Im Gebirg

Auf einem Gipfel des Himalaya stand Winter und blickte herum: Kein Weintraub weit und breit. Offenkundig hatte Winter sich verlaufen, aber entschuldigung, wir wollten ihn ja Anselm nennen. Nicht wieder im Biergarten, hatte Anselm mit Entschiedenheit zu Weintraub am Telefon gesagt, als dieser unter Verweis auf neue und nur mündlich und unter vier Augen mitzuteilende Erkenntnisse um ein erneutes Treffen gebeten hatte. Und Weintraub hatte ohne zu Zögern geantwortet: Also gut, dann im Botanischen Garten, treffen Sie mich um Zwei Uhr, Nördliche Kalkalpen, oberhalb der Baumgrenze, Sie werden mich kaum übersehen können, und hatte aufgelegt. Nun stapfte der notorisch überpünktliche Anselm schon seit einer halben Stunde durch diese nachgemachten Gebirgslandschaften, war über Kaukasus und Hohe Tatra in die Karpaten gelangt, wähnte sich den Alpen schon nicht mehr fern, aber ein falscher Fußtritt, eine Fehlabzweigung, und plötzlich stand er am Himalaya und jetzt war es schon 4 Minuten nach Zwei.

Nervös faltete er den Lageplan, den man ihm an der Kasse mitgegeben hatte, noch einmal auf, um sich erneut zu orientieren, da hörte er auf einmal Weintraubs Stimme: „Bleiben Sie, wo Sie sind, Winter, ich seh Sie ja schon am Nanga Parbat stehen, herzlichen Glückwunsch zum Gipfelsieg, haha.“ Und stand, ganz plötzlich hinter einem fremdartig aussehenden Gebüsch hervortretend, vor ihm. „Ich bitte, die Verspätung zu apologieren“, fuhr es aus Anselm heraus, „ich bin schon seit geraumer Zeit hier, da ich den Ort aber gar nicht kenne, verirrte ich mich, ich war noch nie im Botanischen Garten, müssen Sie wissen. Allerdings fasziniert mich die Anlage auf das Äußerste, die unglaubliche Vielfalt der Pflanzenwelt wird einem hier ja ganz plastisch vor Augen geführt, noch das unscheinbarste Kraut, an dem man am Straßenrand ganz unbedacht vorbeilaufen würde, ist hier mit einem Namensschild versehen, Gattung und Art fein säuberlich bezeichnet auf Latein, das begeistert mich, diese Ordnung in der ausufernden Mannigfaltigkeit.“ Er machte hier eine Pause, da aber Weintraub nichts antwortete, fuhr er fort: „Das ist ja das Werk von Linné, Carl von Linné, den man überhaupt nicht hoch genug einschätzen kann in seiner Genialität. Was für eine Leistung: Er sieht vor sich den ins Unendliche sich verzweigenden Kosmos des Lebendigen und anstatt daran zu verzweifeln, macht er sich daran, jedes einzelne Pflänzlein genauestens zu studieren und in ein Ordnungssystem zu bringen, mit keinen anderen Instrumenten bewaffnet als seinen Augen. Er sieht, beobachtet, analysiert – und dann ordnet er ein.“

„Ha, Sichten und Ordnen, was?“, erwiderte Weintraub, hämisch auflachend. „Nein, bitte, verschonen Sie mich mit diesem Bloggeschwätz. Die hirnlosen Ergüsse dieses Herrn Fuchs, das ist doch kein Thema für Männer des Geistes, wie wir es sind.“ – „Er heißt Wolf“, replizierte Anselm leise, „aber darauf wollte ich ohnehin nicht hinaus, im Gegenteil, ich wollte darauf hinweisen, dass ohne das empirische Titanenwerk Linnés die Erkenntnisse Darwins doch überhaupt nicht möglich gewesen wären. Was jahrtausendelang einfach undenkbar gewesen war, war nun plötzlich nur noch einen Gedankensprung weit entfernt, nämlich dass Linnés nach rein äußerlichen Kriterien erstelltes System der Natur in Wahrheit ein Verwandtschaftssystem darstellt, also innere, gleichsam wesentliche Beziehungen der Lebewesen untereinander abbildet. Nur so erklärt sich ja diese überwältigende Vielfalt des Lebens, die die Menschheit seit Urzeiten in Staunen versetzt hat, nämlich durch die Erkenntnis, dass alles mit allem verwandt ist. Lass dich umarmen, mein Bruder!“, rief Anselm, der sich immer mehr in eine Erregung hineingeredet hatte, und besprang eine am Wegrand stehende Zypresse.

Mittlerweile waren sie über Karpaten und Alpen hinweggestiegen und in den Pyrenäen angelangt. Von Anselms plötzlichem Gefühlsausbruch sichtlich befremdet, räusperte sich Weintraub einige Male, bevor er zu einer Antwort anhob: „Wissen Sie“, sagte er, „Ihre jugendliche Begeisterung ist ja rührend, aber in Wahrheit ist es leider so, dass jeder Empirie ein Gestus der Affirmation innewohnt. Marx hat ja das Kapital nicht geschrieben, nachdem er Fabriken besichtigt hatte, sondern indem er die Prinzipien von Warentausch und Kapitalakkumulation ihren apriorischen Bedingungen nach untersuchte. So müssen wir das wenden, so wird ein Schuh daraus. Und was die Botanik betrifft, so muss ich Ihnen mitteilen: Ich komme seit zwanzig Jahren beinahe täglich hierher und kann Ihnen sagen, was das ist, was wir hier sehen: Masse, nichts als Masse. Tumbe Biomasse, die besinnungslos und unkritisch vor sich hin wuchert. Würden nimmermüde Gärtner diesen Wahnsinn nicht tagtäglich zurückschneiden, könnte sich hier schon lange kein Mensch mehr bewegen.“

„Aber kommen wir nun zum Eigentlichen. Sehen Sie dort drüben?“, fragte Weintraub, indem er sich schwungvoll um 180 Grad herumwendete. – „Ich kann nichts erkennen“, sagte Anselm. – „Da hinten ist das Café Treibhaus, wir müssen nur die Rocky Mountains überqueren, die haben sogar Schneider Weisse, also auf geht’s.“

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