Im Wärmewerk

Sonntag. Um sieben Uhr klingelt der Wecker, um acht fahre ich los, um auf jeden Fall pünktlich um elf in Halberstadt zu sein, zur Lesung von Alexander Kluge. Die ganze Fahrt über regnet es in Strömen und saukalt ist es, das Thermometer zeigt 10 Grad, ich muss das Auto beheizen. Als ich mich Halberstadt nähere, sehe ich von weitem schon die zwei ungleichen Türme der Martinikirche, wo die Lesung stattfindet. Seltsames Gefühl: genau da befindet sich Kluge jetzt und ich fahre auf ihn zu. Ist es nicht völlig idiotisch 250 Kilometer mit dem Auto zu fahren, um sich ein paar Bruchstücke aus Büchern vorlesen zu lassen, die man zu Hause schon stehen hat und also ganz locker einfach selber lesen könnte, ganz stressfrei und ohne umweltbelastende Anreise? Nur um die Stimme des Autors zu hören, ihn zu sehen? Diese Art des Autorenkults ist mir doch sonst fremd, ich komme mir selber ganz komisch vor, sogar ein Buch habe ich mitgenommen zum Signierenlassen, was ist bloß los mit mir? Ich verstehe mich selber nicht, aber seit ich von dieser Lesung Kluges in seiner Heimatstadt gehört hatte, wollte ich da unbedingt hin, und jetzt läuft einfach ein Programm ab, das mich dorthin steuert.

Die ungleichen Kirchtürme leiten mich sicher zum Ziel, um zwanzig nach zehn bin ich schon da. Obwohl ich sehe, dass viele Leute jetzt schon in die Kirche strömen, gehe ich nicht direkt mit rein, sondern laufe trotz Regen noch ein bisschen in der fremden Stadt herum, das scheint mir besser, als ewig in der kalten Kirche zu hocken und zu warten. Als ich schließlich reingehe, kriege ich nur noch einen Sitzplatz in der allerletzten Kirchenbank. Mit der Kapuze meines Pullovers reibe ich mir den Kopf trocken, da lacht die Frau neben mir: „Und das nennt der Mensch Frühling.“ Wir scherzen ein bisschen übers Wetter, vorne stehen schon Kluge und Hannelore Hoger. Eine Kirche ist doch ein merkwürdiger Ort für eine Dichterlesung, denke ich. Als Kluge im schwarzen Anzug ans Mikrofon tritt, denke ich unwillkürlich, volltönend müsse jetzt die Orgel einsetzen und Kluge dann als Priester einen ungeheuer feierlichen Gottesdienst zelebrieren, aber das passiert natürlich nicht, sondern er sagt bloß, an diesem kalten Tag müssten wir alle einander wärmen. Der Begriff der Wärme zieht sich durch die ganze Lesung, immer wieder spricht er von gewissen Einsichten, die in der Lage wären uns zu wärmen: Reiche vergehen, Systeme vergehen, aber die Menschen bleiben, sagt er einmal, mit dieser mir aus dem Fernsehen vertrauten warmen Stimme, rhythmisiert durch das immer wieder eingeschobene ja – – ja – – ja. Hitler: zwölf Jahre; Napoleon: fünfzehn Jahre; das Römische Reich bestand etwas länger, ja, und ist dann aber auch untergegangen. Dass die Menschen die Reiche überdauern, diese Einsicht sei wichtig, denn sie wärme uns.

Kluge und Hoger lesen im Wechsel, zwei Stimmen, die sich perfekt ergänzen. Auch aus dem Luftangriff auf Halberstadt natürlich: Zwei Frauen, Frau Arnold und Frau Zacke, die vom Turm der Martinikirche aus die Bombengeschwader herannahen sehen, über Funk Richtung und Anzahl der gesichteten Flugzeuge durchgeben, sogar noch weiter melden und ins Funkgerät brüllen, als der Turm unter ihnen bereits zu brennen beginnt. Viel zu spät verlassen sie ihren Beobachtungsposten mit der letzten Meldung: „Kirche brennt. Sind unterwegs.“ Frau Arnold wird unter Steinen, brennendem Holz und zuletzt der heruntergekrachten Kirchenglocke begraben. Frau Zacke wird gerettet. Plötzlich weiß ich, warum ich hierher gefahren bin. Der Ort selbst, dieser Kirchenraum, erzählt jetzt diese ihm eingeschriebene Geschichte. Kluge und Hoger sind nur die Sprachrohre für den stummen Raum, der diese und noch tausend andere Geschichten in sich gespeichert hat.

Ein Pianist spielt zwischendrin immer wieder kleine Stücke, unter anderem eine der wenigen Originalkompositionen für Klavier von Richard Wagner: Ankunft bei den schwarzen Schwänen. Im Wagnerjahr, so Kluge, spiele man ja überall Wagner rauf und runter, aber dieses vergessene Stück, das erklinge nur hier: Das gibt es nur in Halberstadt.

Dann liest er die Geschichte einer Mutter, die ihr neugeborenes Kind betrachtet. In 36 Jahren wird das Kind so alt sein, wie sie selbst jetzt ist, denkt die Mutter, ohne die geringste Ahnung zu haben, was es für das Kind einmal bedeuten wird, im Jahr 1944 eine sechsunddreißgjährige Frau zu sein. Hier hört Kluge auf zu lesen, schaut vom Manuskript auf und sagt: „Meine Mutter ist 1908 geboren. Sie haben also gerade meine Großmutter gesehen.“ Bei diesem so klugemäßig warm und doch schneidend in den Raum gestellten Satz durchzuckt es mich, ich hatte tatsächlich etwas gesehen beim Zuhören, diese intime Mutter-Kind-Szene hatte sich vor meinem inneren Auge dargestellt in eigentlich abstrakter Weise, und plötzlich wird durch einen lapidaren Nachsatz die Szene ganz konkret und man erschrickt fast, weil man plötzlich gewahr wird, dass man grade die Großmutter von Alexander Kluge im Kopf sitzen hatte. Nach Borges sind ja alle Menschen entweder als Platoniker oder als Aristoteliker geboren. Die große Kunst Kluges ist es, beides zu sein, und immer zwischen den Universalien und dem konkret Gegebenen hin und her zu oszillieren, wobei bei ihm die Universalien das kalte Gegebene irgendwie sogar noch zu wärmen vermögen.

Die nächste Geschichte, sagt er dann, wolle er nicht vorlesen, sondern lieber so erzählen: damit uns allen wärmer würde, wie er sagt, dabei friert es mich mittlerweile gar nicht mehr. Und erzählt dann also in freier Rede eine Romeo und Julia-Variation, die in einem New Yorker Bankenhochhaus spielt. Es sei dies, so fügt er am Ende noch hinzu, eine Testfrage, die man immer und auf alles anwenden könne: Wo sind hier Romeo und Julia?

Zuletzt spielt der Pianist noch eine weitere musikalische Kuriosität: einen Walzer von Franz Schubert, den dieser für die Hochzeit seines Freundes Leopold Kupelwieser komponiert hat, der jedoch niemals in Noten aufgeschrieben war und sich in keinem Werkverzeichnis Schuberts findet. Nur in der Familie Kupelwieser wurde das Stück von Generation zu Generation weitertradiert bis es 1943 von Richard Strauss aufgeschrieben wurde, über 100 Jahre nach seiner Entstehung. Während der Walzer erklingt kommt mir der Gedanke, dass dies vielleicht der Kern von Kluges Arbeit ist: diese Zähigkeit, mit der sich bestimmte Geschichten oder auch Lieder dem Vergessen widersetzen. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit bleiben sie in der Welt, werden weiter erzählt, weiter gespielt, bis irgendwann ein Kluge oder Strauss kommt und sie niederschreibt.

Inzwischen habe ich mir fest vorgenommen, ihm mein Exemplar des Fünften Buches nicht zum Signieren hinzuhalten, ich bin doch kein idiotischer Autogrammjäger, dachte ich. Aber als der Applaus verklingt, gehe ich doch mit meinem Buch nach vorn. Als ich ihm das aufgeschlagene Buch auf den Flügel lege, sieht er mir kurz fragend in die Augen. Ich müsste jetzt irgendwas sagen, schießt es mir durch den Kopf, aber alles, was ich sagen könnte, kommt mir jetzt unendlich dumm vor, hilfloses Gestammel eines Fans, also sage ich nur Danke, und meine damit weniger das Autogramm, sondern Dank für diese Lesung, die Bücher, die Filme: Dank für das Werk.

Eigentlich wollte ich mir jetzt Halberstadt noch ein bisschen anschauen, aber es ist immer noch so kalt und regnerisch, dass ich nach kurzem Herumstreifen und einem schnellen Mittagessen mich doch bald auf den Heimweg mache. Den Schubertwalzer immer noch im Kopf, fahre ich durch den langsam nachlassenden Regen zurück nach Berlin.

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Vorsicht Schußwaffen!

Der Terror der RAF war in meiner Kindheit stets präsent, die Phantome wandelten unter uns, das war normal. Im Biergarten der Ettaler Mühle zum Beispiel, wo wir im Sommer manchmal hinfuhren wegen der einzigartig hervorragenden Forellen vom Grill, die meine Mutter so liebte, da saßen die Erwachsenen auf ihren Bierbänken, der Koch stand am Grill und wendete die Fische, wir Kinder spielten am idyllisch dahinplätschernden Bach, in dem sich nutzlos und nur noch zum Zwecke der Idyllerzeugung das alte Mühlrad drehte, und daneben hing ganz selbstverständlich das rot umrandete Plakat mit den unscharfen Schwarzweißgesichtern: „Terroristen. Vorsicht Schußwaffen!“

Mein Blick schwenkte hin und her zwischen dem Plakat und den Leuten im Biergarten, es war alles sehr aufregend: der da hinten mit dem Schnauzbart, das war doch einer der Gesuchten, ganz klar, ich hatte einen enttarnt. Das Herz klopfte mir im Hals als ich die Entdeckung meiner Mutter zuflüsterte, aber die lachte nur und sagte, ohne sich zum Vergleich das Fahndungsbild überhaupt anzuschauen, solche Terroristen gebe es bei uns nicht, ich solle keine Angst haben, so etwas gebe es nur in der Großstadt. Ich war keineswegs beruhigt. Wenn das so einfach wäre, warum hatte die Polizei dann so ein Fahndungsplakat überhaupt hier aufgehängt? Zur Sicherheit ließ ich den Schnauzbärtigen nicht aus den Augen, gewärtig, er könne jeden Moment mit gezückter Pistole aufspringen und wie wild um sich ballern, was er glücklicherweise dann aber doch nicht tat.

Es sollte sich dennoch zeigen, dass die pauschale Entwarnung meiner Mutter falsch gewesen war. Eines Morgens ging ich zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen, durchdrungen von dem kindlichen Wunsch, es möge doch einmal auf der Titelseite von Oberammergau berichtet werden, nicht immer nur München oder Bonn, diese ewig gleichen und für mich nichtssagenden Orte. Und, was soll ich sagen, ich erfinde das nicht: genau an diesem Tag stand Oberammergau tatsächlich auf der Titelseite des Münchner Merkur. Ein Attentat auf die örtliche Nato-Schule war nur knapp gescheitert, in letzter Sekunde war das mit Sprengstoff vollgepackte Auto entdeckt und die Bomben entschärft worden, die Täter jedoch wurden nicht gefasst. Das war natürlich für die nächsten Wochen das Thema im Dorf. Jeder hatte die Terroristen gesehen gehabt, jedem war etwas merkwürdig vorgekommen an diesen Fremden, die tatsächlich, wie sich nun herausstellte,  monatelang eine konspirative Wohnung in unserem idyllischen Alpendörflein unterhalten hatten, um diesen Anschlag vorzubereiten. Uneinigkeit herrschte bezüglich der potentiellen Sprengkraft der Bombe. Manche behaupteten, so ein selbstgebasteltes Bömblein wäre wohl ohne größere Auswirkungen einfach verpufft, der Toni hingegen war überzeugt, eine Detonation hätte im direkten Umkreis der Nato-Schule sicherlich diverse Todesopfer gefordert und bis ins Dorf hinunter würde es mindestens die Fensterscheiben zerrissen haben, was mir allein deshalb plausibel vorkam, weil der Toni als Weltkriegsveteran ja Ahnung von so etwas haben musste. Ich hielt mich bedeckt in diesen Gesprächen und enthüllte niemandem, dass ich selbst das Ereignis sozusagen herbeigewünscht hatte, weil ich Oberammergau auf der Titelseite der Zeitung hatte sehen wollen, war aber fortan insgeheim davon überzeugt, dass meinem Bewusstsein eine wirklichkeits­verändernde Kraft innewohnte.

Jahre später entwickelte ich erneut eine Faszination für den Terror. Ich verschlang den Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust und daran anschließend noch alles andere, dessen ich habhaft werden konnte. Es gab damals ja noch nicht soviel Literatur zu dem Thema wie heute, die RAF war Anfang der Neunziger noch nicht vollständig zu Geschichte geronnen, sondern immer noch Teil der Gegenwart. In der 12. Klasse schrieb ich meine Facharbeit über das Thema „Die Entstehung der RAF und die Reaktion des Staates“. Meine These war damals so ungefähr, dass der Staat von Anfang an auf diese Bedrohung von links völlig überreagiert hat und sich dadurch den zunächst ja eher harmlosen Linksaktivisten als genau das faschistisch-gewalttätige Willkürmonster offenbarte, das sie in ihren marxistischen Pamphleten an die Wand gemalt hatten, ein Monster, dessen ebenso gewalttätige Bekämpfung ihnen nun umso gerechtfertigter erschien, undsoweiter: eine Spirale der Gewalt, deren weitere Eskalation spätestens nach dem Abtauchen der RAF-Leute in den Untergrund, in den sie durch die Verfolgung des Staates ja quasi hineingetrieben wurden, durch keinen Dialog mehr abgebremst werden konnte. Keine besonders waghalsige oder neue These, aber immerhin auch nicht ganz falsch, wie mir heute noch scheint.

Ich musste an all das jetzt wieder denken, als ich neulich auf einer längeren Zugfahrt den Roman Das Verschwinden des Philip S. von Ulrike Edschmid las, der mir meine damalige Facharbeitsthese geradezu exemplarisch zu belegen schien. Das Buch beschreibt den Weg des Filmstudenten Philip S. in den Untergrund, erzählt aus der Perspektive seiner damaligen Lebensgefährtin, der namenlosen Ich-Erzählerin. Sie beschreibt S., der 1967 nach Berlin kommt, um dort an der Filmakademie zu studieren, als einen sensiblen, einfühlsamen Menschen, in der Filmarbeit ein perfektionistischer Ästhet. Von den politisch aufgeheizten Kommilitonen wird sein erster Film als zu unpolitisch und formalistisch abgelehnt. Diese Vorwürfe prallen an Philip S. ab: „Er hat gezeigt, wohin er mit seinem Film gehört. Er hat Menschen dargestellt, deren Vereinzelung, Einsamkeit und Verstrickung in undurchschaubare und bedrohliche Mächte metaphysischer Art ist und durch keine Revolution aufgehoben werden kann.“ (S. 34)

Aber als im Frühjahr 1968 Schüsse auf einen Studentenführer abgefeuert werden und das Parlament Ausnahmegesetze für den Notstand erlässt, fühlt sich auch der Ästhet Philip S. mehr und mehr zum Widerstand aufgerufen, besucht jetzt die studentischen Versammlungen und Demonstrationen, macht mit bei der Besetzung der Filmhochschule.

Parallell zu diesen öffentlichen Ereignissen bleibt Philip S. im Privaten eigentlich ganz unverändert. Dem Sohn der Erzählerin, der nicht der seine ist, ist er ein liebevoller Vaterersatz, er engagiert sich in den selbstorganisierten Kinderläden, die gegen das staatliche Erziehungsmonopol gegründet werden. Aber durch das Engagement in den linken Kreisen steht das Paar bald auf der Abschussliste der Polizei. Immer, wenn es irgendwo knallt, stehen sie vor der Tür, dringen ein, durchsuchen die Wohnung, entwenden Dinge. Plötzlich gibt es gar kein Privates mehr für diese Familie. Als sie beide unter falschem Verdacht über Wochen in Untersuchungshaft festgehalten werden, kommen sie als veränderte und einander entfremdete Menschen wieder hinaus: „Wir sind nicht an den gleichen Ort zurückgekehrt, nicht in das gleiche Leben. Aber das wissen wir noch nicht. Erst später sehe ich deutlich, wie in dem, was damals geschah, schon das Zukünftige aufschien. Unter der Hand veränderte sich etwas, das ich im Rückblick als Zeitwende begreife, das Leben spaltete sich auf in die Zeit vor dem Gefängnis und in die danach.“ (S. 105)

Der vom Staat sich offen verfolgt sehende S. bereitet jetzt alles für das Leben im Untergrund vor, vernichtet Fotos, fälscht Pässe, trifft sich mit Leuten, die bereits abgetaucht sind. Die Erzählerin hingegen will gegen alle Widerstände ein offenes, eigenes Leben haben, will auch ihr Kind nicht verlassen. So zerbricht diese Liebe, ziemlich erschütternd ist das zu lesen, gerade weil es völlig unsentimental erzählt und geschrieben ist.

Am Ende stirbt der Philip S. auf einem Parkplatz, von Polizistenkugeln durchlöchert, das ist sein endgültiges Verschwinden, dokumentiert von der einstigen und, wie man beim Lesen zu spüren glaubt, ihm bis über den Tod hinaus noch verbundenen Gefährtin.

Im Zug sitzend las ich das schmale Buch durch, ohne einmal abzusetzen, und als ich es schließlich zuklappte und nachdenklich dieses seltsame Deutschland an mir vorübersausen sah, da kamen mir all diese oben beschriebenen Kindheitserinnerungen wieder in den Sinn. Auf dem Platz neben mir hatte die ganze Zeit ein voll uniformierter Polizist gesessen, der hauptächlich mit seinem Handy beschäftigt gewesen war und jetzt an der Haltestelle Jena Paradies den Zug verließ. Nicht unbedingt ein Freund und Helfer, aber auch kein Repräsentant eines Schweinesystems, dachte ich, nachdem wir uns lächelnd voneinander verabschiedet hatten. Ein ganz normaler Mitreisender, wie alle anderen auch. In letzter Konsequenz: nichts weiter als ein Mensch.

περὶ τῶν κατηγορίων

Was Aristoteles in seiner Kategorienschrift noch eine Kategorie nannte, heißt heute ein Label. Durch Kategorisierung wollte Aristoteles dem wahren Wesen der Dinge näher kommen. Wir Heutigen wittern stattdessen hinter jedem Label sofort die Lüge. Wenn auf einem Buch vorne draufsteht „Roman“, dann schnüffeln die Suchhunde alle sofort los und spüren die autobiographischen Bezüge auf. Eine unendliche Befriedigung durchzuckt den Spürhund, wenn er aufzeigen kann, dass der angebliche Romanheld doch nur den Autor selbst darstellt. Soso, da hatte der selbsternannte Romancier wohl doch ein bisschen zuwenig Phantasie, um sich was ordentlich Phantastisches auszudenken.

Genau umgekehrt läuft es interessanterweise, wenn einer auf sein Buch vorne das Wort „Autobiographie“ draufschreibt. Dann rennen die Spürhunde nämlich auch sofort los, suchen diesmal aber nur nach den Fehlern, den Unaufrichtigkeiten, den Lügen und Selbstüberhöhungen. Kaum veröffentlicht Keith Richards seine Autobiographie, schon ruft Mick Jagger bei seinen Kumpels vom New Yorker an und kräht ins Telefon: Alles gelogen, so war das gar nicht.

Ich selber weiß recht wenig über die unendlich vielen Bücher, die ich alle noch nicht geschrieben habe, nur eins ist sicher: Kein Label und keine Kategorie kommt mir unter den Titel. Nicht mal „Quatsch mit Soße“ werde ich darunter schreiben, das muss sich der Leser dann einfach selber dazudenken, so geht nämlich Lesen, diese vergessene und verlernte Kunst.

Hohlkörper

Im Wartezimmer des HNO-Arztes, wo ich mich heute zur nochmaligen Ohrenkontrolle wieder einfand, warteten vor mir so viele Leute, allesamt Rentner wie mir schien, dass ich endlich Gelegenheit hatte, den Roman „Hohlkörper“ von Robert Mattheis fertigzulesen. Während des Lesens fiel mir ein Gespräch wieder ein, das ich vor geraumer Zeit einmal mit dem Ochsen führte, der sich damals über die sogenannte junge deutsche Literatur beschwert hatte. Alle diese Leute würden doch überhaupt nur Schriftsteller werden, damit sie nicht arbeiten müssten, so der Ochse damals sinngemäß. Dann flanierten sie durch Berlin, immer sei es ja Berlin, wo sie durchflanierten, und schrieben dann melancholisch-poetische Romane, angefüllt mit den beim Flanieren aufgesaugten Impressionen, dabei aber leider völlig an der Welt vorbeischreibend. Das reale Leben der heutigen Menschen könnten diese Schreiber nicht beschreiben, weil sie es schlichtweg nicht kennen, ich zitiere immer noch den Ochsen aus dem Gedächtnis, die deprimierende Wirklichkeit der allermeisten Leute fände in Büros statt, aber nie würden Romane in Büros spielen, dies sei ein eklatanter Missstand, ein Versagen der deutschen Literatur. Meine Antwort auf diese fulminante Rede war damals gewesen, dass es für sowas wahrscheinlich einfach keinen Markt gebe, keine Leser. Wer den ganzen Tag im Büro hockt, wolle vermutlich am Feierabend eher nicht noch einen Büroroman lesen, sondern Geschichten über Liebesaffären, Wüstenabenteuer, Spionage, für ein paar ganz Verträumte vielleicht auch ein bisschen Berlinflaniererei, aber sicher kein Büro.

Daran musste ich jetzt mit meinem Buch in diesem Wartezimmer sitzend wieder denken, weil das Buch „Hohlkörper“ tatsächlich zu großen Teilen in Büros und Konferenzzimmern irgendwelcher Medienkonzerne und Werbeagenturen spielt, aber dennoch das komplette Gegenteil von dem darstellt, was man sich unter einem Büroroman vorstellt. Kein weinerliches Lamento über die öde Tretmühle der Arbeitswelt, sondern eine anarchische und völlig überdrehte Feier des Wahnsinns, der in diesen Büros tagtäglich stattfindet. Ich kam am Anfang nicht so richtig rein in dieses Buch, man wird erstmal erschlagen von einer Masse von Figuren, auch kriegt man keinen Handlungsstrang so recht zu fassen, die Idee einer aristotelisch korrekt aufgebauten Handlung wird im Buch selbst ständig persifliert. Wenn man es aber aufgibt, nach nicht existenten roten Fäden zu greifen, dann entfaltet das Buch in seiner ganzen Zerstückeltheit einen echten Sog.

Der Kern der nicht vorhandenen Handlung ist, dass Bob und Georg den nächsten Roman für das Autorenpseudonym „Utz Feller“ schreiben sollen. Dieser nicht existente Feller ist der „beliebteste Thrillerautor unserer schönen Republik“ (S. 160) und wird verlegt von Cyclops Media, einem Verlagskonzern, bei dem ausschließlich die Bilanzen zählen, nicht die Kunst. Dennoch haben Bob und Georg es sich in den Kopf gesetzt, dem Utz Feller ein postmodern-antiaristotelisches Literaturkunstwerk unterzujubeln, womit sie natürlich gnadenlos scheitern bei den Entscheidern in den Besprechungsräumen von Cyclops Media. Immer wieder werden sie zu Umarbeitungen des Manuskripts genötigt, aber in jede Neufassung bauen sie einfach noch mehr narrative Ebenen und Metafiktionen ein, standhaft verweigern sie das Abliefern eines schön nach Schema F augebauten Thrillers. So wie der Roman „Sprengkörper“ von Utz Feller unter den Händen von Bob und Georg immer weiter zerfasert, so zerfasert auch der Roman „Hohlkörper“, der die Geschichte des Romans „Sprengkörper“ erzählt, immer weiter in nur noch lose miteinander verknüpfte Miniaturen. Aber in diesen Miniaturen, in den Details, steckt die wahre Sprengkraft des Romans. Bei aller Überdrehtheit und Destruktion der Form zeigt sich doch im ganz Kleinen, in einzelnen Sätzen und Szenen, dass der Autor diese Welt der Werber und Textvermarkter sehr gut kennt, in all ihrer Aufgeblasenheit. Die innere Hohlheit dieser Bürokörper, auch die Tragik dieser ausgehöhlten Körper findet sich im ganz Kleinen.

Vor allem ist das Buch aber saulustig. Die Rentner im Wartezimmer, mit ihrer Sportbild oder Bild der Frau auf dem Schoß, schauten schon komisch zu mir rüber, weil ich immer wieder so leiselaut in mich hineinlachte. Als ich mit den Hohlkörpern durch war, waren immer noch drei Leute vor mir, so dass ich gezwungen war, das Handy zu zücken und noch ein bisschen in den Blogs zu stöbern, Rezeptideen zum Tintenfisch und so Zeug. Und ganz zum Schluss, um das hier schön aristotelisch fertig zu erzählen, durfte ich auch noch ins Sprechzimmer rein. Die Gehörgänge sähen jetzt schon viel besser aus, sagte der Arzt. Antibiotische Tropfen absetzen, noch zwei Wochen Cortisonsalbe, dann dürfte die Sache ausgestanden sein.

10. Mai 2013

Nachdem ich zwei Tage lang an meiner Rede für die Feierlichkeiten anlässlich des einjährigen Bestehens von Sichten und Ordnen herumgefeilt hatte, warf ich das von hochgelehrten Anspielungen und Querverweisen nur so triefende Manuskript zum Altpapier. Außer dem Finanzamt interessiert sich doch eigentlich niemand für Bilanzen, hatte ich plötzlich gedacht, und schlagartig war mir ganz leicht ums Herz geworden. In letzter Sekunde sagte ich das große Festbankett ganz einfach ab und spendierte dem Blog stattdessen ein neues Layout. Das Blog bedankte sich recht artig und wir setzten uns noch ein Weilchen zusammen, um bei einem Glas Bier über die alten Zeiten zu schwatzen. Bevor aber noch einer von uns in Sentimentalitäten abgleiten mochte, verabschiedete ich mich unter einem Vorwand, klappte den Rechner zu und ging, zeitiger als es normalerweise meine Gewohnheit ist, zu Bett.

Brennende Ohren

„Otitis externa, rechts“, diktierte Dr. S. seiner Assistentin und im selben Moment sah ich die Worte Otitis externa, re. auf dem Computerbildschirm neben mir aufscheinen. „So, und jetzt schauen wir mal noch ins andere Ohr rein“, und steckte mir seine trichterförmige Ohrenleuchte auch ins linke Ohr hinein. „Aha, aha, dasselbe in Grün“, sagte er und fing gleich an, das Ohr zu spülen. Auf dem Bildschirm wurde re.  durch bds. ersetzt.

Es ging alles sehr schnell. Ich schätze das, lege keinen Wert darauf, vor Ärzten meine ganze Lebensgeschichte auszubreiten. Wenn Friseure doch nur auch so wären. Er stopfte mir mit irgendeiner Flüssigkeit getränkte Stoffstreifen in beide Ohren, was höllisch brannte, und drückte mir ein Rezept in die Hand: „Zwei Mal täglich vier Tropfen. Anfang nächster Woche will ich Sie nochmal sehen.“ Alles klar, auf Wiedersehen, ich hatte die Klinke des Sprechzimmers schon in der Hand, da pfiff er mich nochmal zurück: „Wenn ich Sie noch kurz zu Ihren Hörgewohnheiten befragen dürfte.“ Die Frage kannte ich schon von anderen HNOs, ich habe öfter mit den Ohren zu tun. Dr. W. in Frankfurt hatte sich dabei als der entschiedenste Gegner von iPod-Ohrstöpseln erwiesen. Ich erwiderte daher reflexhaft: „Keine Ohrstöpsel, kein iPod. Analoger Röhrenverstärker und riemenbetriebener Plattenspieler. Moderate Lautstärke. Die Ursache kann keinesfalls…“, aber ich sah ihn schon vehement den Kopf schütteln: „Nein, nein, sie missverstehen mich. Welche Musik, frage ich, welche?“  Dr. S., der eben noch so sachlich und konzentriert auf mich gewirkt hatte, schien jetzt plötzlich seltsam aufgekratzt, wie er mich so mit weit aufgerissenen Augen fixierte. Meinen hilfesuchenden Blick bei der Assistentin erwiderte diese mit einem hilflos gelächelten Schulterzucken, dann wandte sie sich von mir ab und starrte wieder in ihren Bildschirm. „Naja, alles mögliche eigentlich“, sagte ich zögernd. „In letzter Zeit vor allem Beethoven, die Klaviersonaten, nichts besonderes…“ Wie Rumpelstilzchen persönlich tanzte Dr. S. nun im Sprechzimmer umher: „Beethoven, Beethoven, ich wusste es, ich wusste es. Ich muss ein Trommelfell nur ansehen und weiß es einfach, ich sehe es. Sie haben Glück, dass Sie zu mir gekommen sind. Lesen Sie dies hier, lesen Sie es!“ Er drückte mir eine mit Büroklammern zusammengeheftete Broschüre in die Hand: Beethovens Taubheit als direkte Folge der von ihm selbst fabrizierten Musik. Ein empirisch-medizinischer Traktat. Mit immer noch brennenden Ohren hörte ich ihn krächzen: „Die Fachwelt verweigert sich immer noch diesen Erkenntnissen, aber es ist erwiesen. Ich habe es bewiesen. Nehmen Sie die Tropfen, aber vor allem: Nehmen Sie Abstand von Beethoven, sonst werden Sie hier Dauergast bis zur völligen Ertaubung!“ Mit den letzten Worten hatte er meine rechte Hand in beide Hände genommen, schüttelte sie kräftig durch und blickte mir tief in die Augen. Ich sicherte alles zu und flüchtete aus der Praxis.

Einigermaßen verstört stolperte ich auf den Richard-Wagner-Platz hinaus und wandte mich heimwärts. Auf der Brücke stehend sah ich, dass der Biergarten am Fluss trotz des Nieselwetters geöffnet war. Logischerweise ging ich runter, holte mir ein Bier und las weiter in meinem neuen Buch, dessen Lektüre ich im Wartezimmer bereits begonnen hatte. Hohlkörper, von Robert Mattheis. Wer ist das eigentlich, wie war ich denn an dieses Buch überhaupt gekommen? Ich wusste es nicht mehr. Egal. Immerhin besser als der Beethoventraktat des Ohrenarztes, dachte ich auf meiner Bierbank sitzend, während über mir der Regen ganz leise auf den Sonnenschirm klopfte.

Kettenbriefmassaker

Wir schnuppern an Büchern, angenehm dezent raschelt das Dünndruckpapier beim Blättern, wir legen uns Vinylplatten auf und entzücken uns an dem Rauschen und Knistern der Nadel mehr als an der eigentlichen Musik. Wir schreiben einander handschriftliche Briefe, denen wir in der eigenen Dunkelkammer abgezogene Photographien beilegen, die wir extra mit doppelt „ph“ schreiben, um uns unserer abendländisch-altgriechischen Wurzel zu versichern, und in dem Brief steht nicht viel mehr, als dass wir gerade eine Platte hören von Vinyl, und dass es voll toll ist, mit der Hand eine Schrift auf ein unglaublich widerständiges Papier zu schreiben, mit einem Tinten-Füller von Montblanc vielleicht, oder noch besser einem simplen Bleistift von Stabilo. Andächtig lecken wir die Briefmarke ab und erfreuen uns an dem Ekelgeschmack auf der Zunge. Und abends bloggen wir dann darüber, dass wir so einen Analogbrief mit beigelegter Analogphotographie verschickt haben, und hoffen auf möglichst viel Widerspruch, weil Kommentare ja die Klickzahl hochjagen, und schauen in anderen Blogs nach, wo ähnliche Briefe ins Nichts geschickt werden, weil die könnten ja sogar uns meinen. Meinen sie uns? Meinen sie mich, diese Briefe? Bin ich überhaupt ein Jemand genug, um gemeint sein zu können von so einem Prometheus, der aus dem Kellerloch heraus das Feuer der Erkenntnis uriniert? Und wie kriege ich jetzt das Ich wieder raus aus diesem Unsinnsgedicht, das sich keinesfalls als Brief verstanden wissen will?