Tagebuchmimetischer Netzdreck

Ostersonntag: Unablässig fällt Schnee vom Himmel und verhängt alles. Als ich aufstand, lief im Fernsehen schon der Papst. Auf dem Petersplatz regnete es sturzbachartig und der Papst zelebrierte seine Ostermesse vor einem Meer von Regenschirmen. Socken strickend vollzieht meine Mutter in ihrem Fernsehsessel die Papstmesse mit, beim Segen Urbi et Orbi legt sie das Strickzeug weg und bekreuzigt sich, dann strickt sie weiter. Als ich das sah, war ich kurz davor, einen spöttischen Kommentar loszulassen, hielt mich aber zurück und war im nächsten Moment schon ganz gerührt von der naiven Gläubigkeit, die aus dieser Geste sprach. Nur meine oberflächliche Sicht der Dinge ließ es mich im ersten Moment lächerlich grotesk erscheinen, dass sich jemand vor einem Fernsehapparat bekreuzigt. Das Medium hebt in Wahrheit wirklich die Distanz zwischen dem leibhaftigen Papst und dem Einzelheinz vorm Fernseher völlig auf. Der Segen ist voll gültig, allein weil meine Mutter das so sieht. Und der Papst selber ist ja auch nur ein Medium, dessen Gott sich bedient, von dem der Segen ja eigentlich kommt. Eine mediale Papsttheorie…

Das war mein Ostern vor fünf Jahren. Beweis dafür, dass ein verschneites Ostern immer mal wieder vorkommt, im Alpenvorland jedenfalls sowieso. Gleichzeitig war das der letzte Absatz eines ungefähr 300-seitigen Manuskripts, wenn man diesen disparaten Textwust überhaupt so nennen will. Am Karfreitag 2007 war mir die Idee gekommen: ein Jahr lang so viel wie möglich in den Computer hineinschreiben, genau bis zum Ostersonntag des folgenden Jahrs, und dann aus diesem Material ein Buch machen, zu Suhrkamp schicken, fertig. Keine Interviews, keine Lesungen, Nobelpreis lässig ablehnen, oder vielleicht doch annehmen, das würde man dann sehen.

Als ich am Ostersonntag 2008 mit meiner sockenstrickenden Mutter die Papstmesse schaute, war schon klar, dass dieser Plan gescheitert war, und außer die 300 Seiten um den gröbsten Unfug zu bereinigen und das Ganze auf 80 Seiten runter zu kürzen, habe ich auch nichts mit diesem Wirrwarr je mehr angefangen. Stattdessen machte ich ein neues Dokument auf, das ich als Hommage an meinen Namensvetter Ror „Fortsetzung des Berichts“ nannte, und schrieb einfach weiter. Immer weiter, immer alles auf die Festplatte. Lustigerweise war mir dabei völlig klar, dass das, was ich da machte, eigentlich Bloggen war, es fehlte bloß der Publish-Button. Nach dem Scheitern des Karfreitagsprojekts waren auch die Suhrkamp- und Nobelpreis-Phantasien aus meinem Hirn gestrichen, ich wollte kein Buch mehr schreiben, wusste jetzt, dass ich das nicht kann. Mir fehlt dafür der lange Atem. Den großen Spannungsbogen schlagen: das kann ich gar nicht. Stattdessen jeden Text neu aus dem Nichts heben, keinen vorher fein ausgelegten Erzählfaden wieder aufnehmen, nein: immer von vorn anfangen, jeden Tag neu. Dietmar Dath nannte das mal „tagebuchmimetischen Netzdreck“, Rainald Goetz hingegen pries es in einem Vortrag als die beste Serie, die es überhaupt gibt: die Serie der gelebten Tage: „Das Tagebuch fesselt nicht, […], es bannt den Leser nicht, es gibt ihn frei. Die im Tagebuch gespeicherte Zeit des Autors zwingt den Leser nicht zur Sukzession. Er ist automatisch eingeladen zu springen, zu federn, zu schwingen, im Dialog damit sich selbst dabei zu sehen und zu untersuchen. Aus Fragmenten tritt das Autor-Ich ganz direkt hervor.“ (ab 6:40 ungefähr)

Keine Ahnung, warum ich so ewig damit gezaudert habe, ein Blog anzulegen und auf Publizieren zu drücken. Vielleicht war die jahrelange Schreibübung zuvor erforderlich, bevor ich das anderen Menschen zumuten zu können glaubte. Oder war der Wunsch zu groß, ein echter Schriftsteller zu sein, mit gedrucktem Buch in der Hand? Ein Buch, das die Leute fesseln würde, sie in den Bann ziehen? Heute will ich keinen mehr fesseln oder bannen. Bin glücklich mit meinen Fragmenten. Und freu mich immer, wenn ich merke: ein paar Leute federn und springen und schwingen mit mir mit.

Frohe Ostern.

Publish.

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13 Kommentare zu “Tagebuchmimetischer Netzdreck

  1. Irgendwie ist man immer versucht, sich an „dem einen“ Ideal zu orientieren. Man schafft künstlich eine Hierarchie, ein Entweder-Oder und glaubt dann auch noch daran. Ich persönlich glaube an Vielfalt, an Pluralität, an ein gleichberechtigtes Nebeneinander. Viele kleine selbstbestimmte Räume. Wie z.B. Blogs, in denen deren Betreiber frei über Gestaltung und Inhalt entscheiden können. Wie großartig! Und wie vollkommen unerheblich das Urteil eines Außenstehenden über Relevanz und Qualität eines solchen Blogs. Wie schön tatsächlich, wenn sich Leser finden, die mitschwingen.
    Thanks for publishing!

    • Das sehe ich ganz genauso. Nieder mit den Hierarchien, es lebe die Pluralität. Das Tolle am Bloggen, an diesem hierarchiefreien Nebeneinander, ist ja auch, dass man nicht nur eine Möglichkeit des Publizierens dadurch hat, sondern auch so viel zu lesen bekommt und mit den anderen Schreibern in einen Dialog tritt. Das Bloggen hat insofern auch mein Lesen verändert, weil ich z.B. eigentlich fast nie mir einen Gedichtband kaufen würde, aber bei dir oder der Mützenfalterin kriege ich immer wieder Gedichte so untergejubelt und empfinde das als echte Bereicherung: Lyrik ist ja auch toll, hatte ich fast vergessen, so ungefähr… So schwingt und federt man durchs Netz, kriegt jede Menge Input und kann auch was von sich herauslassen, das ist doch wirklich nur wundervoll. Ich ärger mich fast, dass ich nicht schon viel früher mit dem Bloggen angefangen habe. Aber egal: Thanks for mitschwinging!

      • Machen wir uns nichts vor: Keinem von uns ist egal was er wie schreibt und dieses Wollen und Tun gibt uns, im besten Fall, etwas zurück: Es motiviert diese Tätigkeit weiter zu verfolgen und zu intensivieren (wir wären wieder beim Trost).

        Das Niederreißen aller Kategorien und die daraus erwachsende Freiheit sind, wie wohl temporär notwendig und lehrreich, auf Dauer ein Irrtum: Beliebigkeit, Zufälligkeit und Austauschbarkeit sind nicht Freiheit, sondern das Gegenteil, und sie ermöglichen weder Dialog noch Kommunikation.

        Das Medium Internet ermöglicht oder lehrt zumindest zwei Dinge: Einerseits das, was man, im schönsten Wortsinn, Gespräch nennt und zweitens, die Befragung aller herkömmlichen Quellen von Autorität: Ein Text muss im Netz vielmehr als anderswo, durch sich selbst überzeugen, für ihn bürgt kein Verlag, keine Redaktion, keine andere Autorität, im Netz steht großes gleich neben den Mülltonnen und der Leser muss hier mehr als anderswo lernen, die beiden zu unterscheiden: Darüber hinaus findet Kritik viel schneller und direkter ihren Weg und wird, in vielen Fällen, überhaupt erst möglich. Dass sich im Netz trotzdem Strukturen von Autorität heraus bilden, ist natürlich keineswegs ausgeschlossen.

      • Ich unterschreibe das alles, stimmt genau, und dennoch bleibe ich bei meinem Lob des Niederreißens der Hierarchien und Kategorien und Autoritäten. Das ist doch eigentlich ein Akt der Aufklärung, dass der Leser sich aus dem Meer der Texte diejenigen selber raussuchen muss, die ihm gefallen, die ihn irgendwie weiterbringen, und diese Arbeit nicht mehr an Autoritäten delegiert. Autoritäten wie Verlage oder Redaktionen, die doch in undurchschaubaren Klüngeln untereinander verstrickt sind und oftmals nicht die Qualität von Texten zuvorderst im Blick haben, sondern nur deren Marktgängigkeit. Im Netz schwirrt irrsinnig viel Text herum und das allermeiste davon ist unlesbarer Mist, aber sehr gutes Zeug ist auch dabei. Ich muss es mir selber herauspicken, aber habe dann den großen Gewinn, dass der Text keinen Warencharakter mit sich trägt. Er wurde nicht geschrieben, damit ich ihn kaufe, sondern bloß, damit ich ihn lese. Das finde ich toll.

      • Diesmal unterschreibe ich alles, aber wenn wir wie beschrieben vorgehen, dann wollen wir doch (wieder) sagen: das ist ein guter Text, ein literarischer, mitunter etwas zu Form und Stil, dann sind wir wieder bei den Kategorien, beim Bewerten, usw. (weniger bei Autoritäten und Klüngeln, wobei ich fürchte, dass auch die im Netz entstehen).

      • Absolut. Das Reflektieren über Form und Stil, die Analysen des Texts an sich bleiben natürlich wichtig, diese Kategorien will ich nicht einreißen, obwohl sie immer zu hinterfragen bleiben. (Ich hab plötzlich Lust, mal wieder ein bisschen Literaturtheorie zu lesen. Das hatte ich schon lang nicht mehr…)

      • Führt einen das Nachdenken darüber, ob man wirklich nur schreibt, um Freude zu bereiten, nicht nach kurzer Zeit schon in die totale Verzweiflung? Die Wurzeln des Schreibimpulses sind so dunkel, so fest eingewachsen in ein zähes Erdreich … reißt man sie heraus, hängt einem unten die ganze Weltkugel dran!

        Im Grunde ist das Argument (ich glaube, darauf will ich hinaus), ein Text sei geschrieben worden, nicht damit ich ihn kaufe, sondern damit ich ihn lese, kontaminiert mit der Absicht der Publikation, der Beeinflussung eines Lesers, der Herstellung eines Verhältnisses. Da entsteht der Unterschied ja nur über den Preis! Aber ein Text sollte um seiner selbst willen entstehen — dann wäre er ein guter Text. Sicher ist das naiv, aber es ist meine Intuition. Ein Text, der nach den Regeln der Kunst (und des Spiels) vom Autor gemacht ist, um Gefallen hervorzurufen, Schauer rieseln zu lassen usw., ist eigentlich schon … den kann man dann auch kaufen und verkaufen, da sehe ich letztlich keinen Unterschied mehr. Das ist ein Produkt!

        Ich weiß! Ich weiß ja! Ich bin puristisch! Aber es sind doch Differenzierungen, die hier stattfinden müssen, ohne die man einfach nicht auskommt, meine Damen und Herren! Nach Popherrenart zu rufen: „Aber die Freude, sie rettet doch alles!“ — das rettet auch nicht alles.

        Wahrscheinlich wird das Fazit sein, dass auch Texte, die nach meinem naiven Konzept entstehen, letztlich Produkte seien.

        Dann wären, wird man einwenden, gute Texte nur solche, aus denen die nackte Not spricht?

        Am Ende ja, werde ich sagen. Und dann erschießen sie mich.

      • Die Wurzeln des Schreibimpulses sind so dunkel, so fest eingewachsen in ein zähes Erdreich … reißt man sie heraus, hängt einem unten die ganze Weltkugel dran!

        Schön und sicherlich richtig, aber, um es anders zu formulieren: es muss doch irgendeine positive (!) Rückkoppelung geben, die den Schreibprozess weiterlaufen lässt.

        Ein Text sollte für sich stehen, nennen wir das (wieder einmal) „Objektivität“: Gehören dazu nicht doch wieder zwingend Leser (potenzielle zumindest)? Ein Gedanke, in einer Notiz festgehalten, damit er nicht wieder entfleucht, ist noch kein fertiger Text und er wird das doch nur, wenn er auch auf einen Leser hin gedacht wird. Oder?

        Die Freude macht keinen guten Text, aber sie macht möglich, dass es einer werden kann, weil ich trotz aller Mühe die Feder nicht wegwerfe (Emotionen als Motivatoren).

  2. Wenn wir sagen, dass Romane ursprünglich dazu dienten, Geschichten zu erzählen — vielleicht brauchen wir dann auch gar keine mehr? Angesichts der Fülle von Erzählungen, die heute aus allen Richtungen auf uns einprasseln? Und brauchen wir Bildungsromane, wenn wir jederzeit unseren eigenen auf der Couch eines Therapeuten erleben können? Ich vermute, dass die sentimentale Gleichsetzung von Roman und Ich, der Roman als Weltbild und ultimativer Selbstausdruck (eine Tradition, die irgendwie Rousseau mit seinen „Geständnissen“ richtig in Gang gesetzt hat, oder?), zu der Popularität dieser Form bei den Nachdenklichen beiträgt — die sich dabei nicht Rechenschaft darüber ablegen, dass der durchschnittliche Roman in Wahrheit längst ein adipöser Film-in-kurzen-Sätzen ist, den seine Fans in der U-Bahn wegschmökern. Eher ein Buch ohne Eigenschaften als „Der Mann ohne Eigenschaften“.

    • Wir leben ja mitten in einem Zeitalter des Geständniszwangs – jedenfalls sieht das Michel Foucault so, nachzulesen in ‚Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1‘ – ausgelöst durch die Einführung der Ohrenbeichte im frühen 13ten Jahrhundert. Tatsächlich werden heutzutage oft nicht mehr Romane geschrieben, sondern Lebensbeichten abgelegt; wenn ein Autor (Achtung Polemik) Glück hat, hat er unverschuldet schweres Unglück und Leid zu ertragen, macht einen „Roman“ draus, bekommt einen wichtigen Preis und ist weniger arm als vorher und dazu noch berühmt. Sich die Mühe zu machen, aus seiner eigenen Geschichte und der vieler, vieler anderer einen wirklichen Roman auf hohem Niveau zu machen, wirklich erfundene Geschichten zu erzählen, unterzieht sich kaum noch einer – so mein Eindruck, der sicher, klar!, sofort widerlegt werden wird. Apropos Geständnis: Robert Musil läßt in seinem ‚Mann ohne Eigenschaften‘ einen hohen geistlichen Würdenträger sagen, was heutigentags die Psychoanalyse mache (der Roman spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs), das habe jahrhundertelang die Kirche gemacht, die sozusagen einfach nur den Zug der Zeit verpaßt habe. Das mit dem Tagebuchschreiben habe ich mir übrigens letztens auch (kurz) überlegt, worauf Phyllis von Tainted Talents auch zu überlegen anfing, was man denn mit so einem Blog eigentlich tut. http://nwschlinkert.de/2013/03/29/tagebuch-fiktiv/

      • Und jetzt haben wir die Blogs, um uns von der Sinnlosigkeit unserer Existenz, die als Einsamkeit uns hin und wieder raubtierhaft anspringt, zu erlösen? Das Internet als technische Einlösung des Versprechens der Kirche?

  3. Diese Fragen kann man ja stellen, ich würde sie aber eingeschränkt verneinen wollen, obgleich „das“ Internet viel zu hören bekommt – ohne jedoch die Absolution erteilen zu können. Beichten per Mail mit Absolution soll es aber durchaus schon geben, wer weiß, was da noch kommen mag.

  4. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ganz verstehe, worüber ihr eigentlich gerade redet, aber ich versuche dennoch mal mitzureden (typisch Internet: alle labern aneinander vorbei). Also ich glaube vor allem an die von Iris hier ins Spiel gebrachte Hierarchiefreiheit aller möglichen Textsorten und Publikationsformen. Autobiographische Literatur kann toll sein, kann auch furchtbar sein wie ein Geständnis, das gar keiner je hören wollte. Und komplett fiktive Romane sind natürlich genauso gut oder schlecht, von Fall zu Fall. Gedruckte Bücher, von Verlagslektoren lektoriert, sind unbedingt etwas Wunderbares, wenn sie gut sind, aber Mist gibt es da auch zuhauf, genau wie in den Blogs. Erlösung verspricht nichts davon. Wer Erlösung sucht, muss wohl nach wie vor zur Kirche rennen. Literatur hat keine Heilslehre und Texte sind auch keine heiligen Reliquien, die tot im Schrein liegen und angebetet werden wollen, sondern im Gegenteil: sie sind etwas sehr lebendiges, wenn man sie liest.
    Aber jetzt gleite ich schon wieder ab. Was ich sagen wollte: Daths Diktum vom tagebuchmimetischen Netzdreck diskreditiert ja sowohl die literarische Form des Tagebuchs, als auch das Schreiben im Netz, als minderwertige Formen. Warum eigentlich? Ich finde Kafkas Tagebücher fast besser als seine Romane, und wenn ich 1913 gelebt hätte, würde ich bestimmt etwas darum gegeben haben, täglich in meinem Feedreader den neuesten Kafkatext vorzufinden.

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