Missbrauch von Heeresgerät

Statt wie angekündigt weiter in Kittlers „Optischen Medien“ zu lesen, trieben mich die aktuellen Nachrichtenmeldungen dazu, stattdessen nochmal intensiv in „Grammophon, Film, Typewriter“ herumzublättern. Ich starre auf die Schrift und weiß manchmal nicht, lese ich grade Zeitung oder Kittler?

Das Tolle an Kittler ist ja, dass er bei aller theoretischer Abgedrehtheit gleichzeitig der totale Empiriker ist. Er zitiert ständig hochinteressante Dinge aus den abseitigsten Quellen und auch wenn man zuweilen etwas ratlos vor seinen Thesen und Schlussfolgerungen steht, so stellen seine Bücher doch immer noch unglaublich inspirierende Materialsteinbrüche dar. Sein vielleicht berühmtester Satz handelt von der Geburt des Rundfunks im Schützengraben des ersten Weltkriegs. Ich zitiere die Textstelle in aller Länge:

Exponentiell anwachsende Funkertruppen aber wollten auch unterhalten sein. Stellungskrieg in Schützengräben ist, bis auf MG-Geplänkel und Trommelfeueroffensiven, nur sensory depravation – Kampf als inneres Erlebnis, wie Jünger so treffend schrieb. Nach drei Jahren Öde zwischen Flandern und Ardennen zeigten die Stäbe Erbarmen: die britischen in Flandern, ein deutscher Stab bei Rethel in den Ardennen. Schützengrabenbesatzungen hatten zwar kein Radio, aber „Heeresfunkgeräte“. Vom Mai 1917 an konnte Dr. Hans Bredow, vor dem Krieg AEG-Ingenieur und nach dem Krieg erster Staatssekretär des deutschen Rundfunks, „mit einem primitiven Röhrensender ein Rundfunkprogramm ausstrahlen, bei dem Schallplatten abgespielt und Zeitungsartikel verlesen wurden. Der Gesamterfolg war jedoch dahin, als eine höhere Kommandostelle davon erfuhr und den ‚Mißbrauch von Heeresgerät’ und damit jede weitere Übertragung von Musik und Wortsendungen verbot!“

Aber so läuft es. Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät. („Grammophon, Film, Typewriter“, S. 149)

Das Zitat, aus dem er das Wort vom Missbrauch von Heeresgerät übernimmt, stammt aus einem Buch namens „Die Propagandatruppen der deutschen Wehrmacht, (Wehrmacht im Kampf, Bd. 34)“, geschrieben von einem gewissen Hasso von Wedel. Solche Namen kann man sich ja gar nicht ausdenken und solche Bücher will man vermutlich auch selber lieber nicht lesen. Da muss man schon dankbar sein, dass ein Kittler den Kernsatz da raus exzerpiert hat.

Denn das stimmt doch einfach: Die Entwicklung technischer Medien und die Militärgeschichte sind aufs Innigste ineinander verwoben. Auch wenn die Medien sich in Friedenszeiten mit einem zivilen Mantel umkleiden, harmlose Unterhaltung eben, so bleiben sie doch im Kern militärischer Natur.

Daher ähneln die jeweiligen Kriege nach Kittler immer strukturell dem momentanen Stand der Medientechnologie. Am Anfang stand die Erfindung von Speichertechniken abseits von Schrift: Photographie, Film, Grammophon: Erster Weltkrieg, Grabenkrieg. Dann die Entwicklung entsprechender Übertragungswege für die gespeicherten Inhalte: Radio, Fernsehen: Zweiter Weltkrieg, Blitzkrieg. Dann die Computer: Hiroshima, kalter Krieg. Jetzt das Internet: War on Terror.

Ich referiere jetzt gar nicht mehr exakt den Kittler, der konnte 1986 noch nicht sehr viel vom Internet wissen und gar nichts von Bushs Krieg gegen den Terror. Aber das ist doch signifikant, dass Alan Turings Anstrengungen und Errungenschaften auf dem Gebiet der Informatik zunächst mal der Entschlüsselung deutscher Funksprüche zugedacht waren. Und dass John von Neumann die bis heute gebräuchliche Architektur eines Computers schuf, um die Atombombe bauen und ihre Wirkung berechnen zu können. Als John von Neumann im Sterben lag, vom Krebs zerfressen, woran seine Präsenz bei den Atomwaffentests in der Wüste New Mexicos nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte, da stand immer ein Soldat an seinem Bett. Man hatte Angst, er könne im Delirium des nahenden Todes Staatsgeheimnisse ausplaudern.

Hochinteressante Gestalten, diese Väter des Computers. Wir alle, die wir uns hier so nett unterhalten in unseren Blogs, unsere Youtube-Filmchen schauen und Spotify-Musik hören – wir alle sitzen in Wahrheit vor solchen Von-Neumann-Maschinen, denen der militärische Gebrauch immer schon einprogrammiert war. Wir alle betreiben Missbrauch von Heeresgerät und müssen uns nicht wundern, dass Maschinen in Uniform uns auch beim vermeintlich privaten Email-Schreiben zuschauen.

Die Überwachung des Datenverkehrs durch amerikanische und englische Geheimdienste überrascht mich daher keineswegs. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Was mich tatsächlich überrascht, ist die Vehemenz, mit der die USA die Auslieferung von Snowden fordern und betreiben. Der leibhaftige Außenminister der USA spricht offene Drohungen gegen China und Russland aus, weil sie den Hochverräter haben ungehindert ziehen lassen. Aber kein einziger stellt sich mal hin und sagt, dass man es vielleicht tatsächlich ein wenig zu weit getrieben hat mit der Datensammelwut. Eine kleine, zerknirscht geschauspielerte Entschuldigung hätte ich durchaus erwartet. Aber da kommt nichts. Bemerkenswert.

Dass Kittler in den letzten Absätzen von „Grammophon, Film, Typewriter“ sich noch ausdrücklich mit der NSA beschäftigt, wirkt von heute aus gesehen fast prophetisch:

0,1 Prozent aller Fernmeldeverbindungen auf diesem Planeten, von der Post bis zum Mikrowellenfunk, durchlaufen heute die Übertragungs-, Speicher- und Entschlüsselungsmaschinen der National Security Agency (NSA), Nachfolgeorganisation von SIS und Bletchley Park. Nach eigenen Worten hat die NSA „das Heraufkommen des Computerzeitalters“ und damit das Ende von Geschichte „beschleunigt“ wie nichts sonst. Eine automatisierte Diskursanalyse übernimmt das Kommando. (S. 378/79)

An das Ende von Geschichte glaube ich nicht, das ist Unsinn. Aber „automatisierte Diskursanalyse“ gefällt mir als Begriff und kommt den tatsächlichen Vorgängen ja auch wirklich näher als das „Abhören“, von dem jetzt immer wieder zu lesen war, als säßen da immer noch Menschen mit Kopfhörern auf dem Kopf und hörten Telefongespräche mit. Und wenn ein verdächtiger Satz fällt, notiert der NSA-Offizier ihn mit einem Bleistift nieder. Nein, das sind die Speicher- und Übertragungstechniken von vorgestern. Heute überwachen Rechner andere Rechner. Cool. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich mit meinen Kumpels per Postkarte die Instruktionen austauschen. „Grüße aus dem Allgäu“, eine grasende Kuh vorne drauf – welcher Postbote würde da Verdacht schöpfen?

Kittler

Meine erste Begegnung mit Kittler war fatal. Ein einziges Missverständnis, eine Katastrophe. Resultat war blanker Hass. Nicht, dass ich ihm je persönlich begegnet wäre, nein, es war sein Aufsatz „Das Phantom unseres Ichs“, über den ich im ersten Semester Germanistik ein Referat hielt. Der Name Kittler hatte mir gar nichts gesagt, ich hatte vielmehr diesen Text nur deswegen ausgewählt, weil er vom Dozenten als besonders schwierig apostrophiert worden war, und genau das wollte ich: schwierige Texte, komplizierte Gedanken, das Babyniveau des gymnasialen Deutschunterrichts endlich hinter mir zurücklassen. Kittlers Aufsatz erfüllte nun leider meine Hoffnungen nicht, im Gegenteil, er stürzte mich in eine ernsthafte Krise. Hier schien jemand vorsätzlich die kontraintuitivsten Behauptungen aufzustellen, die ihm einfielen, und statt diese dann mit irgendwie nachvollziehbaren Argumenten zu begründen, kippte er einfach einen sich möglichst dunkel und geheimnisvoll gebenden Wortschwall hinterher. Wenn dieses Wortgeklingel innerhalb der Germanistik als ein wissenschaftlicher Text durchging, so dachte ich damals, dann war womöglich die ganze Germanistik in Wahrheit gar keine Wissenschaft, sondern nur ein akademischer Spielplatz für halbdurchgedrehte Wortakrobaten, wo jeder alles behaupten konnte, wenn es nur abseitig genug klang.

Ich machte fortan um Kittler einen großen Bogen. Wenn er auch nur unter ferner liefen auf einer Literaturliste auftauchte, war mir das ein hinreichender Grund, ein Seminar nicht zu besuchen. Aber trotzdem hört man natürlich so dies und das, und Meinungen müssen prinzipiell immer noch änderbar bleiben, sonst sind sie verbohrt und dumm. Als irgendwer mal erzählte, Kittler habe in einer Vorlesung über neue Medien nichts anderes gemacht als den Schaltplan eines Computers zu explizieren, da fing mein Ressentiment an zu bröckeln, das war ja schon wieder cool eigentlich, genial vielleicht sogar. Ich nahm mir vor, mich irgendwann doch noch einmal ernsthaft mit Kittler zu beschäftigen.

Dass ich es Jahre später schließlich auch wirklich tat, dazu musste er offenbar sterben. Fast schuldbewusst nahm ich die Nachricht von seinem Tod auf, las sämtliche Nachrufe, fand das alles jetzt endgültig hochinteressant und empfand es als echtes Versäumnis, immer noch nichts von ihm gelesen zu haben als diesen einen Aufsatz als verblendeter Erstsemester. So besorgte ich mir die „Aufschreibesysteme 1800/1900“ und begann zu verstehen, was das soll, diese ganze Antihermeneutik. Dass man doch wirklich an die Literatur ganz andere Fragen zu stellen habe, als was ein Autor uns mit seinem Werk hat sagen wollen. Dass Literatur zunächst vor allem ein Medium darstellt und also ihrem medialen Wesen nach erforscht und begriffen werden will. Zwar fand ich das Buch immer noch über weite Strecken ziemlich kryptisch, man kriegt bei Kittler nie so ganz festen argumentativen Boden unter die Füße. Aber ich verstand und bejahte jetzt immerhin mal den prinzipiellen Ansatz. Ein Anfang war gemacht.

Im Moment bin ich in meinem Kittler-Selbststudium bei seinen Vorlesungen über „Optische Medien“ angelangt. Höchst aktuelles Thema natürlich für unsere von Bildern immer mehr überflutete Welt. Darüber nächstens mehr.

 

Rückmarsch

LW1905:1915

Zwei Fotografien meines Urgroßvaters. „Kreuzschule 1905“ ist dem linken Foto unten als Inschrift imprägniert. Theater, ein Übungsspiel für die folgende Passion. Im selben Jahr heiratete er meine Urgroßmutter, ein Jahr später kam mein Großvater zur Welt.

Zehn Jahre später, als würde er dasselbe Foto noch einmal nachstellen: „Feldzug 1914/15. Douai.“ Im Waffenrock wirkt er auf mich verkleideter als zehn Jahre vorher im Phantasiegewand eines biblischen Königs.

Die Ähnlichkeit der Bilder verstört mich. Beide vor gemaltem Prospekt, als wäre der Krieg auch nur ein Theater. Die zu seinen Füßen drapierte Patronenhülse. Sein in die Ferne gerichteter Blick. Was sieht er da? Und was verbirgt die hinter ihm aufgehängte Leinwand? Wenn man sie herunterrisse, stelle ich mir vor, so müsste dahinter eine verwüstete Landschaft erscheinen: Schützengräben und Granattrichter. Leichen, die niemand birgt. Zerfetzte Körper.

Sein Kriegstagebuch ist mir unlesbar. In mikroskopisch kleiner Kurrentschrift hingekritzelte Notizen. Hieroglyphen. Seltsamerweise ändert sich die Schrift ab der Überschrift „Rückmarsch“. Ab hier schreibt er größer und sorgfältiger, immer noch Kurrent, aber mit etwas Mühe kann ich fast alles entziffern. Der Rückmarsch beginnt am 3. November 1918. Akribisch protokolliert er alle Stationen, erst durch Frankreich, dann Belgien und Luxemburg. Dann ein dicker Strich, darunter: „29. Nov. 5 Uhr Grenze z. Deutschland erreicht […] 4. Dez. bei Mainz über die Kaiserbrücke Mittags 12 Uhr nach Münster […] 10. Dez. Abends v. Langenselbold nach Gelnhausen die Nacht über verladen früh 7 Uhr Abfahrt über Gemünden nach München u. durch nach Grafing Abends 5 Uhr ausgeladen den 12. per [unleserlich] nach Moosach. 18 nach Hause“. Damit enden die Aufzeichnungen. Selbst wenn er zu Fuß von Moosach nach Oberammergau gelaufen ist, wird er wohl an Weihnachten daheim gewesen sein.

Zu seinen Enkelkindern soll er recht nett gewesen sein, saß meistens in seiner Werkstatt, wo er geschnitzte Figuren bemalte, das war sein Beruf. Als ruhigen, ausgeglichenen Mann, der gerne die Kinder um sich litt, beschrieben ihn sowohl mein Vater, als auch meine Tante. Dass er im Krieg war, wusste niemand mehr. Tagebücher und Fotos fand ich in einer verbeulten Blechkiste auf dem Speicher, verstaubt und vergessen. Das Haus verliert nichts, hat meine Großmutter immer gesagt.

Vom Kriege

Der Krieg ist nichts als ein erweiterter Zweikampf.
(Carl v. Clausewitz, „Vom Kriege“)

Warum lässt mich das Thema Krieg nicht los? Ich weiß es nicht. Krieg ist das Ding, das ich nicht verstehen kann, die monströse Unvernunft. Hab als Kind schon nicht verstanden, auf dem Heimweg von der Schule, als ein Schüler einen anderen nach kurzem Wortgefecht plötzlich niederschlug und auf den wehrlos und zusammengekrümmt am Boden liegenden immer weiter einschrie und ihn mit den Füßen traktierte. Ich war Erstklässler, das waren die Großen, was hätte ich tun sollen. Alle gingen vorbei, keiner sagte was, so tat ich es auch. Ich trage aber das Bild bis heute in mir, das Ächzen des Getretenen, die entfesselte Wut des Tretenden, blindwütig, durch nichts mehr zu stoppen.

Jahre später, auf dem Gymnasium, fand ich mich selbst plötzlich in der Lage wieder, dass ich einen Konflikt nur mit Gewalt beilegen zu können glaubte. Ein Mitschüler, neu in der Klasse und sofort in die Oberliga der Beliebten und Gefürchteten aufgestiegen, hatte sich aus unerfindlichem Grund gerade mich als Zielscheibe seiner Aggressionen ausgewählt. Bei jeder Gelegenheit redete er mich dumm an, äffte mich nach, schubste mich von hinten, hieb mir den Ellbogen in die Seite, undsoweiter. Es verging kein Schultag ohne derlei Übergriffe. Meine wiederholt geäußerte Aufforderung, er möge dies sein lassen, zeigte keinerlei Wirkung. Auch meine generelle Strategie, durch möglichste Unauffälligkeit und Zurückhaltung dem immer über den Schulhof schweifenden Fokus der Streitsuchenden zu entgehen – eine Strategie, die bis dahin ganz gut funktioniert hatte – an ihm blieb sie wirkungslos. Erstmals im Leben hatte ich einen wahrhaftigen Feind, wie ich sorgenvoll feststellte. Der Weg zum Abitur war noch unabsehbar lang. Wenn die Dinge so weiter gingen, würde er zu einem Weg durch die Hölle.

Der Gegenschlag war jedoch in keiner Weise geplant. In Tagträume versunken schlenderte ich in Richtung Turnhalle, als er mich wieder von hinten anstieß, so dass ich strauchelte, und mir irgendein Schimpfwort an den Kopf warf. Da rastete ich, für mich selbst überraschend, völlig aus. Animalische Instinkte hatten im Kontrollzentrum meines Hirns von jetzt auf gleich das Oberkommando übernommen. Ich warf mich auf ihn und rang ihn in wenigen Sekunden zu Boden. Es war ein Blitzkrieg, der nur deshalb gelingen konnte, weil auch er, der mir körperlich an sich überlegen war, mit dieser Reaktion niemals gerechnet hatte. Er war überrumpelt. So kniete ich nach kurzem Kampf auf seiner Brust, drückte seine Arme zu Boden und brüllte ihn an: Du lässt mich jetzt in Frieden! Sein verstörter Blick ist mir unvergesslich: Ja, sagte er, ist ja ok, jetzt lass mich doch los.

Ich rechnete bestimmt mit Rache, war sicher, dass er diese Niederlage nicht auf sich sitzen lassen würde. Wenn er mit seinen Freunden aus der Oberliga der Beliebten und Gefürchteten auf mich losgehen würde, wäre ich chancenlos. Aber nichts dergleichen geschah. Der vor dem Eingang zur Turnhalle geschlossene Friedensvertrag erwies sich als gültig. Er ließ mich fortan in Ruhe, wir ignorierten einander nach Möglichkeit, und da seine schulischen Leistungen katastrophal waren, war er Ende des Jahres wieder weg vom Fenster, wie überhaupt die streitlustigen Raufbolde von Jahr zu Jahr so einer nach dem anderen durchs Raster sickerten, und mir die Schule so zu einem immer angenehmeren Ort wurde, bis ich mich selber eines Tages in einer Oberliga der Beliebten aber von niemandem Gefürchteten wiederfand.

Dennoch ist nichts Erbauliches an dieser Geschichte. Die Erfahrung, dass auch in mir dieser Trieb zum gewaltsamen Niederschlagen eines Gegners schlummert, ja dass es nur einer vergleichsweise geringen Ursache bedarf, um diesen Trieb zu wecken und ihm die Kontrolle über meine Person zu gewähren, empfinde ich im Gegenteil als beängstigend. Wenn aber Clausewitz recht hat mit seiner Definition des Krieges als erweitertem Zweikampf, dem Zweikampf als dem eigentlichen Element des Krieges – wie soll ich dann je den Krieg verstehen, wenn ich dieses Urerlebnis eines Zweikampfs bis heute als ein unheilvolles, unverstehbares Rätsel durch meine Erinnerungen schleppe?

Meinem Widersacher von einst, der nach dem Sitzenbleiben die Schule ganz gewechselt hatte, bin ich später noch einmal zufällig begegnet. In einem Münchner Bekleidungsgeschäft standen wir einander plötzlich gegenüber, erstarrten beide für einen kurzen Moment und gingen dann grußlos aneinander vorbei. Der alte Hass war sofort wieder da gewesen. Feinde fürs Leben, ohne dass ich je verstanden hätte, warum eigentlich. Wir Vollidioten.

Maschinenkrieg und Grundgesetz

Wie sehr sich Jünger auch bemüht, in seinen Stahlgewittern die kriegerischen Tugenden – Tapferkeit, Unerschrockenheit, Kameradschaft etc. – zu beschreiben und zu rühmen, so kann er sich letztlich doch nicht vor der Realität des Ersten Weltkriegs wegducken, wo diese Tugenden in Wahrheit wenig bis nichts mehr zählten. Der Krieg ist zur Materialschlacht geworden, wo in erster Linie nicht mehr Armeen, sondern Kriegsmaschinerien aufeinandertreffen. Die individuellen Eigenschaften des einzelnen Soldaten sind bedeutungslos geworden, auch der Mutigste muss sich einreihen in die Masse des Schlachtviehs, das dieser Tötungsindustrie erbarmungslos so lange vorgeworfen wird, bis einer der Kontrahenten einknickt.

Diese Entwicklung setzte sich im Zweiten Weltkrieg mit gnadenloser Logik fort. In Kluges Luftangriff auf Halberstadt wird ein amerikanischer Fliegeroffizier von einem Reporter gefragt, was passiert wäre, wenn eine riesige, aus mehreren Bettlaken zusammengenähte weiße Fahne am Turm der Martinikirche gehisst worden wäre, zum Zeichen der Kapitulation der Stadt. Der Offizier Frederick L. Anderson antwortet:

Das ist eine ganze Maschinerie, die da anfliegt. Kein einzelnes Spitzenflugzeug. Was soll das weiße Großlaken bedeuten? Eine List? Gar nichts? […] Woher weiß man, ob die Person, die das weiße Laken hißte, nicht von einem Erschießungskommando wegen Defätismus längst erschossen ist?
REPORTER: Das ist aber keine faire Chance. Was sollte denn die Stadt tun, um zu kapitulieren?
ANDERSON: Was wollen Sie denn noch? Verstehen Sie denn nicht, daß es gefährlich ist, mit einer brisanten Fracht von 5 oder 4 Tonnen Spreng- und Brandbomben die Rückreise anzutreten? […] Wer will für die schwerbeladenen Enten die Verantwortung übernehmen, nur weil sich ein weißes Tuch gezeigt hat. Die Ware mußte runter auf die Stadt. Es sind ja teure Sachen. Man kann das praktisch auch nicht auf die Berge oder das freie Feld hinschmeißen, nachdem es mit viel Arbeitskraft zu Hause hergestellt ist. (Chronik der Gefühle, Band II, S. 62f.)

In der Hörspielfassung der Chronik der Gefühle fügt Kluge an dieser Stelle noch einige Gedanken in freier Rede an. Die Unmöglichkeit einer Kapitulation zeige die neue Qualität des Krieges. Vor Verdun habe wenigstens noch der Schein geherrscht, zwei Fronten lägen einander gegenüber, zwei vergleichbare Entitäten. Dieser Schein sei durch die Übermacht des industrialisierten Krieges jetzt endgültig weggeräumt. Beim Luftangriff seien die Bevölkerung unten und die oben heranfliegende Maschinerie zwei völlig verschiedene Aggregatzustände, weswegen die Möglichkeit einer Kapitulation, die in allen vorangegangenen Kriegen noch gegeben war, nun plötzlich nicht mehr da sei.

Die Drohnen sind so gesehen die vollkommen logische nächste Stufe in dieser Entwicklung. Bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs saßen immerhin noch Menschen in den Flugzeugen, da war wenigstens die Frage noch sinnvoll, ob die auf eine weiße Fahne irgendwie reagiert haben würden, auch wenn die Antwort dann NEIN lautete. Die Drohne kann nichts anderes, als den Tötungsauftrag, mit dem sie losgeschickt wurde, auszuführen. Auf das Erkennen weißer Fahnen ist sie nicht programmiert. Ich vermute, dass die Erkennung und angemessene Interpretation eines solchen Symbols ihr auch gar nicht einprogrammierbar wäre.

Die Erfahrung lehrt aber auch, dass dem Menschen das Töten umso leichter fällt, wenn er es nicht selbst erledigen muss. Menschen, die mit ihren eigenen Händen keinem Huhn den Hals umdrehen könnten, werden kein Problem damit haben, per Mausklick Drohnen loszuschicken, um ganze Landstriche zu entvölkern. Die Epoche der Drohnenkriege, die jetzt gerade so schleichend und leise beginnt, anders als das Zeitalter der Atomwaffen, das mit einem gigantischen Knall begann – ich mag sie mir nicht vorstellen.

Hörenswert hierzu auch dieses Interview mit dem Philosophen Klaus Mainzer, auf das ich durch Moritz von Sprachwitz vom Denkmuff aufmerksam wurde. Das alte Kriegsmodell „Nation gegen Nation“ gehöre durch die Drohnentechnologie der Vergangenheit an, sagt Mainzer, es bleibt aber unklar, welche Entitäten stattdessen in den Kriegen der Zukunft gegeneinander antreten werden. Wenn aber Nationen nicht mehr die Funktion von Kriegsparteien erfüllen, so denke ich den Gedanken weiter, dann werden sie sich vermutlich langsam und schrittweise ganz auflösen, ja, ich glaube, dieser Auflösungsprozess hat schon begonnen. Als Mainzer im Interview sagte, dass ein Drohneneinsatz auf fremdem Staatsgebiet für Deutschland undenkbar wäre, das verhindere ja schon das Grundgesetz, da konnte ich mir ein kurzes zynisches Auflachen nicht verkneifen. Spätestens seit Deutschlands Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, sollte doch noch der Letzte begriffen haben, dass dieses Grundgesetz so dehnbar wie ein Gummiband ist und niemanden an irgendetwas hindert, genau wie ja auch europäische Verträge und ihre No-bail-out-Klauseln in der Finanzkrise tagtäglich gebrochen wurden, ohne dass dies ernsthaft irgendwen gekratzt hätte. Der Glaube an die Normativität von Grundgesetzen und Verträgen, der uns in der Schule noch mit fast religiöser Inbrunst eingetrichtert worden ist, wurde durch die Ereignisse der letzten 15 Jahre ziemlich gründlich zerstört. In Wahrheit ist das alles nur Papier, und kein Siegel macht daraus etwas, über das sich die Wirklichkeit nicht mit Leichtigkeit hinwegsetzen könnte.