Grande Sonate Pathétique

07.06.2068
Nichts.

08.06.2068
Nichts.

09.06.2068
Nichts.

10.06.2068
Nichts.

11.06.2068
Der Fraß in diesem Heim ist unessbar. Einen grauen, übelriechenden Brei wollte man uns heute als Szegediner Gulasch andrehen. Ich verweigerte es. Später kam der Arzt. Blutwerte schlecht. Verordnet tägliche Infusionen. Irgendwelches Zeug soll mir in die Venen gepumpt werden, ich hörte gar nicht richtig zu. Mir alles egal.

12.06.2068
Klavierabend im Speisesaal. Ein vollkommen untalentierter Stümper vergewaltigte die Pathétique-Sonate. Lauter falsche Noten, alles völlig verstolpert und zerklimpert, seelenlos, grauenhaft. Danach schmiss er noch ein Beatles-Medley hinterher, abgeschmackter geht es ja gar nicht mehr. Meine verhassten Mit-Insassen riss es natürlich zur Begeisterung, alle applaudierten und grinsten selig vor sich hin. Der halbe Lungenflügel, den mir die Chirurgen gnädigerweise dringelassen haben, buhte nach Kräften dagegen an, woraufhin sofort der Pfleger herbeieilte, von hinten meinen  Rollstuhl ergriff und mich, obschon ich lauthals protestierte, aus dem Saal raus und aufs Zimmer schob. Ich bin umgeben von hirnlosen Schweinen, die keine Ahnung von Beethovens Kunst haben. Vor zehn Jahren hätte ich das Pickelgesicht noch eigenhändig vom Flügel weggestoßen und ihm selbst gezeigt, wie man die Pathétique spielt. Aber heute: zu schwach.

13.06.2068
Scheißtag. Ich war eben weggenickt, da rüttelt die Schwester mich wach, ein Herr Wühl sei da, wiederhole hartnäckig, er müsse mich sprechen. Abwimmeln, röchelte ich, abwimmeln, ich kenne keinen Wühl, will meine Ruhe, Leute mit so beknackten Namen kenne ich nicht. Da drängelte sich der Wühl schon ins Zimmer und an der Schwester vorbei an mein Bett heran. Er müsse mit mir über den Blogozentriker sprechen, er bitte dringlichst um Auskünfte.

Dieser verdammte Blogozentriker, der verfolgt mich noch bis ins Grab, dachte ich, sagte es aber nicht, stattdessen, so gleichgültig wie möglich: „Ach, der Blogo.“ Die Schwester war froh, dass das Problem gelöst war, schloss die Zimmertür und flog hinfort, jetzt war ich mit dem Wühl gefangen. Leicht zerzaust sah er aus, faserig mittellange Haare und ein dünner Schnurrbart, die Lederjacke reichlich abgeschabt. Die Texte des Blogozentrikers, hob er an, seien jetzt als ein wegweisendes Monument der Literatur vom Anfang des Jahrhunderts endlich verstanden worden, er selber, Wühl, sei der Abgesandte eines literaturwissenschaftlichen Instituts, das sich hauptsächlich mit der Wiederentdeckung der Schriften des Blogozentrikers beschäftige. Auf mich sei man gestoßen, weil ich dort doch auch Kommentare hinterlassen hätte, es bestehe sogar der Verdacht, dass der große Blogozentriker unter diversen Pseudonymen auch bei mir kommentiert hätte, all das gälte es zu klären, ich sei einer der letzten Augenzeugen, so Wühl wörtlich: „Sie sind einer der letzten lebenden Augenzeugen des Blogozentrikers.“

Augenzeuge, dachte ich, was für eine Idiotie, als ob man den Blogozentriker mit den Augen angeschaut hätte. Geisteszeuge, wenn überhaupt, dachte ich. Ich blieb aber still, war plötzlich hellwach. Mir war schlagartig klar, dass hier in Gestalt dieses abgehalfterten Lederjackenheinis meine letzte Chance saß. Meine allerletzte Chance, der Nachwelt in irgendeiner Form erhalten zu bleiben. Und wenn es nur in einer Fußnote der Blogozentrikerforschung ist: jetzt musste ich lügen, was das Zeug hält. Ich war voll da.

„Uns interessiert im Moment vor allem das plötzliche Verstummen des Blogozentrikers, die Gründe dafür liegen nach wie vor im Dunkeln“, sagte Wühl, der sich mittlerweile auf meine Bettkante gesetzt hatte, was ich schon scheußlich fand, der Stuhl neben dem Bett hätte es doch auch getan.

Meinen Greisenbonus weidlich ausnutzend mümmelte ich, um Zeit zu gewinnen, eine zeitlang nur unverständliches Gebrabbel vor mich hin. Langsam deutlicher werdend dann: „Man kann über den Blogozentriker nichts sagen. Eure Forschung geht ins Leere. Er war einzigartig. Er war der Chef. Jeder Text ein Volltreffer. Aber immer nur in der Minute seines Erscheinens im Netz. Dann drehte sich Big Bee wieder weiter, wand sich unter dem Text weg zum nächsten hin. Immer in Aktion, immer in der Drehbewegung, unvergleichlich, keiner hat je wieder diese Meisterschaft erreicht. Die Umkreisung einer Einkreisung. Ein ungeheuerlicher, epischer Tanz.“

Wühl trippelte nervös mit dem Fuß, in seiner Hand zuckte der Bleistift, schrieb aber nichts hin, die Seite des Notizblocks war, wie ich genau sehen konnte, immer noch ganz leer. Wühl war besser, als ich gedacht hatte. Ich musste konkreter werden, mit dem pauschalen Allgemeinkram ließ er sich offenbar nicht abspeisen. Während er noch, mit dem Bleistift in der Luft herumkreisend, nach der nächsten Frage suchte, sagte ich in die Stille hinein: „Ist Ihnen eigentlich nie aufgefallen, dass Blogos Verschwinden genau synchron zum Aufstieg Frosts verläuft?“ Wühl merkte auf: „Sie meinen – den Frost?“ „Ja, natürlich den“, erwiderte ich barsch, „wen denn sonst: Roman Frost. Erst machte er sich einen Namen als kulturpessimistischer Netzkritiker, und dann haute er ein Buch nach dem anderen auf den Markt, räumte Klagenfurt ab, Kleistpreis, Goethepreis, Büchnerpreis, mit der totalen Blogozentrikerkopie, der Stil, die Diktion, alles abgekupfert. Zehnmal schlechter als das Original, und hundertmal erfolgreicher. Das hat den Blogo fertig gemacht. Deswegen hat er den Bettel hingeworfen.“

Meine Augen waren nur auf Wühls Bleistiftspitze gerichtet, die immer noch einen Zentimeter über dem Papier nervös herumkreiste. Wann würde der Idiot endlich mal etwas aufnotieren? „Sind Sie sicher, ich meine, am Institut waren wir immer der Meinung, dass…“ „Vergessen Sie alles, was Sie je dachten. Der Blogo hat mir das selbst gesagt, von Angesicht zu Angesicht. Sie können mir das glauben.“ Jetzt war er endlich angefixt: „Sie haben den Blogozentriker getroffen? Im echten Leben meine ich? Ihn gesehen?“ „Ja, logisch, im Mommsen-Eck, Haus der 100 Biere, unvergesslicher Abend. Das könnt ihr Jungspunde euch ja heute gar nicht mehr vorstellen, das war noch bevor diese Gesundheitsfaschisten mit ihrer Prohibitionskacke die Macht ergriffen haben. Wir haben gesoffen wie die Löcher damals.“ Wie wild kritzelte Wühls Bleistift jetzt die Seiten voll. Er kam mit dem Fragen kaum nach: „Und da hat er gesagt, dass Frost…“ Ich jetzt ganz souverän: „Genau. Der Frost soll machen was er will, hat er gesagt. Ich schweige. Mein Schweigen ist der Fels, an dem der Schnösel Frost dereinst zerbrechen soll. So hat er es gesagt.“

Wühl schien ganz ergriffen, ein Moment des Schweigens, dann prasselte die Schwester herein: „Herr Wolf, es ist jetzt Zeit für Ihre Infusion.“ Zu Wühl gewendet: „Sie müssen jetzt leider gehen. Der Herr Wolf braucht jetzt ganz viel Ruhe.“ Ich protestierte: „Halt, Wühl, bleiben Sie hier, die Infusion kann warten, Sie interessieren sich doch sicher auch für mein Blog, Sichten und Ordnen, das war ja damals auch ganz weit vorn, legendäre Kommentarschlachten, mein Gott, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen…“ Aber Wühl war schon aufgesprungen und zur Tür geeilt: „Nein, nein, Sie brauchen jetzt Ruhe. Ich kann ja morgen nochmal wiederkommen.“ Und war weg.

14.06.2068
Nichts.

(Auszug aus: Andreas Wolf: Die Tagebücher 1994–2069. Ungekürzte Ausgabe in 23 Bänden. Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung von Blogo-Press Ltd.)

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8 Kommentare zu “Grande Sonate Pathétique

  1. Ist das Ende nicht fast stärker, wenn man den Satz: „Ich wusste, ich würde ihn nie wieder sehen“ weglässt?

  2. Dieser Wühl, jetzt erinnere ich mich wieder:
    Einige tagelang hatte ich noch wie die Motte das Licht diese erstorbene URL umschwirrt, Die Ungläubigkeit wurde Gewissheit. Und Nostalgie nachspürend begab ich mich denn am siebten Tag oder im siebten Jahr in unsere Stamm-Trinkhalle. Nach einigen Dosenbierdosen ging ich zu Boden. Auf dem Hosenboden kriechend beugte er sich da über mich. Habe seine Fresse noch vor mir. Und er wollte mich ausfragen, nach den alten Zeiten und dem ganzen Scheiss. Meine Involviertheit in dieser Sache, weil da ja so ein blogopathicus oder pathozentriker in meine Bloghütte reingeschneit sei, und behauptet hatte, er habe, ich zitiere, „dieses Riesenarschloch, diese[n] Vollaffe[n], de[n] hirnwichsende[n] windelweiche[n] blogozentriker“ gelöscht, weil er Go und Sudoku verwechselt habe. Nun finde ich diesen Straftatbestand auch nicht unerheblich, wer macht denn bitte so’n Scheiss wie Sodo.. Sukodo oder.. Naja, jedenfalls hab ich’s diesem Wühl dann ordentlich gegeben als ich ihm über den feinen Nadelstreifen gekübelt habe…

    • Hartnäckiger Typ, dieser Wühl, und offenbar sogar mit Zeitmaschine unterwegs. Sehr mysteriös. Nach den neuesten Enthüllungen des Kollegen Thornhill ist allerdings davon auszugehen, dass Wühl mittlerweile mitsamt dem ganzen Blogozentroversum implodiert, kollabiert und also vernichtet ist. Ich hoffe, diese Nachricht bewahrheitet sich, so dass wir unsere Dosenbiere wieder unbehelligt an der Trinkhalle stehend schlürfen können. (Wobei ich, wenn ich ganz ehrlich bin, einer Glasflasche als Trägermedium doch den Vorzug gebe.)

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