Urtext

Gute Bücher erkennt man daran, dass sie andere Bücher im Schlepptau hinter sich herziehen. Schon zur Unizeit beklagte meine Mutter oft, dass ich mein ganzes Geld für Bücher ausgab, statt dass ich mir mal eine Hose kaufte oder einen Pullover, der da habe doch ein Loch, das sei doch nichts mehr. Ach, der Pulli geht schon noch. Aber wenn Bernhard in der Auslöschung Jean Pauls Siebenkäs erwähnte, dann musste der halt leider dringend her und zwar sofort.

Als ich vor ein paar Wochen die Kafka-Biographie auf einem Büchertisch liegen sah, da war mir gar nicht klar, dass Kafkas 130ster Geburtstag kurz bevorstand und das Buch vermutlich nur deshalb so prominent plaziert war. Es sprach mich einfach direkt an, wie es so dalag, also nahm ich es mit. 14,95 ist doch nicht die Welt. Ich ahnte nicht, was das jetzt wieder für einen Rattenschwanz an Neuerwerbungen nach sich ziehen würde. Denn erstens ist es eine Biographie in zwei Bänden, also waren weitere 14,95 für den zweiten Band auch gleich futsch. Darüber hinaus zog mich das alles aber so in den Bann, dass ich parallell auch immer den Kafka-Urtext lesen musste. Ist in der Biographie vom Urteil die Rede, muss ich eben schnell das Urteil lesen, dann natürlich auch die Verwandlung, In der Strafkolonie usw., auch Kafkas Tagebuch lag immer aufgeschlagen auf dem Nachtkasterl, damit ich gegebenenfalls auch darin jederzeit wieder abtauchen konnte. Das alles wäre jetzt auch noch nicht so schlimm gewesen, die Bücher habe ich ja alle schon, wenn nicht diese vermaledeite Biographie mir gleichzeitig klar gemacht hätte, dass bei meinen alten, noch von Max Brod edierten Ausgaben, von Kafka-Urtext eigentlich gar keine Rede sein kann. Brod kürzte, ergänzte, berichtigte und verfälschte ziemlich unbefangen, er bürstete die häufig ja fragmentarischen Texte in Richtung einer gefühlten Vollendetheit. Und wenn ich solche Anfälle habe, wie jetzt mit Kafka, dann kann ich sowas leider nicht ertragen, da hätte ich’s dann bitte den Tick genauer und präziser, ohne fremde Streichungen und vermeintliche Verbesserungen.

Also bestellte ich mir die Kritische Gesamtausgabe in 15 Bänden. Verständlicherweise verspürte der Postbote keine Lust, mir diesen Klotz in den 4. Stock hochzuschleppen, weswegen er es vorzog, das Paket im Zeitungsladen abzugeben, was mir wiederum entgegenkam, weil ich da heute eh hinmusste, die Zigaretten waren nämlich alle. Hallo, mein Freund, die Zigaretten legte er mir direkt hin, wir kennen uns. Ach ja, und du hättest dann auch noch ein Paket für mich, sagte ich und schob den Abholzettel auf den Tisch. Er kramte es aus der Nebenkammer hervor und stemmte es auf den Tisch: Das ist ja schwer, was ist denn da drin?, fragte er. Die Kritische Gesamtausgabe Kafkas mit akribischstem Kommentarapparat, dachte ich, sagte es aber nicht und wollte eigentlich direkt aus dem Laden rennen: Nein, ein Irrtum muss vorliegen, das ist gar nicht mein Paket, mach’s gut und schönen Tag noch! Aber ich hab den Scheiß ja schon bezahlt, fuhr es mir dann durch den Kopf, also antwortete ich nur: Naja, äh, hehe: Bücher. Aha, Bücher also, er musterte mich jetzt ganz skeptisch. Für einen Bücherwurm hatte er mich wohl nicht gehalten, mein alter Freund. Ich musste ihm sogar noch meinen Ausweis zeigen, dann durfte ich gehen und den Riesenziegel heimschleppen.

Jetzt sitz ich hier mit meinem Kafka. Schöne Bücher sind das allerdings. Ich las gleich mal den Jäger Gracchus, einer meiner liebsten Texte überhaupt, und in der Tat: das kommt in der ungestriegelten Fassung nochmal ganz anders rüber. Schlägt man allerdings mal einen der Kommentar- und Apparatbände auf, dann schwirrt es einem sofort vor den Augen, alles verschwimmt und klar wird einem nur eines: Sowas wie einen „Urtext“ gibt es überhaupt nicht.

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6 Kommentare zu “Urtext

  1. Das kenne ich! Da will man gleich mal die kommentierte Gesamtausgabe haben und stürzt sich in eine Kostenfalle nach der anderen. Oder man könnte zwar schlecht gemachte häßliche Taschenbücher der 80er mit dem richtigen Text preiswert kriegen, kauft sich aber eine sündhaft teure neue Ausgabe, um der Lese-Ästhetik willen. (Lese grad von Heinrich Schirmbeck ‚ÄRGERT DICH DEIN RECHTES AUGE‘, und da konnte ich mir kein 50 Jahre altes und nicht sehr schönes Buch antun und kaufte die Neuausgabe, wenn auch antiquarisch!)
    Ich habe die Romane Kafkas alle ein zweites Mal gelesen und da natürlich in der „Fassung der Handschrift“, wie es so schön heißt – sie schienen mir und scheinen mir jetzt noch ganz und gar verletzlich, denn wie leicht hätte Kafka den ein oder anderen Satz durchstreichen oder noch ändern können, was ihn ganz oder teilweise in den Anmerkungsapparat verbannt hätte. So sind diese Texte Kafkas von einer Vorläufigkeit, die immer noch spürbar ist, ohne zugleich wissenschaftlich relevant zu sein. Dem Reiz tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil!

    • Ich habe jetzt mal aufs Geratewohl einige Stellen verglichen und finde es wirklich erstaunlich, wie stark die Fassung der Handschrift von der Brod-Edition abweicht. Drum bereue ich den Kauf der Kritischen Ausgabe nicht, sondern freue mich auf die Zweitlektüre all dieser herrlichen Werke in ihrer authentischen Vorläufigkeit und Verletzlichkeit. Zumal 99 Euro für 15 Bücher ja eigentlich ein höchst akzeptabler Preis ist, das ergibt 6,60 pro Einzelband, so gesehen fast ein Schnäppchenpreis. Habe mir trotzdem jetzt erstmal ein Buchkaufverbot erteilt und bin ja nun auch mit bestem Lesematerial ausgerüstet, das müsste bis zum Winter reichen…

  2. Die von Andreas praktizierte ernsthafte Art des Lesens ist, auch wenn es noch andere gibt, die einzig wahre, weil man sich nur so dem Autor anzunähern vermag und auch dieser sich qua Text einem nähert. Ich habe jedenfalls schon immer so gelesen und auch schon früh bemerkt, daß dies mich in eine Außenseiterposition führte und abstempelte – aber sei’s drum, großartige Literatur ist das wert!

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