Brennende Ohren

„Otitis externa, rechts“, diktierte Dr. S. seiner Assistentin und im selben Moment sah ich die Worte Otitis externa, re. auf dem Computerbildschirm neben mir aufscheinen. „So, und jetzt schauen wir mal noch ins andere Ohr rein“, und steckte mir seine trichterförmige Ohrenleuchte auch ins linke Ohr hinein. „Aha, aha, dasselbe in Grün“, sagte er und fing gleich an, das Ohr zu spülen. Auf dem Bildschirm wurde re.  durch bds. ersetzt.

Es ging alles sehr schnell. Ich schätze das, lege keinen Wert darauf, vor Ärzten meine ganze Lebensgeschichte auszubreiten. Wenn Friseure doch nur auch so wären. Er stopfte mir mit irgendeiner Flüssigkeit getränkte Stoffstreifen in beide Ohren, was höllisch brannte, und drückte mir ein Rezept in die Hand: „Zwei Mal täglich vier Tropfen. Anfang nächster Woche will ich Sie nochmal sehen.“ Alles klar, auf Wiedersehen, ich hatte die Klinke des Sprechzimmers schon in der Hand, da pfiff er mich nochmal zurück: „Wenn ich Sie noch kurz zu Ihren Hörgewohnheiten befragen dürfte.“ Die Frage kannte ich schon von anderen HNOs, ich habe öfter mit den Ohren zu tun. Dr. W. in Frankfurt hatte sich dabei als der entschiedenste Gegner von iPod-Ohrstöpseln erwiesen. Ich erwiderte daher reflexhaft: „Keine Ohrstöpsel, kein iPod. Analoger Röhrenverstärker und riemenbetriebener Plattenspieler. Moderate Lautstärke. Die Ursache kann keinesfalls…“, aber ich sah ihn schon vehement den Kopf schütteln: „Nein, nein, sie missverstehen mich. Welche Musik, frage ich, welche?“  Dr. S., der eben noch so sachlich und konzentriert auf mich gewirkt hatte, schien jetzt plötzlich seltsam aufgekratzt, wie er mich so mit weit aufgerissenen Augen fixierte. Meinen hilfesuchenden Blick bei der Assistentin erwiderte diese mit einem hilflos gelächelten Schulterzucken, dann wandte sie sich von mir ab und starrte wieder in ihren Bildschirm. „Naja, alles mögliche eigentlich“, sagte ich zögernd. „In letzter Zeit vor allem Beethoven, die Klaviersonaten, nichts besonderes…“ Wie Rumpelstilzchen persönlich tanzte Dr. S. nun im Sprechzimmer umher: „Beethoven, Beethoven, ich wusste es, ich wusste es. Ich muss ein Trommelfell nur ansehen und weiß es einfach, ich sehe es. Sie haben Glück, dass Sie zu mir gekommen sind. Lesen Sie dies hier, lesen Sie es!“ Er drückte mir eine mit Büroklammern zusammengeheftete Broschüre in die Hand: Beethovens Taubheit als direkte Folge der von ihm selbst fabrizierten Musik. Ein empirisch-medizinischer Traktat. Mit immer noch brennenden Ohren hörte ich ihn krächzen: „Die Fachwelt verweigert sich immer noch diesen Erkenntnissen, aber es ist erwiesen. Ich habe es bewiesen. Nehmen Sie die Tropfen, aber vor allem: Nehmen Sie Abstand von Beethoven, sonst werden Sie hier Dauergast bis zur völligen Ertaubung!“ Mit den letzten Worten hatte er meine rechte Hand in beide Hände genommen, schüttelte sie kräftig durch und blickte mir tief in die Augen. Ich sicherte alles zu und flüchtete aus der Praxis.

Einigermaßen verstört stolperte ich auf den Richard-Wagner-Platz hinaus und wandte mich heimwärts. Auf der Brücke stehend sah ich, dass der Biergarten am Fluss trotz des Nieselwetters geöffnet war. Logischerweise ging ich runter, holte mir ein Bier und las weiter in meinem neuen Buch, dessen Lektüre ich im Wartezimmer bereits begonnen hatte. Hohlkörper, von Robert Mattheis. Wer ist das eigentlich, wie war ich denn an dieses Buch überhaupt gekommen? Ich wusste es nicht mehr. Egal. Immerhin besser als der Beethoventraktat des Ohrenarztes, dachte ich auf meiner Bierbank sitzend, während über mir der Regen ganz leise auf den Sonnenschirm klopfte.

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3 Kommentare zu “Brennende Ohren

  1. Ich kenne nur die schmale, wenn auch fundierte Abhandlung: „Mattheis‘ Wahnsinn als direkte Folge der von ihm selbst fabrizierten nonlinearen Poetik. Ein pathologisch-blogozentrischer Traktat.“ Aber das ist sicher ein anderer Mattheis!?

    • Doch, das muss derselbe sein. In den Hohlkörpern wimmelt es nur so von Exkursen zur Nonlinearität. Ein gutes Buch übrigens, ich kann es nur empfehlen, sehr lustig. Ich würde es sehr bedauern, wenn der Autor darüber tatsächlich dem Wahnsinn verfallen wäre.

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