Maschinenkrieg und Grundgesetz

Wie sehr sich Jünger auch bemüht, in seinen Stahlgewittern die kriegerischen Tugenden – Tapferkeit, Unerschrockenheit, Kameradschaft etc. – zu beschreiben und zu rühmen, so kann er sich letztlich doch nicht vor der Realität des Ersten Weltkriegs wegducken, wo diese Tugenden in Wahrheit wenig bis nichts mehr zählten. Der Krieg ist zur Materialschlacht geworden, wo in erster Linie nicht mehr Armeen, sondern Kriegsmaschinerien aufeinandertreffen. Die individuellen Eigenschaften des einzelnen Soldaten sind bedeutungslos geworden, auch der Mutigste muss sich einreihen in die Masse des Schlachtviehs, das dieser Tötungsindustrie erbarmungslos so lange vorgeworfen wird, bis einer der Kontrahenten einknickt.

Diese Entwicklung setzte sich im Zweiten Weltkrieg mit gnadenloser Logik fort. In Kluges Luftangriff auf Halberstadt wird ein amerikanischer Fliegeroffizier von einem Reporter gefragt, was passiert wäre, wenn eine riesige, aus mehreren Bettlaken zusammengenähte weiße Fahne am Turm der Martinikirche gehisst worden wäre, zum Zeichen der Kapitulation der Stadt. Der Offizier Frederick L. Anderson antwortet:

Das ist eine ganze Maschinerie, die da anfliegt. Kein einzelnes Spitzenflugzeug. Was soll das weiße Großlaken bedeuten? Eine List? Gar nichts? […] Woher weiß man, ob die Person, die das weiße Laken hißte, nicht von einem Erschießungskommando wegen Defätismus längst erschossen ist?
REPORTER: Das ist aber keine faire Chance. Was sollte denn die Stadt tun, um zu kapitulieren?
ANDERSON: Was wollen Sie denn noch? Verstehen Sie denn nicht, daß es gefährlich ist, mit einer brisanten Fracht von 5 oder 4 Tonnen Spreng- und Brandbomben die Rückreise anzutreten? […] Wer will für die schwerbeladenen Enten die Verantwortung übernehmen, nur weil sich ein weißes Tuch gezeigt hat. Die Ware mußte runter auf die Stadt. Es sind ja teure Sachen. Man kann das praktisch auch nicht auf die Berge oder das freie Feld hinschmeißen, nachdem es mit viel Arbeitskraft zu Hause hergestellt ist. (Chronik der Gefühle, Band II, S. 62f.)

In der Hörspielfassung der Chronik der Gefühle fügt Kluge an dieser Stelle noch einige Gedanken in freier Rede an. Die Unmöglichkeit einer Kapitulation zeige die neue Qualität des Krieges. Vor Verdun habe wenigstens noch der Schein geherrscht, zwei Fronten lägen einander gegenüber, zwei vergleichbare Entitäten. Dieser Schein sei durch die Übermacht des industrialisierten Krieges jetzt endgültig weggeräumt. Beim Luftangriff seien die Bevölkerung unten und die oben heranfliegende Maschinerie zwei völlig verschiedene Aggregatzustände, weswegen die Möglichkeit einer Kapitulation, die in allen vorangegangenen Kriegen noch gegeben war, nun plötzlich nicht mehr da sei.

Die Drohnen sind so gesehen die vollkommen logische nächste Stufe in dieser Entwicklung. Bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs saßen immerhin noch Menschen in den Flugzeugen, da war wenigstens die Frage noch sinnvoll, ob die auf eine weiße Fahne irgendwie reagiert haben würden, auch wenn die Antwort dann NEIN lautete. Die Drohne kann nichts anderes, als den Tötungsauftrag, mit dem sie losgeschickt wurde, auszuführen. Auf das Erkennen weißer Fahnen ist sie nicht programmiert. Ich vermute, dass die Erkennung und angemessene Interpretation eines solchen Symbols ihr auch gar nicht einprogrammierbar wäre.

Die Erfahrung lehrt aber auch, dass dem Menschen das Töten umso leichter fällt, wenn er es nicht selbst erledigen muss. Menschen, die mit ihren eigenen Händen keinem Huhn den Hals umdrehen könnten, werden kein Problem damit haben, per Mausklick Drohnen loszuschicken, um ganze Landstriche zu entvölkern. Die Epoche der Drohnenkriege, die jetzt gerade so schleichend und leise beginnt, anders als das Zeitalter der Atomwaffen, das mit einem gigantischen Knall begann – ich mag sie mir nicht vorstellen.

Hörenswert hierzu auch dieses Interview mit dem Philosophen Klaus Mainzer, auf das ich durch Moritz von Sprachwitz vom Denkmuff aufmerksam wurde. Das alte Kriegsmodell „Nation gegen Nation“ gehöre durch die Drohnentechnologie der Vergangenheit an, sagt Mainzer, es bleibt aber unklar, welche Entitäten stattdessen in den Kriegen der Zukunft gegeneinander antreten werden. Wenn aber Nationen nicht mehr die Funktion von Kriegsparteien erfüllen, so denke ich den Gedanken weiter, dann werden sie sich vermutlich langsam und schrittweise ganz auflösen, ja, ich glaube, dieser Auflösungsprozess hat schon begonnen. Als Mainzer im Interview sagte, dass ein Drohneneinsatz auf fremdem Staatsgebiet für Deutschland undenkbar wäre, das verhindere ja schon das Grundgesetz, da konnte ich mir ein kurzes zynisches Auflachen nicht verkneifen. Spätestens seit Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, sollte doch noch der Letzte begriffen haben, dass dieses Grundgesetz so dehnbar wie ein Gummiband ist und niemanden an irgendetwas hindert, genau wie ja auch europäische Verträge und ihre No-bail-out-Klauseln in der Finanzkrise tagtäglich gebrochen wurden, ohne dass dies ernsthaft irgendwen gekratzt hätte. Der Glaube an die Normativität von Grundgesetzen und Verträgen, der uns in der Schule noch mit fast religiöser Inbrunst eingetrichtert worden ist, wurde durch die Ereignisse der letzten 15 Jahre ziemlich gründlich zerstört. In Wahrheit ist das alles nur Papier, und kein Siegel macht daraus etwas, über das sich die Wirklichkeit nicht mit Leichtigkeit hinwegsetzen könnte.

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