Hohlkörper

Im Wartezimmer des HNO-Arztes, wo ich mich heute zur nochmaligen Ohrenkontrolle wieder einfand, warteten vor mir so viele Leute, allesamt Rentner wie mir schien, dass ich endlich Gelegenheit hatte, den Roman „Hohlkörper“ von Robert Mattheis fertigzulesen. Während des Lesens fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor geraumer Zeit einmal mit dem Ochsen führte, der sich damals über die sogenannte junge deutsche Literatur beschwert hatte. Alle diese Leute würden doch überhaupt nur Schriftsteller werden, damit sie nicht arbeiten müssten, so der Ochse damals sinngemäß. Dann flanierten sie durch Berlin, immer sei es ja Berlin, wo sie durchflanierten, und schrieben dann melancholisch-poetische Romane, angefüllt mit den beim Flanieren aufgesaugten Impressionen, dabei aber leider völlig an der Welt vorbeischreibend. Das reale Leben der heutigen Menschen könnten diese Schreiber nicht beschreiben, weil sie es schlichtweg nicht kennen, ich zitiere immer noch den Ochsen aus dem Gedächtnis, die deprimierende Wirklichkeit der allermeisten Leute fände in Büros statt, aber nie würden Romane in Büros spielen, dies sei ein eklatanter Missstand, ein Versagen der deutschen Literatur. Meine Antwort auf diese fulminante Rede war damals gewesen, dass es für sowas wahrscheinlich einfach keinen Markt gebe, keine Leser. Wer den ganzen Tag im Büro hockt, wolle vermutlich am Feierabend eher nicht noch einen Büroroman lesen, sondern Geschichten über Liebesaffären, Wüstenabenteuer, Spionage, für ein paar ganz Verträumte vielleicht auch ein bisschen Berlinflaniererei, aber sicher kein Büro.

Daran musste ich jetzt mit meinem Buch in diesem Wartezimmer sitzend wieder denken, weil das Buch „Hohlkörper“ tatsächlich zu großen Teilen in Büros und Konferenzzimmern irgendwelcher Medienkonzerne und Werbeagenturen spielt, aber dennoch das komplette Gegenteil von dem darstellt, was man sich unter einem Büroroman vorstellt. Kein weinerliches Lamento über die öde Tretmühle der Arbeitswelt, sondern eine anarchische und völlig überdrehte Feier des Wahnsinns, der in diesen Büros tagtäglich stattfindet. Ich kam am Anfang nicht so richtig rein in dieses Buch, man wird erstmal erschlagen von einer Masse von Figuren, auch kriegt man keinen Handlungsstrang so recht zu fassen, die Idee einer aristotelisch korrekt aufgebauten Handlung wird im Buch selbst ständig persifliert. Wenn man es aber aufgibt, nach nicht existenten roten Fäden zu greifen, dann entfaltet das Buch in seiner ganzen Zerstückeltheit einen echten Sog.

Der Kern der nicht vorhandenen Handlung ist, dass Bob und Georg den nächsten Roman für das Autorenpseudonym „Utz Feller“ schreiben sollen. Dieser nicht existente Feller ist der „beliebteste Thrillerautor unserer schönen Republik“ (S. 160) und wird verlegt von Cyclops Media, einem Verlagskonzern, bei dem ausschließlich die Bilanzen zählen, nicht die Kunst. Dennoch haben Bob und Georg es sich in den Kopf gesetzt, dem Utz Feller ein postmodern-antiaristotelisches Literaturkunstwerk unterzujubeln, womit sie natürlich gnadenlos scheitern bei den Entscheidern in den Besprechungsräumen von Cyclops Media. Immer wieder werden sie zu Umarbeitungen des Manuskripts genötigt, aber in jede Neufassung bauen sie einfach noch mehr narrative Ebenen und Metafiktionen ein, standhaft verweigern sie das Abliefern eines schön nach Schema F augebauten Thrillers. So wie der Roman „Sprengkörper“ von Utz Feller unter den Händen von Bob und Georg immer weiter zerfasert, so zerfasert auch der Roman „Hohlkörper“, der die Geschichte des Romans „Sprengkörper“ erzählt, immer weiter in nur noch lose miteinander verknüpfte Miniaturen. Aber in diesen Miniaturen, in den Details, steckt die wahre Sprengkraft des Romans. Bei aller Überdrehtheit und Destruktion der Form zeigt sich doch im ganz Kleinen, in einzelnen Sätzen und Szenen, dass der Autor diese Welt der Werber und Textvermarkter sehr gut kennt, in all ihrer Aufgeblasenheit. Die innere Hohlheit dieser Bürokörper, auch die Tragik dieser ausgehöhlten Körper findet sich im ganz Kleinen.

Vor allem ist das Buch aber saulustig. Die Rentner im Wartezimmer, mit ihrer Sportbild oder Bild der Frau auf dem Schoß, schauten schon komisch zu mir rüber, weil ich immer wieder so leiselaut in mich hineinlachte. Als ich mit den Hohlkörpern durch war, waren immer noch drei Leute vor mir, so dass ich gezwungen war, das Handy zu zücken und noch ein bisschen in den Blogs zu stöbern, Rezeptideen zum Tintenfisch und so Zeug. Und ganz zum Schluss, um das hier schön aristotelisch fertig zu erzählen, durfte ich auch noch ins Sprechzimmer rein. Die Gehörgänge sähen jetzt schon viel besser aus, sagte der Arzt. Antibiotische Tropfen absetzen, noch zwei Wochen Cortisonsalbe, dann dürfte die Sache ausgestanden sein.

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10 Kommentare zu “Hohlkörper

  1. Eine super Besprechung, eine Rezension auf Höhe der Zeit, für alle, die immer einen Kanonenschuss brauchen, um das Offensichtliche zu bemerken: Die Zukunft der Buchkritik finden Sie im Blog von Andreas Wolf!

  2. Das reale Leben der heutigen Menschen könnten diese Schreiber nicht beschreiben, weil sie es schlichtweg nicht kennen, ich zitiere immer noch den Ochsen aus dem Gedächtnis, die deprimierende Wirklichkeit der allermeisten Leute fände in Büros statt, aber nie würden Romane in Büros spielen, dies sei ein eklatanter Missstand, ein Versagen der deutschen Literatur.

    Die Feststellung hat ihre Berechtigung, allerdings ist es sicher nicht die Aufgabe von Literatur realistisch zu sein (und die Hohlkörper sind das auch nicht und erfüllen gerade deswegen „Deine Forderung“).

    Hm, Feier: Den Eindruck hatte ich nicht gerade. Ansonsten: Schöne Besprechung und Zusammenfassung.

    • Interessant, dass du dich an dem Wort „Feier“ stößt, ich habe beim Schreiben selbst überlegt, ob das nicht falsche Assoziationen weckt, als ob die Bürowelt da als etwas besonders Tolles gepriesen würde. Das ist natürlich nicht der Fall. Aber das Werk als Ganzes hat für mich diesen Charakter einer dionysischen Feier, ein rauschhaftes Fest, das völlig entgleist und am Ende wird das Mobiliar zerlegt und alles liegt in Scherben. So was in der Richtung wollte ich eher andeuten, hätte diesen Gedanken vermutlich präziser formulieren sollen.

  3. Die Formulierung „eine anarchische und völlig überdrehte Feier des Wahnsinns, der in diesen Büros tagtäglich stattfindet“ trifft nach meinem Empfinden genau den Punkt!

    • Na, umso besser. Da hätte ich mich ja im vorigen Kommentar gar nicht so um Kopf und Kragen reden müssen, mitsamt Anrufung des Dionysos als Schutzgott der Bürohengste…

    • Hähä! Zum Glück gibt es keinen Herrn über den Text!

      Mein Eindruck war nicht, dass die Hohlkörper eine Feier in ihrem bejahenden Sinn wären, wie ich Dionysos, aus der Sicht seiner Anhänger zumindest, verstehe.

      Um es musikalisch zu sagen. So würde ich die Hohlkörper nicht verstehen (archaisch, Wahnsinn, überdreht; — all das ist freilich treffend!).

      • Wenn wir schon bei der Tube landen, sollten wir dann nicht eher so abheben?
        Hmm.. Sosehr mir die Besprechung, gefällt und der Satz, ist es eine „Feier“? Wenn eine mit Folgen und einem solchen Kater, dass man vielleicht besser gleich nicht mehr aufwacht bevor man mit zu den Zombies am Kaffeeautomaten gehört.

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