Die Nacht ist noch zu wenig Nacht

Ich liege im Bett, das gestrige Fieber ist heute auf mäßig erhöhte Temperatur abgesunken, der Körper zwar noch matt, aber das gematschte Hirn klart langsam wieder auf. So daliegend lese ich Reiner Stachs Kafka-Biographie, und realisiere plötzlich, dass heute Kafkas Geburtstag ist. Geboren vor 130 Jahren. Die Biographie ist ausgezeichnet. Kafka, über den ich doch einigermaßen gut Bescheid zu wissen glaubte, wird hier nochmal ganz neu geschildert, sehr genau und daher viel komplizierter, als das mit ein paar Schlagworten an die Wand genagelte Charakterbild, das jeder kennt.

Ich fasse mir an den Kopf, dass ich noch vor kurzem folgenden Satz in einem Kommentar tatsächlich selbst geschrieben habe:Ich finde Kafkas Tagebücher fast besser als seine Romane, und wenn ich 1913 gelebt hätte, würde ich bestimmt etwas darum gegeben haben, täglich in meinem Feedreader den neuesten Kafkatext vorzufinden.“ Klar, da ging es um was anderes, das Beispiel Kafka war recht willkürlich gewählt, und der Anachronismus des Feedreaders von 1913 sollte bewusst grotesk klingen. Dennoch bleibt es eine Dummheit. Nicht nur Kafkas Tagebuch, Kafkas gesamtes Schreiben ist das exakte Gegenteil von Bloggen und hätte unter den Bedingungen einer blogosphärischen Öffentlichkeit niemals entstehen können.

Witzigerweise genau im Jahr 1913 schrieb Kafka an Felice Bauer folgende Sätze:

„Schreiben heisst ja, sich öffnen bis zum Übermass; die äusserste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt und vor der er also solange er bei Sinnen ist, immer zurückscheuen wird – denn leben will jeder, solange er lebt – diese Offenherzigkeit und Hingabe genügt zum Schreiben bei weitem nicht. Was von dieser Oberfläche ins Schreiben hinübergenommen wird – wenn es nicht anders geht und die tiefern Quellen schweigen – ist nichts und fällt in dem Augenblick zusammen, in dem ein wahreres Gefühl diesen obern Boden zum Schwanken bringt. Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht.“  (zitiert nach: Reiner Stach: „Kafka. Die Jahre der Entscheidungen“, S. 266)

Was für ein extremer Begriff vom Schreiben: Äußerste Offenheit erzwingt den völligen Abschluss von den Mitmenschen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Ein solches Schreiben, das äußerste Einsamkeit und tiefste Nacht zwingend voraussetzt, kann man wohl kaum am nächsten Morgen fröhlich in die Welt hinausbloggen.

Natürlich gilt der Umkehrschluss aber noch weniger, dass man als Schreiber heute sich vom Netz und jeder Öffentlichkeit, ja jedem menschlichen Verkehr überhaupt, hermetisch abriegeln müsste, wenn man ein neuer Kafka werden wollte. Kafka schrieb, wie jeder andere, vor dem Hintergrund und unter den medialen Bedingungen seiner Zeit. Das Warten auf einen neuen Kafka ist daher ebenso sinnlos wie das Warten auf einen neuen Beckett oder vergleichbare messianische Rückkehr-Erwartungen.

Die Signifikanz der Tatsache, dass Kafka Sätze wie die obigen an eine Frau schrieb, die als Stenotypistin und Schreibmaschinistin der Carl Lindström A.G. selber den ganzen Tag über am Schreiben war, ist dem aufmerksamen Kittler übrigens nicht entgangen (vgl. Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 437ff.). Ich will mich aber hierüber nicht weiter auslassen, weil ich den Verdacht hege, dass mein Fieber letztlich Resultat der überhitzten Kittler-Lektüre der letzten Wochen war und ich deshalb den Kittler jetzt vorerst lieber wieder ins Regal zurückstelle. 

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23 Kommentare zu “Die Nacht ist noch zu wenig Nacht

  1. Erstmal natürlich gute Besserung! Aber so schnell kann das gehen, wenn man zu viel Kittler liest. Bei uns im kulturwissenschaftlich-ästhetischen Institut wurde ja viel über den Kittler gewitzelt, unter anderem über seine stets rötliche Gesichtsfarbe, wozu der ihn zu strangulieren scheinende Schlips immer gut paßte, und seinen stetigen Konsum von Zigaretten und Rotwein.

    Was den Kafka angeht, so ist mir nicht recht einsichtig, warum denn ein heute in dieser extremen Art Schreibender seine Texte nicht „hinausbloggen“ sollte, denn äußerste Offenheit kann doch auch nach Öffentlichkeit gieren und mit dieser interagieren wollen – man sehe sich nur das digitale Werk von Alban Nikolai Herbst an! Am Ende ist die Art des Sichöffnens aber sicher nicht nur eine Frage der jeweiligen Medien, denn der Künstlertypen sind ja mehrere in dieser Welt.

    • Ja, es ist ganz klar eine Frage der Persönlichkeit. Schreiben und alltägliche soziale Interaktion waren für Kafka absolut diametrale Gegensätze, das Schreiben dabei immer existenziell bedroht vom Sozialen. Das steht mit seiner Scheu vor dem Veröffentlichen in engem Zusammenhang, denke ich. Die Offenherzigkeit, von der Kafka spricht, verlangte für ihn nach völliger Isolation, nur so war ihm das überhaupt möglich. Natürlich lässt sich das in keinster Weise verallgemeinern, es ist kein allgemein gültiges Rezept zur Erzeugung genialer Texte, das meine ich ja gerade. Aber Kafka hätte nicht gebloggt, da bin ich mir sicher. Er wäre beim ersten Leserkommentar zusammengebrochen.

      • Welches Buch von Reiner Stach liest Du denn? Der hat ja eine ganze Reihe von Werken zu Kafka geschrieben. Vielleicht sollte ich, bevor ich mich an eine neuerliche Lektüre mache, mich da mal einlesen, denn obwohl ich nahezu alles von Kafka schon zwei Mal gelesen habe, klebt dieses typische Kafka-Bild der 70er und 80er immer noch in meinen Gehirnwindungen wie alte Poster im Kinderzimmer.

      • Ich lese die Kafka-Biographie in 2 Bänden, momentan noch in Band 1: „Kafka. Die Jahre der Entscheidungen“. Absolut empfehlenswert. Sehr detailreich, ganz viele Dinge, die ich noch gar nicht wusste, z.B. aufschlussreichste Einblicke in Kafkas Arbeitswelt, das verhasste Bureau. Er war da keineswegs nur ein kleines unterdrücktes Zwerglein, wie ich immer dachte, im Gegenteil: ein gefragter, der Versicherungsanstalt geradezu unverzichtbarer Experte in vielen Dingen, auch sehr penibel in der Arbeit und souverän im Auftreten. Faszinierend.

      • Dies mag etwas schlaumeierisch klingen, aber mir scheint, dass die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen für das Verständnis von Kafka fundamental ist: Seine Äusserungen gegenüber Max Brod, was die Veröffentlichung seiner Romane angeht, waren meines Wissens nicht ganz einheitlich; auf jede Verlobung mit Felice Bauer folgte spornstreichs die nächste Entlobung (ähnlich verhielt es sich mit Milena Jesenska), als ob er eine Beziehung nur schreibenderweise unterhalten könnte; seinem Vater wollte er in einem Brief alles über sich sagen und zugleich hatte er unendlich Schiss davor. Ich denke, es gibt noch einige solcher Muster bei Kafka (die ihn übrigens zum Geistesverwandten von Rousseau machen, für den das Bekenntnis und die Scham eng zueinander gehören). Kafka wollte alles sichtbar machen (in einigen Texten hat er den Menschen tatsächlich so sehr durchleuchtet wie es kaum ein anderer je schafft), auch sich selbst, er wollte verstanden werden, wusste aber, dass das nie komplett gelingen würde.
        So gesehen, frage ich mich, ob Kafka nicht doch gebloggt hätte. Denn das Blog ist eine Aufschreibeform, die viel Unmittelbarkeit ermöglich, gerade auch, weil es eine „schnelle“ Aufschreibeform ist und damit dem Tagebuch nicht ganz unähnlich.

      • Vielleicht hätte er gebloggt und die Texte dann immer fünf Minuten nach der Veröffentlichung wieder vom Netz genommen. Seine sieben Fans hätten daraufhin ein Programm geschrieben, das die Texte immer direkt nach dem Erscheinen automatisch auf ihre Festplatten hinüberkopiert, wovon Kafka natürlich nichts erfahren hätte dürfen. Ja, so würde es sein hätte können. Wir werden es aber nie wissen.

  2. Auch von mir gute Besserung.
    Im übrigen habe ich den klugen assoziationsreichen Text über Kafka und das Bloggen sehr genossen.
    Deine Auffassung von Offenheit und Öffentlichkeit, was das Schreiben betrifft, ist Nahrung für meine Überzeugung, dass Literatur und Bloggen zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe sind, man kann gewiss über Literatur bloggen, Literatur bloggen, kann man nicht. Aber das ist nur meine ganz subjektive Auffassung von Literatur.
    Möge das Fieber weiter sinken!

    • Danke. Interessant, dass Du das sagst, denn gerade Dein Blog rangiert für mich in dieser – zugegebenermaßen sehr schmalen – Schnittmenge von Bloggerei und Literatur. Bin aber mit dem Nachdenken über das Verhältnis dieser beiden Schriftformen noch nicht fertig. Vielleicht hast Du doch recht, und es sind ganz getrennte Sphären.

      • Bloggerei ≠ Literatur? Ich gebe zu bedenken, daß es sich immerhin immer darum handelt, dem Lesenden qua Schrift etwas vor Augen zu führen, was dieser zum Teil aus sich selbst heraus für sich neu und anders wieder erzeugt, Inhalte, Bilder und Stimmungen. Klar, die Bloggerei ist eher dem Gespräch auf der antiken Agora ähnlich, die rein literarisch erzählte Geschichte ist deutlich mehr vom Schreibenden geprägt und stellt eine andere Art der Gleichzeitigkeit beim Lesen her – dennoch sind die Unterschiede meiner Ansicht nach gering, Qualität des Tuns vorausgesetzt. Es hat übrigens auch lange gedauert, bis Briefwechsel als Literatur anerkannt wurden.

      • Jetzt muss man natürlich auch einen Unterschied machen zwischen den Tagebüchern Franz Kafkas, über deren Publikation vielleicht ja auch zu diskutieren wäre (war die überhaupt zulässig? Bei einem Mann, der schon seine Romanmanuskripte vernichtet sehen wollte? Man mogelt sich über diesen heiklen Punkt hinweg, indem man einen modernen Heiligen aus ihm macht und ihn dadurch solchen täppischen Fragen entrückt), und einem, beispielsweise, Roman, der ja von Anfang an nur für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Natürlich muss der doch veröffentlicht werden, sonst wäre es ja völlig irrsinnig, dass ihn einer schreibt! Über beides den Marmorbogen mit der Inschrift LITERATUR zu spannen, schafft eindrucksvolle, pathetische Texte, aber es ist ja, recht betrachtet, doch Quatsch. Man kann vielleicht Literatur nicht bloggen (wenn man unter „bloggen“ eine gewisse ichhaltige Form des Schreibens versteht), aber man kann das NSA-Gerät Blog zweckentfremden, wenn ich Deine Kittler-Lektüre richtig verstehe, um einfach Literatur damit online zu stellen und auf diese Weise zugänglich zu machen. (Was im Radio übrigens nicht geht, obwohl bestimmt viele zustimmen würden einer These wie: „Im Radio erlebe ich oft wunderschöne Literatur!“ Da ist das Literarische dann oft Christian Brückners sensationelle Stimme, die wie gemalt wirkt.) Wie Du hier ja auch Kafkas Tagebücher publizieren könntest und seinen Briefwechsel, auszugsweise, ja auch schon publiziert hast (s. o.). (Tatsächlich ist es ja aber, fällt mir gerade ein, sogar gelungen, aus Kriminalromanen Literatur zu machen; insofern ist der Blog-Vorbehalt vielleicht auch etwas vorschnell.)

      • Ich glaube nicht, dass es ganz getrennte Sphären sind, nur für mich, für mein Verständnis von Literatur, das dem von Dir zitierten Kafkaschen nicht ganz entgegengesetzt zu sein scheint, sind es unterschiedliche Sphären, die Schnittmengen haben und vielleicht sogar so etwas wie eine genuine Netzliteratur hervorzubringen imstande sind, aber für mich macht es einen großen Unterschied, ob ich von Marguerite Duras Romanen rede, oder von dem einen oder anderen qualitativ hochwertigen Blog. Es ist genau diese Offenheit und Öffnung, auch die Einsamkeit von der die Duras viel gesprochen und geschrieben hat, die genuine Literatur für mich ausmachen und die beim Bloggen ja eine ganz andere Ausformung annimmt.
        Aber, wie gesagt höchst subjektiv, ich halte auch die Bachmannlesung längst für kein literarisches Ereignis mehr.

      • Ich mache lediglich einen (zugegeben recht bedeutsamen) Unterschied zwischen Literatur und Bloggerei, Herr Schinkel. Ich will damit der Bloggerei auch nichts absprechen, aber, wie gesagt, für mich sind das durchaus unterschiedliche Dinge, diese Literatur, die im Geschlossenen entsteht, und dasjenige Schreiben, das sich dem Dialog öffnet. Und Briefe, gebe ich zu bedenken, sind ja doch eine recht intime Angelegenheit zwischen zwei Menschen und vor allem spielt beim Briefwechsel die Zeit eine Rolle, Das Medium des Blogs ist mir persönlich viel zu schnell, um es für mich als Literatur zu verstehen. Ich will mit dieser meiner Meinung niemanden überzeugen, aber ich fürchte ich bin auch nicht sehr gewillt, meine Meinung zu revidieren.

      • Vielleicht wäre es so eine Art Literaturform der Hyperaktiven?

  3. Die Blogs sind alle viel zu sehr voneinander verschieden, als dass sich leicht allgemeine Aussagen über ihre eventuelle Literarizität treffen ließen. Erst einmal handelt es sich um eine Sache der Publizistik, um ein Tagesgeschäft, gleichviel ob jemand täglich bloggt oder nur zweimal im Monat. Literarisch sind Blogeinträge in dem Sinne, dass sie – bei den Blogs, die ich kenne, und das sind nur ein ganz paar – Sprache ernst nehmen, nicht nur stilistisch, sondern auch in Hinsicht auf Sorgfalt in Rechtschreibung und Zeichensetzung (was für mich zum Erstnehmen der Sprache dazugehört: neulich habe ich eine Petition nicht unterschrieben, weil sie schludrig verfasst war). Darüberhinaus sind Blog-Posts (ich beziehe mich wieder auf Sichten und Ordnen, Mützenfalterin, next big ding, Postkultur, De Dulle Griet usw.) literarischer Rohstoff – Essay, literarische Kritik, Notiz und Aphorismus als Literatur eingerechnet. Vielleicht noch nicht fertig, aber zu gebrauchen. In dem Sinne nehme ich meine Bemerkung zu Orthographie und Interpunktion halb zurück: das kann auch das Lektorat übernehmen.

    • Man muss aber auch mal klipp und klar und mit aller gebotenen Schärfe feststellen, Moritz: Für die allermeisten Menschen ist Literatur genau das, was in der Buchhandlung in dem Regal steht, über dem in ungelenker Edding-Buchhandlungsgehilfinnenhandschrift auf gelbem Karton „Literatur“ steht. Die Formulierung „literarischer Rohstoff“ schmeichelt natürlich allen, die je einen Text hochgeladen haben, aber für das damit Bezeichnete gilt doch, was auch das Wort „Rohdiamant“ recht eigentlich besagen will: fürn Arsch, lass bloß die Finger davon! (Und ich weiß, wovon ich rede, ich habe 3.000 Seiten davon produziert! Hätte ich lieber abrasierte Barthaare gesammelt, dann könnte ich wenigstens ein Kissen ausstopfen!) Ich weiß, was Du meinst, aber stell Dir vor, jemand wäre auf Melville zugetreten, nachdem er endlich von diesem verdammten Walfänger runter war, und hätte ihm die Hand geschüttelt mit der Bemerkung: „Mensch, große Klasse, jetzt müssen Sie nur noch einen Roman draus machen!“

      • Vermutlich ist der Begriff „Literatur“ heute nicht mehr sehr aussagekräftig, er löst sich einfach auf, so sehr auch die Buchhandlungsgehilfen ihn immer wieder auf gelbe Kartons schreiben. Das hilft nichts. Man muss deswegen aber auch nicht sehr traurig sein, der Begriff ist ja noch vergleichsweise jung und hat außerdem vielleicht überhaupt nie etwas Wirkliches bezeichnet. Hat immer nur sehr willkürliche Abgrenzungen gestiftet, gesetzt von wechselnden Instanzen. Abgesehen von so einem Begriff sollte man aber dennoch über Zeit nachdenken. Dass Langsamkeit, Zögern, Verstecken dem Geschriebenen gut tun könnten, das passt so gar nicht in unseren Zeitgeist, wo alles schnell heraus soll, an möglichst viele Menschen gleichzeitig direkt hingeknallt, und dann aber auch sehr schnell wieder weg ist und vergessen. Das befriedigt mich nicht und die Sehnsucht nach etwas Bleibenderem bleibt, ob man das jetzt „Literatur“ nennt oder anders. Schön wiederum, und deswegen herrscht ja sowieso kein Grund zur Klage, dass das Bleibende als ein Gebliebenes ja da ist und verfügbar: Kafka, Musil, Melville, die Stones und Homer: Steht doch alles im Regal. Was reg ich mich denn auf?

      • Mag sein, dass für das mit dem Begriff „literarischer Rohstoff“ Bezeichnete für einen Leser oder Verlagsagenten gilt: „Lass bloß die Finger davon!“ Das ist aber dann ein Rezeptionsproblem und nimmt dem missachteten Geschriebenen nichts von seinem Wert. Der Wert ist das wichtige, nicht die Würdigung des Werts, so erfreulich und wünschenswert sie natürlich ist. Deine erfundene Melville-Geschichte ist lustig, ich spüre auch den Zorn dahinter. (Zorn und Witz liegen eng beisammen, beides ist mir sympathisch.)
        Ich dachte an eine Anekdote, die sich Morton Feldman und John Cage erzählt haben, ich habe sie herausgesucht:
        „MF: […] I remember, I had constant conversations with Stockhausen, and he would continually tell me to write big orchestral works, because he felt, evidently, that would be one area where I might fall on my face (Cage laughs). See. So he insisted. So he would always say, „Well, you must write a big piece next. A big piece.““
        „JC: But that was Boulez‘ reaction to my „Winter Music“ [1957]. When he looked at it, he was very impressed and he said, „You must do something with this“ (both laugh).“
        (John Cage/Morton Feldman, Radio Happenings. Conversations – Gespräche. Edition MusikTexte, Köln 1993 [S. 47].)

      • Ihr habt mich argumentativ gut erledigt, Ihr zwei, Eure Melancholie und Weltklugheit tut ein Übrigens; aber ich möchte diesen einen Gedanken doch noch anbringen. Und zwar ist das Bloggen extrem tages- und augenblicksbezogen, also fast lyrisch, nicht wahr, in seiner geistigen Tönung. Ein Blitz. Für das Epische ist das Netz allerdings nicht so geeignet, das ist meine Empfindung, es ist auch meine Erfahrung. (Wer machte sich denn wirklich die Mühe, sich rückwärts durch eine Geschichte zu klicken? Anstatt vorne anfangen dürfen zu lesen, wird der Leser mitten hinein geworfen. Und wenn es dann keine gesunde Like-Kultur gibt, dann versandet das Projekt aufgrund fehlender Anteilnahme ratzfatz.) Der Gestus: „Sagte er, sagte sie, daraufhin er“, der funktioniert hier nicht, wahrscheinlich hat für derlei Umständlichkeiten nur das Papier die nötige Geduld.

  4. [Tagesnotiz] Was BLEIBT | KAINe Kolumnen

  5. Eigentlich sollte ich mich ja nach dem kindischen Beleidigungsversuch von gestern nicht mehr äußern, will aber dennoch feststellen, daß meiner Ansicht nach auf einer Website, einem Blog durchaus vollgültige literarische Texte erscheinen können in unterschiedlichen Genres, so wie auch in einer Tageszeitung Gedichte oder Romanfortsetzungen gedruckt sein können, zu denen es ja auch etwa Leserbriefe geben kann. Ich weiß wirklich nicht, wie man das infrage stellen kann, wenn natürlich auch die Bloggerei im engeren Sinne, das Sprechen über die Inhalte, dann eben „nur“ in etwa dem entspricht, was die Leserbrieferei in der gedruckten Welt ist oder auch das wie auch immer stattfindende Gespräch über Literatur. Auf meinem Blog, und natürlich nicht nur dort sondern auch hier auf diesem und einigen anderen, findet sich jedenfalls vollgültige Literatur unterschiedlicher Art, die dort, ob kommentiert oder unkommentiert, demjenigen zur Verfügung steht, der sie lesen möchte. Ansonsten bleibe ich in bezug auf Blogs bei meiner dort http://www.litblogs.net/das-literarische-weblog-als-nachlass-zu-lebzeiten/ geäußerten Ansicht, nämlich der, daß es sich bei dem Veröffentlichen von Literatur auf der eigenen Website gewissermaßen um einen selbstgemachten Nachlaß zu Lebzeiten handelt.

  6. Genie – okay. Aber Genie allein reicht nicht! Was Sie außerdem brauchen, ist der richtige Riecher. Der Torinstinkt. Das Killer-Gen. Wunderbare Satzgirlanden über das Blatt ziehen – hahaha! DAS kann ja nun wirklich langsam JEDER! Aber im rechten Augenblick zur Stelle sein, um das Ding aus spitzestem Winkel rein zu ballern – ich fordere Sie heraus, zeigen Sie mir, dass Sie das können, und ich zeige Ihnen einen Mann, dem die Zukunft gehört!

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