De Comoedia (Aristoteles, verschollen)

Heute morgen fiel mir eine Stelle aus der Kafka-Biographie wieder ein, die mir nicht mehr ganz genau erinnerlich war, und ich fing sofort an zu blättern, hatte aber keine rechte Vorstellung mehr, wo die Stelle genau zu suchen sei, im ersten Band auf jeden Fall, aber viel mehr wusste ich nicht mehr. Das ist auch das Herrliche an den alten Büchern: man muss blättern. Die Suchfunktion eines E-Books hätte mir die Stelle sofort gemeldet. Gesucht: gefunden. Beim Blättern findet man aber Dinge, die man gar nicht suchte, und das ist doch eigentlich wundervoll. Ich blätterte also herum und las mich dann noch einmal fest bei der Verwandlung, wo ich über diese Stelle stolperte:

[D]ie allererste Wirkung, die den unvorbereiteten Leser der Verwandlung trifft, ist universell: Es ist die des Horrors.  (Reiner Stach: Kafka, Die Jahre der Entscheidungen, S. 222.)

Und da ich die Verwandlung ja gerade kürzlich erst nochmal gelesen hatte, dachte ich sofort: Falsch. Die erste Wirkung, die den Leser der Verwandlung trifft, ist die der Komik. Gerade der Beginn der Erzählung, wo die allererste Wirkung sich also einstellt, gehört für mich zum Lustigsten, was ich je gelesen habe: Gregor Samsa erwacht bekanntermaßen eines Morgens als ein riesiges Ungeziefer. „Was ist mit mir geschehen?“, fragt er sich, aber gleich sein nächster Gedanke ist: „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“, während er gleichzeitig mit seinem neuen Insektenkörper kämpft, den er noch gar nicht richtig zu steuern versteht, sich im Bett hin- und herschaukelt, um aus der Rückenlage zu kommen, was ihm aber nicht gelingt. Und sein nächster Gedanke ist dann: „Ach Gott, […] was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt! Tag aus, Tag ein auf der Reise. Die geschäftlichen Aufregungen sind viel größer als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem ist mir noch die Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher Verkehr.“ Und so lamentiert der im Bett liegende Käfer immer weiter, über seinen Chef, das frühe Aufstehen, seine Schulden – über lauter ganz normale Dinge, als wäre eigentlich nichts besonderes passiert. Im Gegenteil, er schwingt sich in Gedanken sogar zu kühnen Zukunftsplänen auf, während er gleichzeitig die neuen Käferbeine kaum unter Kontrolle bekommt, will kündigen und ein neues Leben beginnen: „Nun, die Hoffnung ist noch nicht gänzlich aufgegeben; habe ich einmal das Geld beisammen, um die Schuld der Eltern an ihn abzuzahlen – es dürfte noch fünf bis sechs Jahre dauern –, mache ich die Sache unbedingt. Dann wird der große Schnitt gemacht. Vorläufig allerdings muss ich aufstehen, denn mein Zug fährt um fünf.“

Ein im Bett liegender Riesenkäfer, der darüber nachdenkt, dass er den Fünf-Uhr-Zug noch kriegen muss – ich finde das irre lustig. Und Horror empfinde ich dabei seltsamerweise überhaupt nicht, der Horror kommt später und hat gar nichts mit der Insektengestalt Samsas zu tun, sondern liegt im Sozialen: Wie die Familie sich von ihm abwendet, ihn loswerden, ihn vernichten will usw.: Das ist dann der Horror. Aber die ersten Seiten über habe ich nur gelacht.

Ich erzählte das H. beim Mittagessen und sie hatte dazu auch gleich eine Geschichte parat: Wie ihr früherer Theaterprofessor in einem Seminar einmal Kafkas Geschichte vom Dorfschullehrer vorgelesen habe und ab einem gewissen Punkt nicht mehr habe weiterlesen können, weil er vor Lachen fast vom Stuhl gefallen wäre. Sie schnappte sich auch gleich das Kafkabuch und las mir den Anfang vor:

Diejenigen, ich gehöre zu ihnen, [und bereits hier sei der Professor rot angelaufen, um das Lachen zu unterdrücken] die schon einen kleinen gewöhnlichen Maulwurf widerlich finden, wären wahrscheinlich vom Widerwillen getötet worden, wenn sie den Riesenmaulwurf gesehen hätten, der vor einigen Jahren in der Nähe eines kleinen Dorfes beobachtet worden ist, das dadurch eine gewisse vorübergehende Berühmtheit erlangt hat. Jetzt ist es allerdings schon längst wieder in Vergessenheit geraten und teilt damit nur die Ruhmlosigkeit der ganzen Erscheinung, die vollständig unerklärt geblieben ist, die man aber zu erklären sich auch nicht sehr bemüht hat und die infolge einer unbegreiflichen Nachlässigkeit jener Kreise, die sich darum hätten kümmern sollen und die sich tatsächlich angestrengt um viel geringfügigere Dinge kümmern, ohne genauere Untersuchung vergessen worden ist.

Sie las noch weiter und deutete immer an, wie der Professor in immer unkontrolliertere Lachanfälle ausgebrochen sei, bis er schließlich wirklich vor Lachen nicht mehr weiterlesen habe können. Und wir lachten uns ebenfalls kaputt, bei unserer kleinen Kafka-Lesung am Mittagstisch, das ist einfach total lustig und komisch, ein so spaßiges Mittagessen hatte ich lang nicht mehr.

Natürlich ist der Horror in all diesen Texten auch immer anwesend. Horror und Komik stehen bei Kafka in einem ganz seltsamen, nie ganz klar auszudeutenden Verhältnis zueinander. Aber dass selbst der sehr um Objektivität bemühte Stach die erste und übermächtige Wirkung der Verwandlung auf den reinen Horror reduziert und kein Wort über die in der Erzählung ganz klar auch vorliegende irrsinnige Komik verliert, zeigt doch, dass das Phantombild von Kafka, das ihn als einen von Alpträumen gepeinigten Propheten kommender Menschheitskatastrophen verklärt, immer noch die unbefangene Lektüre dieses Autors verstellt. Der Verlust von Aristoteles’ Schrift über die Komödie scheint bis heute unser Lesen zu beeinflussen. Alle sehen immer nur das Tragische in den Büchern, diesem wird hohe Bedeutung zugemessen. Das Lustige ist hingegen von geringerem Rang und wenn es irgend geht, wird es zugunsten des Horrors einfach unter den Tisch gekehrt, damit man die Ikone Kafkas als die eines reinen Tragikers weiter auf dem Altar stehen lassen kann um da sein trauriges Kerzlein anzuzünden. Das halte ich für unsinnig und falsch, und wenigstens einen Theaterprofessor weiß ich nun dabei auf meiner Seite, das ist ja auch schon mal was. (Der Name des Gelehrten ist nicht genannt, aber aus verschiedenen Nebenumständen lässt sich erraten, wer es gewesen ist.)

Übrigens fand ich die Stelle, die ich eigentlich gesucht hatte, bei meinem Blättern schließlich auch noch. Vielleicht erzähle ich davon demnächst auch nochmal, aber wahrscheinlicher ist es, dass jetzt nach langer Zurückhaltung in den Kommentaren endlich der Proteststurm losbricht: „Hör endlich auf mit deinem ewigen Kafka, das wächst sich ja zum Horror aus, du lächerlicher Komiker.“ Dann muss ich mir was anderes überlegen. Oder auch nicht.

Herrndorf ist tot

Heute um zwei klingelte das Telefon: H. rief an, mit Tränen in der Stimme: Herrndorf ist tot. Es kam nicht völlig überraschend, in seinem Blog hatte man ja lesen können, wie es immer weniger wurde mit ihm, die epileptischen Anfälle sich mehrten, die sprachlichen und kognitiven Ausfälle. Aber in dem Moment traf es mich dann doch wie der Schlag.

Wie die meisten entdeckte ich Herrndorf über sein Erfolgsbuch Tschick. Ich las Tschick in der Küche meiner Schwiegermutter, damals auf Wohnungssuche in Berlin. Tagsüber besichtigte ich Wohnungen und abends las ich Tschick. Dass es überhaupt möglich war, einen Roman, der von Momenten vollkommener Freiheit erzählt, im sehr realistisch beschriebenen Deutschland von heute spielen zu lassen, begeisterte mich vom Fleck weg. In Plüschgewittern und Diesseits des Van-Allen-Gürtels las ich danach direkt hinterher. Und dann erfuhr ich erst von seiner Krebserkrankung und von dem Blog Arbeit und Struktur, das heute dann mit dem Kapitel Schluss sein Ende fand. Traurig.

Misterioso, Scherzo, Käsebrot

Da ich mich hier ohnehin schon bis aufs Mark entblöße, kann ich korrigierend oder scharfstellend auch dies noch hinzufügen, damit meine zahlreichen Leser mal ein vernünftiges Bild von mir bekommen: Ich bin ein zutiefst uneiliger Mensch, die Schnecke ist mein Totemtier, ich hab’s gern alles etwas langsamer und richte mein Leben nach Kräften so ein, dass ich möglichst selten in Eile gerate. Das treibt meine Zeitgenossen in den Wahnsinn, ich halte zum Beispiel vor einer gelben Ampel und dann hupen die drei hinter mir Fahrenden, was ihre Tröten hergeben, weil sie alle nach mir bei Rot auch noch schnell über die Kreuzung geflutscht wären und mein Trödlertum macht ihnen dann den Strich durch die Rechnung. Ich bin wirklich anders als die andern. Während ich bei Gelb bremse, geben die andern bei Rot erst richtig Gas, aber dies nur nebenbei, denn eigentlich will ich von Gulasch sprechen.

Das Gulasch ist ein Gericht, das Zeit braucht, und das gefällt mir. Die größte Hürde beim Gulaschkochen ist der Anfang, denn erstmal muss man ein Kilo Zwiebeln schälen und würfeln, das geht nicht ohne Tränen ab und ermüdet auch das messerführende Handgelenk. Und dann muss man diese Zwiebelmasse ungefähr eine Stunde lang unter ständigem Rühren auf kleiner Flamme braten, bis sie eine goldbraune Farbe bekommt, ohne dabei zu verbrennen. H. und die Kinder waren in der Stadt unterwegs, also konnte ich mir während dieser kontemplativen Beschäftigung mit den Zwiebeln ungestört Bruckners Neunte anhören. Gibt es ein besseres Musikhören? Das schwelgerische Seitenthema des Misterioso lenkte meine Hand beim Umwenden der Zwiebeln, und als sie schon langsam bräunten schlug ich mit den synkopierten Schlägen des Scherzo die Zwiebelwürfel vom Kochlöffel in den Topf zurück. Genau im kritischen Moment, wo die Neunte gerade verklungen war und die ersten Zwiebelwürfel ins allzu schwärzliche umzuschlagen begannen, kam die Familie zurück und der Sohn stand in der Küchentür und brüllte: „Äseboot!“ Aus der Langsamkeit hinausgeschlagen war jetzt plötzlich Tempo angesagt, Paprika und Tomatenmark auf die Zwiebelmasse, kurz mitbraten und währenddessen Bruckner durch Helge Schneider ersetzen, dann Fleischbrühe aufgießen und das Fleisch rein, Knoblauch, Kümmel, Majoran, Lorbeer dazu, Herd runterschalten und ab da macht das Gulasch alles von allein und ich konnte mit den Kindern wie närrisch zum laut aufgedrehten Käsebrotlied durch die Küche tanzen und mich mit ihnen auf dem Boden wälzen. Käsebrot ist ein gutes Brot.

Und das wollte ich ja eigentlich bloß kurz mitteilen als kleinen Tipp unter uns Hobbyköchen: Ist man einmal durch die brucknerische Misteriosohölle des Zwiebelschneidens und Zwiebelbratens gegangen, dann ist das Gulaschkochen der reinste Spaß und die Semmelknödel machten sich zu den Klängen von Lady Suppenhuhn dann auch praktisch wie von selbst. Und es schmeckte allen gut.

Plötzlicher Spaziergang

Schon öfter habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn ein Thema dich vollständig im Griff hat, dann springt es plötzlich von überall her auf dich zu, auch aus Ecken, wo du es gar nicht gesucht hast und als Letztes vermuten würdest.

So ging ich heute mit meiner Tante, die allerdings für ihre abrupten Themenwechsel berühmt ist, im schönsten Sonnenschein an der Spree entlang und sie beschrieb mir genau, wie es dazu kam, dass sie sich verlaufen hatte und den Weg zu unserem Haus nicht finden konnte. Sie sei erst die Mehringdorfer Straße entlang gelaufen und habe geglaubt, diese führe dann zur Mierenwerder Straße, sei dann aber nicht, wie erwartet, auf die Mierenwerder sondern auf die Nordener Straße gestoßen, was sie so verwirrte, dass sie die Nordener Straße dann eben nicht rechts entlang gelaufen sei, wie es richtig gewesen wäre, sondern links entlang bis sie schließlich an der Ecke Winzigeroder Straße sich eingestehen musste, dass sie sich verirrt hatte und mich von dort aus dann also angerufen habe, übrigens habe Kafka ja auch in Berlin gelebt, das habe sie in einem Buch gelesen kürzlich, vorher war er allerdings wohl in Prag gewesen, das habe sie auch gar nicht gewusst und sich keinen rechten Reim darauf machen können, tuberkulosekrank sei er wohl gewesen und von seiner Geliebten oder Freundin auf rührende Weise gepflegt worden.

Ich verstand das natürlich als direkte Anspielung auf meinen hier zelebrierten Kafka-Wahn und fragte sie direkt, ob sie mein Blog in letzter Zeit gelesen habe. Sie versicherte aber glaubwürdig, dass sie schon seit Wochen nicht mehr draufgeklickt habe, sie hat es nicht so mit dem Internet, nein, sie habe ein Buch darüber gelesen, dessen Titel ihr jetzt leider ums Verrecken nicht mehr einfalle, gekauft habe sie es allein aufgrund des schönen Einbands, der Titel sei auch irgendwie ansprechend gewesen und habe gar nicht auf Kafka hingedeutet, wenn sie gewusst hätte, dass es in dem Buch um Kafka geht, hätte sie es womöglich gar nicht gekauft, es hätte ihr dann aber sehr gut gefallen, wenn sie jetzt zuhause wäre, würde sie mir den Titel des Buches schnell aufschreiben und mir das Buch dann zuschicken, die mittlerweile abgeschaffte Tuberkulose-Impfung würde sie weiterhin für sinnvoll erachten, während doch die Pneumokokken-Impfung ein wahrhafter Unsinn sei.

So redeten wir und liefen immer weiter am Fluss entlang und landeten schließlich in einem französischen Restaurant, wo wir sehr gut zu Mittag aßen.

Sonderbare Eröffnungen

Der Partner eines Journalisten wird am Flughafen Heathrow neun Stunden lang festgehalten und verhört, unter Verweis auf einen sogenannten Terrorism Act. Der Beistand eines Anwalts wird ihm verweigert. Im Keller einer Londoner Zeitungsredaktion werden unter der Aufsicht von Geheimdienstleuten Laptops zertrümmert, offenbar auf Betreiben höchster Regierungsbeamter hin. In Amerika wird ein Mann, der gewisse Wahrheiten über die Kriegsführung der USA im Irak und Afghanistan an die Öffentlichkeit gebracht hat, zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt.

Plötzlich erscheint es mir völlig logisch und überhaupt nicht mehr zufällig, dass ich zur Zeit so obsessiv Kafka lese. Gestern „In der Strafkolonie“ gelesen, und heute abend gleich noch einmal:

Der Reisende hatte Verschiedenes fragen wollen, fragte aber im Anblick des Mannes nur: „Kennt er sein Urteil?“ „Nein“, sagte der Offizier und wollte gleich in seinen Erklärungen fortfahren, aber der Reisende unterbrach ihn: „Er kennt sein eigenes Urteil nicht?“ „Nein“, sagte der Offizier wieder, stockte dann einen Augenblick, als verlange er vom Reisenden eine nähere Begründung seiner Frage, und sagte dann: „Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib.“ Der Reisende wollte schon verstummen, da fühlte er, wie der Verurteilte seinen Blick auf ihn richtete; er schien zu fragen, ob er den geschilderten Vorgang billigen könne. Darum beugte sich der Reisende, der sich bereits zurückgelehnt hatte, wieder vor und fragte noch: „Aber daß er überhaupt verurteilt wurde, das weiß er doch?“ „Auch nicht“, sagte der Offizier und lächelte den Reisenden an, als erwarte er nun von ihm noch einige sonderbare Eröffnungen. „Nein“, sagte der Reisende und strich sich über die Stirn hin, „dann weiß also der Mann auch jetzt noch nicht, wie seine Verteidigung aufgenommen wurde?“ „Er hat keine Gelegenheit gehabt, sich zu verteidigen“, sagte der Offizier und sah abseits, als rede er zu sich selbst und wolle den Reisenden durch Erzählung dieser ihm selbstverständlichen Dinge nicht beschämen. „Er muß doch Gelegenheit gehabt haben, sich zu verteidigen“, sagte der Reisende und stand vom Sessel auf.

Der Offizier erkannte, daß er in Gefahr war, in der Erklärung des Apparates für lange Zeit aufgehalten zu werden; er ging daher zum Reisenden, hing sich in seinen Arm, zeigte mit der Hand auf den Verurteilten, der sich jetzt, da die Aufmerksamkeit so offenbar auf ihn gerichtet war, stramm aufstellte – auch zog der Soldat die Kette an –, und sagte: „Die Sache verhält sich folgendermaßen. Ich bin hier in der Strafkolonie zum Richter bestellt. Trotz meiner Jugend. Denn ich stand auch dem früheren Kommandanten in allen Strafsachen zur Seite und kenne auch den Apparat am besten. Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere Gerichte über sich. Das ist hier nicht der Fall.“ (Franz Kafka, In der Strafkolonie. Kritische Ausgabe: „Drucke zu Lebzeiten“, S. 211f.)

Eine faszinierende Erzählung. Der Offizier rühmt und preist seitenlang den Apparat, die Folterungs- und Exekutionsmaschine, die Urteilsfindung ist ihm völlig nebensächlich. Die Schuld ist immer zweifellos. Am Ende aber wird nicht der eigentlich Verurteilte exekutiert, sondern der Offizier selber legt sich scheinbar freiwillig in seine geliebte Maschine und wird von ihr getötet, nachdem der Reisende ihm eröffnet, dass er diese Gerichts- und Exekutionspraxis ablehnt und für verwerflich hält. Scheinbar war der Reisende, der sich selbst doch nur als einen ganz neutralen Beobachter in der Strafkolonie ansah, zum Richter bestimmt gewesen. Indem er die Tötungsmaschine ablehnt, überantwortet er deren Fürsprecher genau der Maschine selbst, die er doch eigentlich für unmenschlich hält.

Als zur Kafka-Lektüre gezwungener Schüler waren mir diese für Kafka so typischen Paradoxien immer irgendwie zu verkopft, verkrampft, ausgedacht. „Die Verwandlung“ wurde über Wochen im Deutschunterricht zerlegt, mich ödete das damals furchtbar an. Und jetzt fress ich diese Texte wie ein Süchtiger und sie scheinen mir ein wahrhaftigerer Spiegel der wirklichen Welt von heute, als jede Tagesschau.

Verwandlung

Bei zugezogenen Vorhängen heute nachmittag die Kafka-Biographie fertig gelesen. Deprimierend eigentlich dieses Gefühl, zwanzig oder dreißig Seiten vor dem Ende, dass man den Tod des Protagonisten jetzt kaum mehr erwarten kann, da er ja ohnehin unausweichlich ist, das Sterbedatum ist bekannt. Ich las das dann ganz schnell weg, damit der arme Kafka möglichst schnell sterben dürfe. Seine Schwestern sind alle in Nazi-Lagern umgekommen, die Mehrzahl seiner Freunde und Geliebten auch, Milena starb im KZ Ravensbrück. Da muss man ja froh sein, dass die Tuberkulose ihn vorher tötete, bevor es die Nazis tun konnten, aber es beklemmt einen auch, wie der tuberkulöse Kafka da allein mit dem Ersticken ringt, und du als Leser weißt: zwanzig Jahre später ersticken Millionen im Gas.

Verrückt machte mich die Episode, als Dora Diamant nach Kafkas Tod dem Max Brod glaubhaft versicherte, zwanzig von Kafka vollgeschriebene Hefte vor dessen Augen und auf seinen Wunsch hin verbrannt zu haben. Brod drehte durch, als er das hörte, und in Wahrheit lagen die Hefte unversehrt in Doras Kleiderschrank. Als aber zehn Jahre später die Gestapo in Dora Diamants Wohnung eindrang und alles Geschriebene konfiszierte, da wurde es plötzlich ernst, und sie wandte sich an Brod, gestand ihm, dass die Hefte nicht verbrannt, sondern jetzt in der Hand der Gestapo waren. Er bemühte sich auch sofort, über Mittelsmänner die Hefte wieder herauszubekommen, aber vergeblich. Dieses Spätwerk Kafkas wird für immer verloren bleiben.

Heute leben wir in einer so kafkaesken Welt, wie selbst Kafka sie sich kaum hätte vorstellen können. Wenn ich morgen als ein großes Ungeziefer erwachte, würde ich mich wahrscheinlich kaum wundern.

Die Gedenktafel, die daran erinnert, dass Kafka kurz vor seinem Tod in diesem Haus in Steglitz wohnte, sieht auf Google-Streetview so aus:

Bildschirmfoto 2013-08-18 um 21.31.46

Da hör ich doch den Kafka förmlich lachen.

Im Gebirg

Auf einem Gipfel des Himalaya stand Winter und blickte herum: Kein Weintraub weit und breit. Offenkundig hatte Winter sich verlaufen, aber entschuldigung, wir wollten ihn ja Anselm nennen. Nicht wieder im Biergarten, hatte Anselm mit Entschiedenheit zu Weintraub am Telefon gesagt, als dieser unter Verweis auf neue und nur mündlich und unter vier Augen mitzuteilende Erkenntnisse um ein erneutes Treffen gebeten hatte. Und Weintraub hatte ohne zu Zögern geantwortet: Also gut, dann im Botanischen Garten, treffen Sie mich um Zwei Uhr, Nördliche Kalkalpen, oberhalb der Baumgrenze, Sie werden mich kaum übersehen können, und hatte aufgelegt. Nun stapfte der notorisch überpünktliche Anselm schon seit einer halben Stunde durch diese nachgemachten Gebirgslandschaften, war über Kaukasus und Hohe Tatra in die Karpaten gelangt, wähnte sich den Alpen schon nicht mehr fern, aber ein falscher Fußtritt, eine Fehlabzweigung, und plötzlich stand er am Himalaya und jetzt war es schon 4 Minuten nach Zwei.

Nervös faltete er den Lageplan, den man ihm an der Kasse mitgegeben hatte, noch einmal auf, um sich erneut zu orientieren, da hörte er auf einmal Weintraubs Stimme: „Bleiben Sie, wo Sie sind, Winter, ich seh Sie ja schon am Nanga Parbat stehen, herzlichen Glückwunsch zum Gipfelsieg, haha.“ Und stand, ganz plötzlich hinter einem fremdartig aussehenden Gebüsch hervortretend, vor ihm. „Ich bitte, die Verspätung zu apologieren“, fuhr es aus Anselm heraus, „ich bin schon seit geraumer Zeit hier, da ich den Ort aber gar nicht kenne, verirrte ich mich, ich war noch nie im Botanischen Garten, müssen Sie wissen. Allerdings fasziniert mich die Anlage auf das Äußerste, die unglaubliche Vielfalt der Pflanzenwelt wird einem hier ja ganz plastisch vor Augen geführt, noch das unscheinbarste Kraut, an dem man am Straßenrand ganz unbedacht vorbeilaufen würde, ist hier mit einem Namensschild versehen, Gattung und Art fein säuberlich bezeichnet auf Latein, das begeistert mich, diese Ordnung in der ausufernden Mannigfaltigkeit.“ Er machte hier eine Pause, da aber Weintraub nichts antwortete, fuhr er fort: „Das ist ja das Werk von Linné, Carl von Linné, den man überhaupt nicht hoch genug einschätzen kann in seiner Genialität. Was für eine Leistung: Er sieht vor sich den ins Unendliche sich verzweigenden Kosmos des Lebendigen und anstatt daran zu verzweifeln, macht er sich daran, jedes einzelne Pflänzlein genauestens zu studieren und in ein Ordnungssystem zu bringen, mit keinen anderen Instrumenten bewaffnet als seinen Augen. Er sieht, beobachtet, analysiert – und dann ordnet er ein.“

„Ha, Sichten und Ordnen, was?“, erwiderte Weintraub, hämisch auflachend. „Nein, bitte, verschonen Sie mich mit diesem Bloggeschwätz. Die hirnlosen Ergüsse dieses Herrn Fuchs, das ist doch kein Thema für Männer des Geistes, wie wir es sind.“ – „Er heißt Wolf“, replizierte Anselm leise, „aber darauf wollte ich ohnehin nicht hinaus, im Gegenteil, ich wollte darauf hinweisen, dass ohne das empirische Titanenwerk Linnés die Erkenntnisse Darwins doch überhaupt nicht möglich gewesen wären. Was jahrtausendelang einfach undenkbar gewesen war, war nun plötzlich nur noch einen Gedankensprung weit entfernt, nämlich dass Linnés nach rein äußerlichen Kriterien erstelltes System der Natur in Wahrheit ein Verwandtschaftssystem darstellt, also innere, gleichsam wesentliche Beziehungen der Lebewesen untereinander abbildet. Nur so erklärt sich ja diese überwältigende Vielfalt des Lebens, die die Menschheit seit Urzeiten in Staunen versetzt hat, nämlich durch die Erkenntnis, dass alles mit allem verwandt ist. Lass dich umarmen, mein Bruder!“, rief Anselm, der sich immer mehr in eine Erregung hineingeredet hatte, und besprang eine am Wegrand stehende Zypresse.

Mittlerweile waren sie über Karpaten und Alpen hinweggestiegen und in den Pyrenäen angelangt. Von Anselms plötzlichem Gefühlsausbruch sichtlich befremdet, räusperte sich Weintraub einige Male, bevor er zu einer Antwort anhob: „Wissen Sie“, sagte er, „Ihre jugendliche Begeisterung ist ja rührend, aber in Wahrheit ist es leider so, dass jeder Empirie ein Gestus der Affirmation innewohnt. Marx hat ja das Kapital nicht geschrieben, nachdem er Fabriken besichtigt hatte, sondern indem er die Prinzipien von Warentausch und Kapitalakkumulation ihren apriorischen Bedingungen nach untersuchte. So müssen wir das wenden, so wird ein Schuh daraus. Und was die Botanik betrifft, so muss ich Ihnen mitteilen: Ich komme seit zwanzig Jahren beinahe täglich hierher und kann Ihnen sagen, was das ist, was wir hier sehen: Masse, nichts als Masse. Tumbe Biomasse, die besinnungslos und unkritisch vor sich hin wuchert. Würden nimmermüde Gärtner diesen Wahnsinn nicht tagtäglich zurückschneiden, könnte sich hier schon lange kein Mensch mehr bewegen.“

„Aber kommen wir nun zum Eigentlichen. Sehen Sie dort drüben?“, fragte Weintraub, indem er sich schwungvoll um 180 Grad herumwendete. – „Ich kann nichts erkennen“, sagte Anselm. – „Da hinten ist das Café Treibhaus, wir müssen nur die Rocky Mountains überqueren, die haben sogar Schneider Weisse, also auf geht’s.“