Tasten

Nach zehn Tagen Urlaub im Elfenbeinturm bedrängt mich jetzt die Angst, dass der Terror mich morgen sofort niederdrückt, dieser Faktenterror, Terminterror, Erledigungswahnsinn, wo ich es doch in zehn Tagen der absoluten Ungestörtheit nicht einmal geschafft habe, mal zum Friseur zu gehen, die Haare wuchern in alle Richtungen. Wie soll ich da Formularirrsinn auskämpfen, mit Ämtern telefonieren? Eigentlich will ich nur mit Clara und Jakob auf dem Sofa sitzen und Kinderfernsehen schauen. Hatte ich jemals den Anspruch erhoben, erwachsen zu sein? Nein, und ich weigere mich auch weiterhin, aber die Stimme, die dies sagt, wird älter und schwächer. Ach, wäre ich doch Musiker geworden und könnte mein Inneres in Musik ausdrücken anstatt in nichtssagender Schrift. Heute Mondscheinsonate gespielt, erster und zweiter Satz, an das Finale ist natürlich nicht zu denken. Ich hörte es zwar, es raste in meinem Kopf sofort los, nachdem ich den letzten Akkord des Allegretto hingesetzt hatte, und wusste doch, weiß es einfach, dass ich das niemals werde spielen können. Das unbeholfene Klimpern war dennoch, trotz aller Stümperei, schöner und befriedigender als jedes Gehacke auf der Buchstabentastatur. Da erklingt wenigstens was, auf dem Klavier, eine Polyphonie. Auf den Buchstabentasten immer nur klack klack klack. Und der Wind, der jetzt kühlend endlich aufkommt, bläst auf der Bierflasche auch nur ein ganz monotones Lied: huuh, huuh.

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13 Kommentare zu “Tasten

  1. Ich lese, so wie Du ja auch, des öfteren grandiose und innerlich widerhallende Texte, im Moment Heinrich Schirmbeck, und wäre in der Tat ziemlich unglücklich, wenn ich nicht glaubte, es qualitativ selbst so weit, nämlich ins Finale bringen zu können, wenn es denn so sein soll. Was man am besten kann (können kann), hat sich halt irgendwann entschieden, ganz gleich, warum – Du schreibst zum Beispiel hier auf Deinem Blog meist schöne und anregende Texte, von dem hier oben einmal abgesehen. (Was gäbe ich darum, den ersten und zweiten Satz der Mondscheinsonate auch nur auf der Mundharmonika spielen zu können! Echt ma‘!)

    • Dazu wäre jetzt einiges zu sagen, von der Musik und der Mundharmonika schweige ich gleich schon mal. Aber wenn das Verfassen anregender und meist schöner Blogtexte das Beste war, was ich je können hätte können, dann kann ich mich ja gleich an den nächsten Baum hängen. Dass der obige Blogtext nichts taugt, mag allerdings stimmen.

  2. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend, und wer anregende und schöne (Blog-)Texte schreibt, hat auch sonst einiges zu bieten – das ist meine feste Überzeugung, denn gute Texte kommen ja nicht aus dem Nichts! Mir erscheint mir mein Sein aber auch oft davon geprägt, daß ich mich nicht sehr früh bzw. früh genug für „Etwas“ oder das „Richtige“ habe entscheiden können, um es dementsprechend gut zu machen. Lange habe ich gesucht (Interesse an Literatur, Malerei schon während der Schreiner-Lehre, dann Abitur“nachmachen“, Studium, Romanschreiberei, Bloggerei …) und ich suche auch weiterhin. Doch das Suchen ist nicht das Schlechteste, scheint mir manchmal, denn wäre ich mit einem wirklichen Talent geboren und wäre gefördert worden, hätte ich ja womöglich mein Leben lang das Selbe machen müssen! Ich denke, bestimmte Dinge muß man akzeptieren, weil die Möglichkeit dafür de facto nicht mehr besteht (Fußballprofi werden z. B.), was aber nicht heißt, nicht das Suchen wirklich gut können zu können. (Wie ich oft anmerke, schrieb ja Beckett vom „immer besser scheitern“ – da ist was dran!)

    • Gut, warten wir also weiter auf den Abend aller Tage – irgendwann muss der ja auch mal kommen – und bloggen derweil unser manchmal anregendes und manchmal eher abregendes Zeug in die Blogosphäre hinaus, immer suchend, niemals findend, vor lauter verirrtem Suchen niemals etwas richtig könnend. (Tschuldigung, hab grad bisschen den Blues, das geht auch wieder weg, dann wirds wieder schöner und anregender…)

      • Das Schöne an der Bloggerei ist ja, daß man so einen Mittelweg findet zwischen Quatscherei und ernsthafter Gedankendarlegung – ein bißchen den Blues zu haben ist dann als unerwünschte Nebenwirkung zu betrachten. Vor einer Weile schrieb ich einen von mir inzwischen vergessenen und nur mit der Suchmaschine wiederauffindbaren Text (Suche nach „Fatalismus“), dessen Überschrift allein schon meine Lebenshaltung aufs Schönste andeutet: „Pessilist + Fatamist = Optisoph“ In diesem Sinne …
        http://nwschlinkert.de/2013/03/27/pessilist-fatamist-optisoph/

  3. Pardon, meine Herren Da hat mir irgendein Kürzungsprogramm einen Streich gespielt.

    Die ursprüngliche Nachricht lautete (und ich hoffe, sie wird nicht wieder sinnentstellend eingekürzt):

    „Lieber Andreas,

    Du hast da einen wirklich bewegenden, bezaubernden Artikel geschrieben. Aber lass doch nicht den Kopf hängen! Solange Du alle Tasten am Klavier und alle Bücher im Schrank hast, besteht doch kein Grund zur Verzweiflung!

    Herzliche Grüße aus Chennai,
    Dein
    John C. Pöbel“

    Für die entstandene Aufregung bitte ich um Verzeihung!

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