Kettenbriefmassaker

Wir schnuppern an Büchern, angenehm dezent raschelt das Dünndruckpapier beim Blättern, wir legen uns Vinylplatten auf und entzücken uns an dem Rauschen und Knistern der Nadel mehr als an der eigentlichen Musik. Wir schreiben einander handschriftliche Briefe, denen wir in der eigenen Dunkelkammer abgezogene Photographien beilegen, die wir extra mit doppelt „ph“ schreiben, um uns unserer abendländisch-altgriechischen Wurzel zu versichern, und in dem Brief steht nicht viel mehr, als dass wir gerade eine Platte hören von Vinyl, und dass es voll toll ist, mit der Hand eine Schrift auf ein unglaublich widerständiges Papier zu schreiben, mit einem Tinten-Füller von Montblanc vielleicht, oder noch besser einem simplen Bleistift von Stabilo. Andächtig lecken wir die Briefmarke ab und erfreuen uns an dem Ekelgeschmack auf der Zunge. Und abends bloggen wir dann darüber, dass wir so einen Analogbrief mit beigelegter Analogphotographie verschickt haben, und hoffen auf möglichst viel Widerspruch, weil Kommentare ja die Klickzahl hochjagen, und schauen in anderen Blogs nach, wo ähnliche Briefe ins Nichts geschickt werden, weil die könnten ja sogar uns meinen. Meinen sie uns? Meinen sie mich, diese Briefe? Bin ich überhaupt ein Jemand genug, um gemeint sein zu können von so einem Prometheus, der aus dem Kellerloch heraus das Feuer der Erkenntnis uriniert? Und wie kriege ich jetzt das Ich wieder raus aus diesem Unsinnsgedicht, das sich keinesfalls als Brief verstanden wissen will?

Advertisements

16 Kommentare zu “Kettenbriefmassaker

  1. Lieber Andreas,

    lange habe ich von mir nichts hören lassen — der Grund ist ganz einfach: Mein Montblanc tropft!

    Natürlich konnte ich es einem Augenmenschen wie Dir nicht antun, auf diesem handgeschöpften Büttenpapier, das ich beim Naglmeier gekauft habe, wie Du Dir denken kannst, ganz liebe Grüße übrigens, er führt jetzt auch Briefumschläge aus Büttenpapier, soll ich Dir sagen, Schriftzüge zu hinterlassen, von denen eine böse Zunge behaupten könnte, sie seien entgleist!

    Nein, lieber habe ich mein hochpreisiges Schreibgerät beim Wolfssohn zur Wartung abgegeben, was auch der Grund ist, weshalb ich mich seit mehreren Wochen auf diese Gelegenheit freue, Dir zu schreiben, da ich den Stift endlich in, wie man mir mehrfach versicherte, tadellos renoviertem Zusta … oh.

    • Lieber Roman,
      das ist ja furchtbar, ohne Deinen heißgeliebten Montblanc bist Du ja quasi aufgeschmissen. Ich kann mir vorstellen, welche Qualen Du erleidest.
      Ich selber bin allerdings von der Tintenkleckserei ganz abgekommen, kann ich Dir berichten, denn ich habe jetzt (im Internet, verrat es aber bitte nicht dem Naglmeier) einen Bleistift erwerben können, der bis in die Atomarstruktur hinein eine perfekte Replik von Robert Walsers bevorzugtem Schreibgerät darstellt. Damit lassen sich wundervolle Mikrogramme an die Ränder von Bierfilzeln schreiben, und wenn ich die dann abends in mein Manifest-Theme hineingieße – ein Traum, sage ich Dir, ein Traum!
      Sei recht herzlich gegrüßt von Deinem
      Andreas W. Swinburne

  2. Bücher, Briefmarken, Schallplatten das alles sind nicht nur analoge Speicher, sondern gleichzeitig Besitzurkunden. Vielleicht freuen wir uns deshalb daran, weil wir, wenn wir ein Buch kaufen, wir es besitzen. Wenn wir einen Brief schreiben (was ich sicherlich seit über 10 Jahren nur noch mit meiner Krankenkasse mache) dann gehört der Inhalt nur uns und dem Adressaten. Kein Google-Prometheus kein Amazon-Dj-Castorp, der dazwischen sitzt und an unseren Konventionen knabbert, um daraus Dollar-Milliarden zu machen. Der Rückzug ins Private wird zu einem Rückzug zum Besitz. Wenn heute einer den Server abstellt, haben wir nichts mehr in den Händen; Mit einer Schallplatte, die ich mein eigen nenne, habe ich immerhin bis zur letztendlichen Freisetzung des Ichs die Versicherung einer Illusion eine Musik besitzen zu können. Ob das besser ist?

    • Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung: es ist tatsächlich besser. Mir kommt so schnell kein E-Reader ins Haus, lieber kaufe ich mir wieder mal ein paar Schallplatten. Bloß aus Briefmarken mache ich mir nicht so viel. Der Briefwechsel „Shind – Krankenkasse“ harrt freilich noch der philologischen Erschließung.

  3. Bald schon wird man allgemeine Entwarnung geben können, weil sich der Neuigkeitsaspekt und der Beschleunigungsaspekt des Digitalen und von allem was dranhängt versendet haben wird. Ich für meinen Teil reite zwar nicht auf der Speerspitze der technischen Möglichkeiten, bin aber leidlich dabei, während ich zugleich einen Füllfederhalter (Waterman) für’s Schreiben benutze und für’s (seltene) Reisen Landkarten und Stadtpläne aus Papier. Ich glaube, die persönliche Mischung macht’s, gemixt aus Lust, Laune und Notwendigkeit, auf daß sich die Nachteile des einen Dings zugunsten der Vorteile des anderen Dings verflüchtigen.

    • Ich hoffe sehr auf diese baldige Entwarnung, denn die dogmatische Rhetorik ist ja das, was so nervt an der Debatte. Mir ist es relativ wurscht, wie die Leute lesen und was sie lesen oder ob sie überhaupt lesen, und ob sie ihre Musik per mp3 hören oder auf Schellack. Und daher will ich eigentlich auch niemanden mit meinen eigenen Hör- und Lesegewohnheiten langweilen, also lieber gleich wieder Klappe zu und warten auf die Entwarnungssirene.

      • Wo kann man diese Debatte denn verfolgen? Ist das wieder so ein taz-vs.-FAZ-Ding? Oder „Zeit“ gegen „Spiegel“?

      • Nein, nein, die Debatte tobt an meinem Stammtisch in der „Lustigen Reblaus“, das hätte ich vielleicht dazusagen sollen. Da hat der Anzengruber sich jetzt einen E-Reader hergetan und dann sind alle über ihn hergefallen, haben ihn einen Kulturvernichter und Totengräber der Literatur genannt, es wäre fast zu Handgreiflichkeiten gekommen.

  4. Das Internet ist ein Dorf und die Welt ein Stammtisch. – Selbst ZEIT und FAZ konnten dem Kettenbriefmassaker sich nicht verschließen und mussten die Diskursmühle mal wieder anwerfen (z.B. http://www.zeit.de/digital/internet/2013-05/ebook-reader-leseverhalten-passig, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/digitales-lesen-der-buchhandel-bietet-amazon-die-stirn-12099598.html ). Der Kettenbriefinitiator kann zwar noch nicht davon leben, freute sich aber über die Klickzahlen…. Vielleicht wenn wir das nächste Mal auch Kunstblut und Schlüpfrigkeiten in den Skandalcocktail mischen, können wir so einen Blogger tatsächlich in Brot und Geld setzen

    • Danke für die Links, sehr interessant. Der Passig-Text ist vor allem aufschlussreich in seiner Scheußlichkeit. Auf die Gefahr hin, von jetzt an endgültig als rückwärtsgewandter Hochkultur-Schnösel zu gelten, aber spätestens bei dem Satz bekam ich das Grausen: „Und da ich gern auf dem Handy lese, kann ich auch noch die winzigsten Wartezeiten mit Lektüre ausstopfen.“ Literatur wird hier dank E-Book-Culture zum reinen Stopfgarn des Lebens, in beliebig kleine Stücke zerkleinerbar. Zwei Minuten Warten an der Supermarktkasse? Also raus mit dem Handy und weiter im Heiner Müller. Gefeiert wird dann die Maximierung des Lektüreinputs von 30 auf 80 Bücher pro Jahr. Da hat man sich ja dank E-Book wieder ganz hervorragend selbst optimiert. Lesen sollte doch das Gegenteil von dieser kapitalistischen Wachstums- und Effizienzgläubigkeit sein. Außerdem kann man beim Warten in der Supermarktschlange ganz hervorragend die Menschen beobachten, das ist doch besser als bei der kleinsten Verzögerung im eh schon genügend durchrationalisierten Existenzprozess auch diese Warteminute noch zur Steigerung der Lesejahresleistung zu missbrauchen und also blöd und weltabgewandt auf sein Handy zu starren. Da könnt ich mich ja fast schon aufregen, haltet mich zurück, dass ich nicht das Kettenbriefmassaker weiter in Schwung halte und den Mete noch zum Millionär mache….

      • Wofür ich als bretterharter Dogmatiker gescholten wurde: Diese Zwangsrationalität, die strahlt, nach meinem Gefühl, von dem technischen Gerät auf das ganze Leseverhalten ab, sogar auf die Selbstwahrnehmung als Leser, offenbar. Alles ist ja in irgendeiner Statistik gehortet, geordnet, kartographiert. Man kann das positiv als „transparent“ beschreiben, negativ ist es das Ende der Kultur als einer nonlinearen Verständnisform. So schreibt die Passig: wie eine amerikanische Ich-erklär-die-Welt-Bestseller-Autorin. Dieser Artikel ist unter literarischen Gesichtspunkten doch einfach ein Graus! Das meinte ich ja nur mit meiner Heiner-Müller-Suada. Das Buch ist eben auch per se ein sehr dummes Medium, und das hat vielleicht seine Vorteile!

      • Ich kann dem in allem nur zustimmen, meine Dogmatikerschelte ziehe ich dementsprechend zurück. Der Passigtext hat mir erst endgültig die Augen geöffnet über diese schöne neue Welt des elektrischen Lesens. Bin jetzt Frostianer.

      • An dieses Ende der Kultur glaube ich eben nicht. Auch Schund wird in Leinen gebunden oder Schober geschoben. Für einen Moment sah ich in dieser E-book-Ablehnung diese menschliche Fähigkeit, diesen oft schon fanatischen Willen die Dinge aufzuladen, in polare Spannungsfelder hineinzuziehen. Nicht nur in Religionen und Ideologien, sondern en nuce eben auch gerade in der Kultur. [Hab ich ja auch: meine Privatgötter und Antipoden.] Vielleicht ist das ja gerade Kultur, dieses Spiel mit Werten, das Errichten von Wert- oder Wahngebäuden; ob wir nun einem Kult anhängen, um die Herstellung und das Saufen von alkoholhaltigen Getränken oder der Haptik und dem Rascheln von Blättersaiten.

        Vielleicht liege ich damit völlig daneben. Grundsätzlich sind mir die Digitaldurchblicker und Fortschrittsideologen auch eher suspekt bis unsympathisch (bei der Riesenmaschine hatten die ja schon oft so einen Sound: In den Staub ihr Nichtbinären!), aber wechselt hier nicht nur das Instrument des Kulturspiels? Von Seiten/Saiten zu Tetris- oder Ascii-blöcken oder so ähnlich?

  5. Ans Ende der Kultur glaube ich auch nicht. Und auch Metes Argument ist natürlich im Prinzip richtig: Klar kann man auf dem E-Reader auch Kleist lesen. Andererseits ist aber der Wechsel des Instruments nie ohne Folgen für den Sound. Was der Passigtext feiert, dass der E-Reader einem das eigene Leseverhalten auswertet und schön quantifiziert, das halte ich halt für bedenklich. Und bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Texte. Die Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne, das schnelle Lesen in der Warteschlange: Die Autoren der nahen Zukunft werden genau auf diesen Leser hin schreiben. Problemlos in kurze Brocken zerteilbares Zeug, das sich ohne großes Nachdenken von selbst verstehen lässt. Und am Ende freut sich bloß der zum Idioten mutierte Leser, dass er dieses Jahr wieder mehr Bücher geschafft hat als im Vorjahr, fühlt sich voll kultiviert dadurch, weil seine E-Book-Statistik es ihm ja durchsagt.

    • Mag ja sein. Auch dass Bleiwüsten im Netz gerne mit so einem Kürzel quittiert werden, der da nur vermerkt: war zu lang zum Lesen. Aber am Passig-Text sind mir andere Dinge viel mehr aufgefallen: !) Sie schweigt beharrlich dazu, was sie da liest. Könnte also auch Homer oder Bricht sein @) Ist ihre Datengrundlage äußerst dünn: Sie extrapoliert mal eben von sich selbst auf Restfeutschland

  6. FOCUS 14/13: Die App „Summly“ „fasst lange Texte auf 400 Zeichen zusammen, die einen iPhone-Bildschirm exakt ausfüllen“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s