Winter und Weintraub

Anselm Winter, der nur ungern daran erinnert wird, dass er von seinen Eltern mit dem Zweitnamen Hieronymus gestraft wurde, weswegen wir ihn hier am besten einfach nur Anselm nennen wollen – Anselm also sitzt mit schwerem Kopf an seinem Schreibtisch, gebeugt über ein Oktavheft der Firma Muji, aus dem ihn die am Vorabend verfertigten Aufzeichnungen in dürren Bleistiftlinien stumm anstarren. Zweifellos sind die niemals stillstehenden Fließbänder der Kulturindustrie nichts anderes als, liest er, und muss sofort den Blick wieder vom Heft wenden. Er schaut zum Fenster hinaus, wo nichts als Sonne tobt. Nein, sagt er laut, es geht nicht, ich kann es nicht. Es war ja ein fulminanter Nachmittag und Abend gestern, denkt Anselm, ein wahrhaft philosophischer Moment, eine Sternstunde des Geistes, aber mit dem letzten Weißbier muss irgendwas nicht gestimmt haben: mein Kopf, verflucht, mir dröhnt der Schädel.

Sie hatten sich für 15 Uhr im Biergarten verabredet gehabt. Als Anselm um 14.48 Uhr ankam, hatte Weintraub bereits dagesessen, nicht mehr gänzlich nüchtern, wie Anselm sofort bemerkt hatte. Das kann ja lustig werden, hatte er gedacht, der schwankt ja jetzt schon auf der Bierbank. Er hatte dann die verbleibenden 12 Minuten noch wartend ausgeharrt bis zur exakt abgemachten Zeit, vom Ausschankhäuschen halb verdeckt, so dass er die ganze Zeit den Weintraub auf ideale Weise beobachten konnte, ohne Gefahr zu laufen, von diesem entdeckt zu werden. Wie dick er geworden ist, hatte Anselm auf seinem Beobachtungsposten gedacht, er sieht ja aus wie Bud Spencer. Als er dann aber um punkt Drei auf Weintraub zugelaufen war, hatte dieser ihn sofort ganz überschwenglich begrüßt, alle Anzeichen der Betrunkenheit waren schlagartig von ihm abgefallen. Ahhh, da sind Sie, pünktlich wie ein Uhrwerk, hatte er ausgerufen, ich muss Ihnen sofort berichten, ich sitze hier schon seit Stunden und denke über Adorno nach, noch nie zuvor stand die innige Verknüpfung zwischen den Begriffen der Kulturindustrie und des Verblendungszusammenhangs so glasklar vor meinen Augen. Und hatte dann wirklich, ein Weißbier nach dem anderen bestellend und eine Zigarre nach der anderen paffend, dem Anselm eine so überwältigende, ja überschäumende Rede über Adorno und alles, was mit Kulturindustrie und Verblendungszusammenhang zusammenhängt, gehalten, dass dieser, durch den mitreißenden Vortrag Weintraubs aufgepeitscht ebenfalls in immer schnellerer Frequenz Weißbiere bestellend und trinkend, wie in einen Rausch geraten war, einen Rausch des Verstehens. Adorno, den er noch nie hatte begreifen können, von dem er alle Bücher immer nur angerissen hatte, um spätestens bei der Hälfte abzubrechen, wenn die Wörter nur noch wie ein Mückenschwarm vor seinen Augen tanzten und er einem unschuldig nach der Lektüre Fragenden unmöglich noch den Sinn des Gelesenen hätte angeben können – Adorno war ihm durch die Explikationen des betrunkenen Weintraub plötzlich verständlich geworden. Es hatte den Anschein gehabt, als ob Adornos Sätze, im Kopf Weintraubs neu angeordnet, für Anselm endlich lesbar geworden wären. Eine Offenbarung. Schon bald hatte er das Oktavheft, das er immer mit sich zu führen pflegte, aus der Jackentasche gezogen, und den überhaupt nicht enden wollenden Redestrom Weintraubs versucht mitzuprotokollieren, was natürlich angesichts der Schnelligkeit, mit der die Sätze aus Weintraubs Mund nur so herausschossen, allenfalls approximativ möglich gewesen war. Und deshalb, mein lieber Freund, hatte Weintraub geschlossen, als die Dunkelheit schon lang hereingebrochen war und sie fast schon die letzten Gäste waren im Biergarten „Zum Schillingsfürst“, deshalb kann man heute nicht mehr in denselben Bahnen schwimmen, wie ein Mahler oder Nietzsche, das ist für uns fremdes Gewässer, eine fremde Kultur, wir entziffern sie mühsam, wie Hieroglyphen. Zwei Weltuntergänge trennen uns von Mahler und Nietzsche. Das hat Adorno zwar erkannt, aber die Konsequenz nicht gezogen. Das ist alles.

Ja, hatte Anselm gesagt, im überwältigenden Gefühl des Verstehens, während gleichzeitig der Wirt die Rolläden des Ausschankhäuschens herunterrasseln ließ und damit unmissverständlich zum Gehen aufforderte: Genau so ist es.

Ich erzähle das übrigens nur deshalb so ausführlich, weil der Anselm selber jede Erinnerung daran verloren hat. Er starrt in sein Oktavheft und weiß nichts mehr, fragt sich, wo diese sonderbaren Zeichen herkommen und wozu das gut sein soll. „In zehn Minuten gibt’s Essen“, ruft Anselms Frau aus der Küche. „Weißt du, ob wir noch Paracetamol haben, und wenn ja, wie viele?“, ruft er zurück. „Okay“, erwidert sie.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s