Vorsicht Schußwaffen!

Der Terror der RAF war in meiner Kindheit stets präsent, die Phantome wandelten unter uns, das war normal. Im Biergarten der Ettaler Mühle zum Beispiel, wo wir im Sommer manchmal hinfuhren wegen der einzigartig hervorragenden Forellen vom Grill, die meine Mutter so liebte, da saßen die Erwachsenen auf ihren Bierbänken, der Koch stand am Grill und wendete die Fische, wir Kinder spielten am idyllisch dahinplätschernden Bach, in dem sich nutzlos und nur noch zum Zwecke der Idyllerzeugung das alte Mühlrad drehte, und daneben hing ganz selbstverständlich das rot umrandete Plakat mit den unscharfen Schwarzweißgesichtern: „Terroristen. Vorsicht Schußwaffen!“

Mein Blick schwenkte hin und her zwischen dem Plakat und den Leuten im Biergarten, es war alles sehr aufregend: der da hinten mit dem Schnauzbart, das war doch einer der Gesuchten, ganz klar, ich hatte einen enttarnt. Das Herz klopfte mir im Hals als ich die Entdeckung meiner Mutter zuflüsterte, aber die lachte nur und sagte, ohne sich zum Vergleich das Fahndungsbild überhaupt anzuschauen, solche Terroristen gebe es bei uns nicht, ich solle keine Angst haben, so etwas gebe es nur in der Großstadt. Ich war keineswegs beruhigt. Wenn das so einfach wäre, warum hatte die Polizei dann so ein Fahndungsplakat überhaupt hier aufgehängt? Zur Sicherheit ließ ich den Schnauzbärtigen nicht aus den Augen, gewärtig, er könne jeden Moment mit gezückter Pistole aufspringen und wie wild um sich ballern, was er glücklicherweise dann aber doch nicht tat.

Es sollte sich dennoch zeigen, dass die pauschale Entwarnung meiner Mutter falsch gewesen war. Eines Morgens ging ich zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen, durchdrungen von dem kindlichen Wunsch, es möge doch einmal auf der Titelseite von Oberammergau berichtet werden, nicht immer nur München oder Bonn, diese ewig gleichen und für mich nichtssagenden Orte. Und, was soll ich sagen, ich erfinde das nicht: genau an diesem Tag stand Oberammergau tatsächlich auf der Titelseite des Münchner Merkur. Ein Attentat auf die örtliche Nato-Schule war nur knapp gescheitert, in letzter Sekunde war das mit Sprengstoff vollgepackte Auto entdeckt und die Bomben entschärft worden, die Täter jedoch wurden nicht gefasst. Das war natürlich für die nächsten Wochen das Thema im Dorf. Jeder hatte die Terroristen gesehen gehabt, jedem war etwas merkwürdig vorgekommen an diesen Fremden, die tatsächlich, wie sich nun herausstellte,  monatelang eine konspirative Wohnung in unserem idyllischen Alpendörflein unterhalten hatten, um diesen Anschlag vorzubereiten. Uneinigkeit herrschte bezüglich der potentiellen Sprengkraft der Bombe. Manche behaupteten, so ein selbstgebasteltes Bömblein wäre wohl ohne größere Auswirkungen einfach verpufft, der Toni hingegen war überzeugt, eine Detonation hätte im direkten Umkreis der Nato-Schule sicherlich diverse Todesopfer gefordert und bis ins Dorf hinunter würde es mindestens die Fensterscheiben zerrissen haben, was mir allein deshalb plausibel vorkam, weil der Toni als Weltkriegsveteran ja Ahnung von so etwas haben musste. Ich hielt mich bedeckt in diesen Gesprächen und enthüllte niemandem, dass ich selbst das Ereignis sozusagen herbeigewünscht hatte, weil ich Oberammergau auf der Titelseite der Zeitung hatte sehen wollen, war aber fortan insgeheim davon überzeugt, dass meinem Bewusstsein eine wirklichkeits­verändernde Kraft innewohnte.

Jahre später entwickelte ich erneut eine Faszination für den Terror. Ich verschlang den Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und daran anschließend noch alles andere, dessen ich habhaft werden konnte. Es gab damals ja noch nicht soviel Literatur zu dem Thema wie heute, die RAF war Anfang der Neunziger noch nicht vollständig zu Geschichte geronnen, sondern immer noch Teil der Gegenwart. In der 12. Klasse schrieb ich meine Facharbeit über das Thema „Die Entstehung der RAF und die Reaktion des Staates“. Meine These war damals so ungefähr, dass der Staat von Anfang an auf diese Bedrohung von links völlig überreagiert hat und sich dadurch den zunächst ja eher harmlosen Linksaktivisten als genau das faschistisch-gewalttätige Willkürmonster offenbarte, das sie in ihren marxistischen Pamphleten an die Wand gemalt hatten, ein Monster, dessen ebenso gewalttätige Bekämpfung ihnen nun umso gerechtfertigter erschien, undsoweiter: eine Spirale der Gewalt, deren weitere Eskalation spätestens nach dem Abtauchen der RAF-Leute in den Untergrund, in den sie durch die Verfolgung des Staates ja quasi hineingetrieben wurden, durch keinen Dialog mehr abgebremst werden konnte. Keine besonders waghalsige oder neue These, aber immerhin auch nicht ganz falsch, wie mir heute noch scheint.

Ich musste an all das jetzt wieder denken, als ich neulich auf einer längeren Zugfahrt den Roman Das Verschwinden des Philip S. von Ulrike Edschmid las, der mir meine damalige Facharbeitsthese geradezu exemplarisch zu belegen schien. Das Buch beschreibt den Weg des Filmstudenten Philip S. in den Untergrund, erzählt aus der Perspektive seiner damaligen Lebensgefährtin, der namenlosen Ich-Erzählerin. Sie beschreibt S., der 1967 nach Berlin kommt, um dort an der Filmakademie zu studieren, als einen sensiblen, einfühlsamen Menschen, in der Filmarbeit ein perfektionistischer Ästhet. Von den politisch aufgeheizten Kommilitonen wird sein erster Film als zu unpolitisch und formalistisch abgelehnt. Diese Vorwürfe prallen an Philip S. ab: „Er hat gezeigt, wohin er mit seinem Film gehört. Er hat Menschen dargestellt, deren Vereinzelung, Einsamkeit und Verstrickung in undurchschaubare und bedrohliche Mächte metaphysischer Art ist und durch keine Revolution aufgehoben werden kann.“ (S. 34)

Aber als im Frühjahr 1968 Schüsse auf einen Studentenführer abgefeuert werden und das Parlament Ausnahmegesetze für den Notstand erlässt, fühlt sich auch der Ästhet Philip S. mehr und mehr zum Widerstand aufgerufen, besucht jetzt die studentischen Versammlungen und Demonstrationen, macht mit bei der Besetzung der Filmhochschule.

Parallell zu diesen öffentlichen Ereignissen bleibt Philip S. im Privaten eigentlich ganz unverändert. Dem Sohn der Erzählerin, der nicht der seine ist, ist er ein liebevoller Vaterersatz, er engagiert sich in den selbstorganisierten Kinderläden, die gegen das staatliche Erziehungsmonopol gegründet werden. Aber durch das Engagement in den linken Kreisen steht das Paar bald auf der Abschussliste der Polizei. Immer, wenn es irgendwo knallt, stehen sie vor der Tür, dringen ein, durchsuchen die Wohnung, entwenden Dinge. Plötzlich gibt es gar kein Privates mehr für diese Familie. Als sie beide unter falschem Verdacht über Wochen in Untersuchungshaft festgehalten werden, kommen sie als veränderte und einander entfremdete Menschen wieder hinaus: „Wir sind nicht an den gleichen Ort zurückgekehrt, nicht in das gleiche Leben. Aber das wissen wir noch nicht. Erst später sehe ich deutlich, wie in dem, was damals geschah, schon das Zukünftige aufschien. Unter der Hand veränderte sich etwas, das ich im Rückblick als Zeitwende begreife, das Leben spaltete sich auf in die Zeit vor dem Gefängnis und in die danach.“ (S. 105)

Der vom Staat sich offen verfolgt sehende S. bereitet jetzt alles für das Leben im Untergrund vor, vernichtet Fotos, fälscht Pässe, trifft sich mit Leuten, die bereits abgetaucht sind. Die Erzählerin hingegen will gegen alle Widerstände ein offenes, eigenes Leben haben, will auch ihr Kind nicht verlassen. So zerbricht diese Liebe, ziemlich erschütternd ist das zu lesen, gerade weil es völlig unsentimental erzählt und geschrieben ist.

Am Ende stirbt der Philip S. auf einem Parkplatz, von Polizistenkugeln durchlöchert, das ist sein endgültiges Verschwinden, dokumentiert von der einstigen und, wie man beim Lesen zu spüren glaubt, ihm bis über den Tod hinaus noch verbundenen Gefährtin.

Im Zug sitzend las ich das schmale Buch durch, ohne einmal abzusetzen, und als ich es schließlich zuklappte und nachdenklich dieses seltsame Deutschland an mir vorübersausen sah, da kamen mir all diese oben beschriebenen Kindheitserinnerungen wieder in den Sinn. Auf dem Platz neben mir hatte die ganze Zeit ein voll uniformierter Polizist gesessen, der hauptächlich mit seinem Handy beschäftigt gewesen war und jetzt an der Haltestelle Jena Paradies den Zug verließ. Nicht unbedingt ein Freund und Helfer, aber auch kein Repräsentant eines Schweinesystems, dachte ich, nachdem wir uns lächelnd voneinander verabschiedet hatten. Ein ganz normaler Mitreisender, wie alle anderen auch. In letzter Konsequenz: nichts weiter als ein Mensch.

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