Gespräche

Wieder genesen und nach zwei Tagen Zwangspause die Lektüre der Kafka-Biographie wieder aufgenommen. Sehr toll, wie Stach zwischendurch auch immer wieder die Rolle des Biographen thematisiert, die Gefahren und Fallen benennt, vor denen der Biograph sich zu hüten hat, und in die er manchmal dann doch reinrennt, weil ihm der möglichst objektiv zu beschreibende Mensch zwangsläufig eben doch sehr nah wird. Diese Momente der Reflexion über das Tun des Biographen, werfen auch dem Leser ins Bewusstsein zurück, was er da grade liest: keinen Roman, nein: Rekonstruktion eines echt gelebten Lebens.

Und immer wieder punktgenau eingestreut gewisse Zitate von Kafka, die mich völlig umhauen, auch raushauen aus dem Lesefluss und erstmal in minutenlanges Grübeln versetzen. So saß ich heute im letzten Abendsonnenschein auf dem Balkon und las Kafkas „Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht“, Tagebucheintrag vom 21. Juli 1913. Der Punkt 4 in dieser Zusammenstellung war wieder einer dieser Momente, wo es mich augenblicklich aus dem gemächlich kreisenden Denk- und Leseorbit rausschmiss:

„4. Alles was sich nicht auf Litteratur bezieht hasse ich, es langweilt mich Gespräche zu führen (selbst wenn sie sich auf Litteratur beziehn) es langweilt mich Besuche zu machen, Leiden und Freuden meiner Verwandten langweilen mich in die Seele hinein. Gespräche nehmen allem was ich denke die Wichtigkeit, den Ernst, die Wahrheit.“  (zitiert nach: Reiner Stach: „Kafka: Die Jahre der Entscheidungen“, S. 360)

Da musste ich das Buch direkt weglegen, denn dieses Gefühl ist mir bekannt, und ich denke seit geraumer Zeit schon drüber nach, wie es wohl kommen mag und woran das liegt, dass Dinge, die mir ernst, wahr und wichtig erscheinen, sobald ich sie in ein Gespräch hineintrage, zu etwas Unernstem, Unwichtigen, Unwahren zerredet werden. Egal ob Internetdiskussionen oder Gespräche im echten Leben, es geht immer gleich: da, wo ich mich um den klarsten Ausdruck bemühe, weil mir die Sache wichtig ist und mir der Gedanke wahr erscheint, da bleibt am Ende eines Wortwechsels oft nur das quälende Gefühl, mit dem Eigentlichen, was ich hatte sagen wollen und doch auch glaubte, klar gesagt zu haben, zu den anderen gar nicht vorgedrungen zu sein.

Es gibt allerdings, dachte ich, immer noch auf dem Balkon sitzend, die Sonne war allerdings jetzt schon untergegangen, es gibt tatsächlich auch die sogenannten bereichernden Gespräche, weswegen ich die Verzweiflung an den immer wieder scheiternden Gesprächen als Antiheiratsgrund auch keineswegs durchgehen lasse. Im Gegenteil, die Kunst besteht darin, einen Menschen zu heiraten, mit dem…

Da kam ein plötzlich ganz vereinzelter Windstoß daher und wehte mir die Zigarettenschachtel von der Balkonbrüstung. Wutsch, war sie weg. Ich beugte mich gleich hinterher und sah sie noch fliegen, sah wie sie landete, halb auf dem Gullydeckel zwischen den geparkten Autos. Sollte ich runterlaufen und sie zurückholen? Wie viele Zigaretten mochten wohl noch drin gewesen sein? Ob das lohnt? Sehr voll war sie ja wohl nicht mehr, dann wäre sie nicht so leicht verweht gewesen. Ach, lass sie doch unten liegen, dachte ich, das ganze Rauchen ist doch eh ein Schmarrn, und öffnete mir ein neues Päckchen.

Advertisements

7 Kommentare zu “Gespräche

  1. Vielleicht sollte man dann die Literatur in Zwiegesprächen weiträumig umgehen. Ach was, denke ich mir. Sie ist mein Elixier und sie herauszulassen käme dem Tod dessen gleich, von dem wir leben: Dem miteinander Reden.

    Gruss

    Achim

    • Ja, man muss miteinander reden, sich austauschen, verständigen. Bloß sind die Gespräche über das Wetter oder die Benzinpreise immer viel einfacher zu führen, als die über Literatur oder andere Dinge, die einem eben viel wichtiger sind, Elixier vielleicht sogar. Aber klar: Immer nur konsensual über steigende Benzinpreise zu lamentieren ist auch fad. Dann doch lieber streiten über Kafka.

      • Well, it’s a Nietzsche thing: „Unsre eigentlichen Erlebnisse sind ganz und gar nicht geschwätzig. Sie könnten sich selbst nicht mitteilen, wenn sie wollten. Das macht, es fehlt ihnen das Wort. Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allem Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mitteilsames erfunden.“ It‘ from the famous „Götzen-Dämmerung“.

  2. Ich frage mich, ob das Scheitern sich erst im Gespräch ereignet bzw. durch dieses herbeigeführt wird, oder ob es schon vorher da ist und durchs Gespräch erst sichtbar gemacht wird.
    Mir geht es jedenfalls wie Dir mit dieser ambivalenten Haltung zu Texten und Gesprächen (auch Kommentarsträngen), die eigentlich klären sollen, oft aber (aber nicht immer!) in eine immer tiefer werdende Verstrickung und Kompliziertheit führen. Oder dies scheinbar tun.
    Scheinbar, weil das Scheitern, egal wodurch ausgelöst oder sichtbar gemacht, glaube ich, dazugehört, sogar notwendig ist, weil es wie ein fallender Dominostein in einer Kettenreaktion für Fortsetzung sorgt. Um dann evtl. irgendwann möglicherweise doch einmal zu einem Schluss zu kommen.
    Wir können gar nicht anders als vorläufig.

    „Es gibt allerdings, dachte ich, immer noch auf dem Balkon sitzend, die Sonne …“
    Diesen Satz las ich zunächst falsch betont und mit einem Punkt hinter Sonne. So: Es gibt allerdings immer noch die Sonne. Erst beim Sprung in die nächste Zeile bemerkte ich meinen Fehler. Aber dann bringst Du ja mit dem letzten Abschnitt und der fallenden Zigarettenschachtel selbst eine gewisse Relativität in Deinen Text, nimmst den Gedanken die Schwere, weil es noch so etwas gibt wie Sonne und Wind und glücklicherweise ein zweites Päckchen Zigaretten. Schwere und Leichtigkeit heben einander nicht auf, sondern sind gleich gewichtig.

    Danke für den schönen Text, auch den vorigen.

    • möglicherweise gehört das gar nicht hierher, aber ich bin dir sehr dankbar, iris, dass du den aspekt des scheiterns noch einmal aufbringst. ich denke, dass ist es, was mich häufig vor (scheinbar zu komplizierten) kommentarsträngen zurückschrecken lässt. nachdem ich mich jetzt häufiger traue, dinge zu sagen, von denen ich nicht annehme, dass sie mir viele neue freunde und sympathien eintragen, sollte das wohl als nächstes angegangen werden, mir das recht zu scheitern zuzugestehen, auch in diskussionen.

  3. Von einem Scheitern eines Gesprächs wäre ja nur zu sprechen, wenn so ein Gespräch einen (sachlichen) Sinn über es hinaus hat, was es aber nicht zwingend haben muß; das Selbe gilt auch für Kommentarbäume. Auch im Straßenverkehr hat nicht jeder Beteiligte ein klar benennbares Ziel, nicht jeder Geschlechtsverkehr will zu einer Schwangerschaft führen, nicht jede Liebe zu Heirat und Zusammen(k)leben, nicht jedes Spiel braucht einen Gewinner. Mit anderen Worten, bezogen auf das Gesprächswesen: wenn ich jemandem etwas klar machen will, dann imgrunde zuerst mir selbst, nämlich durch Lesen, Beobachten, Denken, Schreiben vor allem und auch Nachspüren – alles andere ist mir dann, indem ich meine Erkenntnisse der Welt annähere, quasi „nur“ neues Material, wenngleich der Grad der Annäherung schon so groß wie möglich sein sollte, ohne dabei zu verkrampfen, denn dann fühlen sich alle besser und das Gespräch kann sich, noch nachwirkend, emotional setzen. So gesehen, und ich sehe das so, bezieht sich für m i c h nahezu jedes Gespräch (auch) auf Literatur und ist letztlich, wie gesagt, Material, so wie dies Novalis formulierte: „Alle Zufälle unsers Lebens sind Materialien, aus denen wir machen können, was wir wollen. Wer viel Geist hat, macht viel aus seinem Leben. Jede Bekanntschaft, jeder Vorfall, wäre für den durchaus Geistigen erstes Glied einer unendlichen Reihe, Anfang eines unendlichen Romans.“ [Novalis in Blüthenstaub (Nr.66)]
    In diesem Sinne viel Sonne!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s