Misterioso, Scherzo, Käsebrot

Da ich mich hier ohnehin schon bis aufs Mark entblöße, kann ich korrigierend oder scharfstellend auch dies noch hinzufügen, damit meine zahlreichen Leser mal ein vernünftiges Bild von mir bekommen: Ich bin ein zutiefst uneiliger Mensch, die Schnecke ist mein Totemtier, ich hab’s gern alles etwas langsamer und richte mein Leben nach Kräften so ein, dass ich möglichst selten in Eile gerate. Das treibt meine Zeitgenossen in den Wahnsinn, ich halte zum Beispiel vor einer gelben Ampel und dann hupen die drei hinter mir Fahrenden, was ihre Tröten hergeben, weil sie alle nach mir bei Rot auch noch schnell über die Kreuzung geflutscht wären und mein Trödlertum macht ihnen dann den Strich durch die Rechnung. Ich bin wirklich anders als die andern. Während ich bei Gelb bremse, geben die andern bei Rot erst richtig Gas, aber dies nur nebenbei, denn eigentlich will ich von Gulasch sprechen.

Das Gulasch ist ein Gericht, das Zeit braucht, und das gefällt mir. Die größte Hürde beim Gulaschkochen ist der Anfang, denn erstmal muss man ein Kilo Zwiebeln schälen und würfeln, das geht nicht ohne Tränen ab und ermüdet auch das messerführende Handgelenk. Und dann muss man diese Zwiebelmasse ungefähr eine Stunde lang unter ständigem Rühren auf kleiner Flamme braten, bis sie eine goldbraune Farbe bekommt, ohne dabei zu verbrennen. H. und die Kinder waren in der Stadt unterwegs, also konnte ich mir während dieser kontemplativen Beschäftigung mit den Zwiebeln ungestört Bruckners Neunte anhören. Gibt es ein besseres Musikhören? Das schwelgerische Seitenthema des Misterioso lenkte meine Hand beim Umwenden der Zwiebeln, und als sie schon langsam bräunten schlug ich mit den synkopierten Schlägen des Scherzo die Zwiebelwürfel vom Kochlöffel in den Topf zurück. Genau im kritischen Moment, wo die Neunte gerade verklungen war und die ersten Zwiebelwürfel ins allzu schwärzliche umzuschlagen begannen, kam die Familie zurück und der Sohn stand in der Küchentür und brüllte: „Äseboot!“ Aus der Langsamkeit hinausgeschlagen war jetzt plötzlich Tempo angesagt, Paprika und Tomatenmark auf die Zwiebelmasse, kurz mitbraten und währenddessen Bruckner durch Helge Schneider ersetzen, dann Fleischbrühe aufgießen und das Fleisch rein, Knoblauch, Kümmel, Majoran, Lorbeer dazu, Herd runterschalten und ab da macht das Gulasch alles von allein und ich konnte mit den Kindern wie närrisch zum laut aufgedrehten Käsebrotlied durch die Küche tanzen und mich mit ihnen auf dem Boden wälzen. Käsebrot ist ein gutes Brot.

Und das wollte ich ja eigentlich bloß kurz mitteilen als kleinen Tipp unter uns Hobbyköchen: Ist man einmal durch die brucknerische Misteriosohölle des Zwiebelschneidens und Zwiebelbratens gegangen, dann ist das Gulaschkochen der reinste Spaß und die Semmelknödel machten sich zu den Klängen von Lady Suppenhuhn dann auch praktisch wie von selbst. Und es schmeckte allen gut.

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