Das Schweigen der 11b

In der 9. Klasse hatte man als Schüler zum ersten Mal eine Wahlmöglichkeit, man durfte sich aussuchen, ob man als dritte Fremdsprache Französisch oder Altgriechisch lernen wollte. Dass ich mich für Griechisch entschied, hatte rein gar nichts mit irgendwelchen humanistischen Bildungsidealen zu tun, es war purer Pragmatismus: In Latein war ich gut, in Englisch hingegen schlecht, das Erlernen einer toten Sprache schien mir leichter zu fallen, also versprach die Wahl des Griechischen schlicht der weniger anstrengende Weg zu sein, und so kam es auch. Während ich in Englisch weiterhin Mühe hatte, die 4 zu halten, pendelte ich mich in Griechisch sofort auf eine anstrengungslose 2 ein, ich mochte die Sprache von Anfang an und dass der Kurs relativ klein war, weil die Mehrzahl der Schüler sich aus ebenso pragmatischen Gründen für Französisch entschieden hatte (mit Griechisch kannst du doch nichts anfangen später), kam mir zusätzlich entgegen.

Als zu Beginn der 11. Klasse der eigentlich für uns vorgesehene Griechischlehrer wegen eines längeren Krankenhausaufenthalts nicht zur Verfügung stand, musste der Schuldirektor höchstpersönlich in die Bresche springen: Pater Angelus Waldstein OSB, direkter Nachfahre des unter dem Namen „Wallenstein“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Feldherrn Albrecht von Waldstein, aufgewachsen in den Dreißigern in einem böhmischen Landschloss nebst Prager Stadtpalais. Nachdem die Familie durch den Krieg alles verloren hatte, war er ins Kloster gegangen, als Schuldirektor immer zerstreut und fahrig, aber ein Wunder an universaler Bildung und Herzenswärme und jetzt also unser Griechischlehrer. Auf dem Lehrplan stand die Odyssee. Ich weiß nicht, ob er einfach überhaupt keine Unterrichtsmethode hatte oder aber eine sehr universitäre Auffassung vom Lehren und Lernen, jedenfalls übersetzte er da vorne so seinen Homer, wies auf dieses und jenes hin, zerlegte die komplizierteren Sätze usw. und kümmerte sich absolut nicht darum, ob die Schüler ihm dabei folgten oder sich mit gänzlich anderen Dingen beschäftigten, es war paradiesisch. Zwar verfielen unsere Griechischkenntnisse in rasantem Tempo, aber auch das machte nichts, denn während wir Klausur schrieben, war Pater Angelus hochkonzentriert über eigene Notizen gebeugt und schien überhaupt nicht mitzubekommen, dass wir alle vom Klassenbesten abschrieben, ja er verließ sogar einmal den Raum, um noch ein Buch aus dem Büro zu holen, so dass wir unsere Übersetzungen bequem aneinander abgleichen konnten und sogar noch die Muße hatten, die Kopien mit absichtsvollen Abweichungen vom Original zu versehen, damit der Betrug nicht allzu augenfällig wäre. Das alles schien ihm überhaupt nichts auszumachen. Zwar kommentierte er die übermäßig gut ausgefallene Klausur mit einem leichten Stirnrunzeln, fuhr dann aber mit dem Unterricht fort als sei alles normal.

Nur einmal erregten wir seinen wirklichen Zorn. Und zwar las er uns – zur Auflockerung des Unterrichts vielleicht, oder um uns über einen Umweg doch noch für die Odyssee zu begeistern – Kafkas Erzählung Das Schweigen der Sirenen vor. Ich sehe ihn in seiner Mönchskutte auf einem unbesetzten Pult sitzen und hochkonzentriert, langsam, jede Betonung ganz bewusst setzend, den Text vortragen. Dann blickte er erwartungsvoll auf, aber auf das sinnreiche Schweigen der Sirenen folgte nur das hirntote Schweigen der 11b. Er gab uns Hinweise, las noch einmal, versuchte irgendwie ein sinnvolles Gespräch über diesen Text in Gang zu setzen, aber es war hoffnungslos. Nichts als kollektives Unverständnis und Desinteresse schlug ihm entgegen, auch ich hatte nichts von dieser Geschichte verstanden, schon die Grundidee, das Schweigen sei für die Sirenen die noch wirkungsvollere Waffe gewesen als der Gesang, erschien mir nur absurd, was sollte das denn?

Da verließ den Pater Angelus für ein einziges Mal seine unerschütterliche Gelassenheit. Er sprang vom Pult auf und schimpfte, ob wir denn nichts verstünden, ob uns denn alles kalt lasse, das gehöre doch zum Besten und Tiefsten, was seit Homer überhaupt geschrieben worden sei, ob wir denn wirklich überhaupt nichts fühlten bei einem solchen Satz: „Sie aber, schöner als jemals,“ er schrie es uns förmlich entgegen, „streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Wind wehn, spannten die Krallen frei auf den Felsen, sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie solange als möglich erhaschen.“ Er war jetzt in äußerster Rage. Dass wir kein Griechisch konnten, war ihm egal, aber dass wir bei Kafka nichts fühlten und nichts dazu zu sagen hatten, das trieb ihn zur Weißglut. Resigniert sank er im Sessel zusammen und murmelte verächtlich: „Vielleicht seid ihr auch einfach noch zu klein dafür.“

Mir fiel das alles wieder ein, als ich gestern beim Blättern in Kafkas nachgelassenen Schriften, zufällig auf das Schweigen der Sirenen stieß. Sofort hatte ich die Szene wieder ganz bildhaft vor Augen. Irgendwas muss ich gefühlt und gedacht haben damals, sonst wäre mir das nicht so eingebrannt in der Erinnerung. Aber heute erst wird mir klar, welche Chance damals vertan wurde. Mein Gott, dieser Mann, geboren in Böhmen wenige Jahre nach Kafkas Tod, der hat dieses Vorkriegs-Prag noch mit eigenen Augen gesehen, wo Deutsche und Tschechen ganz selbstverständlich nebeneinander und miteinander lebten. Erst heute verstehe ich, dass ihm natürlich Kafka, allein aufgrund seiner Biographie, unendlich viel näher war als Homer. Wir aber schauten nur blöd und warteten auf den Pausengong.

Das Schweigen der Sirenen verstehe ich heute immer noch nicht. Vermutlich bin ich immer noch zu klein, aber ich hab ja noch ein bisschen Zeit zum Wachsen. Pater Angelus, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Waldsteinschen Schlösser und Ländereien nicht zurückforderte sondern sich stattdessen unermüdlich für die deutsch-tschechische Verständigung und Versöhnung einsetzte, gebührt mein ganzer Respekt und wenn sich noch einmal, was unwahrscheinlich ist, die Gelegenheit ergäbe, mit ihm über Kafka zu reden, dann würde ich diesmal nicht nur blöd ins Nichts starren.

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2 Kommentare zu “Das Schweigen der 11b

  1. Ich bin eher zufällig auf Ihr Blog gestossen und freue mich seither an den Beiträgen. Hier vor allem einen herzlichen Dank nicht nur für die Schilderung und das Teilen dieser Erinnerung an sich, sondern auch für den Hinweis auf Kafkas Text, den ich noch gar nicht kannte.

    In einer ganz anderen Form schön und hierzu passend (da demnach die Sirenen lieber nicht mehr singen würden…) finde ich die Deutung von Margaret Atwood in ihrem Gedicht „Siren Song“ – vielleicht kennen Sie es noch nicht?
    http://www.poetryfoundation.org/poetrymagazine/poem/21988

    • Danke, das freut mich sehr, und vielen Dank auch für den Hinweis auf Margaret Atwoods Gedicht. Ich kannte das tatsächlich nicht, aber es gefällt mir, wirft nochmal einen anderen Aspekt auf diesen jahrtausendalten Mythos. Sehr zwiespältig und doppelbödig, und darin dann der eigentlich ja ganz anders gelagerten Variation Kafkas dann doch wieder sehr ähnlich.

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