York fliegt, kaufe ich mir ein paar Brezen und setze mich in den Zug nach Berlin. Regen klatscht an die Fensterscheiben des Zuges. Weiß-Blau sind die Fahnen über den Schrebergärten, der Himmel ist Grau.
Zuggespräch hinter mir: Frau 1: „Meine Tochter, die war ja mit der Schule in Berlin. Das Haus der Wannseekonferenz, also das hat ihr nicht so viel gesagt. Du weißt ja, das Haus der Wannseekonferenz, das ist das Haus, wo sie die Judenverfolgung beschlossen haben, und jetzt ist das halt so ein Haus mit Schautafeln, das hat ihr nicht viel gesagt, ABER: Aber das andere, wie heißt denn das? Das, wo die Nofretete drin ist? – Das hat ihr gut gefallen.“ Frau 2: „Archelogisches Museum.“ Frau 1: „Genau.“
Hinter Bamberg schlafe ich ein. Als ich nach einer Stunde wieder erwache, ist es im gut besetzten Großraumabteil mucksmäuschenstill. Niemand spricht, nur eine Brottüte raschelt ganz leise. Dass soviele Menschen zusammen so still sein können. Vollkommen stumm zieht draußen die Landschaft an mir vorbei. Es regnet nicht mehr, sogar ein paar blaue Streiflein sind am Himmel über Thüringen plötzlich da. Längerer Zwischenhalt in Jena, wo meine Mutter aufwuchs. Sie war nie wieder dort, auch nach dem Fall der Mauer wollte sie auf keinen Fall noch einmal dorthin fahren. Und ich steh jetzt da und rauche eine Zigarette auf dem Bahnsteig.
Ich nehme mir ein neues Buch aus dem Rucksack, lese die ersten drei Kapitel, dann kommt schon Berlin. Aus der Tiefe des Tiefbahnhofs steige ich empor und das erste, was ich dann sehe, ist ein Bierzelt:

bierzeltberlin

Schnellstmöglich weg und heim. Große Wiedersehensfreude, die Kinder umwuseln mich, lachen und zeigen mir tausend Dinge. Wenig später die Nachricht: absolute Mehrheit für den Trottel Seehofer. Gemütlich.

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Josefine auf der Bierbank

Der Sommer ist vorbei, er war allzu kurz dieses Jahr, aber ich will mich von den Supermärkten, die jetzt schon Lebkuchen und Christstollen übereinander stapeln, auch nicht allzusehr in Panik versetzen lassen: es gibt ja noch den Herbst, und da will ich dann schnell noch ein paar Dinge tun, die man im Winter nicht tun kann, zum Beispiel unter freiem Himmel auf einer Bierbank ein ungeplantes Nachmittagsbier trinken. Dieser Gedanke kam mir gestern gegen zwei, als das Wetter grade aufzuklaren schien, und ich machte mich gleich auf, meinen Plan vom ungeplanten Bier in die Tat umzusetzen. Ich lief also los zum Straßenfeger, aber die hatten draußen noch gar nicht aufgedeckt, da es am Vormittag ja noch geregnet hatte. Mittlerweile war es aber trocken und warm und ich sah nicht ein, warum mein Plan vom Freiluftbier nicht Wirklichkeit werden sollte, also lief ich schlendernd und sogar noch einige Umwege nehmend, um die Illusion der Ungeplantheit aufrechtzuerhalten, weiter in Richtung Biergarten, der aber ebenfalls nicht geöffnet hatte. Nun schlug sogar das Wetter wiederum um und Nieselregen setzte ein, verdammt, aber umso fester klammerte ich mich an die Idee des ungeplanten Nachmittagsbiers und landete schließlich auf einer Bierbank des Café Egal, wo idealerweise sogar eine Markise mich vor dem Regen bewahrte, der jetzt aber ohnehin schon wieder am Abflauen war.

Da saß ich dann zufrieden mit meinem Bier und las Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. Kafkas letzte Erzählung, geschrieben wenige Monate vor seinem Tod. Schon der Name der Titelheldin erinnert an Kafkas Doppelgänger Josef K. und man kann nicht anders, als die Erzählung als die Bilanz eines Schriftstellerlebens zu lesen. Auch hier, im Angesicht des nahenden Todes, verlässt Kafka sein Humor nicht. Zuerst wird vom mäusischen Erzähler Josefines Sangeskunst gerühmt und gepriesen, fulminant setzt der Text ein: „Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesanges.“ Aber schon bald schleichen sich Zweifel in seinen Bericht ein:

Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustande bringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.  („Drucke zu Lebzeiten“, S. 350ff.)

Da ist sofort wieder die Komik Kafkas da: Eine vom ganzen Mäusevolk verehrte Sängerin, die bei genauerer Betrachtung nicht nur nicht singen kann, sondern in ihrer Kunstanstrengung sogar noch schlechter pfeift als all die normalen Mäuse, die während der Erdarbeit ganz unbewusst vor sich hinpfeifen. Ich musste, als ich das bei meinem Bier sitzend las, der Regen hatte mittlerweile wieder aufgehört, unwillkürlich an die immer wiederkehrenden Versuche denken, die Literatur und das Literarische von der normalen Sprache abzugrenzen und über sie hinauszuheben. Vielleicht ist das das Eigentümliche an der Literatur: Dass die Schriftsteller die Sprache eigentlich schlechter und unzweckmäßiger benutzen als die normalen Leute, aber paradoxerweise genau dafür dann von eben diesen Leuten als besondere Sprachkünstler verehrt werden.

Ich wage übrigens die These, dass Kafka sich als Schriftsteller unter anderem deshalb für gescheitert betrachtete, weil die Leser das Komische an seinen Texten nicht verstanden haben. So jedenfalls interpretiere ich diese Stelle:

Nur darf man freilich bei solchen allgemeinen Urteilen nicht zu weit gehn, das Volk ist Josefine doch ergeben, nur nicht bedingungslos. Es wäre z.B. nicht fähig, über Josefine zu lachen. Man kann es sich eingestehn: an Josefine fordert manches zum Lachen auf; und an und für sich ist uns das Lachen immer nah; trotz allem Jammer unseres Lebens ist ein leises Lachen bei uns immer zu Hause; aber über Josefine lachen wir nicht. (S. 358)

Wenn man über Kunst und Literatur wieder unbefangen lachen dürfte, ohne dass das jeweilige Objekt dann gleich von den superseriösen Kunst- und Literaturkennern in die verachtenswerte Entertainment-Schublade gesteckt würde; wenn man also über etwas lachen dürfte und trotzdem noch fordern, dass es als Kunst ernst genommen werde: dann wäre etwas gewonnen für die Kunst, dachte ich, schlug das Kafkabuch zu, trank mein Bier aus, zahlte und ging heim.