Steinway & Sons

Es ist ja weithin unbekannt, wie genau und akribisch ich auch für die ausgedachtesten meiner Texte recherchiere, mich in Archiven verwühle und vom Hundertsten ins Tausendste hinein verzettle. So konnte ich, um nur ein Beispiel zu nennen, den letzten Text nicht schreiben, ohne mir zuvor die Pathétique-Sonate in allen verfügbaren Versionen anzuhören, parallell die Analyse von Joachim Kaiser lesend, der die Pathétique zunächst als abgedroschen und abgenutzt abtut, ihr dann aber doch noch einige interessante Aspekte abgewinnt. Nichts von dieser erbaulichen Forschungsarbeit floss in den Text ein und doch wäre er ohne diese vielleicht gar nicht möglich gewesen, wer weiß das schon. Man stopft ja immerzu irgendwelches Zeug ins Hirn hinein, aber warum dann ein so und so geartetes anderes Zeug aus demselben Hirn wieder heraus kommt, kann auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung keiner so ganz genau erklären, am wenigsten aber das in Frage stehende Hirn selber, soviel ist wenigstens klar. Verhängnisvollerweise konnte ich nun aber auch nach der Veröffentlichung meiner kleinen Pathétique-Komödie nicht damit aufhören, Beethovensonaten in meinen Kopf zu stopfen, morgens Sturmsonate, abends Sonate für das Hammerklavier, und immer so weiter, bis ich sie mehr oder weniger alle durchgehört hatte.

Obwohl Beethoven den Beginn meiner Beschäftigung mit klassischer Musik markiert – die Schallplatte der Eroica, das Cover ist mir noch vor Augen mit der aus tiefstem Schwarz hervortauchenden Silhouette des einen Einsatz gebenden Karajan, die mir mein Vater auf die unfeierlichste Weise übergeben hatte, hör’s dir an oder schmeiß es weg, er selbst stieg zu der Zeit gerade auf die eben erfundenen CDs um und entsorgte seine alten Platten bei mir – obwohl ich also schon recht früh ziemlich intensive Beethovenstudien betrieben hatte, habe ich die Klaviersonaten erst vor ein paar Jahren wirklich entdeckt. Schuld daran ist nicht zuletzt Glenn Gould, dessen Bach-Interpretationen zwar genial sind, der aber in seinem wahnhaften Beethovenhass nicht davor zurückschreckte, dessen Sonaten durch grotesk übertriebene Tempi und sinnentleerte Phrasierungen mutwillig zu zerstören. So kam es, dass mir über Jahre meines Lebens Gould als oberster Klaviergott, die Beethovensonaten aber als ödes Geklimper erschienen waren.

Erst András Schiffs Neuaufnahme sämtlicher 32 Sonaten vor ein paar Jahren vermochte mich von diesem Vorurteil zu befreien. Schiff, der wie Gould von Bach herkommt, spielt diese Sonaten absolut präzise und mit dem feinsten Gespür für den kompositorischen Aufbau, er befreit sie von jeglichem leeren Gestus und donnerndem Pathos, womit sie in 200 Jahren Rezeptionsgeschichte aufgeladen worden waren. Hier wird Beethovens Musik zu einer sehr filigranen Struktur, in der alle Noten gleichberechtigt wichtig sind, nicht nur die mit Fortissimo sich in den Vordergrund drängelnden. Und da liegt letztlich der Grund, warum ich mittlerweile Klaviermusik viel höher schätze als heroische Symphonien oder geschwollenes Operngeknödel: weil uns am Klavier die reine musikalische Struktur am unverbrämtesten entgegentritt. Kein Getupfe von Klangfarben stört hier die Einsicht in den architektonischen Bau des Stücks. Dass Form und Struktur interessanter seien als der Inhalt, sagte ja schon mein alter Freund Kant, Kritik der Urteilskraft § 14, und geht natürlich ganz gegen Wagner, dem die Musik immer nur Mittel zum Zweck des Ausdrucks irgendwelcher verschwommener Botschaften war. Seine Beethovenerklärungen sind dementsprechend immer ein metaphernverseuchtes Geschwafel, das wirklich kein Schwein nötig hat.

Die unvergesslichste Interpretation der Pathétique-Sonate verdanke ich aber wiederum meinem Vater, der sich Mitte der Neunziger, nachdem er dreißig Jahre lang das Klavier überhaupt nicht mehr angerührt hatte, plötzlich wieder an den alten Bechsteinflügel setzte, den seine Eltern nach dem Krieg günstig hatten erstehen können, da er vom Bombenhagel auf München einige Blessuren abbekommen hatte. Der Flügel sei ein Zeuge des Bombenangriffs, sagte mein Vater oft, ein Zeitzeuge, ein Überlebender, der Gedanke schien ihm irgendwie wichtig. Und jetzt plötzlich setzte er sich an diesen Zeitzeugen wieder hin und spielte und übte wie ein Besessener, unter anderem eben die Pathétique, die einmal eines seiner Paradestücke gewesen war. Ich liebte es, ihm dabei zuzuhören, er hatte die bewundernswerte Haltung, obwohl er nach Jahrzehnten des Nichtübens dem Stück technisch nicht mehr gewachsen war, kein Jota von dem ihm angemessen scheinenden Tempo abzuweichen. Mitten in einem vertrackten Lauf mochte er abbrechen: Es hat doch koan Sinn. Um dann ebenso unvermittelt, attacca und furioso, wieder einzusteigen und die Sonate vollgas fertigzuspielen, von Schreien und Fluchen über die verhauenen Töne begleitet. Das ist die Pathétique-Performance, die ich nie vergessen werde. Da kommt auch Schiff nicht dagegen an.

Das einzige Problem an seiner wiederentdeckten Leidenschaft fürs Klavier war, dass der Bechstein die Stimmung nicht mehr hielt. Alle vierzehn Tage musste der Klavierstimmer anrücken, das war natürlich nicht normal, es stellte sich heraus, dass der Flügel zwar einem Bombenangriff getrotzt hatte, nicht aber dem jahrelangen Herumstehen in trockener Heizungsluft: der Stimmstock hatte einen Riss bekommen, eine Reparatur wäre aber so aufwendig und teuer gewesen, dass man für das Geld auch gleich ein neues Instrument erwerben konnte, ein gebrauchtes jedenfalls allemal, so mein Vater. Er ließ sich Zeit bei der Suche, fuhr mehrfach nach München und spielte sich durch die dortigen Pianohäuser, sinnierte über den unterschiedlichen Charakter von Bösendorfer und Steinway, bis er dann eines Tages zuschlug: Ein komplett restaurierter Steinway, Baujahr 1906, zum Schnäppchenpreis, wie er sagte, eine Gelegenheit, die er unmöglich habe vorüberziehen lassen können. Das Besondere aber sei, so fügte er geheimnisvoll hinzu, dass es sich nicht um einen Hamburger, sondern um einen New Yorker Steinway handelte, in Europa eine absolute Rarität. Keith Jarrett soll einmal gesagt haben, den Blues könne man nur auf New Yorker Steinways spielen, das sei der einzige Unterschied zu den fast baugleichen Flügeln aus der Hamburger Klavierfabrik. Das dürfte allerdings meinen Vater weniger gekratzt haben, mit dem Blues hatte er nicht soviel am Hut. Durch den neuen Flügel zum absoluten Höhepunkt seiner pianistischen Leidenschaft getrieben, arbeitete er sich stattdessen weiter an Beethoven, Schubert und Rachmaninow ab. Den alten Bechstein schenkte er der Frau K., die mit ihren siebzig Jahren der Wunsch überkommen hatte, doch noch einmal das Klavierspielen zu erlernen, und die sich dabei gar nicht so dumm anstellte, wie er anerkennend bemerkte.

Vor nicht allzulanger Zeit hörte ich dann, dass die Frau K. tatsächlich an genau demselben Tag gestorben sein soll wie mein Vater, ja sogar zur selben Stunde, um elf Uhr vormittags, sagte man mir. Mich schauderte fast. In derselben Weltsekunde waren die beiden Flügel, der Zeuge eines amerikanischen Bombenangriffs auf München und der New Yorker im bayrischen Exil, herrenlos geworden. Die Söhne der Frau K. sollen allerdings, wie man mir mit gesenkter Stimme weiter erzählte, nach dem Tod der Mutter augenblicklich angefangen haben, um den Flügel zu streiten, keiner wusste, was so ein Ding wert ist, bestimmt ein Vermögen, werden sie gedacht haben. Die ganze Wohnung sollen sie auf den Kopf gestellt haben auf der Suche nach einem Kaufvertrag, den es natürlich nicht gab, und schließlich sollen sie sogar ein Wertgutachten in Auftrag gegeben haben, vermutlich bei jemandem, der keine Ahnung von geborstenen Stimmstöcken hat, dachte ich, als ich das hörte. Bei uns war es glücklicherweise genau umgekehrt gewesen: da schienen alle förmlich Angst zu haben vor so einem großen, schwarzen Ungetüm, das nur im Weg herumsteht, und es ging geradezu ein Aufatmen durch die ganze Familie, als ich mich bereit erklärte, den Steinway zu mir zu nehmen, weswegen er jetzt hier im Wohnzimmer steht und manchmal sogar ein bisschen den Blues spielen darf.

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8 Kommentare zu “Steinway & Sons

  1. Es gibt in dem Beethoven-Film von Abel Gance eine Szene, in der Beethoven, gespielt von Harry Baur, die Pathétique spielt. Macht Gänsehaut.

  2. Eben diese Erfahrung, daß man nämlich intensiv herumforscht- und -liest und -guckt, ohne das Aufgenommene dann direkt zu verwenden, habe ich auch schon unzählige Male gemacht; es ist ein wenig so, als würde man sein filigranes und mit klarer Absicht aufgebautes Gedankenwerk versehentlich nicht zum Backen in den Ofen sondern in die Waschmaschine tun, das Ergebnis aber dann doch behalten wollen, weil es quasi aus Versehen eine gewisse Ästhetik und mit einem selbst viel zu tun hat. Und selbst dies hier, das mit dem Ofen-Waschmaschinengleichnis, hatte ich keinesfalls zu schreiben vorgehabt, sondern was viel Schlaueres. Vorbei!

  3. Das Klavier ist vor allem eins: langweilig. Und Wagners Wort von der Apotheose des Tanzes in Bezug auf Beethovens 7. finde ich gar nicht unzutreffend.

    Ein bisschen arg viel Glitzern, ist an dem Text.

    • Wagner über Beethovens Cis-moll-Quartett, op. 131:
      „Das einleitende längere Adagio, wohl das Schwermütigste, was je in Tönen ausgesagt worden ist, möchte ich mit dem Erwachen am Morgen des Tages bezeichnen, „der in seinem langen Lauf nicht einen Wunsch erfüllen soll, nicht einen!“ Doch zugleich ist es ein Bußgebet, eine Beratung mit Gott im Glauben an das ewig Gute. – Das nach innen gewendete Auge erblickt da auch die nur ihm erkenntliche tröstliche Erscheinung (Allegro 6/8), in welcher das Verlangen zum wehmütig holden Spiele mit sich selbst wird: Das innerste Traumbild wird in einer lieblichsten Erinnerung wach. Und nun ist es, als ob (mit dem überleitenden kurzen Allegro moderato) der Meister, seiner Kunst bewusst, sich zu seiner Zauberarbeit zurecht setzte; die wiederbelebte Kraft dieses ihm eigenen Zaubers übt er nun (Andante 2/4) an dem Festbannen einer anmutsvollen Gestalt, um an ihr, dem seligen Zeugnisse innigster Unschuld, in stets neuer, unerhörter Veränderung durch die Strahlenbrechungen des ewigen Lichtes, welches er darauf fallen lässt, sich rastlos zu entzücken.“
      Undsoweiter, undsoweiter. Auf diese Weise interpretiert Wagner das Cis-Moll-Quartett als die Nachzeichnung eines „Lebenstages“ Beethovens: ein gequältes Genie, das sich nur durch spiritistische Erscheinungen dazu aufraffen kann, sich zu seiner Zauberarbeit hinzuhocken. Was für ein Quark!

      • Nicht um den Wagnerschen Schwulst zu verteidigen, aber Beethoven hat solchen Versuchen vielleicht ein wenig Vorschub geleistet (sein Verweis auf Shakespeares Sturm, etwa; die eher seltenen programmatischen Werke und vor allem die poetischen Ideen, die er den Werken mitgab oder sie zumindest auf gefühlsmäßigen, weniger programmatischen Ebene durchziehen).

      • Man muss da sehr vorsichtig sein. Begriffe wie „Sturmsonate“ oder „Mondscheinsonate“ stammen nicht von Beethoven selbst. Dass Beethoven die Sonate op. 31/2 mit Shakespeares Sturm verglichen haben soll, ist nur von seinem Privatsekretär Schindler überliefert, der als extrem unzuverlässig gilt. Er hat für seine Beethovenbiographie erwiesenermaßen vieles erfunden, sogar Dokumente gefälscht, und damit den Grundstein gelegt für das verzerrte Beethovenbild im 19. Jh.
        Andererseits gibt es tatsächlich, wie du richtig sagst, vereinzelte Ansätze zu programmatischer Musik bei Beethoven, die Vertonung eines Gewitters in der 6. Symphonie etwa. Insofern hat er Wagners spekulativ-schwülstigen Entschlüsselungsexzessen vielleicht wirklich ein wenig Vorschub geleistet.

      • Was aber nicht bedeutet, dass im Umkehrschluss auch diese Bemerkung unzuverlässig ist (es stimmt natürlich, dass man bei Schindler vorsichtig sein muss, ich wusste nicht, dass das nur durch ihn bezeugt ist).

        Wie auch immer: Bei Beethoven lässt sich (fast) alles rein musikalisch verstehen, wenngleich manche Äußerungen oder Werke, bzw. die Musik selbst dazu verleiten oder anregen, ihr Worte beizugesellen.

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