Kritik der reinen Vernunft

Sommer 97. Ich stolperte aus dem Seminar heraus und direkt in die nächstgelegene Buchhandlung hinein, ich wusste genau, was ich wollte, griff mir den eingeschweißten roten Ziegel, bezahlte die dafür vorgesehenen 40 Mark, und dann schnell wieder hinaus ins Freie, rüber in den englischen Garten, wo ich mich an diesem wunderschönen Sonnentag im Schatten einer Linde niederließ und sorgsam, sehr vorsichtig, als wäre dies eine sakrale Handlung, deren Zauber durch die kleinste falsche Handbewegung zunichte gemacht werden könnte, schälte ich die Bücher aus der Plastikhaut. Ein magisches Licht schien von den Büchern auszugehen, alles in mir war Freude und zittrig erregte Erwartung. Jetzt würde mein Studium überhaupt erst richtig anfangen, alles bisherige war ein Irrweg gewesen, das Gerede in den Seminaren, die endlosen Debatten über völlig irrelevante Detailfragen, überhaupt diese ganzen Halbirren mit ihren komplett privaten und unerheblichen Meinungen: das würde ich jetzt hinter mir lassen und stattdessen Hauptwerke lesen, die echten Meister. Und dies hier war der Anfang. Als ich die Kritik der reinen Vernunft aufschlug und zu lesen begann, an diesem wolkenlosen Tag im englischen Garten in München, da wusste ich, dass ich diesen Moment nie vergessen würde. Und tatsächlich kann ich mir noch heute vergegenwärtigen, wie an diesem Tag die Münchner Luft gerochen hat, wie dunkelblau der Himmel und wie grün das Gras war, in dem diese roten Bücher lagen.

Nicht immer ist der Himmel so blau und allzu hohe Erwartungen neigen dazu, enttäuscht zu werden, dennoch studierte ich den Kant dann ziemlich ausführlich, und das gab meinem Nachdenken über die Fragen der Philosophie tatsächlich einen gewissen Halt, ein erster Orientierungspunkt im vorher nur so an mir vorbeirauschenden Gerede der anderen. Aber die Halbirren wird man so leicht natürlich trotzdem nicht los, denn wenn man einen Schein will, dann muss man sich im Seminar sehen lassen, und da sitzen die Halbirren dann leider auch drin, ob man will oder nicht.

Wer sich Verrückte mal über einen längeren Zeitraum hinweg näher anschauen will, dem kann ich ein Philosophiestudium nur dringend ans Herz legen. Der Herr Buchenbusch zum Beispiel, der war so um die fünfzig, eine hagere Gestalt, die Wolljacke hing immer so an ihm runter als wenn gar nichts drin steckte, nur der Kopf, der oben rausragte mit dem zerzausten Schnauzbart, erzählte, dass da drunter auch ein Körper sein musste. Der Buchenbusch wirkte zwar immer ein bisschen verwirrt, er konnte aber durchaus einen philosophischen Text in einem Referat ganz gut zusammenfassen und darstellen, er war nicht durchgeknallt im eigentlichen Sinne, nur seine gelegentlichen Exkurse ins Fachgebiet der Onkologie wirkten ein bisschen seltsam, da fragte man sich dann schon, wie er jetzt eigentlich von Leibniz zu gewissen Details der Chemotherapie kommt. Aber sonst wirkte er relativ normal, bis zu dem Tag, als der Professor es einmal wagte nachzufragen, was das jetzt eigentlich mit Krebs zu tun haben solle. Da hielt der Buchenbusch eine Rede, die mir unvergessen ist: er sei jetzt so kurz davor – er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen ungefähren Zentimeter an – so kurz davor, den Krebs endgültig zu heilen und aus der Welt zu schaffen, weil er jetzt nämlich genau so kurz davor sei, den Krebs zu verstehen, und wenn er, Buchenbusch, den Krebs einmal verstanden habe, von der Wurzel her verstanden, dann sei der Krebs weg und vom Planeten getilgt, darum und nur darum beschäftige er sich hier mit Leibniz, weil die unteilbare Monade das Urbild, gleichzeitig konträres Gegenbild der Körperzelle sei, die sich wie wild teile, im Falle des verkrebsten Körpers habe sich also vermutlich die dominierende Monade vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde ihrer Kontrollfunktion für die anderen Monaden begeben, und wenn er, Buchenbusch, den Grund dafür aus den Schriften Leibniz’ extrapolieren könne, wäre es mit dem Krebs endgültig und für allemal vorbei. Betretenes Schweigen. Buchenbusch, der im Furor seiner Rede aufgesprungen war, setzte sich wieder, sank in sich zusammen und blickte vor sich hin.

Natürlich saß Buchenbusch im nächsten Semester auch wieder im Seminar, Discours de Métaphysique, hielt ein Referat über den Individuenbegriff, meldete sich hin und wieder zu Wort mit ein paar Anmerkungen zur Onkologie und bekam seinen Schein. Er gehörte einfach zur Leibniz-Crew. Im Frege-Seminar ließ er sich auch mal sehen, verschwand aber bald wieder, mit Logik und Sprachphilosophie war dem Krebs vermutlich nicht beizukommen.

Dort gab es aber einen anderen, ungefähr gleich alt wie ich vielleicht, der sagte fast nie etwas und sah immer so traurig oder irgendwie wütend aus: Finster wäre vielleicht das passende Adjektiv für seine Erscheinung. Der faszinierte mich, es war bei ihm nicht klar, ob er irre war oder nicht. Seine seltenen Kommentare waren immer irgendwie kryptisch, nie ganz klar was er eigentlich sagen wollte, aber irgendwie mochte ich ihn. Die letzte Sitzung des Frege-Seminars hielten wir im Max-Emanuel-Wirtshaus ab, wir tranken Bier und der Dozent eröffnete uns, er, der immer nur auf die eine Karte einer Universitätskarriere gesetzt habe, stehe jetzt vor dem Nichts, man müsse sich dringend zweite Standbeine außerhalb der Philosophie schaffen, was wir so machen würden nebenher, ob jemand da was erzählen wolle. Da stammelte dann jeder so was von seinen Nebenjobs und Praktika daher, und der Finstere zierte sich auch erst, naja, er arbeite nebenbei so irgendwie beim Fernsehen, bis er auf Nachfrage mit todernster Miene sagte: „Ich schreib Witze für Harald Schmidt.“ Da fiel natürlich den Philosophen ringsrum augenblicklich das Gesicht herunter, plötzlich war der Finsterling der Star, damals war ja die Harald-Schmidt-Show auf dem absoluten Höhepunkt, jeder schaute das allabendlich, und hier saß mit Totengräbermiene derjenige, der die Witze dafür liefert. Wir hingen an seinen Lippen und wollten Details hören, er winkte aber bloß ab. Das seien alles Arschgeigen, der Chef inklusive, er wolle demnächst kündigen und sich eigenen Projekten widmen.

Im nächsten Semester sah ich ihn noch einmal wieder, in einer Vorlesung über analytische Ontologie. Im Rausgehen sprach ich kurz mit ihm, er wirkte noch deprimierter als sonst. Kant, Frege, Wittgenstein, Harald Schmidt, all das sei doch völlig austauschbar und im Prinzip egal, die ganze Welt sei ein reiner Unsinn, es sei alles der gleiche Scheiß und weil er heute Geburtstag habe, gehe er sich jetzt besaufen und zwar sinnlos. Ich schwieg und ließ ihn gehen.

Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Bis heute bereue ich, dass ich damals nicht einfach mit ihm Trinken gegangen bin. Wir hätten beste Freunde werden können. So kenne ich nicht mal seinen Namen. Aber von allen, die ich je gesehen habe, war er der wahre Philosoph.

 

Advertisements

29 Kommentare zu “Kritik der reinen Vernunft

  1. Ein sehr schöner Text, der wunderbar verzerrte („blurred“) Erinnerungen an Geisteskranke, Paranoiker und Systemirre heraufbeschwört! Ein Zitat zu Wittgenstein, aus einem Einführungsseminar in den „Tractatus“: „Wir sind die Fettaugen auf der Suppe des Seins.“ Das steht in meinem Exemplar („copy“) des Textes … — Ein Doktorand, der uns in die Gesetze der Logik einführen sollte, schrieb nebenbei an einer Art „philosophia universalis“, oder wie man’s nennen sollte; er war eine Art Hegel, nur ins Abstrakt-Logische, ins Mathematische gewendet, ein durchgeknallter Luhmann, der seine Zeit damit verbrachte, auszurechnen, wie oft man einen Bierdeckel falten müsste, damit man mit ihm den Mond anstupsen könnte. Ohne solche Berechnungen — wie sollte man die Philosophie revolutionieren? — Ein Original, zweifelsfrei. Und auch in dieser Originalität liegt ja eigentlich ein Trost — in der Beobachtung, dass es Menschen gibt, die noch weniger hineinpassen ins reichlich öde Gesellschaftsspiel, als man selbst. (Womit ich Dir nichts unterstellen will, mein Lieber („ol‘ chum“).)

  2. Sehr schön erzählt. Die Figuren werden einer Leserin ganz lebendig.

    Und Erinnerungen geweckt. Ich habe nicht Philosophie studiert, aber den Morel gelegentlich in seine Seminare begleitet (das war in den späten 80er Jahren). In den kunsthistorischen und literaturwissenschaftlichen Seminaren traf eine ja auch den einen oder anderen Kauz, aber – was wahr ist, muss wahr bleiben – die „Philosophen“ trieben es am Dollsten und zogen die originellsten Irren an. So war es damals schon, in der Provinzuniversitätsstadt und so war es offenbar sogar in der bayerischen Metropole München. Ich hätte ja erwartet, dass sie (also die Philosophen) da wenigstens schicker gewesen wären oder was Edleres gesoffen hätten. So gefällt´s mir aber besser – als Geschichte.

    Vor einiger Zeit stieß der Morel auf einen Leserbrief in der FAZ und daraus entstand eine kleine (selbstverständlich fiktionalisierte) Geschichte über einen „Hegelianer“, den wir kannten, als wir jung waren und an dessen unvergessliche Erscheinung sich die Gerüchte hefteten wie die Schmeißfliegen ans Honigpapier, woraus sich die tiefsinnige Frage ergab: „Ist der Weltgeist Waffenhändler?“

    http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2012/09/geruchte-ist-der-weltgeist-waffenhandler.html

    • Die Geschichte vom Hegelianer ist auch super. Den Typ durchgeknallter Hegel-Spinner erkannte ich darin sofort wieder. Wenn Philosophie Irre anzieht, dann ist Hegel ja das schwarze Loch im Zentrum dieses Gravitationsfelds.
      Selbstverständlich, ich muss es wohl kaum dazu sagen, ist meine Geschichte auch fiktionalisiert. Buchenbusch zum Beispiel hat nie existiert, aber es gab viele, die ihm sehr ähnelten.

  3. Absoluter Schwachsinn. Ich meine: Harald Schmidt! Und dieser schwülstige Ton zu Kant. Hassenswert…

    Diese peinliche Koketterie mit den „Irren“, so wie bei viertelgebildeten Pubertären der „Wahnsinn“ ja immer unglaublich interessant ist. Der Regionalwahnsinn, bei dem es sich eigentlich um nichts anderes als um soziale Unfähigkeit und Überhöhung derselben handelt, findet sich in jeder Sparte. Wers nicht glaubt soll einmal ein Institut für Mediävistik besuchen. Oder den Wochenstammtisch der Juristenvertretung im nahegelegenen Beisel (oder noch schlimmer in der der Mensa) jeder Rechtsfakultät.

    Philosophen sind da nur die fadeste Ausformung, die sich am ehesten mit Pathetoschwulst schmückt.

    Das Präteritum aus dem Mund eines halbgescheiterten Studenten (und das sind die meisten) wird immer so demutsepisch und hessehaft. Das hört man da raus. Igitt.

    Und wo wir uns die erste Suhrkampausgabe (Suhrkamp!!!, das ist der geile Verlag, wo Slotosloto herumschleimt und frankopädophilisiert) gekauft haben. Das ist ja schon fast so wie bei den trendy Fantasybüchern für die kleinen Mädchen, bei denen alle Bücher imm unglaublich viel zu „erzählen“ haben. Bibliothekenpathos: meine Bücher haben alle eine Seele (sagen die kleinen ballerinabeschuhten Mädchen) „ich liebe Bücher“, „Bücher sind mein Leben“, „ich bin eine Lesemaus“, „Lesen ist voll wichtig“ „ich stehe auf Cornelia Funke“ und „Michael Ende hat mein Leben verändert“… „Umberto Eco ist der fetteste Buchmensch dieser Erde“ eine Mischung aus Slavoj Zizek und Andrea Bocelli. (Nein eigentlich ist Zizek eine Mischung aus Eco und Andrea Bocelli, aber die drei Kerle sind sowieso nur eine Person, man müsste nurnoch den beiden Fettsäcken die Augen ausstechen)
    „Das Imperium der Bücher“ geht leicht über in die youtube-Bücherblogger-Kultur wo übergewichtige und unbefriedigte Leseschweinchen sich in Wanderhurenrezensionen verlieren.

    • Aber sollten Sie dann nicht auch echt nitzeanisch-bukkakekowskisch mit dem dem ganzen stinkenden Kopfkot Kultur weitermachen, dessen verwesende Residuen in unseren Koepfen von uns Traegern immer noch fuer exquisiten Kopfschmuck gehalten wird, der ihn ueber die gemeine Masse erhebe, ueber den peinlich neunmalklug naiven, hesseanhimmelnden Abiturienten, ueber den Kultur doch nie hinausgelangt, nicht als Gides Falschmuenzer oder Joycens Young Man, oder ehrfurchtige Verbeugung vor Beethovens Gipsbueste?

      • Aber das ist es ja eben, dieser Nitzschi-Kaka ist überhaupt kein Kopfschmuck. Bukkakemäßig hat ja die Nicht-Verpixelung von diesem Nitschi-Schweinkram und von der dunkel dunkel Dunkelheit irgendwelcher Sinnsuchschweinderln überhaupt erst zu solchen Blüten geführt. Der „wahnsinnige“ Studiosus = romantische Hechler und Demuts-„Ach“-und-„och“-„Ohhhh“-und-„Ahhhh“-Sager, der irgendwas umwertet oder abdunkelt. Diese Denkfigur ist vollgespritzt, um es treffend auszudrücken. Und die „Erinnerung“ an die abseitige Liebenswürdigkeit solcher inszeniert-lebensuntauglichen Denkerposenstinker ist ebenso vollgespritzt.

        Eine Alternative wäre natürlich: einfach Fresse halten (ich meine jetzt mich selbst)… mach ich wohl besser… trotzdem Schwachsinn (und nicht Schwachsinn im oben erzeugten „Wahnsinn“-Sinn sondern einfach dünnbrettbohrermäßig)

      • Einen eigenen Gedanken wollte ich für mich nicht reklamieren. In Ihrer Verbalgrätsche unter der Gürtellinie (wobei dieses Niveau wohl besonders von mir angesteuert wurde) sah ich einen zentralen Denkanstoß, derart vielleicht, dass das doch alles ein bisschen niedlich und kleinbürgerzahm sein könnte, und dass man für die wahre Kunst doch bitte eine bisschen größer und schrecklicher zu denken habe – das ist dann bei aller Fäkalfixierung edel, aber doch vielleicht auch gerade eben von jenem Nietzsche-im-Westentaschen-Format über das Sie sich zurecht so aufregen? Es drängt sich doch dann die Frage auf, ob ihr pathologischer Abgrund mit schizoid-astrologischen Tendenzen soviel tiefer blicken ließe (oder ob Sie nicht wenigstens Ihren Vater in die Klapsmühle haben einweisen müssen – so wie ich)?

        PS. An dem Starkstromkabel hätte ich aber genauso großes Interesse, wie der Herr Blogozentriker.

      • Dass „wahre Kunst“ so furchtbar schrecklich und so antibürgerlich sein müsse, das ist doch auch bloß so eine hundert Jahre alte Artaud-Idee. Ich würde gerne mal die ganze Idee von „wahrer Kunst“ überhaupt verabschieden und stattdessen die Realität ansehen, die ist schrecklich genug. Das ist doch schrecklich, wie kleinbürgerlich-niedlich ich mit zwanzig war, und heute bin ich noch viel kleinbürgerlicher und noch viel niedlicher. Was für ein grandios unbedeutender Niedergang. Dennoch verzichte ich gerne auf alle Stark- oder Schwachstromkabel, die aus mir doch noch mal eine „wahre Kunst“ herausholen wollen. Wenn auf irgendwas echt geschissen ist, um jetzt auch mal fäkal daherzureden, dann auf die wahre Kunst.

      • Was war das mit dem Vater und der Irrenanstalt? —

        Jetzt muss man, lieber Wolfo, natürlich auch mal sehen, dass die Kunst für viele ja doch auch so etwas ist wie der Riss im Zement der durchrationalisierten Erträglichkeitskultur, als die wir unsere kollektive Unerträglichkeit vor uns selbst inszenieren, bis einer durchdreht und seine Frau, schön in Plastikbeuteln verpackt, in der Garage einbuddelt, um dann, Überraschung!, eine dicke Schicht Zement drüber zu gießen, die erst die „Bild“-Zeitung in der Lage ist aufzuknacken! — Eine Sache, die einen wahnsinnig machen kann, ist, wie hier in der Blogosphäre immer so hinein gepatscht wird in all diese heiklen, intimen, fast schon transzendenten Angelegenheiten. Wie jeder da seine Fäkalien drüber schmiert, wie jeder hineinleuchtet mit der Taschenlampe seines Menschenbildes in Dschungel und Anderswelten, die ihm oder ihr gänzlich unzugänglich sind, unbegreifbar, dunkel und fremd. Und trotzdem wird da halt losgetextet, weil man der Ansicht ist, eine Meinung dazu zu haben oder wenigstens eine bescheuerte Frage und einen wohlgemeinten Ratschlag, und DAS ist ja die eigentliche Pest, nicht etwa, dass man an einem Gedanken von Artaud, der ja vielleicht einfach 100 Jahre zu früh das Richtige gedacht und dann gesagt hat, sich festhält. Oder? Müssen wir denn, weil die Kunstspinner mit ihrem giftigen Enthusiasmus uns einen Schrecken einjagen, der Kunst aus dem Wege gehen? Jeder kann’s halten, wie man mag, aber man sollte, auch wenn man sich selbst aufgibt, doch die Kunst als das Letzte, die letzte Möglichkeit, nicht preisgeben! Mir scheint, das hieße, der Ahnungslosigkeit zu konzedieren, dass sie recht habe, also sich auf ihre Seite zu schlagen, grob gesprochen.

      • Vielleicht sollten wir das „wahr“ vor der Kunst streichen? Was soll das heißen? Entweder Kunst oder nicht.

        —–

        Wie jeder da seine Fäkalien drüber schmiert, wie jeder hineinleuchtet mit der Taschenlampe seines Menschenbildes in Dschungel und Anderswelten, die ihm oder ihr gänzlich unzugänglich sind, unbegreifbar, dunkel und fremd.

        Das ist natürlich richtig, dem ganzen Kommentars möchte ich zustimmen, aber, ein kleines wenigstens: Wenn man denn nicht die Taschenlampe seines Menschenbildes nimmt, was dann? Es gar nicht tun? Hieße das nicht von Aufklärung, in diesem Fall: seiner selbst, zurück zu weichen? Oder anders: Braucht es nicht vielleicht einen Konflikt oder eine Art von Verletzung, schmerzlicher Wahrheit, damit man sehen kann, wie bescheuert man eigentlich war? Man benötigt eine Metaperspektive, eine Art von Vorerkenntnis, um zu wissen, dass man da unzulänglich herum hantiert und dann täte man es vermutlich nicht (bedeutend sind ja gerade die Fälle, in denen uns das nicht bewusst ist).

      • Also das grenzt wirklich schon an eine Form von übler Nachrede, wenn auf das berechtigte Urteil, es handle sich um einen dünnbrettbohrermäßigen Text, sofort die Philosophenkeule von der „wahren Kunst“ ausgepackt wird. Wenn ich über Konsalik sage: „Konsalik ist Scheiße“, dann zielt das ja auch auf keine Grundsatzdiskussion. Diese Abstraktionshaltung ist selbst das Problem. Konsalik ist Scheiße. Theodor Kröger ist Scheiße. Wie überhaupt das Russlandarztgeschichtchen ein einziger Scheißdreck ist. [Vielleicht sind meine häufigen Gedankenparenthesen schuld, die wirken, als würde ich versuchen, irgendwas intellektuell aufzuwerten. Konsalik rettet ich.] Das sind doch keine Befindlichkeiten! Als würde ich irgendwelche großen Namen auffahren. Ich komme auch mit Karl May aus. Man darf sich doch schon glücklich schätzen, wenn man wenistens gesagt bekommt, dass irgendwas grottenschlecht ist. Da braucht man keinen peinlichen Artaud. Was läuft hier eigentlch ab?

        Das hat auch mit Kleinbürgertum nichts zu tun oder reden wir hier über die selben Begriffe? Jedes Wort wird sofort in eine ästhetische Tiefenauslotung gerissen.

        Um zu bemerken, dass Harald Schmidt ein untalentiertes Arschloch ist und immer ein Arschloch (Arschloch ohne pubertär wahnsinnige Aufwertung wie „geniales Arschloch“!) war, und dass ein Philosoph, der das anders sieht eine grobe Wahrnehmungsstörung hat (ich bewege mich auf pragmatisch greifbarem Niveau) muss ich keine hochgeistige Urteilskraft bemühen.

        Die Geschichte mit dem schmalen Grat zwichen Genie und Wahnsinn ist liessmannisiert. Ausgelutscht. … um es mit Phorkyas` primitiven Worten auszudrücken: voll Bukkake.

      • Natürlich darf man sagen, dass etwas scheiße ist, aber die Folgen eines Urteils und seine Basis möchte ich miteinbezogen wissen, wie für jeden Textes sonst auch, oder anders: Mir scheint, dass in solchen und ähnlichen Diskussionen Verletzungen passieren, die vermieden werden könnten, zu aller Beteiligten Gewinn. Vielleicht. Und unabhängig davon, dass Verletzungen ein notwendiger Teil eines Erkenntnisprozesses sein können.

    • Es muss doch angenehm sein, so gewiss und HERRlich herabzuschauen auf all die andern zu dicken, zu dummen, zu naiven, zu unbefriedigten, zum Scheitern wie von selbst, nämlich von dem HERREN-PATHOS(logisch), verurteilten Leut´. (Woher nur kommt´s, dass mir, wo immer ich solches lese, der Geruch von Altherren-Urin im Beutel in die Nase steigt?).

      Hinaus ins Freie! Bulau-Bärlauch-Düfte!

      • (Dieser Kommentar – der vorausgeschickte – bezieht sich auf den mit dem langen Namen, nicht auf phorkyas. Wollt´ ich nur klarstellen.)

      • Danke für den Beistand, Melusine. Ich rieche ja eher Kotze, wenn ich sowas lese, auch ein sehr unangenehmer Geruch allerdings. Diese wuterfüllten Hassredner, die ihre überstarken Meinungen nicht durch Argumente sondern nur mit dem Schaum vorm Mund belegen – das ist ja auch eine sehr interessante Untergruppe der im Text erwähnten Sonderlinge mit unerklärlichem Hang zur Philosophie. Nur deswegen habe ich den Kommentar überhaupt freigeschaltet, weil er mir eine unerwartet passende Illustration zum Text zu geben schien. Es ist wirklich ein Naturgesetz scheinbar: Sag bloß ein paarmal laut „Kant“ und „Wittgenstein“, und schon hast du die Spinner am Hals. Faszinierend.

    • Da steckt schon der eine oder andere berechtigte Kritikpunkt drinnen, leider aber mit persönlichen Befindlichkeiten, Belanglosigkeiten und Ungenauigkeiten zu einer Soße verrührt, die vor allem eins ist: ärgerlich zu lesen.

      • Ich wüsste einfach so wahnsinnig gern, wie der Pathoblogus in Wirklichkeit ist, wie der aussieht, wie der rüber kommt! Ob da irgendwo ein Starkstromkabel an ihn angeschlossen ist. Ob es einen Kammerdiener gibt, der ihm die gelehrten Bücher kiloweise des Morgens in den Schlund stopft, per Trichter. Ich weiß es nicht, mich fasziniert es ungeheuer.

  4. Woanders – diesmal mit dem Latte-Faktor, Diogenes, Playmobil und anderem | Herzdamengeschichten

  5. Dabei geht es uns doch heute vielmehr um Mathematik! Um Halb-, viertel, Dreiviertel und Vollundganz-Irre. Und endlich, Pathoblogus, Dank Dir! Du hast es nun auch mir möglich gemacht, zu kommentieren, ohne Schranken und Beschränkungen. Herrlich, eine Prosa der Entrüstung, ein Buchenbusch im rechtsfreien Kommentarraum. Nur würd ich eines nur so gerne wissen! Wo nehmen die Leute die Zeit her …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s