Sonderbare Eröffnungen

Der Partner eines Journalisten wird am Flughafen Heathrow neun Stunden lang festgehalten und verhört, unter Verweis auf einen sogenannten Terrorism Act. Der Beistand eines Anwalts wird ihm verweigert. Im Keller einer Londoner Zeitungsredaktion werden unter der Aufsicht von Geheimdienstleuten Laptops zertrümmert, offenbar auf Betreiben höchster Regierungsbeamter hin. In Amerika wird ein Mann, der gewisse Wahrheiten über die Kriegsführung der USA im Irak und Afghanistan an die Öffentlichkeit gebracht hat, zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt.

Plötzlich erscheint es mir völlig logisch und überhaupt nicht mehr zufällig, dass ich zur Zeit so obsessiv Kafka lese. Gestern „In der Strafkolonie“ gelesen, und heute abend gleich noch einmal:

Der Reisende hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber im Anblick des Mannes nur: „Kennt er sein Urteil?“ „Nein“, sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der Reisende unterbrach ihn: „Er kennt sein eigenes Urteil nicht?“ „Nein“, sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann: „Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib.“ Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte noch: „Aber daß er überhaupt verurteilt wurde, das weiß er doch?“ „Auch nicht“, sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. „Nein“, sagte der Reisende und strich sich über die Stirn hin, „dann weiß also der Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?“ „Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen“, sagte der Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht beschämen. „Er muß doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen“, sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.

Der Offizier erkannte, daß er in Gefahr war, in der Erklärung des Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte – auch zog der Soldat die Kette an –, und sagte: „Die Sache verhält sich folgendermaßen. Ich bin hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall.“ (Franz Kafka, In der Strafkolonie. Kritische Ausgabe: „Drucke zu Lebzeiten“, S. 211f.)

Eine faszinierende Erzählung. Der Offizier rühmt und preist seitenlang den Apparat, die Folterungs- und Exekutionsmaschine, die Urteilsfindung ist ihm völlig nebensächlich. Die Schuld ist immer zweifellos. Am Ende aber wird nicht der eigentlich Verurteilte exekutiert, sondern der Offizier selber legt sich scheinbar freiwillig in seine geliebte Maschine und wird von ihr getötet, nachdem der Reisende ihm eröffnet, dass er diese Gerichts- und Exekutionspraxis ablehnt und für verwerflich hält. Scheinbar war der Reisende, der sich selbst doch nur als einen ganz neutralen Beobachter in der Strafkolonie ansah, zum Richter bestimmt gewesen. Indem er die Tötungsmaschine ablehnt, überantwortet er deren Fürsprecher genau der Maschine selbst, die er doch eigentlich für unmenschlich hält.

Als zur Kafka-Lektüre gezwungener Schüler waren mir diese für Kafka so typischen Paradoxien immer irgendwie zu verkopft, verkrampft, ausgedacht. „Die Verwandlung“ wurde über Wochen im Deutschunterricht zerlegt, mich ödete das damals furchtbar an. Und jetzt fress ich diese Texte wie ein Süchtiger und sie scheinen mir ein wahrhaftigerer Spiegel der wirklichen Welt von heute, als jede Tagesschau.

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