Grande Sonate Pathétique

07.06.2068
Nichts.

08.06.2068
Nichts.

09.06.2068
Nichts.

10.06.2068
Nichts.

11.06.2068
Der Fraß in diesem Heim ist unessbar. Einen grauen, übelriechenden Brei wollte man uns heute als Szegediner Gulasch andrehen. Ich verweigerte es. Später kam der Arzt. Blutwerte schlecht. Verordnet tägliche Infusionen. Irgendwelches Zeug soll mir in die Venen gepumpt werden, ich hörte gar nicht richtig zu. Mir alles egal.

12.06.2068
Klavierabend im Speisesaal. Ein vollkommen untalentierter Stümper vergewaltigte die Pathétique-Sonate. Lauter falsche Noten, alles völlig verstolpert und zerklimpert, seelenlos, grauenhaft. Danach schmiss er noch ein Beatles-Medley hinterher, abgeschmackter geht es ja gar nicht mehr. Meine verhassten Mit-Insassen riss es natürlich zur Begeisterung, alle applaudierten und grinsten selig vor sich hin. Der halbe Lungenflügel, den mir die Chirurgen gnädigerweise dringelassen haben, buhte nach Kräften dagegen an, woraufhin sofort der Pfleger herbeieilte, von hinten meinen  Rollstuhl ergriff und mich, obschon ich lauthals protestierte, aus dem Saal raus und aufs Zimmer schob. Ich bin umgeben von hirnlosen Schweinen, die keine Ahnung von Beethovens Kunst haben. Vor zehn Jahren hätte ich das Pickelgesicht noch eigenhändig vom Flügel weggestoßen und ihm selbst gezeigt, wie man die Pathétique spielt. Aber heute: zu schwach.

13.06.2068
Scheißtag. Ich war eben weggenickt, da rüttelt die Schwester mich wach, ein Herr Wühl sei da, wiederhole hartnäckig, er müsse mich sprechen. Abwimmeln, röchelte ich, abwimmeln, ich kenne keinen Wühl, will meine Ruhe, Leute mit so beknackten Namen kenne ich nicht. Da drängelte sich der Wühl schon ins Zimmer und an der Schwester vorbei an mein Bett heran. Er müsse mit mir über den Blogozentriker sprechen, er bitte dringlichst um Auskünfte.

Dieser verdammte Blogozentriker, der verfolgt mich noch bis ins Grab, dachte ich, sagte es aber nicht, stattdessen, so gleichgültig wie möglich: „Ach, der Blogo.“ Die Schwester war froh, dass das Problem gelöst war, schloss die Zimmertür und flog hinfort, jetzt war ich mit dem Wühl gefangen. Leicht zerzaust sah er aus, faserig mittellange Haare und ein dünner Schnurrbart, die Lederjacke reichlich abgeschabt. Die Texte des Blogozentrikers, hob er an, seien jetzt als ein wegweisendes Monument der Literatur vom Anfang des Jahrhunderts endlich verstanden worden, er selber, Wühl, sei der Abgesandte eines literaturwissenschaftlichen Instituts, das sich hauptsächlich mit der Wiederentdeckung der Schriften des Blogozentrikers beschäftige. Auf mich sei man gestoßen, weil ich dort doch auch Kommentare hinterlassen hätte, es bestehe sogar der Verdacht, dass der große Blogozentriker unter diversen Pseudonymen auch bei mir kommentiert hätte, all das gälte es zu klären, ich sei einer der letzten Augenzeugen, so Wühl wörtlich: „Sie sind einer der letzten lebenden Augenzeugen des Blogozentrikers.“

Augenzeuge, dachte ich, was für eine Idiotie, als ob man den Blogozentriker mit den Augen angeschaut hätte. Geisteszeuge, wenn überhaupt, dachte ich. Ich blieb aber still, war plötzlich hellwach. Mir war schlagartig klar, dass hier in Gestalt dieses abgehalfterten Lederjackenheinis meine letzte Chance saß. Meine allerletzte Chance, der Nachwelt in irgendeiner Form erhalten zu bleiben. Und wenn es nur in einer Fußnote der Blogozentrikerforschung ist: jetzt musste ich lügen, was das Zeug hält. Ich war voll da.

„Uns interessiert im Moment vor allem das plötzliche Verstummen des Blogozentrikers, die Gründe dafür liegen nach wie vor im Dunkeln“, sagte Wühl, der sich mittlerweile auf meine Bettkante gesetzt hatte, was ich schon scheußlich fand, der Stuhl neben dem Bett hätte es doch auch getan.

Meinen Greisenbonus weidlich ausnutzend mümmelte ich, um Zeit zu gewinnen, eine zeitlang nur unverständliches Gebrabbel vor mich hin. Langsam deutlicher werdend dann: „Man kann über den Blogozentriker nichts sagen. Eure Forschung geht ins Leere. Er war einzigartig. Er war der Chef. Jeder Text ein Volltreffer. Aber immer nur in der Minute seines Erscheinens im Netz. Dann drehte sich Big Bee wieder weiter, wand sich unter dem Text weg zum nächsten hin. Immer in Aktion, immer in der Drehbewegung, unvergleichlich, keiner hat je wieder diese Meisterschaft erreicht. Die Umkreisung einer Einkreisung. Ein ungeheuerlicher, epischer Tanz.“

Wühl trippelte nervös mit dem Fuß, in seiner Hand zuckte der Bleistift, schrieb aber nichts hin, die Seite des Notizblocks war, wie ich genau sehen konnte, immer noch ganz leer. Wühl war besser, als ich gedacht hatte. Ich musste konkreter werden, mit dem pauschalen Allgemeinkram ließ er sich offenbar nicht abspeisen. Während er noch, mit dem Bleistift in der Luft herumkreisend, nach der nächsten Frage suchte, sagte ich in die Stille hinein: „Ist Ihnen eigentlich nie aufgefallen, dass Blogos Verschwinden genau synchron zum Aufstieg Frosts verläuft?“ Wühl merkte auf: „Sie meinen – den Frost?“ „Ja, natürlich den“, erwiderte ich barsch, „wen denn sonst: Roman Frost. Erst machte er sich einen Namen als kulturpessimistischer Netzkritiker, und dann haute er ein Buch nach dem anderen auf den Markt, räumte Klagenfurt ab, Kleistpreis, Goethepreis, Büchnerpreis, mit der totalen Blogozentrikerkopie, der Stil, die Diktion, alles abgekupfert. Zehnmal schlechter als das Original, und hundertmal erfolgreicher. Das hat den Blogo fertig gemacht. Deswegen hat er den Bettel hingeworfen.“

Meine Augen waren nur auf Wühls Bleistiftspitze gerichtet, die immer noch einen Zentimeter über dem Papier nervös herumkreiste. Wann würde der Idiot endlich mal etwas aufnotieren? „Sind Sie sicher, ich meine, am Institut waren wir immer der Meinung, dass…“ „Vergessen Sie alles, was Sie je dachten. Der Blogo hat mir das selbst gesagt, von Angesicht zu Angesicht. Sie können mir das glauben.“ Jetzt war er endlich angefixt: „Sie haben den Blogozentriker getroffen? Im echten Leben meine ich? Ihn gesehen?“ „Ja, logisch, im Mommsen-Eck, Haus der 100 Biere, unvergesslicher Abend. Das könnt ihr Jungspunde euch ja heute gar nicht mehr vorstellen, das war noch bevor diese Gesundheitsfaschisten mit ihrer Prohibitionskacke die Macht ergriffen haben. Wir haben gesoffen wie die Löcher damals.“ Wie wild kritzelte Wühls Bleistift jetzt die Seiten voll. Er kam mit dem Fragen kaum nach: „Und da hat er gesagt, dass Frost…“ Ich jetzt ganz souverän: „Genau. Der Frost soll machen was er will, hat er gesagt. Ich schweige. Mein Schweigen ist der Fels, an dem der Schnösel Frost dereinst zerbrechen soll. So hat er es gesagt.“

Wühl schien ganz ergriffen, ein Moment des Schweigens, dann prasselte die Schwester herein: „Herr Wolf, es ist jetzt Zeit für Ihre Infusion.“ Zu Wühl gewendet: „Sie müssen jetzt leider gehen. Der Herr Wolf braucht jetzt ganz viel Ruhe.“ Ich protestierte: „Halt, Wühl, bleiben Sie hier, die Infusion kann warten, Sie interessieren sich doch sicher auch für mein Blog, Sichten und Ordnen, das war ja damals auch ganz weit vorn, legendäre Kommentarschlachten, mein Gott, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen…“ Aber Wühl war schon aufgesprungen und zur Tür geeilt: „Nein, nein, Sie brauchen jetzt Ruhe. Ich kann ja morgen nochmal wiederkommen.“ Und war weg.

14.06.2068
Nichts.

(Auszug aus: Andreas Wolf: Die Tagebücher 1994–2069. Ungekürzte Ausgabe in 23 Bänden. Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung von Blogo-Press Ltd.)

Pulphead

Als ich vor knapp einem Jahr hier mit dem Bloggen anfing, da hatte ich so ungefähr ziemlich exakt überhaupt keinen Plan, wohin das führen sollte, was ich da eigentlich reinschreiben wollte in dieses Blog. Ich fing dann trotzdem einfach mal an, mein eigentliches Naturell überwindend, das immer den Bauplan bis ins letzte Detail vorgefertigt wissen will, bevor ich den ersten Finger krumm mache. Einfach mal loslegen. So wie sich nach Kleist die Gedanken beim Reden allmählich verfertigen, so würde doch vielleicht das Blog sich auch beim Schreiben einfach ganz von selbst verfertigen. Der einzige Programmpunkt, der von Anfang an fest eingeplant war, waren Rezensionen der Bücher, die ich lese. Das schien so logisch: die Bücher lese ich ja eh, und nach beendeter Lektüre darüber noch einmal zusammenfassend zu schreiben, würde mir erstens selber mehr Klarheit über das eben Gelesene verschaffen, und wenn das zweitens noch zweidrei Hanseln außer mir interessierte, dann wäre denen ja auch noch geholfen und die Sache damit doppelt sinnvoll.

Der Plan ging fehl. Wenn ich recht sehe, schrieb ich überhaupt nur einen einzigen Text, der in die Nähe des Formats „Rezension“ kommt, nämlich den hier über die Essaysammlung Bluescreen von Mark Greif. Der Nicht-Plan hingegen funktionierte perfekt: das Blog verfertigte sich beim Schreiben tatsächlich wie von selber, auf Rezensionen hatte ich bald schon gar keine Lust mehr. Warum sollte ich mich in ein klassisches Format-Korsett zwängen, wenn ich doch im Blog jede Freiheit habe, die Bücher ganz anders durch die Texte sausen zu lassen, ganz ohne Rezensionsschema. Stattdessen freestyle die Lektüre des Grünen Heinrich parallell zum Lesen zu verbloggen, das machte viel mehr Spaß. So weit, so gut.

Jetzt habe ich vorgestern Pulphead von John Jeremiah Sullivan fertiggelesen. Gestoßen bin ich darauf durch die Empfehlung des geschätzten Morel, der das Buch hier genau richtig beschrieben und besprochen hat, ich liebe nämlich Buchrezensionen, damit ich bloß nicht falsch verstanden werde, ich mag nur selber nicht unbedingt welche schreiben.

Also der Sullivan ist genial, ich las diese Essays begeistert weg, das erste Buch nach dem Grünen Heinrich, das mich wirklich gekickt hat, und als ich das Buch dann fertiggelesen hatte und Hannah darüber berichtete, verfertigte sich beim Reden plötzlich der Gedanke, dass Pulphead ja wirklich der totale Zwilling zu Bluescreen ist: Beide Autoren sind ziemlich genau so alt wie ich, beide wählen die Form des Essays, beide erzählen subjektiv, es spricht das nicht fingierte Ich des Schreibers, und auch die Themen ähneln sich frappierend: Popmusik, Reality-TV, amerikanische Gegenwart. Bei Sullivan auch noch amerikanische Vergangenheit, das fehlt bei Greif, aber das kann kaum der Grund sein, warum Pulphead mich begeisterte, während der Greif mich eher langweilte.

Der Grund ist, wie mir jetzt klar wurde, als ich nochmal darüber nachgrübelte, dass Greifs Buch ausschließlich am Schreibtisch stattfindet, Sullivan hingegen schreibt seine Texte on the road. Die beiden mögen gleich alt sein, sich für ähnliche Fragen interessieren und ihre Antworten in eine äußerlich ähnliche Form gießen, aber wenn Sullivan sich für irgendwas interessiert, dann fährt er dorthin, spricht mit Leuten, sieht sich die Dinge in der Realität an und aus diesen Beobachtungen entsteht dann der perfekte Text. Wohingegen Greif nur die medial gefilterte Suppe in seinem Kopf umrührt und in kleine Theorietöpfchen umfüllt.

Lassen wir den Langweiler Greif lieber gehen und reden nur noch über Sullivan. Er fährt also rum und sieht sich Dinge an. Zum Beispiel fährt er mit seiner Familie nach Disney-World, hat da überhaupt keine Lust drauf, und das größte Problem, das er und sein Kumpel haben, ist die Frage, wie man dort ungestört einen Joint rauchen kann. Sie schaffen es dank Internetguides, die detailliert die dafür geeignetsten Ecken und Winkel kartographiert haben, und die darauf folgende Beschreibung, wie er bedröhnt durch diesen Park des Irrsinns läuft, geht dann wie selbstverständlich über in eine Geschichte des Parks: wie Walt Disney von Strohmännern parzellenweise das ganze Land für den Park aufkaufen ließ, durch haarsträubende Manipulationen und Lügen sich bis zum heutigen Tag bestehende Steuervorteile ergaunerte, um dieses Ding zu bauen, diese vollkommen künstliche Traumwelt, die jedes Jahr Millionen anzieht und dennoch von einem erwachsenen, denkenden Menschen nur unter Drogen zu ertragen ist. Diese Mischung aus eigener Anschauung, recherchierten Fakten, theoretischer Reflexion und literarischer Ausschmückung ergibt für mich die idealen Texte, wirklich Essays für das neue Jahrtausend, wie sie der Klappentext verspricht.

Er fährt außerdem auf ein Christenrock-Festival, schaut sich von amerikanischen Ureinwohnern bemalte Höhlen an, spricht mit dem letzten lebenden Bandmitglied der Wailers, verbringt einen Tag mit einem Reality-TV-Star, der, wie man hier erfährt, auch außerhalb des Fernsehens dafür bezahlt wird, er selbst zu sein, und welche hohe Kunst das ist: das Man-selbst-sein darzustellen, ohne dabei ein Anderer zu werden. Und wenn zu der Frage nach dem abnormalen Verhalten der Tiere mal kein Experte bereit ist, mit Sullivan zu sprechen, dann erfindet er sich einfach einen Professor Livengood und lässt sich von ihm auf einen erfundenen Trip nach Afrika mitnehmen. Auch genial.

Ich glaube im letzten Essay, der von dem verrückt-genialen Naturforscher Rafinesque handelt, hat Sullivan sein poetologisches Programm versteckt:

„Die Natur macht keine Sprünge“, hatte Leibniz gesagt, einer von Rafinesques großen Helden. Wenn wir aber Teil der Natur sind, dann sind wir auf metaphysischer Ebene eins mit ihr, sind wir gleichbedeutend mit den allerfrühesten Mikroorganismen, die am Kraterloch eines Urmeervulkans eine erste Kette bildeten. Es gibt keinen Zauberstab, der sich vor dreihunderttausend Jahren herabgesenkt und uns in unserem wesenhaften Sein von der materiellen Welt, die uns hervorgebracht hat, getrennt hätte. Und das bedeutet wiederum, dass wir keine grundlegende Aussage über die Natur – weder über ihre Brutalität noch über ihre Schönheit – treffen und hoffen dürfen, etwas Wahres zu sagen, wenn das, was wir behaupten, nicht auch auf uns selbst zutrifft. (John Jeremiah Sullivan, Pulphead, Suhrkamp 2012, S. 411)

In unserer multimedial durchinszenierten Welt scheint es plötzlich ungeheuer schwierig geworden, einfach man selbst zu sein, ein stinknormales Ich. Überall nur Inszenierung, wohin man schaut. Sich für das Nicht-Ich zu öffnen, die ebenso stinknormale, faszinierende, reale Welt sich anzuschauen, im Bewusstsein, selbst auch ein Teil davon zu sein, könnte eventuell helfen.

(Heute Blumen am Balkon gepflanzt. Mit den Kindern wie blödsinnig in der Erde gewühlt. Schön.)

Kritik der reinen Vernunft

Sommer 97. Ich stolperte aus dem Seminar heraus und direkt in die nächstgelegene Buchhandlung hinein, ich wusste genau, was ich wollte, griff mir den eingeschweißten roten Ziegel, bezahlte die dafür vorgesehenen 40 Mark, und dann schnell wieder hinaus ins Freie, rüber in den englischen Garten, wo ich mich an diesem wunderschönen Sonnentag im Schatten einer Linde niederließ und sorgsam, sehr vorsichtig, als wäre dies eine sakrale Handlung, deren Zauber durch die kleinste falsche Handbewegung zunichte gemacht werden könnte, schälte ich die Bücher aus der Plastikhaut. Ein magisches Licht schien von den Büchern auszugehen, alles in mir war Freude und zittrig erregte Erwartung. Jetzt würde mein Studium überhaupt erst richtig anfangen, alles bisherige war ein Irrweg gewesen, das Gerede in den Seminaren, die endlosen Debatten über völlig irrelevante Detailfragen, überhaupt diese ganzen Halbirren mit ihren komplett privaten und unerheblichen Meinungen: das würde ich jetzt hinter mir lassen und stattdessen Hauptwerke lesen, die echten Meister. Und dies hier war der Anfang. Als ich die Kritik der reinen Vernunft aufschlug und zu lesen begann, an diesem wolkenlosen Tag im englischen Garten in München, da wusste ich, dass ich diesen Moment nie vergessen würde. Und tatsächlich kann ich mir noch heute vergegenwärtigen, wie an diesem Tag die Münchner Luft gerochen hat, wie dunkelblau der Himmel und wie grün das Gras war, in dem diese roten Bücher lagen.

Nicht immer ist der Himmel so blau und allzu hohe Erwartungen neigen dazu, enttäuscht zu werden, dennoch studierte ich den Kant dann ziemlich ausführlich, und das gab meinem Nachdenken über die Fragen der Philosophie tatsächlich einen gewissen Halt, ein erster Orientierungspunkt im vorher nur so an mir vorbeirauschenden Gerede der anderen. Aber die Halbirren wird man so leicht natürlich trotzdem nicht los, denn wenn man einen Schein will, dann muss man sich im Seminar sehen lassen, und da sitzen die Halbirren dann leider auch drin, ob man will oder nicht.

Wer sich Verrückte mal über einen längeren Zeitraum hinweg näher anschauen will, dem kann ich ein Philosophiestudium nur dringend ans Herz legen. Der Herr Buchenbusch zum Beispiel, der war so um die fünfzig, eine hagere Gestalt, die Wolljacke hing immer so an ihm runter als wenn gar nichts drin steckte, nur der Kopf, der oben rausragte mit dem zerzausten Schnauzbart, erzählte, dass da drunter auch ein Körper sein musste. Der Buchenbusch wirkte zwar immer ein bisschen verwirrt, er konnte aber durchaus einen philosophischen Text in einem Referat ganz gut zusammenfassen und darstellen, er war nicht durchgeknallt im eigentlichen Sinne, nur seine gelegentlichen Exkurse ins Fachgebiet der Onkologie wirkten ein bisschen seltsam, da fragte man sich dann schon, wie er jetzt eigentlich von Leibniz zu gewissen Details der Chemotherapie kommt. Aber sonst wirkte er relativ normal, bis zu dem Tag, als der Professor es einmal wagte nachzufragen, was das jetzt eigentlich mit Krebs zu tun haben solle. Da hielt der Buchenbusch eine Rede, die mir unvergessen ist: er sei jetzt so kurz davor – er zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen ungefähren Zentimeter an – so kurz davor, den Krebs endgültig zu heilen und aus der Welt zu schaffen, weil er jetzt nämlich genau so kurz davor sei, den Krebs zu verstehen, und wenn er, Buchenbusch, den Krebs einmal verstanden habe, von der Wurzel her verstanden, dann sei der Krebs weg und vom Planeten getilgt, darum und nur darum beschäftige er sich hier mit Leibniz, weil die unteilbare Monade das Urbild, gleichzeitig konträres Gegenbild der Körperzelle sei, die sich wie wild teile, im Falle des verkrebsten Körpers habe sich also vermutlich die dominierende Monade vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde ihrer Kontrollfunktion für die anderen Monaden begeben, und wenn er, Buchenbusch, den Grund dafür aus den Schriften Leibniz’ extrapolieren könne, wäre es mit dem Krebs endgültig und für allemal vorbei. Betretenes Schweigen. Buchenbusch, der im Furor seiner Rede aufgesprungen war, setzte sich wieder, sank in sich zusammen und blickte vor sich hin.

Natürlich saß Buchenbusch im nächsten Semester auch wieder im Seminar, Discours de Métaphysique, hielt ein Referat über den Individuenbegriff, meldete sich hin und wieder zu Wort mit ein paar Anmerkungen zur Onkologie und bekam seinen Schein. Er gehörte einfach zur Leibniz-Crew. Im Frege-Seminar ließ er sich auch mal sehen, verschwand aber bald wieder, mit Logik und Sprachphilosophie war dem Krebs vermutlich nicht beizukommen.

Dort gab es aber einen anderen, ungefähr gleich alt wie ich vielleicht, der sagte fast nie etwas und sah immer so traurig oder irgendwie wütend aus: Finster wäre vielleicht das passende Adjektiv für seine Erscheinung. Der faszinierte mich, es war bei ihm nicht klar, ob er irre war oder nicht. Seine seltenen Kommentare waren immer irgendwie kryptisch, nie ganz klar was er eigentlich sagen wollte, aber irgendwie mochte ich ihn. Die letzte Sitzung des Frege-Seminars hielten wir im Max-Emanuel-Wirtshaus ab, wir tranken Bier und der Dozent eröffnete uns, er, der immer nur auf die eine Karte einer Universitätskarriere gesetzt habe, stehe jetzt vor dem Nichts, man müsse sich dringend zweite Standbeine außerhalb der Philosophie schaffen, was wir so machen würden nebenher, ob jemand da was erzählen wolle. Da stammelte dann jeder so was von seinen Nebenjobs und Praktika daher, und der Finstere zierte sich auch erst, naja, er arbeite nebenbei so irgendwie beim Fernsehen, bis er auf Nachfrage mit todernster Miene sagte: „Ich schreib Witze für Harald Schmidt.“ Da fiel natürlich den Philosophen ringsrum augenblicklich das Gesicht herunter, plötzlich war der Finsterling der Star, damals war ja die Harald-Schmidt-Show auf dem absoluten Höhepunkt, jeder schaute das allabendlich, und hier saß mit Totengräbermiene derjenige, der die Witze dafür liefert. Wir hingen an seinen Lippen und wollten Details hören, er winkte aber bloß ab. Das seien alles Arschgeigen, der Chef inklusive, er wolle demnächst kündigen und sich eigenen Projekten widmen.

Im nächsten Semester sah ich ihn noch einmal wieder, in einer Vorlesung über analytische Ontologie. Im Rausgehen sprach ich kurz mit ihm, er wirkte noch deprimierter als sonst. Kant, Frege, Wittgenstein, Harald Schmidt, all das sei doch völlig austauschbar und im Prinzip egal, die ganze Welt sei ein reiner Unsinn, es sei alles der gleiche Scheiß und weil er heute Geburtstag habe, gehe er sich jetzt besaufen und zwar sinnlos. Ich schwieg und ließ ihn gehen.

Ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Bis heute bereue ich, dass ich damals nicht einfach mit ihm Trinken gegangen bin. Wir hätten beste Freunde werden können. So kenne ich nicht mal seinen Namen. Aber von allen, die ich je gesehen habe, war er der wahre Philosoph.

 

Fragmente

Da hatte ich gerade geglaubt, mir diesen blöden Druck von der Seele weg geschrieben zu haben, indem ich mir selber schriftlich die Lizenz zu noch viel fragmentarischeren Fragmenten gegeben hatte, Fragmente, deren Veröffentlichung natürlich nur dank Internet überhaupt möglich ist, denn ein Verlag druckt Fragmente ja leider nur, wenn sie aus dem Papierkorb von toten und ungefähr weltberühmten Autoren stammen, dann aber ist jeder Einkaufszettel ein Denkmal, wie interessant, er liebte Ingwer und schrieb Butter mit scharfem S, er war wirklich einzigartig, wo war ich stehen geblieben, ach ja, ich pries und lobte also dieses Internet in meiner Selbsterlösungsbeichte als den lang ersehnten Heilsbringer für meine höchst bedeutsamen Fragmente, da wurde es um mich herum plötzlich seltsam stumm in diesem Netz, das doch immer als ein Stimmengewirr und vielstimmiger Chor beschrieben worden war. Der Blogozentriker verlegte seinen für den 6. Juni 2013 angekündigten Abgang einfach vor, mit einer kleinen Science-fiction-Erzählung namens 6. Juni 2013, und verfiel daraufhin in erratisches Schweigen. Die Melusine ließ verlautbaren, sie habe zwar ziemlich viel Freude, aber keine Lust mehr aufs Bloggen, es werde womöglich still bei den Gleisen. Die @TrauBunt verschwand plötzlich gleich ganz aus meiner Timeline und der Schlinkert sagte gradraus, ihn könnten jetzt alle mal kreuzweise.

Wenn das so weiter geht, dachte ich, in drei Decken verwickelt, mit verstopften Stirn- und Nebenhöhlen mir noch ein Taschentuch greifend: wenn das so weiter geht, dann muss ich mir doch bald noch die Tagebücher von Musil bestellen, um meine tägliche Ration an Fragmenten zu befriedigen. Weil den Schmarrn von Sichten und Ordnen, den kenn ich ja schon.