Missbrauch von Heeresgerät

Statt wie angekündigt weiter in Kittlers „Optischen Medien“ zu lesen, trieben mich die aktuellen Nachrichtenmeldungen dazu, stattdessen nochmal intensiv in „Grammophon, Film, Typewriter“ herumzublättern. Ich starre auf die Schrift und weiß manchmal nicht, lese ich grade Zeitung oder Kittler?

Das Tolle an Kittler ist ja, dass er bei aller theoretischer Abgedrehtheit gleichzeitig der totale Empiriker ist. Er zitiert ständig hochinteressante Dinge aus den abseitigsten Quellen und auch wenn man zuweilen etwas ratlos vor seinen Thesen und Schlussfolgerungen steht, so stellen seine Bücher doch immer noch unglaublich inspirierende Materialsteinbrüche dar. Sein vielleicht berühmtester Satz handelt von der Geburt des Rundfunks im Schützengraben des ersten Weltkriegs. Ich zitiere die Textstelle in aller Länge:

Exponentiell anwachsende Funkertruppen aber wollten auch unterhalten sein. Stellungskrieg in Schützengräben ist, bis auf MG-Geplänkel und Trommelfeueroffensiven, nur sensory depravation – Kampf als inneres Erlebnis, wie Jünger so treffend schrieb. Nach drei Jahren Öde zwischen Flandern und Ardennen zeigten die Stäbe Erbarmen: die britischen in Flandern, ein deutscher Stab bei Rethel in den Ardennen. Schützengrabenbesatzungen hatten zwar kein Radio, aber „Heeresfunkgeräte“. Vom Mai 1917 an konnte Dr. Hans Bredow, vor dem Krieg AEG-Ingenieur und nach dem Krieg erster Staatssekretär des deutschen Rundfunks, „mit einem primitiven Röhrensender ein Rundfunkprogramm ausstrahlen, bei dem Schallplatten abgespielt und Zeitungsartikel verlesen wurden. Der Gesamterfolg war jedoch dahin, als eine höhere Kommandostelle davon erfuhr und den ‚Mißbrauch von Heeresgerät’ und damit jede weitere Übertragung von Musik und Wortsendungen verbot!“

Aber so läuft es. Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät. („Grammophon, Film, Typewriter“, S. 149)

Das Zitat, aus dem er das Wort vom Missbrauch von Heeresgerät übernimmt, stammt aus einem Buch namens „Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht, (Wehrmacht im Kampf, Bd. 34)“, geschrieben von einem gewissen Hasso von Wedel. Solche Namen kann man sich ja gar nicht ausdenken und solche Bücher will man vermutlich auch selber lieber nicht lesen. Da muss man schon dankbar sein, dass ein Kittler den Kernsatz da raus exzerpiert hat.

Denn das stimmt doch einfach: Die Entwicklung technischer Medien und die Militärgeschichte sind aufs Innigste ineinander verwoben. Auch wenn die Medien sich in Friedenszeiten mit einem zivilen Mantel umkleiden, harmlose Unterhaltung eben, so bleiben sie doch im Kern militärischer Natur.

Daher ähneln die jeweiligen Kriege nach Kittler immer strukturell dem momentanen Stand der Medientechnologie. Am Anfang stand die Erfindung von Speichertechniken abseits von Schrift: Photographie, Film, Grammophon: Erster Weltkrieg, Grabenkrieg. Dann die Entwicklung entsprechender Übertragungswege für die gespeicherten Inhalte: Radio, Fernsehen: Zweiter Weltkrieg, Blitzkrieg. Dann die Computer: Hiroshima, kalter Krieg. Jetzt das Internet: War on Terror.

Ich referiere jetzt gar nicht mehr exakt den Kittler, der konnte 1986 noch nicht sehr viel vom Internet wissen und gar nichts von Bushs Krieg gegen den Terror. Aber das ist doch signifikant, dass Alan Turings Anstrengungen und Errungenschaften auf dem Gebiet der Informatik zunächst mal der Entschlüsselung deutscher Funksprüche zugedacht waren. Und dass John von Neumann die bis heute gebräuchliche Architektur eines Computers schuf, um die Atombombe bauen und ihre Wirkung berechnen zu können. Als John von Neumann im Sterben lag, vom Krebs zerfressen, woran seine Präsenz bei den Atomwaffentests in der Wüste New Mexicos nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte, da stand immer ein Soldat an seinem Bett. Man hatte Angst, er könne im Delirium des nahenden Todes Staatsgeheimnisse ausplaudern.

Hochinteressante Gestalten, diese Väter des Computers. Wir alle, die wir uns hier so nett unterhalten in unseren Blogs, unsere Youtube-Filmchen schauen und Spotify-Musik hören – wir alle sitzen in Wahrheit vor solchen Von-Neumann-Maschinen, denen der militärische Gebrauch immer schon einprogrammiert war. Wir alle betreiben Missbrauch von Heeresgerät und müssen uns nicht wundern, dass Maschinen in Uniform uns auch beim vermeintlich privaten Email-Schreiben zuschauen.

Die Überwachung des Datenverkehrs durch amerikanische und englische Geheimdienste überrascht mich daher keineswegs. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Was mich tatsächlich überrascht, ist die Vehemenz, mit der die USA die Auslieferung von Snowden fordern und betreiben. Der leibhaftige Außenminister der USA spricht offene Drohungen gegen China und Russland aus, weil sie den Hochverräter haben ungehindert ziehen lassen. Aber kein einziger stellt sich mal hin und sagt, dass man es vielleicht tatsächlich ein wenig zu weit getrieben hat mit der Datensammelwut. Eine kleine, zerknirscht geschauspielerte Entschuldigung hätte ich durchaus erwartet. Aber da kommt nichts. Bemerkenswert.

Dass Kittler in den letzten Absätzen von „Grammophon, Film, Typewriter“ sich noch ausdrücklich mit der NSA beschäftigt, wirkt von heute aus gesehen fast prophetisch:

0,1 Prozent aller Fernmeldeverbindungen auf diesem Planeten, von der Post bis zum Mikrowellenfunk, durchlaufen heute die Übertragungs-, Speicher- und Entschlüsselungsmaschinen der National Security Agency (NSA), Nachfolgeorganisation von SIS und Bletchley Park. Nach eigenen Worten hat die NSA „das Heraufkommen des Computerzeitalters“ und damit das Ende von Geschichte „beschleunigt“ wie nichts sonst. Eine automatisierte Diskursanalyse übernimmt das Kommando. (S. 378/79)

An das Ende von Geschichte glaube ich nicht, das ist Unsinn. Aber „automatisierte Diskursanalyse“ gefällt mir als Begriff und kommt den tatsächlichen Vorgängen ja auch wirklich näher als das „Abhören“, von dem jetzt immer wieder zu lesen war, als säßen da immer noch Menschen mit Kopfhörern auf dem Kopf und hörten Telefongespräche mit. Und wenn ein verdächtiger Satz fällt, notiert der NSA-Offizier ihn mit einem Bleistift nieder. Nein, das sind die Speicher- und Übertragungstechniken von vorgestern. Heute überwachen Rechner andere Rechner. Cool. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich mit meinen Kumpels per Postkarte die Instruktionen austauschen. „Grüße aus dem Allgäu“, eine grasende Kuh vorne drauf – welcher Postbote würde da Verdacht schöpfen?

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5 Kommentare zu “Missbrauch von Heeresgerät

  1. OT: Die NSA verfolgt Ihr Blog mit großem Interesse. Wir würden SichtenundOrdnen gern auf eine spezielle Liste setzen, damit auch untergeordnete Geheimdienste Ihre Statistiken auswerten können. Wenn Sie damit einverstanden sind, kontaktieren Sie mich doch bitte kurz: seymour@nsa.com. Danke und hoffentlich bis bald!

    • Ja, geht in Ordnung, setzt mich ruhig auf eure Liste. Ich habe ja nichts zu verbergen, im Gegenteil: Ihr Geheimdienstler könntet von mir noch jede Menge lernen. Also lest aufmerksam!

      • Sehr geehrter Herr Wolf,
        haben Sie Dank für Ihr großzügiges Angebot, das wir, wenn auch nicht persönlich, auch schon wahrnehmen. Allerdings sollte Ihnen klar sein, dass wir gar nichts von Ihnen zu lernen brauchen, weil dies schon an die Maschinen outgesourced wurde. Auch wenn die Semantik eines Google-Translators noch ein bisschen holpert so kann ich Ihnen versichern, dass unsere 2187 Mathematiker hier was Data-Mining und Kryptographie einiges auf die Beine stellen. Denken braucht unsereins so schon lange nicht mehr.
        Mit herzlichem Gruß,
        Ihr John C. Inglis, Deputy Director NSA

      • Dear Mr. Inglis,
        thank you very much for this information. Nevertheless I will continue with my thinking and writing, hoping that your machines will in the near future start to think by themselves and understand what I say.
        Best wishes, etc., etc.

  2. „Sichten und Ordnen“, murmelt der Offizier. Dann wendet er sich dem Gefreiten zu. Sag mal, sagt er leise, ob uns dieser Wolf verarscht?
    Der Gefreite zuckt die Achseln. Es gebe im Deutschen ein Sprichwort, sagt er, das hier vielleicht weiterhelfen könne.
    Der Offizier schaut auf das dicke Buch, das der Gefreite, ein deutschstämmiger blonder Kerl aus Nevada, vor sich liegen hat. Von einem gewissen Alexander Kluge. „Chronik der Gefühle. Lebensläufe“.
    Was mit dem Typen nur nicht stimmt, denkt der Offizier, und ganz leicht schüttelt er sogar den Kopf dabei. Warum wir nur immer die Irren kriegen und die Idioten, während die tüchtigen Jungs bei den Marines …
    Es klopft.
    Ein Sergeant tritt in den abgedunkelten Raum. Es geht um eine Geheimhaltungssache, höchste Priorität, der Offizier muss, als Dienstranghöchster, eine schnelle Entscheidung treffen. Ihm ist es alles egal, die Entscheidung fällt darum leicht.
    Nachdem das alles geklärt ist, wendet der Offizier sich wieder dem Blonden zu:
    Was ist nun mit diesem Sprichwort, Private?
    „Ein Wolf im Schafspelz*“, sagt der Gefreite.
    Und? Der Offizier legt seine Brauen in zwei Fragezeichenbögen. Was bedeutet das?
    „Wolf in sheep’s clothing.“
    Der Offizier sieht sekundenlang den Gefreiten an. Dann: Und?
    Der Gefreite errötet. Sein Gesicht ist wahrhaftig von Blut übergossen.
    Nichts, stammelt er, ich dachte bloß …
    Der Offizier wendet sich ab, zuckt die Achseln. Ich sag doch, wir werden alle verarscht, murmelt er.
    —————————–
    * Im Original deutsch.

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