Vom Kriege

Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf.
(Carl v. Clausewitz, „Vom Kriege“)

Warum lässt mich das Thema Krieg nicht los? Ich weiß es nicht. Krieg ist das Ding, das ich nicht verstehen kann, die monströse Unvernunft. Hab als Kind schon nicht verstanden, auf dem Heimweg von der Schule, als ein Schüler einen anderen nach kurzem Wortgefecht plötzlich niederschlug und auf den wehrlos und zusammengekrümmt am Boden liegenden immer weiter einschrie und ihn mit den Füßen traktierte. Ich war Erstklässler, das waren die Großen, was hätte ich tun sollen. Alle gingen vorbei, keiner sagte was, so tat ich es auch. Ich trage aber das Bild bis heute in mir, das Ächzen des Getretenen, die entfesselte Wut des Tretenden, blindwütig, durch nichts mehr zu stoppen.

Jahre später, auf dem Gymnasium, fand ich mich selbst plötzlich in der Lage wieder, dass ich einen Konflikt nur mit Gewalt beilegen zu können glaubte. Ein Mitschüler, neu in der Klasse und sofort in die Oberliga der Beliebten und Gefürchteten aufgestiegen, hatte sich aus unerfindlichem Grund gerade mich als Zielscheibe seiner Aggressionen ausgewählt. Bei jeder Gelegenheit redete er mich dumm an, äffte mich nach, schubste mich von hinten, hieb mir den Ellbogen in die Seite, undsoweiter. Es verging kein Schultag ohne derlei Übergriffe. Meine wiederholt geäußerte Aufforderung, er möge dies sein lassen, zeigte keinerlei Wirkung. Auch meine generelle Strategie, durch möglichste Unauffälligkeit und Zurückhaltung dem immer über den Schulhof schweifenden Fokus der Streitsuchenden zu entgehen – eine Strategie, die bis dahin ganz gut funktioniert hatte – an ihm blieb sie wirkungslos. Erstmals im Leben hatte ich einen wahrhaftigen Feind, wie ich sorgenvoll feststellte. Der Weg zum Abitur war noch unabsehbar lang. Wenn die Dinge so weiter gingen, würde er zu einem Weg durch die Hölle.

Der Gegenschlag war jedoch in keiner Weise geplant. In Tagträume versunken schlenderte ich in Richtung Turnhalle, als er mich wieder von hinten anstieß, so dass ich strauchelte, und mir irgendein Schimpfwort an den Kopf warf. Da rastete ich, für mich selbst überraschend, völlig aus. Animalische Instinkte hatten im Kontrollzentrum meines Hirns von jetzt auf gleich das Oberkommando übernommen. Ich warf mich auf ihn und rang ihn in wenigen Sekunden zu Boden. Es war ein Blitzkrieg, der nur deshalb gelingen konnte, weil auch er, der mir körperlich an sich überlegen war, mit dieser Reaktion niemals gerechnet hatte. Er war überrumpelt. So kniete ich nach kurzem Kampf auf seiner Brust, drückte seine Arme zu Boden und brüllte ihn an: Du lässt mich jetzt in Frieden! Sein verstörter Blick ist mir unvergesslich: Ja, sagte er, ist ja ok, jetzt lass mich doch los.

Ich rechnete bestimmt mit Rache, war sicher, dass er diese Niederlage nicht auf sich sitzen lassen würde. Wenn er mit seinen Freunden aus der Oberliga der Beliebten und Gefürchteten auf mich losgehen würde, wäre ich chancenlos. Aber nichts dergleichen geschah. Der vor dem Eingang zur Turnhalle geschlossene Friedensvertrag erwies sich als gültig. Er ließ mich fortan in Ruhe, wir ignorierten einander nach Möglichkeit, und da seine schulischen Leistungen katastrophal waren, war er Ende des Jahres wieder weg vom Fenster, wie überhaupt die streitlustigen Raufbolde von Jahr zu Jahr so einer nach dem anderen durchs Raster sickerten, und mir die Schule so zu einem immer angenehmeren Ort wurde, bis ich mich selber eines Tages in einer Oberliga der Beliebten aber von niemandem Gefürchteten wiederfand.

Dennoch ist nichts Erbauliches an dieser Geschichte. Die Erfahrung, dass auch in mir dieser Trieb zum gewaltsamen Niederschlagen eines Gegners schlummert, ja dass es nur einer vergleichsweise geringen Ursache bedarf, um diesen Trieb zu wecken und ihm die Kontrolle über meine Person zu gewähren, empfinde ich im Gegenteil als beängstigend. Wenn aber Clausewitz recht hat mit seiner Definition des Krieges als erweitertem Zweikampf, dem Zweikampf als dem eigentlichen Element des Krieges – wie soll ich dann je den Krieg verstehen, wenn ich dieses Urerlebnis eines Zweikampfs bis heute als ein unheilvolles, unverstehbares Rätsel durch meine Erinnerungen schleppe?

Meinem Widersacher von einst, der nach dem Sitzenbleiben die Schule ganz gewechselt hatte, bin ich später noch einmal zufällig begegnet. In einem Münchner Bekleidungsgeschäft standen wir einander plötzlich gegenüber, erstarrten beide für einen kurzen Moment und gingen dann grußlos aneinander vorbei. Der alte Hass war sofort wieder da gewesen. Feinde fürs Leben, ohne dass ich je verstanden hätte, warum eigentlich. Wir Vollidioten.

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13 Kommentare zu “Vom Kriege

    • Hm, aber verdiente nicht im Idealfall jeder Mensch unseren Respekt, auch wenn es manchmal schwerfällt? Die Differenzierung zwischen „Feind“ und „Gegner“ würde ich anders vornehmen: Feindschaft trägt für mich existenziellere Züge, den Feind lehne ich auf ganzer Linie ab, sein bloßes Dasein ist mir ein Dorn im Auge, während „Gegner“ für mich mehr ein Begriff aus der Welt des Sports ist. Einer kann mein Gegner sein für die Länge einer Tennis- oder Schachpartie, das berührt aber unser normal menschliches Verhältnis gar nicht. Ist die Partie vorbei, sind wir einander wieder, was wir vorher waren: Freunde oder Feinde oder Unbekannte.

      • Sic est. Und lustigerweise passt das ganz gut zu Ernst Jünger. Er betrachtet die Feinde Deutschlands definitiv als sportliche „Gegner“, nicht als Feinde. Wenn sie gefangen genommen sind, plaudert er gerne kameradschaftlich mit ihnen und bewirtet sie mit Wein und Zigarren. „Erlegte“ Gegner (wie er es nennt) lässt er wenn möglich bestatten. … Irgendwie kränk war der schon …

      • Nun… in deinem Fall hätte ich mich gefragt, ob der von dir beschriebene Mensch überhaupt den Begriff „Feind“ verdient. Feindschaft hat auch oft etwas mit Leidenschaft zu tun. Die kann ich hier aber nicht sehen. Auch keine tiefgründige Verbindung. Für mich taugt so einer nur zum Gegner. Ihn als Feind zu bezeichnen, hieße ja fast, ihn zu adeln. Aber tröste dich… die meisten Menschen hat wohl in ihrem Leben eine solche Begegnung.
        Und verdient wirklich jeder Mensch unseren Respekt? Eine interessante Frage. Emile Cioran würde jetzt sagen:“ Unsinn. Die Taten sind entscheidender als das pure Menschsein. Punkt.

  1. Wenn Dich der Krieg nicht loslässt, kann ich Dir nur zum wiederholten mal das „Kriegstagebuch“ von Ernst Jünger empfehlen:Krieg als sportliche Herausforderung und ultimatives Abenteuer – Vorstellungen, auf die Jünger bemerkenswerterweise auch dann die Lust nicht verging, als er den Krieg mit allem Grauen hautnah erlebte. Aber lies unbedingt das Kriegstagebuch, nicht die Stahlgewitter (die auf den Kriegstagebüchern basieren) !

    • Die Stahlgewitter habe ich vor zwei Jahren schon gelesen. Fand das Buch nicht uninteressant, aber über weite Strecken doch auch ziemlich schwer verdaulich. Vermutlich deshalb bin ich bisher vor den Kriegstagebüchern zurückgeschreckt. Aber vielleicht sollte ich sie doch einmal lesen, ich les ja gerne Tagebücher. Die Unmittelbarkeit des augenblicklich schnell Notierten fasziniert mich, und in der Extremsituation Krieg ist das Ergebnis vielleicht erst recht heftig. Ich bestell mir das Buch mal. Wenn ich es gelesen habe, werde ich berichten…

  2. Lieber Herr Wolf,

    aber ist denn wirklich die Aussicht, den Rest seiner Schulzeit als Hänselopfer eines Bullys verbringen zu müssen, wirklich so geringfügig? Mir scheint, wenn Du nicht das Gefühl gehabt hättest, da drohe Dir schwerer Schaden von Deinem Widersacher, mehr an Seele womöglich denn an Leib (daher wohl das Wort „geringfügig“, weil wir ja in unserer Kultur das Seelische traditionell eher als marginal betrachten), dann wärest Du nicht so ausgerastet, hättest ihn nicht niedergerungen und in den Staub gedrückt.

    Was die Beharrlichkeit des Fortlebens des Krieges in der Erinnerung, vor allem den unbewussten Erinnerungsmustern angeht: Wie diese historische Singularität heute über idiotische Unheimlichkeitsbereinigungsprojekte wie „Deine Mutter, meine Mutter“, oder wie dieser Stuss im ZDF hieß, auf den Müllberg der Geschichte abgedrängt wird, ist ein starkes Stück! Es ist einfach eine skandalöse Entsorgung von realem Schmerz, realer Scham, tiefer Beschädigung. Neulich las ich im „Spiegel“, es gebe inzwischen eine richtige Bewegung von Kriegsenkeln, die, staunend über ein Leben eigentlich unerklärlicher psychischer Deformationen, plötzlich entdecken, dass es einen Kausalnexus gibt zu den Deformationen der Väter und der Mütter. DAVON sollte das ZDF mal berichten! (Aber es ist natürlich nicht plakativ genug, dass es in die Propagandamaschinerie, die ja auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist, hinein passte.)

    Ich will’s, wenn ich darf, mal so sagen: Der Weltkrieg II. (und deswegen finde ich auch, dass Jünger in diesem Fall die falsche Adresse ist) war ein Ereignis von solcher Gewalt und Wucht, dass noch die Nachgeborenen von den Einschlägen zittern, die damals die Welt durcheinander wirbelten. Der Krieg ist einfach nicht vorbei, und wer mit eigenen Sinnen erfahren hat (und sei’s auch mit den Kanälen des Unterbewusstseins), was so ein Krieg anrichten kann in einem Menschen, für den gibt es ein Vorbei wohl auch nicht. Es ist einfach eine unvergessliche Lektion.

    Ich bin mit meinem Roman übrigens so gut wie fertig; wie steht’s mit der Verlagsgründung? Schon alles in die Wege geleitet?

    Dein
    Billy Bob

    • Der Krieg ist nicht vorbei, du sagst es. Wenn ich meine Mutter ansehe, Jahrgang 39, die prägenden ersten sechs Lebensjahre nichts als Krieg, der immer näher kommt, immer sichtbarer die eigene Lebenswelt beeinflusst, bis schließlich die Stadt um sie herum einfach in Flammen steht und abbrennt: dann sehe ich diesen Deformationen direkt ins Auge. Und in den Köpfen, auch der Nachgeborenen, tobt der Krieg weiter. Im Unbewussten spüren wir noch die Erschütterungen, auch wenn an der Oberfläche des real Erlebten nur eine weitere Schulanekdote dann zu Tage kommt. Vielleicht hat die Marginalisierung des Seelischen in unserer Kultur hier sogar ihren Ursprung: weil wir Angst vor den dort immer noch liegenden, immer noch scharfen Bomben haben, rühren wir lieber nicht daran, reden es klein, bevor noch eine hochgeht.
      Verlagsgründung gestaltet sich schwierig. Ich weiß nicht so richtig, wie das alles geht. Bräuchte einen Kompagnon, der vielleicht mal ein Praktikum bei Suhrkamp gemacht hat. Du wüsstest nicht zufällig jemanden?
      Dein Wolfo

  3. Der Gegner ist der jeweilig mir Gegenueberstehende, der Feind ist doch eher ein Abstraktum (auch wenn man von persoenlichen Feinden spricht). Der Kirieg unterscheidet sich doch vom Zweikampf dahingehend, dass er gegen ein Kollektiv gerichtet ist. „der Feind“ ist dann eben „der Russe“, „der Franzose“ an sich. Quasi als Kompensation gegen diese Kollektivgegnerschaft gibt es dann die ehrenhafte Behandlung in Juenger’scher Herrenreitermanier.

    Warum sind wir vom Krieg fasziniert? Ich offeriere mal eine ganz einfache Erklaerung, die viele Menschen sicherlich ablehnen. Maenner sind vom Krieg einfach in einer gleichsam erotischen Weise angezogen: Waffen, Uniformen, Schlachtordnung, Pulverdampf, Tod, das spricht Maenner an. Auch wenn man weiss, dass es etwas Schlimmes ist, zieht es einen an. Ich erinnere mich an einen Tag der offenen Tuer in der Ogauer ‚Kaserne‘. Ich war so 10 und hatte bereits tief verinnerlicht, dass Krieg verabscheuungswuerdig ist. Die ausgestellten Panzer fand ich trotzdem wunderbar.

    Diese Faszination ist meiner Ansicht nach biologisch in uns verankert und wurde ueber Tausende von Generationen in uns hineingezuechtet. Das soll jetzt kein biologischer Trivialdeterminismus sein, aber es gibt viele Belege fuer solche sensorischen Praeferenzen, schon bei unserer Verwandtschaft: ein weibliches Schimpansenjunges traegt einen Stock wie eine Puppe, ein maennliches benutzt es als Waffe…

    • Da bin ich jetzt zwiegespalten. Die Zinnsoldaten meines Cousins, der damit ganze Schlachten nachstellte, ließen mich völlig kalt als Kind. Andererseits war meine Knallpistole mir auch das liebste Spielzeug, mag schon sein, dass das auch was mit dem Geschlecht und der evolutionären Züchtung zu tun hat.
      Meine momentane Beschäftigung mit dem Thema wurde aber eher ausgelöst durch diese Kluge-Lesung in Halberstadt. Der las da die Geschichten und Berichte von der Bombardierung der Stadt und du hast gemerkt, dass er da selber dabei war, als Dreizehnjähriger. Der hat das wirklich erlebt, und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie kurz dieser Krieg erst her ist. Durch die Fernseh-Dokus wird das alles immer in so eine mythische Vergangenheit gerückt, aber es leben noch die Augenzeugen dieses Irrsinns, das traf mich auf der Lesung wie der Schlag.

  4. „Feindschaft ist wesentlich“ – sagte der dubiose Carl Schmitt … und wies damit auf eine grundlegende, auf d i e politische (und auch nicht aus der Welt zu bringende) Unterscheidung.

    Es wäre wohl müßig auf all die aktuellen Konflikte um uns zu verweisen – und wieso sie letztlich die Kräfte sind, die alles in dynamischen Gang halten. Wir Wohlfühl-Deutsche, die es schon nicht mögen, wenn es unterschiedliche Meinungen in einer Partei gibt, haben da einen m. M. nach einen falschen, einen allzu verklärten Blick darauf. Doch frage ich mich auch, ob man über den gewöhnlichen Darwinismus heute vielleicht doch mehr von Dreizehnjährigen lernen kann, als von dem verkopft-verkitschten Jünger. Ich fand ihn nicht mal einen guten Beobachter – er schien mir immer viel zu sehr bei sich selbst (und erst da ist er dann auch interessant).

    Und stimmt: Auch ich habe Angst vor Waffen – aber als ich einmal einen Revolver abfeuern durfte, einen echten, war das aufregend, zwar lächerlich, aber auch bestürzend, beberauschend. Und diese ganze Ambivalenz wird sich beim „antiquierten Menschen“ wohl niemals beilegen lassen.

    • Ja, es ist vermutlich kein Zufall, dass derselbe Philosoph, der das unsterbliche „panta rhei“ formulierte, auch gesagt hat, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Vielleicht sind es wirklich nur Konflikte, die die Dinge in dynamischem Gang halten, uns vor Stillstand bewahren. Ich Wohlfühldeutscher dachte (oder besser: hoffte) immer, es möge doch die Liebe diese treibende Kraft sein. Aber vielleicht ist Liebe ja nur ein Sonderfall von Konflikt.

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