Doppelkonzert in B-Dur, op. 3

Dr. Solomon Zechbauer, Richter am Passauer Amtsgericht, in seiner Heimatstadt eine geachtete Erscheinung, ein weithin respektierter Mann. Sein Betätigungsfeld war hauptsächlich das Landwirtschaftsrecht, also Streitigkeiten in Bezug auf Hofübergaben, Pachtverträge, Grundstücksverkehrsgenehmigungen und dergleichen. Er regelte dies mit einer Mischung aus Stoizismus und Akribie. Bis in den Bayrischen Wald hinein sprach man halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll von „solomonischer Weisheit“ oder einem „solomonischen Urteil“, wenn jemand einen Streit zwischen Kindern geschlichtet hatte.

Er selbst jedoch verstand sich im innersten Wesen immer als Musiker, spielte auch Tuba im Blasorchester. Zwar blies er die immergleichen Märsche ohne echte innere Teilnahme aus sich heraus, aber zuhause hörte er dann Bruckner, und seine Kenntnis der Tuba befähigte ihn hier, die gerade bei Bruckner ungeheuer komplizierte und den ganzen Verlauf der Musik steuernde Basslinie ganz genau herauszuhören. Jede Musik hörte und dachte er ausschließlich vom Grundton her. Dem langsamen Wandern dieses Grundtons hörte er nach. Die Melodie, das Gezirpe der Geigen, das gezogene Weinen der Oboe, das war ihm ganz gleich. Er hörte nur auf die Bässe.

Da er kaum Freunde hatte und auch keinerlei Lust verspürte, eine Familie zu gründen – das schien ihm irgendwie unwesentlich, das ganze Konzept von Liebe wollte ihm einfach nicht einleuchten – ging er immer nur in sein Amtsgericht hinein, wo er pflichtschuldig seinen Dienst versah, und nach Feierabend ging er aus dem Amtsgericht wieder hinaus. Zuhause setzte er sich entweder in das von ihm so genannte Böhm-Zimmer, wo er mit geschlossenen Augen Bruckner oder Mahler auf den Verlauf der Borduntöne hin abhörte, oder aber ins Schuricht-Zimmer: ein von allen äußeren Einflüssen abgeschotteter Raum, der ihm zum Lesen diente. Da war er bei sich. Nichts und niemand störte ihn auf. Dostojewski, Gottfried Keller, Stendhal, Robert Walser, Franz Kafka, auch Musil übrigens, dessen gigantischen Nachlass er bis ins kleinste Detail hinein studierte und in einem eigens dafür von ihm ersonnenen Zettelkastensystem alle Querverweise und Parallellstellen protokollierte: Für all diese Autoren hätte es keinen besseren Experten gegeben als den immer nüchternen Zechbauer. Für zeitgenössische Autoren interessierte er sich nicht, das war ihm ein melodiöser Schaum, der auf den Grundton, den die Großen einmal hingestellt hatten, nur so beziehungslos draufgepappt ist. Auch in der Literatur interessierte ihn nur der Bass. Das Wahre, wie er dachte.

Von all dem ahnte in seiner Umgebung niemand etwas. Er war der Richter, der tubaspielende Junggeselle, der auch auf dem rauschendsten Blasmusikfest nur höflichkeitshalber zwei Maß Bier trank und dann heimging. Was hätte man da noch mehr wissen wollen?

Einzig seinem Jugendfreund Robert, der direkt nach dem gemeinsam absolvierten Abitur nach Amerika ausgewandert war und nun in San Francisco lebte, vertraute er in Briefen sein weitab von Grundbuchauszügen gelegenes musikalisch-literarisches Innerstes an. Nur Robert wusste von dem geheimen Kleiber-Zimmer, in welches Zechbauer sich zum Schreiben zurückzog. Nur Robert war weit genug weg, eigentlich nur ein Schatten am anderen Ende der Welt, um Kenntnis nehmen zu dürfen von den Verzweiflungen des Kleiber-Zimmers, wo Zechbauer darum rang, seine musikalischen Einsichten in die Kontrapunktik in Schrift umzuschmelzen. Er sei durchaus nicht unzufrieden, schrieb er einmal an Robert, die richterliche Tätigkeit sei eigentlich Erfüllung genug. Tagtägliche Gerechtigkeitserzeugung sei doch ein edler Lebenszweck. Doch im Innersten bestehe er aus Literatur und Musik, Bruckner und Musil seien doch eigentlich die Substanz, aus der allein er existiere. Eine wahrhaft nur nach seinen Einsichten in die Struktur der Musik gebaute Literatur zu schaffen, ja, eine Literatur, die sich von der idealsten Musik in nichts mehr unterscheide – das sei sein eigentlicher Lebenszweck gewesen, den er nun leider, so setzte der Brief fort, als gescheitert ansehen müsse. Da er es absolut nicht mehr ertrage, einen, so wörtlich, Scheißdreck von unlesbarer Nichtliteratur zu produzieren, während vor seinem inneren Auge das zu schaffende Ideal doch immer noch so klar wie ganz am Anfang stehe, er bloß jetzt, nach Jahren der Anstrengung gelernt habe, dass er, Zechbauer, dieses Ideal nur immer als Ideal zwar sehen, niemals aber als konkret vollendeten Text auch hinschreiben und als solchen in die wirkliche Welt überführen könne, habe er heute, den zwanzigsten Juni, das Kleiber-Zimmer für immer abgesperrt.

Robert, dem die zunehmend gequälten Briefe des einstigen Jugendfreundes in letzter Zeit immer lästiger geworden waren, horchte hier plötzlich auf, als er, am frühen Nachmittag schon leicht angesoffen, in seinem Sonnenstuhl am Pool fläzend diese Zeilen las. Als Drehbuchschreiber für Hollywood hat man ja immer neuen Input nötig, wieso nicht auch mal die verschrobenen Notizen eines niederbayrischen Juristen. Er nahm sich zusammen und schrieb umgehend zurück, ob Solomon, dessen etwas gestelzten Stil er möglichst zu übernehmen versuchte, vor der endgültigen Aufgabe der literarischen Ambitionen nicht ihm die angeblich gescheiterten Fragmente zu kurzer Draufsicht einmal schicken möge. Eventuell, so Robert, sehe ja ein zweites Auge mehr und könne noch Hinweise geben, Verbesserungen anmerken etc.

Er wird durchdrehen, dachte Robert, wie er so zögernd mit seinem Brief am Postkasten stand, wird mich beschimpfen und den Kontakt zu mir abbrechen. Aber ganz ehrlich: Wie krank ist das überhaupt, Kontakt zu einem Menschen zu halten, der auf papiernen Briefen besteht. Ist vielleicht gut, wenn das endet. Zwar war es irgendwie auf lustige Weise irr, eine solch vorgestrige Brieffreundschaft zu halten, aber andererseits doch auch zu übergriffig, zu intim. Ein schriftliches Gespräch unter vier Augen, ohne die kontrollierenden und reglementierenden Blicke von Dritten – wer soll das eigentlich aushalten? Gut, wenn das endet, dachte Robert, und ließ mit diesem befreienden Gedanken den Brief endgültig in den Briefkastenschlitz hineinfallen.

Umso überraschter war er von der Antwort, die ihn – gewichtsbedingt auf mehrere Pakete verteilt – einige Tage später erreichte: ungefähr 18.000 Manuskriptseiten, maschinengeschrieben mit haufenweise handschriftlichen Streichungen und Ergänzungen, das Begleitschreiben ganz lapidar: „Lieber Robert, gerne entspreche ich Deiner Anfrage. Hier ist mein Nachlass zu Lebzeiten. Mach damit was du willst, ich erhebe keinerlei Copyright. Es ist alles Mist.“

Das ließ sich der Robert nicht zweimal sagen. Die Manuskripte faszinierten ihn. Ein dunkles Geraune, völlig unverfilmbar zwar leider, wie ihm nach der Lektüre weniger Seiten sofort klar war, aber ein unnennbares Etwas daran zog ihn dennoch in den Bann. Portionsweise tippte er es erst in den Computer hinein, übersetzte es dann ins Amerikanische, schrieb es dann noch einmal um, ein mehr szenisches Setting darum herum bauend, und veröffentlichte dann Tag für Tag diesen Manuskriptberg in einem Blog. Mal sehen, was passiert, dachte er.

Es passierte allerdings, dass die panamerikanische Leserschaft auf nichts anderes gewartet zu haben schien, als auf Zechbauers mit der geistigen Tuba geschriebenen Fragmente. Schon bald hatte Robert einen Buchvertrag mit Bestsellergarantie auf dem Tisch, den er mit zitternder Hand unterschrieb. Die Briefe aus Passau wurden unterdessen rarer, zuletzt kam eine Postkarte: „Sollte je etwas von Musik in meinem Geschriebenen gewesen sein, so müsstest Du es zerstört haben. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass ohnehin nie etwas davon darinnen war. Der ganze Vorgang ist bemerkenswert, juristisch allerdings einwandfrei. Der Erfolg spricht Dir das Recht zu und belässt mich in dem Schatten, in den ich gehöre. Die Sonne habe ich ja von je her gehasst, wie Du Dich sicher erinnern wirst. Beste Grüße, Dein Solomon.“

Das Kleiber-Zimmer ließ er verschlossen. Als Robert, der zum Erstaunen der Fachwelt in rasantem Tempo nun schon den fünften Band seines ins Unendliche zielenden Zyklus’ „Gäuboden“ – so der nicht auf Zechbauer zurückgehende amerikanische Originaltitel, der die Bücherwürmer von New York bis Seattle allein schon wegen des Umlauts in höchste Verzückung versetzte – veröffentlicht hatte, auf seiner Weltlesetournee auch im Münchner Literaturhaus vorbeisauste, beschied ihm der alte Freund Solomon, er wäre wohl gern zur Lesung gekommen, allein um den alten Freund einmal wieder zu sehen, könne sich aber leider nicht freimachen, da eine neue EU-Richtlinie zur Neuregelung der europäischen Subventionierung des Erhalts von Höfen durch Verlegung des landwirtschaftlichen Hauptgeschäfts in einen Aussiedlerhof am Gericht aktuell für höchste Verwirrung sorge, und leider er, Solomon, von der niederbayrischen Bezirksversammlung den Auftrag erhalten habe, diese EU-Novelle in Einklang mit den deutschen und speziell den auch noch einmal anders lautenden bayrischen Gesetzen zu bringen, was ihn derzeit so ausfülle, dass an eine Reise nach München im Moment nicht zu denken sei. Den Robert irritierte bei seiner Lesung am Münchner Salvatorplatz dennoch eine sich seltsam duckende, immerzu hampelnde Handbewegungen ausführende Gestalt in der letzten Reihe so über die Maßen, dass er sich permanent verhaspelte und förmlich ins Schwitzen geriet, was allerdings die Süddeutsche Zeitung in ihrer Besprechung des Auftritts wohlwollend überging.

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5 Kommentare zu “Doppelkonzert in B-Dur, op. 3

  1. „Als Drehbuchschreiber für Hollywood hat man ja immer neuen Input nötig, wieso nicht auch mal die verschrobenen Notizen eines niederbayrischen Juristen.“
    Das klingt stark nach jemandem, der die Realitäten des Medienbetriebs aus dem Effeff kennt!
    Es gibt von Alexander Kluge doch so einen Text, wo ein Produzent einen Drehbuchautor abfertigt, der Robert Musil verfilmen will, oder? Und am Ende bleibt nur der Titel übrig, „Der Mann ohne Eigenschaften“?
    Liegt diese Story Deiner Kafka-Brod-Parabel zugrunde? (Übrigens erstaunlich, wo einen die Lektüre einer Kafka-Biografie hinführen kann; ich werde darum diesen Artikel auch nicht liken, entgegen meiner Gewohnheit, die mich ja alles wegliken lässt, was zwischen Gäuboden und Übersee hin und her operiert!)
    Entschuldige, dass ich Dich hier so anlabere, wir kennen uns ja gar nicht, aber man muss schon eine Unterscheidung machen zwischen Freund und Brieffreund.

    • Nein, den Klugetext kenne ich nicht. Aber die Lektüre der Kafka-Biographie scheint mir wirklich nicht gut zu tun. Ich werde versuchen, weitere kafkaeske Schreibimpulse nach Möglichkeit zu unterdrücken.

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