Pulphead

Als ich vor knapp einem Jahr hier mit dem Bloggen anfing, da hatte ich so ungefähr ziemlich exakt überhaupt keinen Plan, wohin das führen sollte, was ich da eigentlich reinschreiben wollte in dieses Blog. Ich fing dann trotzdem einfach mal an, mein eigentliches Naturell überwindend, das immer den Bauplan bis ins letzte Detail vorgefertigt wissen will, bevor ich den ersten Finger krumm mache. Einfach mal loslegen. So wie sich nach Kleist die Gedanken beim Reden allmählich verfertigen, so würde doch vielleicht das Blog sich auch beim Schreiben einfach ganz von selbst verfertigen. Der einzige Programmpunkt, der von Anfang an fest eingeplant war, waren Rezensionen der Bücher, die ich lese. Das schien so logisch: die Bücher lese ich ja eh, und nach beendeter Lektüre darüber noch einmal zusammenfassend zu schreiben, würde mir erstens selber mehr Klarheit über das eben Gelesene verschaffen, und wenn das zweitens noch zweidrei Hanseln außer mir interessierte, dann wäre denen ja auch noch geholfen und die Sache damit doppelt sinnvoll.

Der Plan ging fehl. Wenn ich recht sehe, schrieb ich überhaupt nur einen einzigen Text, der in die Nähe des Formats „Rezension“ kommt, nämlich den hier über die Essaysammlung Bluescreen von Mark Greif. Der Nicht-Plan hingegen funktionierte perfekt: das Blog verfertigte sich beim Schreiben tatsächlich wie von selber, auf Rezensionen hatte ich bald schon gar keine Lust mehr. Warum sollte ich mich in ein klassisches Format-Korsett zwängen, wenn ich doch im Blog jede Freiheit habe, die Bücher ganz anders durch die Texte sausen zu lassen, ganz ohne Rezensionsschema. Stattdessen freestyle die Lektüre des Grünen Heinrich parallell zum Lesen zu verbloggen, das machte viel mehr Spaß. So weit, so gut.

Jetzt habe ich vorgestern Pulphead von John Jeremiah Sullivan fertiggelesen. Gestoßen bin ich darauf durch die Empfehlung des geschätzten Morel, der das Buch hier genau richtig beschrieben und besprochen hat, ich liebe nämlich Buchrezensionen, damit ich bloß nicht falsch verstanden werde, ich mag nur selber nicht unbedingt welche schreiben.

Also der Sullivan ist genial, ich las diese Essays begeistert weg, das erste Buch nach dem Grünen Heinrich, das mich wirklich gekickt hat, und als ich das Buch dann fertiggelesen hatte und Hannah darüber berichtete, verfertigte sich beim Reden plötzlich der Gedanke, dass Pulphead ja wirklich der totale Zwilling zu Bluescreen ist: Beide Autoren sind ziemlich genau so alt wie ich, beide wählen die Form des Essays, beide erzählen subjektiv, es spricht das nicht fingierte Ich des Schreibers, und auch die Themen ähneln sich frappierend: Popmusik, Reality-TV, amerikanische Gegenwart. Bei Sullivan auch noch amerikanische Vergangenheit, das fehlt bei Greif, aber das kann kaum der Grund sein, warum Pulphead mich begeisterte, während der Greif mich eher langweilte.

Der Grund ist, wie mir jetzt klar wurde, als ich nochmal darüber nachgrübelte, dass Greifs Buch ausschließlich am Schreibtisch stattfindet, Sullivan hingegen schreibt seine Texte on the road. Die beiden mögen gleich alt sein, sich für ähnliche Fragen interessieren und ihre Antworten in eine äußerlich ähnliche Form gießen, aber wenn Sullivan sich für irgendwas interessiert, dann fährt er dorthin, spricht mit Leuten, sieht sich die Dinge in der Realität an und aus diesen Beobachtungen entsteht dann der perfekte Text. Wohingegen Greif nur die medial gefilterte Suppe in seinem Kopf umrührt und in kleine Theorietöpfchen umfüllt.

Lassen wir den Langweiler Greif lieber gehen und reden nur noch über Sullivan. Er fährt also rum und sieht sich Dinge an. Zum Beispiel fährt er mit seiner Familie nach Disney-World, hat da überhaupt keine Lust drauf, und das größte Problem, das er und sein Kumpel haben, ist die Frage, wie man dort ungestört einen Joint rauchen kann. Sie schaffen es dank Internetguides, die detailliert die dafür geeignetsten Ecken und Winkel kartographiert haben, und die darauf folgende Beschreibung, wie er bedröhnt durch diesen Park des Irrsinns läuft, geht dann wie selbstverständlich über in eine Geschichte des Parks: wie Walt Disney von Strohmännern parzellenweise das ganze Land für den Park aufkaufen ließ, durch haarsträubende Manipulationen und Lügen sich bis zum heutigen Tag bestehende Steuervorteile ergaunerte, um dieses Ding zu bauen, diese vollkommen künstliche Traumwelt, die jedes Jahr Millionen anzieht und dennoch von einem erwachsenen, denkenden Menschen nur unter Drogen zu ertragen ist. Diese Mischung aus eigener Anschauung, recherchierten Fakten, theoretischer Reflexion und literarischer Ausschmückung ergibt für mich die idealen Texte, wirklich Essays für das neue Jahrtausend, wie sie der Klappentext verspricht.

Er fährt außerdem auf ein Christenrock-Festival, schaut sich von amerikanischen Ureinwohnern bemalte Höhlen an, spricht mit dem letzten lebenden Bandmitglied der Wailers, verbringt einen Tag mit einem Reality-TV-Star, der, wie man hier erfährt, auch außerhalb des Fernsehens dafür bezahlt wird, er selbst zu sein, und welche hohe Kunst das ist: das Man-selbst-sein darzustellen, ohne dabei ein Anderer zu werden. Und wenn zu der Frage nach dem abnormalen Verhalten der Tiere mal kein Experte bereit ist, mit Sullivan zu sprechen, dann erfindet er sich einfach einen Professor Livengood und lässt sich von ihm auf einen erfundenen Trip nach Afrika mitnehmen. Auch genial.

Ich glaube im letzten Essay, der von dem verrückt-genialen Naturforscher Rafinesque handelt, hat Sullivan sein poetologisches Programm versteckt:

„Die Natur macht keine Sprünge“, hatte Leibniz gesagt, einer von Rafinesques großen Helden. Wenn wir aber Teil der Natur sind, dann sind wir auf metaphysischer Ebene eins mit ihr, sind wir gleichbedeutend mit den allerfrühesten Mikroorganismen, die am Kraterloch eines Urmeervulkans eine erste Kette bildeten. Es gibt keinen Zauberstab, der sich vor dreihunderttausend Jahren herabgesenkt und uns in unserem wesenhaften Sein von der materiellen Welt, die uns hervorgebracht hat, getrennt hätte. Und das bedeutet wiederum, dass wir keine grundlegende Aussage über die Natur – weder über ihre Brutalität noch über ihre Schönheit – treffen und hoffen dürfen, etwas Wahres zu sagen, wenn das, was wir behaupten, nicht auch auf uns selbst zutrifft. (John Jeremiah Sullivan, Pulphead, Suhrkamp 2012, S. 411)

In unserer multimedial durchinszenierten Welt scheint es plötzlich ungeheuer schwierig geworden, einfach man selbst zu sein, ein stinknormales Ich. Überall nur Inszenierung, wohin man schaut. Sich für das Nicht-Ich zu öffnen, die ebenso stinknormale, faszinierende, reale Welt sich anzuschauen, im Bewusstsein, selbst auch ein Teil davon zu sein, könnte eventuell helfen.

(Heute Blumen am Balkon gepflanzt. Mit den Kindern wie blödsinnig in der Erde gewühlt. Schön.)

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10 Kommentare zu “Pulphead

  1. Das Verfertigen des Blogs beim Schreiben desselben – so habe ich das zu Beginn auch erlebt, man latscht einfach los, in die Buchstabenlandschaft hinein. Pläne hatte ich allerdings durchaus auch, als ich meine Website Oktober 2011 auf Blog umstellte, auch einige, die zwar nicht direkt fehl gingen, sich aber in neue Schreibformen auflösten, die weniger streng sind und am ehesten der Glosse ähneln, also weniger Drama und mehr Commedia dell’arte. Was übrigens das Thema Essay angeht, so lese ich nach wie vor (mit langen Unterbrechungen, weil es sich um die zweite Lektüre handelt) das wahrscheinlich längste Essay der Welt, nämlich Musils ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘, ein Roman, über den ich niemals eine Rezension schreiben würde, weil die wohl genau so lang werden müßte wie der Roman selbst, denn so wenig in dem Text auch geschieht, so viel Bedenkenswertes spricht er doch an.

    Mein stinknormales Ich hat übrigens auch den Balkon hergerichtet, nämlich die Kastanie (schon fast 60 cm hoch) umgetopft, Kapuzinerkresse gepflanzt und die Moose und das Kraut mit frischer Erde beworfen, die Babypalme rausgestellt usw. Tut gut, sowas!

      • Ich hatte die einzige Kapuzinerkresse ohne Lausbefall weit und breit, wahrscheinlich war es denen im vierten Stock immer zu kalt oder zu heiß oder zu windig. Oder lag es daran, daß ich beim Lesen von guten Büchern (u.a. Webers Protokoll von Nora Bossong – das ist jetzt ein Sommerbuch für mich) auch mal eine sommerliche Zigarre geschmaucht habe?

  2. Das Problem ist doch eigentlich, dass wir versuchen, die Inszenierung der Realität durch die Realität der Inszenierung auszutreiben. Neil Postman würde sagen: Wir inszenieren uns zu Tode! Und ich frage mich, ob die Rolle desjenigen, der diesen Inszenierungen durch Lokalbesuche auf den Grund zu kommen versucht, nicht spätestens seit Manuel Andracks Wanderbüchern auch desavouiert ist. Hast Du so eine Wanderung mal gemacht? Eine Wanderung durch Deutschland, von Norden nach Süden? Das ist nur auszuhalten, wenn man weiß, dafür bezahlt einen irgendein Idiot, der zu faul ist, seinen Arsch aus dem Sessel zu hieven. Der braucht einen als Sonde in der von ihm eher gefürchteten Realität! Ist der Typ, der durch die Gegend wandert und sich, nach allzu viel Benjamin-Lektüre, essayistische Gedanken macht, nicht auch eine Pose? Ist das wirklich real? Und sind die Kinder auf dem Balkon real? Oder nur drei Sätze in einem Blog, der morgen gelöscht ist? („Es hat mich so gerührt“, schreibt eine leidenschaftliche Verehrerin der Wolf’schen Prosa, „und dann stellt sich heraus: Das war ein perverser Wiener, der zu viel Jack Kerouac gelesen hatte!“)

    • Lies mal den Sullivan, das ist kein stumpfsinniges Wanderbuch. Der interessiert sich für etwas, hat eine Frage, und statt sich die Antwort gleich selber zu geben, wie viele das ja tun, weil sie eh schon alles zu wissen glauben, holt Sullivan sich lieber noch ein paar Infos vor Ort und schaut sich die Gegend an. Resultat ist guter Text, das ist die Hauptsache. Wenn, wie im Fall des Tier-Essays, sich dann herausstellt, dass der Professor und die Reise nach Afrika nur erfunden ist, ist das völlig in Ordnung. Es geht nicht um hundertprozentige Authentizität, nicht um ein bloßes Nachbuchstabieren der Wirklichkeit. Es geht um die Haltung des Schreibers: weltwärts.

  3. Der Morel freut sich über das Lob. Verkehrt aber nicht so in der Blog-Welt. Deshalb geb´ ich das mal weiter.
    Mark Greif liest er auch. (Wie wohl zu erwarten war.)
    Ihr hättet euch sicher was zu erzählen. Über Bücher. Und Songs. usw. Falls ihr euch außerhalb der Blog-Welt treffen würdet. Ich könnte derweil Bärlauch sammeln. Woraus der Morel später sein Bärlauch-Pesto machen könnte. Zum Beispiel.
    Herzliche Grüße Melusine

    PS. „Es geht um die Haltung des Schreibers: weltwärts.“ – Ja. Die Entwertung von Erfahrungen oder – vorsichtiger ausgedrückt – die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber in einer bestimmten Sorte von Literatur und Journalismus (obwohl es da natürlich – fließende – Unterschiede gibt) hinterlässt auch bei mir ein schales Gefühl, oft Langeweile, manchmal auch Ärger.

    Auch die Welt der Fiktionen gründet, wenn sie fesseln will, auf der Öffnung gegenüber Erfahrungen die (auch) außerhalb von Texten und deren Lektüren gemacht werden. Manche meinen ja offenbar, man müsse nicht reisen, um über fremde Länder schreiben zu können. Ich bin so naiv oder unbedarft, dass ich das (immer noch) nicht glaube. Sich eine Welt nur aus dem eigenen Kopf zu erschaffen, ohne sich auf den Widerstand der Realität einzulassen wirkt (auf mich) fad.

    • Ja, das glaube ich auch, uns würde bestimmt nicht langweilig bei einem Treffen außerhalb der Blogwelt. Wenn mich der Weg mal wieder nach Frankfurt führt, sag ich vorher Bescheid. Mich hat ja heute direkt die Frankfurt-Sehnsucht gepackt, als ich bei den Gleisen vom Maingold las, wo ich früher auch so manchen Äppler schlürfte. Lustigerweise stand heute bei uns Grie Soß auf dem Speiseplan, die man hier glücklicherweise auch kriegt, wenngleich heillos überteuert (5 Euro für ein Kräuterpaket). Schmeckte aber sehr gut.
      Herzliche Grüße, auch an den Morel, dessen Kommentarspaltenabstinenz ich gut nachvollziehen kann.

      • Ja, mach das. Bescheid sagen, meine ich. Wir freuen uns.
        (Total überteuert! 5 €! – Nie nicht pürieren, gelle? Die grüne Soße!)

      • Auweh, jetzt kommt meine ganze Nicht-Authentizität doch noch zutage: Also ich hacke die Kräuter mit der Hand klein, verbazel sie mit Joghurt, Schmand, Essig, Öl und kleingeschnittenen hartgekochten Eiern, und dann, wie soll ich es sagen, gehe ich noch ein ganz klitzekleines bisschen mit dem Zauberstab da durch. Ist das schon pürieren? Ist das falsch?

  4. Upps. Für solche ernsthaften, ideologischen Fragen ist der Morel zuständig. (Ich glaube allerdings, dass er auch den Zauberstab zum Schluss ganz kurz zum Einsatz bringt.) Viele Grüße M.

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