Psssssst

Die Nachricht, dass der amerikanische Mail-Anbieter Lavabit über Nacht zugesperrt hat, ganz offenkundig unter dem Druck des Staates bzw. der Geheimdienste, erreichte mich interessanterweise über ein Blog, das sich eigentlich vorrangig der Literatur widmet, die Gleisbauarbeiten nämlich, hier zum nachlesen. Das traf mich wie ein Schock, ohne Übertreibung gesagt, wirklich ein Blitzschlag. Natürlich hatte ich vorher noch nie etwas von Lavabit gehört, ich verschlüssele meine Mails nicht, ich bin ja sogar bei facebook, komplett durchsichtig also, mein Gott, ich hab ja, haha, nichts zu verbergen und vor allem bin ich alles andere als ein Computerexperte, von Kryptographie mal ganz zu schweigen, ich bin bloß froh, wenn der Rechner läuft, und wenn er es manchmal nicht tut, steh ich ziemlich ratlos da, was sollte ich mir da noch mehr technologische Scherereien ans Bein binden, indem ich anfinge, meine harmlosen Mails zu verschlüsseln.

Aber darum geht es ja gar nicht, es geht um das grundsätzliche Recht auf freie Meinungsäußerung und vom Staat nicht überwachte Kommunikation. Dieses Recht ist nicht mehr existent, wie der Fall Lavabit zeigt. Der Betreiber der Firma, Ladar Levison, darf noch nicht einmal öffentlich über die Vorgänge sprechen, die dazu führten, dass er sich genötigt sah, den Service einzustellen. Wie hier, nach den Aufdeckungen durch Edward Snowden, die Regierung und Geheimdienste der USA nicht etwa mal ein klein bisschen zurückrudern, sondern im Gegenteil den Wahnsinn einer totalen Überwachung unter den Augen der Öffentlichkeit noch weiter treiben und noch weiter ausdehnen – das macht mich einfach sprachlos.

Weil mich die Sache nicht losließ, stöberte ich noch weiter. Dieser FAZ-Artikel zu dem Thema ist auch lesenswert, aber das Blut gefror mir in den Adern, als ich die Kommentare bei netzpolitik.org las. Da wird so ein bisschen rumgefragt, wie man nach der Schließung von Lavabit jetzt seine Mails verschlüsseln könne, was es da noch so für Anbieter gebe, und dann bricht plötzlich die Angst aus: Keine Empfehlungen, sonst macht die NSA da dann auch gleich das Licht aus.

Bildschirmfoto 2013-08-09 um 23.18.02

Dieses Psssst: Wenn wer was weiß: bloß nicht öffentlich drüber reden! Das jagte mir die schauerlichsten Gestapo-Assoziationen über den Rücken. So weit ist es jetzt: Geheimhaltung auf beiden Seiten. Die offenbar supermächtigen Geheimdienste einerseits, und die ganz normalen Bürger andererseits. Alle flüstern nur noch, keiner sagt offen heraus ein Wort. Was für eine Art Krieg ist das?

Und wie gesagt: mich selber betrifft das ja gar nicht. Ich bin ja auch nur so ein Depp von vorgestern, für den der Computer letztlich immer noch nichts anderes als eine Schreibmaschine ist, und kann diesen NSA-kritischen Text in die wundervolle, freiheitliche Welt des Westens hinausbloggen, in der völligen Sicherheit, dass morgen keine Polizisten deswegen bei mir anklopfen und mich verhaften. Aber dennoch bleibt das Gefühl, dass es in Wahrheit mit diesen Werten wie Freiheit, Verfassung, Grundgesetz, Recht auf Privatsphäre nicht mehr sehr weit her ist. Und dass in ein paar Wochen Wahl ist, und man abstimmen könnte, die Richtung ändern per Wählerstimme – das deprimiert mich nur noch mehr. Leider ist die ganze Welt aus den Fugen geraten, daran wird mein Wahlzettelchen nichts ändern.

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7 Kommentare zu “Psssssst

  1. Eine wichtige Frage, was das denn für eine Art Krieg ist! Jedenfalls gibt es jetzt (noch mehr) Mißtrauen auf allen Seiten, Koalitionen und Geheimbünde werden geschlossen, wer seine Mails verschlüsselt, der ist erst recht verdächtig, besonders dann, wenn er nach der Verschlüsselung nur Blümchenbilder verschickt, was dann ja trotzdem rauskommt, und und und. Was Deine Stimme für die kommende Bundestagswahl angeht, so mach es doch wie ich und verpachte sie einfach an Leute, die noch daran glauben, per Wahl etwas bewegen zu können! http://nwschlinkert.de/2013/08/07/geht-waehlen-leute-so-oft-ihr-koennt/

    • Nein, so weit bin ich noch nicht in Sachen Ernüchterung und Zynismus, dass ich meine Stimme verkaufen würde. Ich will ja mehr Demokratie, viel mehr, ich bin ein Verfechter der totalen Demokratie. Und auch wenn ich mit diesem Spardemokratismus, der im Moment herrscht, naturgemäß unzufrieden bin, wäre es ein falsches Signal für mich, meinen kleinen Rest an Mitbestimmung einfach zu verhökern, weil ja eh alles wurscht ist. Nein, ich werde auf jeden Fall wählen gehen, melde sozusagen Eigenbedarf an für meine Stimme.

      • Doch wen wählen? Wen stellvertretend in die Volksvertretung schicken, auf daß er oder sie in meinem Sinne handelt, wenigstens, was die Richtung betrifft? Das Verpachten der Stimme (nicht: Verhökern) hat ja nichts mit Zynismus zu tun, sondern ist eine Art Notwehr, denn wenn ich keiner Partei und keinem Kandidaten vertrauen kann und auch nicht (demokratiewidrig) taktisch wählen will, muß ich ja zwingend ungültig wählen – da kann doch jemand, der weiß, was er wählen will, das doppelt tun!

      • Leider muss ich dir mitteilen, dass die Idee des Verpachtens auf Wählerstimmen nicht übertragbar ist. Was man verpachtet, erhält man nach Ablauf des Pachtvertrages wieder zurück. Die Wahlstimme für die Bundestagswahl 2013 kriegst du nicht wieder zurück, die ist ja gar kein Besitz, sondern nur ein zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ausübbares Recht. Du verkaufst also deine Stimme, verpachten geht hier leider nicht.
        Ich versteh schon den satirischen Gehalt deiner Aktion, aber halte es dennoch für komplett verfehlt, muss ich wirklich mal sagen, sich käuflich zu machen für NPD-Leute oder andere Ideologie-Irre.

  2. In einem Gregor Eisenhaues Logbuch las ich vor ’nem Jahr vielleicht schon:
    „Was für ein genialer Coup der CIA: Facebook.

    Goldene Zeiten für alle Verschwörungstheoretiker. Noch nie waren sie so nah an der Wahrheit.“
    Mir war das damals ein bisschen zu verschwörungstheoretisch, aber vielleicht war ich auch deshalb nicht so überrascht. Ja, ich glaube, ich beneide Sie dafür, dass es Ihre Welt noch aus den Fugen geraten lassen kann und muss mich wohl fragen, warum meine Weltsicht schon so pessimistisch und zynisch werden konnte, dass diese Dinge mir nur noch als Bestätigung dienen. Aber als man da dieses Flugzeug runterholte nur weil darin der neue Staatsfeind Nr. 1 vermutet wurde, da war ich auch schockiert,.. und froh, dass die Masken fallen und man ungeschönt in die Fratze der Macht blicken kann.

    • Ja, nicht wahr, man fragt sich unwillkürlich, was da eigentlich los ist. Ein Präsidentenflugzeug wird vom Himmel geholt, weil man den Staatsfeind drin vermutet. Aber die Enthüllungen waren da ja lang schon in der Welt, das kann man ja nicht mehr rückgängig machen, und es zeigt sich ja auch, dass sich an den Überwachungspraktiken gar nichts ändert dadurch, dass die Öffentlichkeit davon jetzt Kenntnis hat. Es geht also schlicht um Rache bei solchen Flugzeugaktionen, und dadurch wird einzig bewirkt, dass wir die echt scheußliche Fratze der Macht noch ungeschönter zu sehen bekommen. Letztlich einfach dumm, ein solches Verhalten, ich hätte Obama wirklich für intelligenter gehalten. Irgendwie wird durch das alles ja auch signalisiert: Was die Bürger denken und meinen, ist eigentlich egal, wir ziehen unseren Stiefel trotzdem durch. Postdemokratie.
      (Off Topic, geehrter Herr Phorky: Duzen wir uns nicht eigentlich schon längst? Mir wär’s per Du lieber, die Siezung klingt immer so verstelzt…)

  3. @Andreas: faktisch hast Du natürlich recht, aber was soll ich machen? Abgesehen davon, daß ich mich nach Abgabe meiner Stimme bei Wahlen immer hundeelend, quasi beraubt oder marginalisiert gefühlt habe, würde ich meine Stimme ja nur an jemanden geben, der garantiert innerhalb des demokratischen Spektrums wählt. (Und natürlich geht es nur um den Symbolgehalt der Idee – eine gute Flasche Single Malt reichte mir schon als Gegenleistung.) Aber Du schriebst ja selbst: „Leider ist die ganze Welt aus den Fugen geraten, daran wird mein Wahlzettelchen nichts ändern“, woraus sich wohl ergibt, gegen die Menge der „Falschwähler“ sowieso nicht ankommen zu können. Imgrunde ist unser Wahlsystem viel, viel zu einfach, denn eigentlich müßten einzelne Bereiche der Politik quasi eigens zur Wahl gestellt werden, sagen wir mal zwanzig Bereiche (von der Schulpolitik bis hin zur Verteidigungspolitik, dem Umweltschutz, dem Verkehrswesen, der Berufsausbildung, der Asylpolitik usw.), wofür dann der einzelne Wähler zehn Stimmen hat, die er auf die Bereiche verteilt, die ihn selbst betreffen oder interessieren. Dann würden die Parteien auch nicht mehr alles dominieren, sondern wirklich nur noch helfen bei der politischen Willensbildung. Und man sage nicht, das wäre zu schwierig für die Menschen! Allerdings wird es zu so was nicht kommen, denn so wie sich keine Behörde selbst abschafft, so berauben sich auch die Parteien nicht ihres Einflusses.

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