Plötzlicher Spaziergang

Schon öfter habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn ein Thema dich vollständig im Griff hat, dann springt es plötzlich von überall her auf dich zu, auch aus Ecken, wo du es gar nicht gesucht hast und als Letztes vermuten würdest.

So ging ich heute mit meiner Tante, die allerdings für ihre abrupten Themenwechsel berühmt ist, im schönsten Sonnenschein an der Spree entlang und sie beschrieb mir genau, wie es dazu kam, dass sie sich verlaufen hatte und den Weg zu unserem Haus nicht finden konnte. Sie sei erst die Mehringdorfer Straße entlang gelaufen und habe geglaubt, diese führe dann zur Mierenwerder Straße, sei dann aber nicht, wie erwartet, auf die Mierenwerder sondern auf die Nordener Straße gestoßen, was sie so verwirrte, dass sie die Nordener Straße dann eben nicht rechts entlang gelaufen sei, wie es richtig gewesen wäre, sondern links entlang bis sie schließlich an der Ecke Winzigeroder Straße sich eingestehen musste, dass sie sich verirrt hatte und mich von dort aus dann also angerufen habe, übrigens habe Kafka ja auch in Berlin gelebt, das habe sie in einem Buch gelesen kürzlich, vorher war er allerdings wohl in Prag gewesen, das habe sie auch gar nicht gewusst und sich keinen rechten Reim darauf machen können, tuberkulosekrank sei er wohl gewesen und von seiner Geliebten oder Freundin auf rührende Weise gepflegt worden.

Ich verstand das natürlich als direkte Anspielung auf meinen hier zelebrierten Kafka-Wahn und fragte sie direkt, ob sie mein Blog in letzter Zeit gelesen habe. Sie versicherte aber glaubwürdig, dass sie schon seit Wochen nicht mehr draufgeklickt habe, sie hat es nicht so mit dem Internet, nein, sie habe ein Buch darüber gelesen, dessen Titel ihr jetzt leider ums Verrecken nicht mehr einfalle, gekauft habe sie es allein aufgrund des schönen Einbands, der Titel sei auch irgendwie ansprechend gewesen und habe gar nicht auf Kafka hingedeutet, wenn sie gewusst hätte, dass es in dem Buch um Kafka geht, hätte sie es womöglich gar nicht gekauft, es hätte ihr dann aber sehr gut gefallen, wenn sie jetzt zuhause wäre, würde sie mir den Titel des Buches schnell aufschreiben und mir das Buch dann zuschicken, die mittlerweile abgeschaffte Tuberkulose-Impfung würde sie weiterhin für sinnvoll erachten, während doch die Pneumokokken-Impfung ein wahrhafter Unsinn sei.

So redeten wir und liefen immer weiter am Fluss entlang und landeten schließlich in einem französischen Restaurant, wo wir sehr gut zu Mittag aßen.

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2 Kommentare zu “Plötzlicher Spaziergang

  1. Allein die Tatsache, dass du dir Zeit für deine Tante nimmst, ist schon toll. Es dann noch so herrlich unbeeindruckt in einen Textfluss zu bringen, bei dem ich mir denke „Ja, so sind Tanten …“, ist noch schöner. 🙂

    • Danke. Ich verbringe immer gerne Zeit mit meiner Tante und hoffe bloß, dass sie mir den obigen Textfluss, in dem ich sie wohl tantiger darstelle, als sie in Wirklichkeit ist, nicht krumm nimmt…

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