De Comoedia (Aristoteles, verschollen)

Heute morgen fiel mir eine Stelle aus der Kafka-Biographie wieder ein, die mir nicht mehr ganz genau erinnerlich war, und ich fing sofort an zu blättern, hatte aber keine rechte Vorstellung mehr, wo die Stelle genau zu suchen sei, im ersten Band auf jeden Fall, aber viel mehr wusste ich nicht mehr. Das ist auch das Herrliche an den alten Büchern: man muss blättern. Die Suchfunktion eines E-Books hätte mir die Stelle sofort gemeldet. Gesucht: gefunden. Beim Blättern findet man aber Dinge, die man gar nicht suchte, und das ist doch eigentlich wundervoll. Ich blätterte also herum und las mich dann noch einmal fest bei der Verwandlung, wo ich über diese Stelle stolperte:

[D]ie allererste Wirkung, die den unvorbereiteten Leser der Verwandlung trifft, ist universell: Es ist die des Horrors.  (Reiner Stach: Kafka, Die Jahre der Entscheidungen, S. 222.)

Und da ich die Verwandlung ja gerade kürzlich erst nochmal gelesen hatte, dachte ich sofort: Falsch. Die erste Wirkung, die den Leser der Verwandlung trifft, ist die der Komik. Gerade der Beginn der Erzählung, wo die allererste Wirkung sich also einstellt, gehört für mich zum Lustigsten, was ich je gelesen habe: Gregor Samsa erwacht bekanntermaßen eines Morgens als ein riesiges Ungeziefer. „Was ist mit mir geschehen?“, fragt er sich, aber gleich sein nächster Gedanke ist: „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“, während er gleichzeitig mit seinem neuen Insektenkörper kämpft, den er noch gar nicht richtig zu steuern versteht, sich im Bett hin- und herschaukelt, um aus der Rückenlage zu kommen, was ihm aber nicht gelingt. Und sein nächster Gedanke ist dann: „Ach Gott, […] was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch die Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr.“ Und so lamentiert der im Bett liegende Käfer immer weiter, über seinen Chef, das frühe Aufstehen, seine Schulden – über lauter ganz normale Dinge, als wäre eigentlich nichts besonderes passiert. Im Gegenteil, er schwingt sich in Gedanken sogar zu kühnen Zukunftsplänen auf, während er gleichzeitig die neuen Käferbeine kaum unter Kontrolle bekommt, will kündigen und ein neues Leben beginnen: „Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern –, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muss ich aufstehen, denn mein Zug fährt um fünf.“

Ein im Bett liegender Riesenkäfer, der darüber nachdenkt, dass er den Fünf-Uhr-Zug noch kriegen muss – ich finde das irre lustig. Und Horror empfinde ich dabei seltsamerweise überhaupt nicht, der Horror kommt später und hat gar nichts mit der Insektengestalt Samsas zu tun, sondern liegt im Sozialen: Wie die Familie sich von ihm abwendet, ihn loswerden, ihn vernichten will usw.: Das ist dann der Horror. Aber die ersten Seiten über habe ich nur gelacht.

Ich erzählte das H. beim Mittagessen und sie hatte dazu auch gleich eine Geschichte parat: Wie ihr früherer Theaterprofessor in einem Seminar einmal Kafkas Geschichte vom Dorfschullehrer vorgelesen habe und ab einem gewissen Punkt nicht mehr habe weiterlesen können, weil er vor Lachen fast vom Stuhl gefallen wäre. Sie schnappte sich auch gleich das Kafkabuch und las mir den Anfang vor:

Diejenigen, ich gehöre zu ihnen, [und bereits hier sei der Professor rot angelaufen, um das Lachen zu unterdrücken] die schon einen kleinen gewöhnlichen Maulwurf widerlich finden, wären wahrscheinlich vom Widerwillen getötet worden, wenn sie den Riesenmaulwurf gesehen hätten, der vor einigen Jahren in der Nähe eines kleinen Dorfes beobachtet worden ist, das dadurch eine gewisse vorübergehende Berühmtheit erlangt hat. Jetzt ist es allerdings schon längst wieder in Vergessenheit geraten und teilt damit nur die Ruhmlosigkeit der ganzen Erscheinung, die vollständig unerklärt geblieben ist, die man aber zu erklären sich auch nicht sehr bemüht hat und die infolge einer unbegreiflichen Nachlässigkeit jener Kreise, die sich darum hätten kümmern sollen und die sich tatsächlich angestrengt um viel geringfügigere Dinge kümmern, ohne genauere Untersuchung vergessen worden ist.

Sie las noch weiter und deutete immer an, wie der Professor in immer unkontrolliertere Lachanfälle ausgebrochen sei, bis er schließlich wirklich vor Lachen nicht mehr weiterlesen habe können. Und wir lachten uns ebenfalls kaputt, bei unserer kleinen Kafka-Lesung am Mittagstisch, das ist einfach total lustig und komisch, ein so spaßiges Mittagessen hatte ich lang nicht mehr.

Natürlich ist der Horror in all diesen Texten auch immer anwesend. Horror und Komik stehen bei Kafka in einem ganz seltsamen, nie ganz klar auszudeutenden Verhältnis zueinander. Aber dass selbst der sehr um Objektivität bemühte Stach die erste und übermächtige Wirkung der Verwandlung auf den reinen Horror reduziert und kein Wort über die in der Erzählung ganz klar auch vorliegende irrsinnige Komik verliert, zeigt doch, dass das Phantombild von Kafka, das ihn als einen von Alpträumen gepeinigten Propheten kommender Menschheitskatastrophen verklärt, immer noch die unbefangene Lektüre dieses Autors verstellt. Der Verlust von Aristoteles’ Schrift über die Komödie scheint bis heute unser Lesen zu beeinflussen. Alle sehen immer nur das Tragische in den Büchern, diesem wird hohe Bedeutung zugemessen. Das Lustige ist hingegen von geringerem Rang und wenn es irgend geht, wird es zugunsten des Horrors einfach unter den Tisch gekehrt, damit man die Ikone Kafkas als die eines reinen Tragikers weiter auf dem Altar stehen lassen kann um da sein trauriges Kerzlein anzuzünden. Das halte ich für unsinnig und falsch, und wenigstens einen Theaterprofessor weiß ich nun dabei auf meiner Seite, das ist ja auch schon mal was. (Der Name des Gelehrten ist nicht genannt, aber aus verschiedenen Nebenumständen lässt sich erraten, wer es gewesen ist.)

Übrigens fand ich die Stelle, die ich eigentlich gesucht hatte, bei meinem Blättern schließlich auch noch. Vielleicht erzähle ich davon demnächst auch nochmal, aber wahrscheinlicher ist es, dass jetzt nach langer Zurückhaltung in den Kommentaren endlich der Proteststurm losbricht: „Hör endlich auf mit deinem ewigen Kafka, das wächst sich ja zum Horror aus, du lächerlicher Komiker.“ Dann muss ich mir was anderes überlegen. Oder auch nicht.

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7 Kommentare zu “De Comoedia (Aristoteles, verschollen)

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