Tasten

Nach zehn Tagen Urlaub im Elfenbeinturm bedrängt mich jetzt die Angst, dass der Terror mich morgen sofort niederdrückt, dieser Faktenterror, Terminterror, Erledigungswahnsinn, wo ich es doch in zehn Tagen der absoluten Ungestörtheit nicht einmal geschafft habe, mal zum Friseur zu gehen, die Haare wuchern in alle Richtungen. Wie soll ich da Formularirrsinn auskämpfen, mit Ämtern telefonieren? Eigentlich will ich nur mit Clara und Jakob auf dem Sofa sitzen und Kinderfernsehen schauen. Hatte ich jemals den Anspruch erhoben, erwachsen zu sein? Nein, und ich weigere mich auch weiterhin, aber die Stimme, die dies sagt, wird älter und schwächer. Ach, wäre ich doch Musiker geworden und könnte mein Inneres in Musik ausdrücken anstatt in nichtssagender Schrift. Heute Mondscheinsonate gespielt, erster und zweiter Satz, an das Finale ist natürlich nicht zu denken. Ich hörte es zwar, es raste in meinem Kopf sofort los, nachdem ich den letzten Akkord des Allegretto hingesetzt hatte, und wusste doch, weiß es einfach, dass ich das niemals werde spielen können. Das unbeholfene Klimpern war dennoch, trotz aller Stümperei, schöner und befriedigender als jedes Gehacke auf der Buchstabentastatur. Da erklingt wenigstens was, auf dem Klavier, eine Polyphonie. Auf den Buchstabentasten immer nur klack klack klack. Und der Wind, der jetzt kühlend endlich aufkommt, bläst auf der Bierflasche auch nur ein ganz monotones Lied: huuh, huuh.

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Das Schweigen der 11b

In der 9. Klasse hatte man als Schüler zum ersten Mal eine Wahlmöglichkeit, man durfte sich aussuchen, ob man als dritte Fremdsprache Französisch oder Altgriechisch lernen wollte. Dass ich mich für Griechisch entschied, hatte rein gar nichts mit irgendwelchen humanistischen Bildungsidealen zu tun, es war purer Pragmatismus: In Latein war ich gut, in Englisch hingegen schlecht, das Erlernen einer toten Sprache schien mir leichter zu fallen, also versprach die Wahl des Griechischen schlicht der weniger anstrengende Weg zu sein, und so kam es auch. Während ich in Englisch weiterhin Mühe hatte, die 4 zu halten, pendelte ich mich in Griechisch sofort auf eine anstrengungslose 2 ein, ich mochte die Sprache von Anfang an und dass der Kurs relativ klein war, weil die Mehrzahl der Schüler sich aus ebenso pragmatischen Gründen für Französisch entschieden hatte (mit Griechisch kannst du doch nichts anfangen später), kam mir zusätzlich entgegen.

Als zu Beginn der 11. Klasse der eigentlich für uns vorgesehene Griechischlehrer wegen eines längeren Krankenhausaufenthalts nicht zur Verfügung stand, musste der Schuldirektor höchstpersönlich in die Bresche springen: Pater Angelus Waldstein OSB, direkter Nachfahre des unter dem Namen „Wallenstein“ in die Geschichtsbücher eingegangenen Feldherrn Albrecht von Waldstein, aufgewachsen in den Dreißigern in einem böhmischen Landschloss nebst Prager Stadtpalais. Nachdem die Familie durch den Krieg alles verloren hatte, war er ins Kloster gegangen, als Schuldirektor immer zerstreut und fahrig, aber ein Wunder an universaler Bildung und Herzenswärme und jetzt also unser Griechischlehrer. Auf dem Lehrplan stand die Odyssee. Ich weiß nicht, ob er einfach überhaupt keine Unterrichtsmethode hatte oder aber eine sehr universitäre Auffassung vom Lehren und Lernen, jedenfalls übersetzte er da vorne so seinen Homer, wies auf dieses und jenes hin, zerlegte die komplizierteren Sätze usw. und kümmerte sich absolut nicht darum, ob die Schüler ihm dabei folgten oder sich mit gänzlich anderen Dingen beschäftigten, es war paradiesisch. Zwar verfielen unsere Griechischkenntnisse in rasantem Tempo, aber auch das machte nichts, denn während wir Klausur schrieben, war Pater Angelus hochkonzentriert über eigene Notizen gebeugt und schien überhaupt nicht mitzubekommen, dass wir alle vom Klassenbesten abschrieben, ja er verließ sogar einmal den Raum, um noch ein Buch aus dem Büro zu holen, so dass wir unsere Übersetzungen bequem aneinander abgleichen konnten und sogar noch die Muße hatten, die Kopien mit absichtsvollen Abweichungen vom Original zu versehen, damit der Betrug nicht allzu augenfällig wäre. Das alles schien ihm überhaupt nichts auszumachen. Zwar kommentierte er die übermäßig gut ausgefallene Klausur mit einem leichten Stirnrunzeln, fuhr dann aber mit dem Unterricht fort als sei alles normal.

Nur einmal erregten wir seinen wirklichen Zorn. Und zwar las er uns – zur Auflockerung des Unterrichts vielleicht, oder um uns über einen Umweg doch noch für die Odyssee zu begeistern – Kafkas Erzählung Das Schweigen der Sirenen vor. Ich sehe ihn in seiner Mönchskutte auf einem unbesetzten Pult sitzen und hochkonzentriert, langsam, jede Betonung ganz bewusst setzend, den Text vortragen. Dann blickte er erwartungsvoll auf, aber auf das sinnreiche Schweigen der Sirenen folgte nur das hirntote Schweigen der 11b. Er gab uns Hinweise, las noch einmal, versuchte irgendwie ein sinnvolles Gespräch über diesen Text in Gang zu setzen, aber es war hoffnungslos. Nichts als kollektives Unverständnis und Desinteresse schlug ihm entgegen, auch ich hatte nichts von dieser Geschichte verstanden, schon die Grundidee, das Schweigen sei für die Sirenen die noch wirkungsvollere Waffe gewesen als der Gesang, erschien mir nur absurd, was sollte das denn?

Da verließ den Pater Angelus für ein einziges Mal seine unerschütterliche Gelassenheit. Er sprang vom Pult auf und schimpfte, ob wir denn nichts verstünden, ob uns denn alles kalt lasse, das gehöre doch zum Besten und Tiefsten, was seit Homer überhaupt geschrieben worden sei, ob wir denn wirklich überhaupt nichts fühlten bei einem solchen Satz: „Sie aber, schöner als jemals,“ er schrie es uns förmlich entgegen, „streckten und drehten sich, ließen das schaurige Haar offen im Wind wehn, spannten die Krallen frei auf den Felsen, sie wollten nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie solange als möglich erhaschen.“ Er war jetzt in äußerster Rage. Dass wir kein Griechisch konnten, war ihm egal, aber dass wir bei Kafka nichts fühlten und nichts dazu zu sagen hatten, das trieb ihn zur Weißglut. Resigniert sank er im Sessel zusammen und murmelte verächtlich: „Vielleicht seid ihr auch einfach noch zu klein dafür.“

Mir fiel das alles wieder ein, als ich gestern beim Blättern in Kafkas nachgelassenen Schriften, zufällig auf das Schweigen der Sirenen stieß. Sofort hatte ich die Szene wieder ganz bildhaft vor Augen. Irgendwas muss ich gefühlt und gedacht haben damals, sonst wäre mir das nicht so eingebrannt in der Erinnerung. Aber heute erst wird mir klar, welche Chance damals vertan wurde. Mein Gott, dieser Mann, geboren in Böhmen wenige Jahre nach Kafkas Tod, der hat dieses Vorkriegs-Prag noch mit eigenen Augen gesehen, wo Deutsche und Tschechen ganz selbstverständlich nebeneinander und miteinander lebten. Erst heute verstehe ich, dass ihm natürlich Kafka, allein aufgrund seiner Biographie, unendlich viel näher war als Homer. Wir aber schauten nur blöd und warteten auf den Pausengong.

Das Schweigen der Sirenen verstehe ich heute immer noch nicht. Vermutlich bin ich immer noch zu klein, aber ich hab ja noch ein bisschen Zeit zum Wachsen. Pater Angelus, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Waldsteinschen Schlösser und Ländereien nicht zurückforderte sondern sich stattdessen unermüdlich für die deutsch-tschechische Verständigung und Versöhnung einsetzte, gebührt mein ganzer Respekt und wenn sich noch einmal, was unwahrscheinlich ist, die Gelegenheit ergäbe, mit ihm über Kafka zu reden, dann würde ich diesmal nicht nur blöd ins Nichts starren.

Urtext

Gute Bücher erkennt man daran, dass sie andere Bücher im Schlepptau hinter sich herziehen. Schon zur Unizeit beklagte meine Mutter oft, dass ich mein ganzes Geld für Bücher ausgab, statt dass ich mir mal eine Hose kaufte oder einen Pullover, der da habe doch ein Loch, das sei doch nichts mehr. Ach, der Pulli geht schon noch. Aber wenn Bernhard in der Auslöschung Jean Pauls Siebenkäs erwähnte, dann musste der halt leider dringend her und zwar sofort.

Als ich vor ein paar Wochen die Kafka-Biographie auf einem Büchertisch liegen sah, da war mir gar nicht klar, dass Kafkas 130ster Geburtstag kurz bevorstand und das Buch vermutlich nur deshalb so prominent plaziert war. Es sprach mich einfach direkt an, wie es so dalag, also nahm ich es mit. 14,95 ist doch nicht die Welt. Ich ahnte nicht, was das jetzt wieder für einen Rattenschwanz an Neuerwerbungen nach sich ziehen würde. Denn erstens ist es eine Biographie in zwei Bänden, also waren weitere 14,95 für den zweiten Band auch gleich futsch. Darüber hinaus zog mich das alles aber so in den Bann, dass ich parallell auch immer den Kafka-Urtext lesen musste. Ist in der Biographie vom Urteil die Rede, muss ich eben schnell das Urteil lesen, dann natürlich auch die Verwandlung, In der Strafkolonie usw., auch Kafkas Tagebuch lag immer aufgeschlagen auf dem Nachtkasterl, damit ich gegebenenfalls auch darin jederzeit wieder abtauchen konnte. Das alles wäre jetzt auch noch nicht so schlimm gewesen, die Bücher habe ich ja alle schon, wenn nicht diese vermaledeite Biographie mir gleichzeitig klar gemacht hätte, dass bei meinen alten, noch von Max Brod edierten Ausgaben, von Kafka-Urtext eigentlich gar keine Rede sein kann. Brod kürzte, ergänzte, berichtigte und verfälschte ziemlich unbefangen, er bürstete die häufig ja fragmentarischen Texte in Richtung einer gefühlten Vollendetheit. Und wenn ich solche Anfälle habe, wie jetzt mit Kafka, dann kann ich sowas leider nicht ertragen, da hätte ich’s dann bitte den Tick genauer und präziser, ohne fremde Streichungen und vermeintliche Verbesserungen.

Also bestellte ich mir die Kritische Gesamtausgabe in 15 Bänden. Verständlicherweise verspürte der Postbote keine Lust, mir diesen Klotz in den 4. Stock hochzuschleppen, weswegen er es vorzog, das Paket im Zeitungsladen abzugeben, was mir wiederum entgegenkam, weil ich da heute eh hinmusste, die Zigaretten waren nämlich alle. Hallo, mein Freund, die Zigaretten legte er mir direkt hin, wir kennen uns. Ach ja, und du hättest dann auch noch ein Paket für mich, sagte ich und schob den Abholzettel auf den Tisch. Er kramte es aus der Nebenkammer hervor und stemmte es auf den Tisch: Das ist ja schwer, was ist denn da drin?, fragte er. Die Kritische Gesamtausgabe Kafkas mit akribischstem Kommentarapparat, dachte ich, sagte es aber nicht und wollte eigentlich direkt aus dem Laden rennen: Nein, ein Irrtum muss vorliegen, das ist gar nicht mein Paket, mach’s gut und schönen Tag noch! Aber ich hab den Scheiß ja schon bezahlt, fuhr es mir dann durch den Kopf, also antwortete ich nur: Naja, äh, hehe: Bücher. Aha, Bücher also, er musterte mich jetzt ganz skeptisch. Für einen Bücherwurm hatte er mich wohl nicht gehalten, mein alter Freund. Ich musste ihm sogar noch meinen Ausweis zeigen, dann durfte ich gehen und den Riesenziegel heimschleppen.

Jetzt sitz ich hier mit meinem Kafka. Schöne Bücher sind das allerdings. Ich las gleich mal den Jäger Gracchus, einer meiner liebsten Texte überhaupt, und in der Tat: das kommt in der ungestriegelten Fassung nochmal ganz anders rüber. Schlägt man allerdings mal einen der Kommentar- und Apparatbände auf, dann schwirrt es einem sofort vor den Augen, alles verschwimmt und klar wird einem nur eines: Sowas wie einen „Urtext“ gibt es überhaupt nicht.

Doppelkonzert in B-Dur, op. 3

Dr. Solomon Zechbauer, Richter am Passauer Amtsgericht, in seiner Heimatstadt eine geachtete Erscheinung, ein weithin respektierter Mann. Sein Betätigungsfeld war hauptsächlich das Landwirtschaftsrecht, also Streitigkeiten in Bezug auf Hofübergaben, Pachtverträge, Grundstücksverkehrsgenehmigungen und dergleichen. Er regelte dies mit einer Mischung aus Stoizismus und Akribie. Bis in den Bayrischen Wald hinein sprach man halb spöttisch, halb ehrfurchtsvoll von „solomonischer Weisheit“ oder einem „solomonischen Urteil“, wenn jemand einen Streit zwischen Kindern geschlichtet hatte.

Er selbst jedoch verstand sich im innersten Wesen immer als Musiker, spielte auch Tuba im Blasorchester. Zwar blies er die immergleichen Märsche ohne echte innere Teilnahme aus sich heraus, aber zuhause hörte er dann Bruckner, und seine Kenntnis der Tuba befähigte ihn hier, die gerade bei Bruckner ungeheuer komplizierte und den ganzen Verlauf der Musik steuernde Basslinie ganz genau herauszuhören. Jede Musik hörte und dachte er ausschließlich vom Grundton her. Dem langsamen Wandern dieses Grundtons hörte er nach. Die Melodie, das Gezirpe der Geigen, das gezogene Weinen der Oboe, das war ihm ganz gleich. Er hörte nur auf die Bässe.

Da er kaum Freunde hatte und auch keinerlei Lust verspürte, eine Familie zu gründen – das schien ihm irgendwie unwesentlich, das ganze Konzept von Liebe wollte ihm einfach nicht einleuchten – ging er immer nur in sein Amtsgericht hinein, wo er pflichtschuldig seinen Dienst versah, und nach Feierabend ging er aus dem Amtsgericht wieder hinaus. Zuhause setzte er sich entweder in das von ihm so genannte Böhm-Zimmer, wo er mit geschlossenen Augen Bruckner oder Mahler auf den Verlauf der Borduntöne hin abhörte, oder aber ins Schuricht-Zimmer: ein von allen äußeren Einflüssen abgeschotteter Raum, der ihm zum Lesen diente. Da war er bei sich. Nichts und niemand störte ihn auf. Dostojewski, Gottfried Keller, Stendhal, Robert Walser, Franz Kafka, auch Musil übrigens, dessen gigantischen Nachlass er bis ins kleinste Detail hinein studierte und in einem eigens dafür von ihm ersonnenen Zettelkastensystem alle Querverweise und Parallellstellen protokollierte: Für all diese Autoren hätte es keinen besseren Experten gegeben als den immer nüchternen Zechbauer. Für zeitgenössische Autoren interessierte er sich nicht, das war ihm ein melodiöser Schaum, der auf den Grundton, den die Großen einmal hingestellt hatten, nur so beziehungslos draufgepappt ist. Auch in der Literatur interessierte ihn nur der Bass. Das Wahre, wie er dachte.

Von all dem ahnte in seiner Umgebung niemand etwas. Er war der Richter, der tubaspielende Junggeselle, der auch auf dem rauschendsten Blasmusikfest nur höflichkeitshalber zwei Maß Bier trank und dann heimging. Was hätte man da noch mehr wissen wollen?

Einzig seinem Jugendfreund Robert, der direkt nach dem gemeinsam absolvierten Abitur nach Amerika ausgewandert war und nun in San Francisco lebte, vertraute er in Briefen sein weitab von Grundbuchauszügen gelegenes musikalisch-literarisches Innerstes an. Nur Robert wusste von dem geheimen Kleiber-Zimmer, in welches Zechbauer sich zum Schreiben zurückzog. Nur Robert war weit genug weg, eigentlich nur ein Schatten am anderen Ende der Welt, um Kenntnis nehmen zu dürfen von den Verzweiflungen des Kleiber-Zimmers, wo Zechbauer darum rang, seine musikalischen Einsichten in die Kontrapunktik in Schrift umzuschmelzen. Er sei durchaus nicht unzufrieden, schrieb er einmal an Robert, die richterliche Tätigkeit sei eigentlich Erfüllung genug. Tagtägliche Gerechtigkeitserzeugung sei doch ein edler Lebenszweck. Doch im Innersten bestehe er aus Literatur und Musik, Bruckner und Musil seien doch eigentlich die Substanz, aus der allein er existiere. Eine wahrhaft nur nach seinen Einsichten in die Struktur der Musik gebaute Literatur zu schaffen, ja, eine Literatur, die sich von der idealsten Musik in nichts mehr unterscheide – das sei sein eigentlicher Lebenszweck gewesen, den er nun leider, so setzte der Brief fort, als gescheitert ansehen müsse. Da er es absolut nicht mehr ertrage, einen, so wörtlich, Scheißdreck von unlesbarer Nichtliteratur zu produzieren, während vor seinem inneren Auge das zu schaffende Ideal doch immer noch so klar wie ganz am Anfang stehe, er bloß jetzt, nach Jahren der Anstrengung gelernt habe, dass er, Zechbauer, dieses Ideal nur immer als Ideal zwar sehen, niemals aber als konkret vollendeten Text auch hinschreiben und als solchen in die wirkliche Welt überführen könne, habe er heute, den zwanzigsten Juni, das Kleiber-Zimmer für immer abgesperrt.

Robert, dem die zunehmend gequälten Briefe des einstigen Jugendfreundes in letzter Zeit immer lästiger geworden waren, horchte hier plötzlich auf, als er, am frühen Nachmittag schon leicht angesoffen, in seinem Sonnenstuhl am Pool fläzend diese Zeilen las. Als Drehbuchschreiber für Hollywood hat man ja immer neuen Input nötig, wieso nicht auch mal die verschrobenen Notizen eines niederbayrischen Juristen. Er nahm sich zusammen und schrieb umgehend zurück, ob Solomon, dessen etwas gestelzten Stil er möglichst zu übernehmen versuchte, vor der endgültigen Aufgabe der literarischen Ambitionen nicht ihm die angeblich gescheiterten Fragmente zu kurzer Draufsicht einmal schicken möge. Eventuell, so Robert, sehe ja ein zweites Auge mehr und könne noch Hinweise geben, Verbesserungen anmerken etc.

Er wird durchdrehen, dachte Robert, wie er so zögernd mit seinem Brief am Postkasten stand, wird mich beschimpfen und den Kontakt zu mir abbrechen. Aber ganz ehrlich: Wie krank ist das überhaupt, Kontakt zu einem Menschen zu halten, der auf papiernen Briefen besteht. Ist vielleicht gut, wenn das endet. Zwar war es irgendwie auf lustige Weise irr, eine solch vorgestrige Brieffreundschaft zu halten, aber andererseits doch auch zu übergriffig, zu intim. Ein schriftliches Gespräch unter vier Augen, ohne die kontrollierenden und reglementierenden Blicke von Dritten – wer soll das eigentlich aushalten? Gut, wenn das endet, dachte Robert, und ließ mit diesem befreienden Gedanken den Brief endgültig in den Briefkastenschlitz hineinfallen.

Umso überraschter war er von der Antwort, die ihn – gewichtsbedingt auf mehrere Pakete verteilt – einige Tage später erreichte: ungefähr 18.000 Manuskriptseiten, maschinengeschrieben mit haufenweise handschriftlichen Streichungen und Ergänzungen, das Begleitschreiben ganz lapidar: „Lieber Robert, gerne entspreche ich Deiner Anfrage. Hier ist mein Nachlass zu Lebzeiten. Mach damit was du willst, ich erhebe keinerlei Copyright. Es ist alles Mist.“

Das ließ sich der Robert nicht zweimal sagen. Die Manuskripte faszinierten ihn. Ein dunkles Geraune, völlig unverfilmbar zwar leider, wie ihm nach der Lektüre weniger Seiten sofort klar war, aber ein unnennbares Etwas daran zog ihn dennoch in den Bann. Portionsweise tippte er es erst in den Computer hinein, übersetzte es dann ins Amerikanische, schrieb es dann noch einmal um, ein mehr szenisches Setting darum herum bauend, und veröffentlichte dann Tag für Tag diesen Manuskriptberg in einem Blog. Mal sehen, was passiert, dachte er.

Es passierte allerdings, dass die panamerikanische Leserschaft auf nichts anderes gewartet zu haben schien, als auf Zechbauers mit der geistigen Tuba geschriebenen Fragmente. Schon bald hatte Robert einen Buchvertrag mit Bestsellergarantie auf dem Tisch, den er mit zitternder Hand unterschrieb. Die Briefe aus Passau wurden unterdessen rarer, zuletzt kam eine Postkarte: „Sollte je etwas von Musik in meinem Geschriebenen gewesen sein, so müsstest Du es zerstört haben. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass ohnehin nie etwas davon darinnen war. Der ganze Vorgang ist bemerkenswert, juristisch allerdings einwandfrei. Der Erfolg spricht Dir das Recht zu und belässt mich in dem Schatten, in den ich gehöre. Die Sonne habe ich ja von je her gehasst, wie Du Dich sicher erinnern wirst. Beste Grüße, Dein Solomon.“

Das Kleiber-Zimmer ließ er verschlossen. Als Robert, der zum Erstaunen der Fachwelt in rasantem Tempo nun schon den fünften Band seines ins Unendliche zielenden Zyklus’ „Gäuboden“ – so der nicht auf Zechbauer zurückgehende amerikanische Originaltitel, der die Bücherwürmer von New York bis Seattle allein schon wegen des Umlauts in höchste Verzückung versetzte – veröffentlicht hatte, auf seiner Weltlesetournee auch im Münchner Literaturhaus vorbeisauste, beschied ihm der alte Freund Solomon, er wäre wohl gern zur Lesung gekommen, allein um den alten Freund einmal wieder zu sehen, könne sich aber leider nicht freimachen, da eine neue EU-Richtlinie zur Neuregelung der europäischen Subventionierung des Erhalts von Höfen durch Verlegung des landwirtschaftlichen Hauptgeschäfts in einen Aussiedlerhof am Gericht aktuell für höchste Verwirrung sorge, und leider er, Solomon, von der niederbayrischen Bezirksversammlung den Auftrag erhalten habe, diese EU-Novelle in Einklang mit den deutschen und speziell den auch noch einmal anders lautenden bayrischen Gesetzen zu bringen, was ihn derzeit so ausfülle, dass an eine Reise nach München im Moment nicht zu denken sei. Den Robert irritierte bei seiner Lesung am Münchner Salvatorplatz dennoch eine sich seltsam duckende, immerzu hampelnde Handbewegungen ausführende Gestalt in der letzten Reihe so über die Maßen, dass er sich permanent verhaspelte und förmlich ins Schwitzen geriet, was allerdings die Süddeutsche Zeitung in ihrer Besprechung des Auftritts wohlwollend überging.

Gespräche

Wieder genesen und nach zwei Tagen Zwangspause die Lektüre der Kafka-Biographie wieder aufgenommen. Sehr toll, wie Stach zwischendurch auch immer wieder die Rolle des Biographen thematisiert, die Gefahren und Fallen benennt, vor denen der Biograph sich zu hüten hat, und in die er manchmal dann doch reinrennt, weil ihm der möglichst objektiv zu beschreibende Mensch zwangsläufig eben doch sehr nah wird. Diese Momente der Reflexion über das Tun des Biographen, werfen auch dem Leser ins Bewusstsein zurück, was er da grade liest: keinen Roman, nein: Rekonstruktion eines echt gelebten Lebens.

Und immer wieder punktgenau eingestreut gewisse Zitate von Kafka, die mich völlig umhauen, auch raushauen aus dem Lesefluss und erstmal in minutenlanges Grübeln versetzen. So saß ich heute im letzten Abendsonnenschein auf dem Balkon und las Kafkas „Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht“, Tagebucheintrag vom 21. Juli 1913. Der Punkt 4 in dieser Zusammenstellung war wieder einer dieser Momente, wo es mich augenblicklich aus dem gemächlich kreisenden Denk- und Leseorbit rausschmiss:

„4. Alles was sich nicht auf Litteratur bezieht hasse ich, es langweilt mich Gespräche zu führen (selbst wenn sie sich auf Litteratur beziehn) es langweilt mich Besuche zu machen, Leiden und Freuden meiner Verwandten langweilen mich in die Seele hinein. Gespräche nehmen allem was ich denke die Wichtigkeit, den Ernst, die Wahrheit.“  (zitiert nach: Reiner Stach: „Kafka: Die Jahre der Entscheidungen“, S. 360)

Da musste ich das Buch direkt weglegen, denn dieses Gefühl ist mir bekannt, und ich denke seit geraumer Zeit schon drüber nach, wie es wohl kommen mag und woran das liegt, dass Dinge, die mir ernst, wahr und wichtig erscheinen, sobald ich sie in ein Gespräch hineintrage, zu etwas Unernstem, Unwichtigen, Unwahren zerredet werden. Egal ob Internetdiskussionen oder Gespräche im echten Leben, es geht immer gleich: da, wo ich mich um den klarsten Ausdruck bemühe, weil mir die Sache wichtig ist und mir der Gedanke wahr erscheint, da bleibt am Ende eines Wortwechsels oft nur das quälende Gefühl, mit dem Eigentlichen, was ich hatte sagen wollen und doch auch glaubte, klar gesagt zu haben, zu den anderen gar nicht vorgedrungen zu sein.

Es gibt allerdings, dachte ich, immer noch auf dem Balkon sitzend, die Sonne war allerdings jetzt schon untergegangen, es gibt tatsächlich auch die sogenannten bereichernden Gespräche, weswegen ich die Verzweiflung an den immer wieder scheiternden Gesprächen als Antiheiratsgrund auch keineswegs durchgehen lasse. Im Gegenteil, die Kunst besteht darin, einen Menschen zu heiraten, mit dem…

Da kam ein plötzlich ganz vereinzelter Windstoß daher und wehte mir die Zigarettenschachtel von der Balkonbrüstung. Wutsch, war sie weg. Ich beugte mich gleich hinterher und sah sie noch fliegen, sah wie sie landete, halb auf dem Gullydeckel zwischen den geparkten Autos. Sollte ich runterlaufen und sie zurückholen? Wie viele Zigaretten mochten wohl noch drin gewesen sein? Ob das lohnt? Sehr voll war sie ja wohl nicht mehr, dann wäre sie nicht so leicht verweht gewesen. Ach, lass sie doch unten liegen, dachte ich, das ganze Rauchen ist doch eh ein Schmarrn, und öffnete mir ein neues Päckchen.

Die Nacht ist noch zu wenig Nacht

Ich liege im Bett, das gestrige Fieber ist heute auf mäßig erhöhte Temperatur abgesunken, der Körper zwar noch matt, aber das gematschte Hirn klart langsam wieder auf. So daliegend lese ich Reiner Stachs Kafka-Biographie, und realisiere plötzlich, dass heute Kafkas Geburtstag ist. Geboren vor 130 Jahren. Die Biographie ist ausgezeichnet. Kafka, über den ich doch einigermaßen gut Bescheid zu wissen glaubte, wird hier nochmal ganz neu geschildert, sehr genau und daher viel komplizierter, als das mit ein paar Schlagworten an die Wand genagelte Charakterbild, das jeder kennt.

Ich fasse mir an den Kopf, dass ich noch vor kurzem folgenden Satz in einem Kommentar tatsächlich selbst geschrieben habe:Ich finde Kafkas Tagebücher fast besser als seine Romane, und wenn ich 1913 gelebt hätte, würde ich bestimmt etwas darum gegeben haben, täglich in meinem Feedreader den neuesten Kafkatext vorzufinden.“ Klar, da ging es um was anderes, das Beispiel Kafka war recht willkürlich gewählt, und der Anachronismus des Feedreaders von 1913 sollte bewusst grotesk klingen. Dennoch bleibt es eine Dummheit. Nicht nur Kafkas Tagebuch, Kafkas gesamtes Schreiben ist das exakte Gegenteil von Bloggen und hätte unter den Bedingungen einer blogosphärischen Öffentlichkeit niemals entstehen können.

Witzigerweise genau im Jahr 1913 schrieb Kafka an Felice Bauer folgende Sätze:

„Schreiben heisst ja, sich öffnen bis zum Übermass; die äusserste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt und vor der er also solange er bei Sinnen ist, immer zurückscheuen wird – denn leben will jeder, solange er lebt – diese Offenherzigkeit und Hingabe genügt zum Schreiben bei weitem nicht. Was von dieser Oberfläche ins Schreiben hinübergenommen wird – wenn es nicht anders geht und die tiefern Quellen schweigen – ist nichts und fällt in dem Augenblick zusammen, in dem ein wahreres Gefühl diesen obern Boden zum Schwanken bringt. Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht.“  (zitiert nach: Reiner Stach: „Kafka. Die Jahre der Entscheidungen“, S. 266)

Was für ein extremer Begriff vom Schreiben: Äußerste Offenheit erzwingt den völligen Abschluss von den Mitmenschen, um nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Ein solches Schreiben, das äußerste Einsamkeit und tiefste Nacht zwingend voraussetzt, kann man wohl kaum am nächsten Morgen fröhlich in die Welt hinausbloggen.

Natürlich gilt der Umkehrschluss aber noch weniger, dass man als Schreiber heute sich vom Netz und jeder Öffentlichkeit, ja jedem menschlichen Verkehr überhaupt, hermetisch abriegeln müsste, wenn man ein neuer Kafka werden wollte. Kafka schrieb, wie jeder andere, vor dem Hintergrund und unter den medialen Bedingungen seiner Zeit. Das Warten auf einen neuen Kafka ist daher ebenso sinnlos wie das Warten auf einen neuen Beckett oder vergleichbare messianische Rückkehr-Erwartungen.

Die Signifikanz der Tatsache, dass Kafka Sätze wie die obigen an eine Frau schrieb, die als Stenotypistin und Schreibmaschinistin der Carl Lindström A.G. selber den ganzen Tag über am Schreiben war, ist dem aufmerksamen Kittler übrigens nicht entgangen (vgl. Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 437ff.). Ich will mich aber hierüber nicht weiter auslassen, weil ich den Verdacht hege, dass mein Fieber letztlich Resultat der überhitzten Kittler-Lektüre der letzten Wochen war und ich deshalb den Kittler jetzt vorerst lieber wieder ins Regal zurückstelle.