Rückmarsch

LW1905:1915

Zwei Fotografien meines Urgroßvaters. „Kreuzschule 1905“ ist dem linken Foto unten als Inschrift imprägniert. Theater, ein Übungsspiel für die folgende Passion. Im selben Jahr heiratete er meine Urgroßmutter, ein Jahr später kam mein Großvater zur Welt.

Zehn Jahre später, als würde er dasselbe Foto noch einmal nachstellen: „Feldzug 1914/15. Douai.“ Im Waffenrock wirkt er auf mich verkleideter als zehn Jahre vorher im Phantasiegewand eines biblischen Königs.

Die Ähnlichkeit der Bilder verstört mich. Beide vor gemaltem Prospekt, als wäre der Krieg auch nur ein Theater. Die zu seinen Füßen drapierte Patronenhülse. Sein in die Ferne gerichteter Blick. Was sieht er da? Und was verbirgt die hinter ihm aufgehängte Leinwand? Wenn man sie herunterrisse, stelle ich mir vor, so müsste dahinter eine verwüstete Landschaft erscheinen: Schützengräben und Granattrichter. Leichen, die niemand birgt. Zerfetzte Körper.

Sein Kriegstagebuch ist mir unlesbar. In mikroskopisch kleiner Kurrentschrift hingekritzelte Notizen. Hieroglyphen. Seltsamerweise ändert sich die Schrift ab der Überschrift „Rückmarsch“. Ab hier schreibt er größer und sorgfältiger, immer noch Kurrent, aber mit etwas Mühe kann ich fast alles entziffern. Der Rückmarsch beginnt am 3. November 1918. Akribisch protokolliert er alle Stationen, erst durch Frankreich, dann Belgien und Luxemburg. Dann ein dicker Strich, darunter: „29. Nov. 5 Uhr Grenze z. Deutschland erreicht […] 4. Dez. bei Mainz über die Kaiserbrücke Mittags 12 Uhr nach Münster […] 10. Dez. Abends v. Langenselbold nach Gelnhausen die Nacht über verladen früh 7 Uhr Abfahrt über Gemünden nach München u. durch nach Grafing Abends 5 Uhr ausgeladen den 12. per [unleserlich] nach Moosach. 18 nach Hause“. Damit enden die Aufzeichnungen. Selbst wenn er zu Fuß von Moosach nach Oberammergau gelaufen ist, wird er wohl an Weihnachten daheim gewesen sein.

Zu seinen Enkelkindern soll er recht nett gewesen sein, saß meistens in seiner Werkstatt, wo er geschnitzte Figuren bemalte, das war sein Beruf. Als ruhigen, ausgeglichenen Mann, der gerne die Kinder um sich litt, beschrieben ihn sowohl mein Vater, als auch meine Tante. Dass er im Krieg war, wusste niemand mehr. Tagebücher und Fotos fand ich in einer verbeulten Blechkiste auf dem Speicher, verstaubt und vergessen. Das Haus verliert nichts, hat meine Großmutter immer gesagt.

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