Kittler

Meine erste Begegnung mit Kittler war fatal. Ein einziges Missverständnis, eine Katastrophe. Resultat war blanker Hass. Nicht, dass ich ihm je persönlich begegnet wäre, nein, es war sein Aufsatz „Das Phantom unseres Ichs“, über den ich im ersten Semester Germanistik ein Referat hielt. Der Name Kittler hatte mir gar nichts gesagt, ich hatte vielmehr diesen Text nur deswegen ausgewählt, weil er vom Dozenten als besonders schwierig apostrophiert worden war, und genau das wollte ich: schwierige Texte, komplizierte Gedanken, das Babyniveau des gymnasialen Deutschunterrichts endlich hinter mir zurücklassen. Kittlers Aufsatz erfüllte nun leider meine Hoffnungen nicht, im Gegenteil, er stürzte mich in eine ernsthafte Krise. Hier schien jemand vorsätzlich die kontraintuitivsten Behauptungen aufzustellen, die ihm einfielen, und statt diese dann mit irgendwie nachvollziehbaren Argumenten zu begründen, kippte er einfach einen sich möglichst dunkel und geheimnisvoll gebenden Wortschwall hinterher. Wenn dieses Wortgeklingel innerhalb der Germanistik als ein wissenschaftlicher Text durchging, so dachte ich damals, dann war womöglich die ganze Germanistik in Wahrheit gar keine Wissenschaft, sondern nur ein akademischer Spielplatz für halbdurchgedrehte Wortakrobaten, wo jeder alles behaupten konnte, wenn es nur abseitig genug klang.

Ich machte fortan um Kittler einen großen Bogen. Wenn er auch nur unter ferner liefen auf einer Literaturliste auftauchte, war mir das ein hinreichender Grund, ein Seminar nicht zu besuchen. Aber trotzdem hört man natürlich so dies und das, und Meinungen müssen prinzipiell immer noch änderbar bleiben, sonst sind sie verbohrt und dumm. Als irgendwer mal erzählte, Kittler habe in einer Vorlesung über neue Medien nichts anderes gemacht als den Schaltplan eines Computers zu explizieren, da fing mein Ressentiment an zu bröckeln, das war ja schon wieder cool eigentlich, genial vielleicht sogar. Ich nahm mir vor, mich irgendwann doch noch einmal ernsthaft mit Kittler zu beschäftigen.

Dass ich es Jahre später schließlich auch wirklich tat, dazu musste er offenbar sterben. Fast schuldbewusst nahm ich die Nachricht von seinem Tod auf, las sämtliche Nachrufe, fand das alles jetzt endgültig hochinteressant und empfand es als echtes Versäumnis, immer noch nichts von ihm gelesen zu haben als diesen einen Aufsatz als verblendeter Erstsemester. So besorgte ich mir die „Aufschreibesysteme 1800/1900“ und begann zu verstehen, was das soll, diese ganze Antihermeneutik. Dass man doch wirklich an die Literatur ganz andere Fragen zu stellen habe, als was ein Autor uns mit seinem Werk hat sagen wollen. Dass Literatur zunächst vor allem ein Medium darstellt und also ihrem medialen Wesen nach erforscht und begriffen werden will. Zwar fand ich das Buch immer noch über weite Strecken ziemlich kryptisch, man kriegt bei Kittler nie so ganz festen argumentativen Boden unter die Füße. Aber ich verstand und bejahte jetzt immerhin mal den prinzipiellen Ansatz. Ein Anfang war gemacht.

Im Moment bin ich in meinem Kittler-Selbststudium bei seinen Vorlesungen über „Optische Medien“ angelangt. Höchst aktuelles Thema natürlich für unsere von Bildern immer mehr überflutete Welt. Darüber nächstens mehr.

 

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3 Kommentare zu “Kittler

  1. Ich habe bisher nichts von Kittler gelesen, obwohl er jetzt tot ist, ihn aber jahrelang oft gesehen und auch mal eine Vorlesung kurz besucht; und ich habe ihn einmal auf einer Konferenz in der Kulturbrauerei Berlin tobend erlebt, weil ein Professorkollege anderer Ansicht war und so Dinge äußerte wie Du in Deinem Text. Imgrunde aber ist Kittler für mich in der Erinnerung vor allem ein Regelbrecher, ein kompromißloser Geist, einfach nur und ganz banal deswegen, weil ich bei meinen Lehraufträgen an der Humboldt-Uni in zwei Semestern nach ihm im Raum soundso unterm Dach dran war und erstmal lange lüften mußte, weil Kittler während seiner Seminare rauchte. Seine Jünger, große, schlanke Männer in schwarzen Klamotten, haben das sicher geliebt. Ich jedenfalls lüftete und, man glaubt es kaum, wischte alles, was er an die Tafel geschrieben hatte, gnadenlos weg, ohne es überhaupt zu beachten. Gelernt habe ich aber trotzdem von Kittler, einfach durch seine kompromißlose Erscheinung, und von denen gibt es an der heutigen Universität nicht mehr viele und in Zukunft überhaupt keine mehr. („Aufschreibesysteme 1800/1900“ habe ich übrigens auch auf meiner Leseliste, leider aber ist das Buch teuer, da muß ich im Moment zwei, drei Wochen von existieren.) Es gibt übrigens ein Editionsvorhaben des Lehrstuhls Medientheorien der Humboldt-Universität zu Berlin, „Gesammelte Werke. Schriften, Stimmen, Hard- und Software“ benannt. Viel Stoff also noch!

    • Ja, Kompromisslosigkeit ist eine Eigenschaft, die einen heutzutage nicht unbedingt nach oben bringt, weder an der Universität noch sonstwo. Schon Kittler musste ja schwer kämpfen, um seine gegen den universitären Mainstream geschriebene Habilitation durchzubringen und sich seinen Platz im Uni-System zu erobern. Heute würde er vermutlich scheitern damit. Die Bologna-Universität braucht solche Charaktere nicht mehr, ja, sie sind ihr schädlich. Ich bin sehr froh, vor diesen Reformen studiert haben zu dürfen, heute hätte ich wohl keine so richtige Freude mehr an der Universität.
      (Die Aufschreibesysteme sind wirklich sehr teuer, aber ich bereue keinen Cent. Das will ich dringend irgendwann noch ein zweites Mal lesen, hier bringt Relektüre mit Sicherheit noch mehr Verstehen und Erkenntnis.)

      • Tatsächlich würde auch ich heute kein Universitätsstudium mehr beginnen wollen; ich sehe es als ein Glück an, noch kurz vor diesem Bologna-Pragmatismus ein richtiges Studium absolviert zu haben, mit allen Freiheiten für erwachsene Menschen. Wenn ich heutzutage etwa mitbekomme, daß Literaturwissenschaftsstudenten Kurzzusammenfassungen von Romanen lesen, weil sie sonst nicht mehr mitkommen und am Ende scheitern würden, frage ich mich schon, ob man da nicht lieber den Studiengang ganz abschaffen sollte. Aber was rege ich mich auf!
        Was Kittler angeht, so spare ich drauf. Übrigens: Kluges „Chronik der Gefühle“ lese ich mit Begeisterung!

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