Olympiabad

Heute war es ja sowas von heiß. „Wo geht man denn hin bei so einer Hitze?“, fragte mich H. in der Früh schon. Ein Hauch von Verzweiflung lag in ihrem Blick. „Bei solcher Hitze geht man an die Halbammer. Leider ist die zu weit weg, also weiß ich es nicht“, antwortete ich. Die Halbammer, ein kleiner Zufluss der Ammer, von der Oberammergau den Namen hat, führt selbst an dröhnendsten Hitzetagen eiskaltes und glasklares Gebirgswasser, herrliche Gumpen inmitten einer weißgrauen Steinwüste, umragt von schattenspendenden Fichten. Sehnsuchtsort jeden Sommer wieder, ich war schon ewig nicht mehr dort. Scheiß Berlin, dachte ich, und die Hitze heizte weiter auf, wohin jetzt also. Schließlich packte H. die Kinder ein, um in ein Kinderbad in Mitte zu fahren, schickte aber nach einer halben Stunde eine SMS nach: Sind jetzt doch im Olympiabad.

Olympiabad. Das ist was anderes, dachte ich, erledigte schnell noch die anstehenden Notwendigkeiten und fuhr dann auch da hin. Ein seltsamer Ort, aber komischerweise einer, an dem ich mich wohlfühle. Die Naziarchitektur des Olympiastadions in ihrer ganzen abweisenden Übergröße schüchtert mich immer erstmal ein, aber dann erinnert mich dieses Stadion auch an seinen kleinen Bruder, das Skistadion in Garmisch, an dem ich unzählige Male vorbeifuhr, als meine Eltern beide im Garmischer Krankenhaus lagen, und auch dieses Jahr wieder, als meine Mutter nochmal drin war, glücklicherweise nur für eine Woche. Das seltsame Gefühl, diese Olympiade 1936 hätte irgendwas mit meiner Biographie zu tun, Garmisch – Berlin, als würde durch die Verwandtschaft dieser beiden Stadien die Entfernung zwischen Berlin und meiner Heimat irgendwie weggekürzt, aus der Welt geschafft, ein Wurmloch. Und tatsächlich: als ich dann auf die herrliche Liegewiese hinaustrat, fühlte ich mich schlagartig wie mit fünfzehn im Wellenbad. Junge Menschen um mich herum, kühlendes Wasser, befreites Planschen, die Kinder im Wasserwahn, Pommes mit Ketchup und Dösen im Schatten.

Und dann fragt mich der Weintraub per Mail, ob ich die Negative Dialektik eigentlich gelesen hätte, was ich dazu dächte, ob das nicht ein sehr tiefschürfendes Werk wäre, das uns in unseren philosophischen Bestrebungen vielleicht ein entscheidendes Stück weiter tragen könnte. Nein danke, lieber Weintraub, bin grad eher ganz positivistisch am Baden. Erzähl mir später gern, was da drin steht. (Bestimmt ein rechter Schmarrn, dachte ich, schrieb das dem Weintraub aber natürlich nicht, sonst wäre er womöglich noch beleidigt.)

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3 Kommentare zu “Olympiabad

  1. Ein schöner Text, der auch gleich mit der Frage anhebt, die auch mich beschäftigt, nämlich wohin denn nur bei dieser Hitze! In der Tat würde ich gerne einfach mit dem Motorrad ins nächste Mittelgebirge fahren, ein paar Höhenmeter machen da ja schon eine Menge aus, aber leider geht das in Berlin nicht, denn wenn der Barnim auch schön ist, hoch ist er nicht. Früher mal, in meinem frühen Erwachsenendasein, da waren es nur ganz, ganz wenige Kilometerchen, über die Ruhrbrücke und dann ab in die Berge und notfalls in die immerkühle Dechenhöhle – aber man kann eben, weil Berlin vieles schuldig bleiben muß, nicht alles haben! Als blieb ich bei kühlen 25° Grad in meiner Wohnung und las den Schirmbeck mit wachsender Begeisterung, wenngleich er in den Bergen womöglich noch besser gewesen wäre!

  2. Ein herausragender, ein nahezu epochaler Text, weil er, wie ich ihn lese, einen ganz zentralen Punkt des gegenwärtigen Weltgeschehens ins Auge fasst, der im Allgemeinen mit Stillschweigen übergangen wird, weil er sich auf einer Ebene abspielt, von der (und von deren Existenz schon) die allermeisten schlicht keine Ahnung haben. Und zwar drückt der Text sich in löblicher Weise nicht davor, ganz deutlich zu sagen: Natürlich, darüber müssen wir nicht reden, das Geschlecht der Geistesmenschen ist eines, das vom Aussterben bedroht ist! Heute wandert man durchs Wurmloch im Kopf in die Kindheit zurück und fühlt sich als Schrumpffigur sauwohl, gewissermaßen als Zwerg auf den Schultern eines noch größeren resp. kleineren Zwerges. Das ist grandiose Satire, uneigentliches Sprechen katexochen! Man kann es natürlich auch deutlicher sagen, unverblümter, denn ein Schwimmbad, der archetypische Ort der Nacktheit, ist kein Platz für Maskenspiele: Die Stunden der Abenteurer des Geistes sind gezählt. Und? Was zeichnete die Geistesmenschen denn aus, was machte sie so besonders? In einem Worte: Die Fähigkeit, aus dem Festgestellten das Feststehende werden zu lassen! Wo der Geistesmensch, der herausragende Mensch eine Beobachtung machte, ereignete sich eine Offenbarung: aus leerem Geschehen ward ein Akt der Wahrheit. Die Tat des Geistesmenschen rief gewissermaßen aus dem Gewimmel der Nichtigkeiten, das wir als Alltag erleben (der ja genau wegen dieser innersten Substanzlosigkeit so erschöpfend und enervierend auf nicht ganz und gar Verblödete wirkt), Knotenpunkte von Tatsachen hervor, sie verknüpfte Tatsachen mit elementarer Gewalt zu Bedeutungen, die ihrerseits Aufmerken provozierten, stocken ließen, anstießen, in die breite Wahrnehmung drangen. Es war die Fähigkeit, historische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse zu produzieren, so kann man es sagen, die dem Abendland die Geistesmenschen hat wesentlich werden lassen. Wir werden sie vermissen. Ereignisse werden von nun an von armseligen Idioten in PR- und Marketing-Agenturen mühsam gefälscht werden müssen. Schöner als mit dem Kontrast von Olympiastadion und Skistadion in Garmisch hätte man es nicht sagen können. Danke für diesen Text!

    • Woran aber ließe sich das festmachen, dass Kultur und Geist derart im Verfall begriffen seien, wie es die langsam verkalkende Generation der neu heranreifenden immer wieder klarmachen zu müssen glaubt?

      Daran, wie sehr man für ein geisteswissenschaftliches Studium belächelt wird: „Was willste denn damit machen?“ – an der alternden sich ausdünnenden Theaterlandschaft (falls dem so ist) – daran dass hier wie immer verzögert auch die amerikanischen Verhältnisse Einzug halten, nach der ein Professor ungefähr dieselbe Achtung verdient wie ein Busfahrer, aber dem Manager in der fetten Karre die Welt gehört?
      [Ist es nicht an jeder Generation, an jedem Einzelnen wieder von neu die bestehenden Verhältnisse zu erkennen und so weit das kleine erbärmliche Licht eben reicht sie zu durchschauen – ob es Ideologien, Werbung, oder die Gemeinschaft ist, die einem die Sinne vernebeln möchte?]

      Sind die Lenker in den oberen Glaskastensphären nur wirklich so geistlos, auch wenn sie zum Gangnam-Style genötigt, sich diesem ergeben oder predigen, der Rohstoff Identität werde nur noch digital gehandelt werden (womit wir noch ordentlich radioaktive Altlasten beimischen sollten)? Warum, wenn Bildung nichts wert sei, strampeln sich alle so ab ihrem Dreijährigen schon Klavier und Chinesisch angedeihen zu lassen – sind dies wirklich nur noch Residuen, ein paar Muschelsplitter in der allmählich auslaufenden, verebbenden Brandung?

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