Horror Barras

Letzte Woche habe ich mir im Fernsehen „Unsere Mütter, unsere Väter“ angeschaut, weil mich das Thema Weltkrieg erstens eh interessiert und weil dieser Dreiteiler in den Medien als so etwas sensationell Gelungenes angekündigt wurde, dass ich das dann eben auch sehen wollte. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen durch das mediale Vorbrimborium in viel zu hohe Höhen geschraubt worden, ich war jedenfalls von der ersten Szene an enttäuscht. Die ganze Haltung der Schauspieler und ihre Art zu reden schien mir viel zu heutig, die Dramaturgie folgte verlässlich den von Hollywood geprägten Standard-Schnittmustern. Wenn etwa Friedhelm, der als Hölderlin lesender Feingeist in den Krieg gegangen war und dann sukzessive zur gefühllosen Kampfmaschine sich gewandelt hatte, am Ende seinen alten Freund Viktor, den Juden, zufällig im Wald trifft, ihm das Gewehr auf die Brust setzt und statt seiner dann doch den plötzlich hinter Viktor aufgetauchten SS-Mann erschießt – das ist eine hundertprozentige Westernszene, auch in der ganzen Art wie das gefilmt und geschnitten ist: von High Noon bis Der mit dem Wolf tanzt rauschten mir bildlich die Assoziationen durch den Kopf. Der historische Hintergrund bleibt bei solcher Ästhetik genau da, wo das Wort ihn eh schon hinstellt: ziemlich weit im Hintergrund.

Dabei hätte mich die Grundidee ja genau interessiert: ein Film über den zweiten Weltkrieg, aber ohne Hitler und Rommel. Der Blick stattdessen auf die ganz normalen Leute gerichtet. Aber allein zum Beispiel, dass sich diese fünf Freunde, deren sehr unterschiedliche Wege durch den Krieg da erzählt werden, immer wieder rein zufällig über den Weg laufen, das ist so unglaubwürdig, so offenkundig bloß den gängigen dramaturgischen Schablonen geschuldet, an die man sich wohl gekettet fühlte, weil man ja ein ZDF-Primetime-Publikum bei der Stange halten muss, dass der Film als Ganzes dadurch für mich völlig ins Fiktionale gerückt wurde und keine Erzählung mehr über die Wirklichkeit, die Realität, die echte Menschen in diesem Krieg wirklich erlebt haben.

Mittlerweile sind die alle tot, ich kenne keinen lebendigen Weltkriegs-teilnehmer mehr, weswegen Schirrmachers pathetisches Getöne, dies sei die letzte Gelegenheit, einen generationsübergreifenden Dialog über dieses Thema anzufachen, mir von Anfang an irgendwie seltsam vorkam. Da ist doch keiner mehr da.

Gleichzeitig konnte ich mich in den Kritikern des Films auch nicht recht wiedererkennen, Diez zum Beispiel, dessen Kritik schon so seufzend anhub, er wisse doch schon alles über diesen Krieg, ob er sich dies jetzt wirklich nochmal ansehen müsse. Diese gelangweilte Bescheidwisserei erscheint mit angesichts einer solchen Menschheitskatastrophe eben auch verfehlt. Ich hab da auch schon viel drüber gelesen, mir viele Dokumentationen angeschaut, und dennoch bleibt das Gefühl, eigentlich nichts zu wissen, nichts begriffen zu haben.

Deswegen las ich danach direkt „Die Stalinorgel“ von Gert Ledig, ein Buch, das schon seit längerem auf meinem Lesestapel liegt und sich jetzt aufdrängte. Heftigste Lektüre. Hier wird nichts begründet, keine Erklärungsversuche für den Wahnsinn des Krieges, hier wird der Irrsinn nur beschrieben, der Horror. Achtundvierzig Stunden des Jahres 1942 an der Front, südlich von Leningrad. Das totale Grauen. Ein sinnloser Kampf um ein bisschen verwüstetes Land, eine namenlose Anhöhe. Da kämpfen alle bloß noch ums eigene nackte Überleben, es geht eigentlich gar nicht mehr um Deutsche gegen Russen, sondern jeder gegen jeden, im völligen Wahn. Alle Begründungen oder rationalen Handlungsmaximen sind außer Kraft gesetzt, der Mensch wird zu einer nicht berechenbaren Maschine:

Der Hauptmann konnte sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob er richtig handelte oder nicht. Er handelte aus Instinkt. Er hob einen Stein auf, wickelte sein schmutziges, immer noch etwas weißes Taschentuch darum, und warf ihn dem Rotarmisten, der plötzlich im Eingang des Unterstandes auftauchte, vor die Füße.

Das Leben der beiden hing in diesem Augenblick nur vom Zufall ab. Ein Mensch, der dreihundert Meter unter MG-Feuer und detonierenden Handgranaten über freies Feld läuft, dann durch ein Labyrinth fremder Gräben um sein Leben rennt und zuletzt mit einer gezogenen Handgranate, die in drei Sekunden explodieren wird, vor einem feindlichen Unterstand steht, ist nur eine Maschine. Er kann einen Stein mit einem Taschentuch nicht sehen. Er kann ihn sehen und sich nichts dabei denken. Er kann sich in einer Art Blutrausch befinden. Er kann aber auch sofort wissen, was das bedeutet und trotzdem seine Handgranate in den Unterstand werfen, weil er nicht weiß, wohin damit. Daß der Russe die Handgranate über den Grabenrand warf, war Zufall.
(Gert Ledig, Die Stalinorgel, Suhrkamp 2003, S. 109)

Der Zufall und der Tod sind die Hauptdarsteller des Buches, es gibt keine Helden und keine Heldentaten, die Menschen sind nur Schlachtvieh, Kanonenfutter: Nebendarsteller. Der Verlust ihrer Individualität wird unterstrichen dadurch, dass sie keine Namen tragen, nur beim militärischen Rang werden sie genannt: der Melder, der Feldwebel, der Hauptmann, der Major. Jeder Zeile merkt man an, dass Ledig das selbst erlebt hat. Hier spricht ein Augenzeuge, so ein krankes Horrorszenario könnte niemand einfach so erfinden an seinem Schreibtisch.

Mein Großvater starb, als ich fünf war, den konnte ich nichts fragen. Es wird aber erzählt von ihm, dass er sowieso nie über den Krieg gesprochen hat, das Thema soll Tabu gewesen sein. Wenn ihn jemand danach gefragt habe, sei er sofort durchgedreht. Einmal, Mitte der Fünfziger, als öffentlich gerade das Thema Bundeswehr und Wiederbewaffnung diskutiert wurde, soll ein Mann bei uns in der Gaststube erschienen sein, so erzählt meine Tante, die damals ein Kind war, der habe meinen Großvater als alten Kameraden freudig begrüßt und mein Großvater soll hingegangen sein und gesagt haben: „Verlassen Sie sofort mein Haus!“ Und habe ihn also wirklich rausgeschmissen und danach erzählt, dass das genau so eine Drecksau war, der in den letzten Kriegstagen noch Deserteure exekutiert habe. Nie wieder Barras, soll er zu meiner damals ungefähr elfjährigen Tante gesagt haben, sonst fängt der ganze Scheiß von vorn an.

Oft habe ich mich gefragt, was dieser Großvater, den ich nur so wenig kennengelernt habe, wohl zu meinem Leben so kommentieren würde. Meistenteils sah ich ihn dabei resigniert den Kopf schütteln. Aber dass ich nicht zum Barras ging, sondern Zivildienst machte, das hätte er wohl gut geheißen.

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7 Kommentare zu “Horror Barras

  1. Unsere Mütter! | der blogozentriker

  2. Werter Wolf,
    offenbar grassieren weiland in diesen Blogpostillen ähnliche Idiosynkrasien, denn auch mich packte der Widerwille als ich zufällig in eine Szene dieses Machwerks zappte. (Ein Soldat geriet wohl in moralische Zweifel als er mitbekam, wie Zivilisten von kollaborierenden Hilfstruppen exekutiert werden sollte und wollte nur ein unschuldiges Mädchen retten, doch der oberfiese Vorgesetzte erschoss dieses Mädchen dann vor seinen Augen, dass diesem das Blut ins Gesicht spritzte. – Die überstarke Zeichnung der Charaktere hatte für mich schon gleich etwas Abstoßendes, weil es die Geschichte so irreal erscheinen lässt, das Böse dämonisiert und damit auf die uns nicht zugehörige Seite schiebt.)
    Indes hatte ich auch bei Hollywoods Produkten fast so ein Aha-Erlebnis. Nämlich als ich bei Titanic in eine ähnliche Szene geriet: Als Kate Winslet zum ersten Mal gerettet werden muss und als di Caprio schon ihre Hand ergriffen hat noch ausrutscht und nur an seinem Arm über der Reling hängt. Warum musste dieser Klischee-Spannungsmoment nun wieder sein? Völlig unrealistisch und überflüssig. Aber dann wurde mir wieder klar, dass die Filme eigentlich voll sind von solch schon formelhaften Wendungen, z.B. muss bei eigentlich jeder Verfolgungsjagd der Verfolgte
    irgendwann in den Gegenverkehr einbiegen… Und noch bekloppter: ein Bekannter wies einmal darauf hin, dass wann immer eine Katze durchs Bild huscht von der Tontechnik so ein blödes Miau eingespielt und dass er nun immer angewidert zusammenzuckt, wenn dies wieder geschieht.
    Aber ist, um nun blogozentrisch zu werden, nicht unsere ganze Cultur aus diesen widersinnigen, abgedrehten Formeln und unsere Kulturerzeugnisse sind sie nicht nur mehr oder weniger gut zusammengeleimte Anhäufungen, Remixes solcher bedeutungsleerer Materialpartikel?
    Herzlichst Phorky

  3. „Die überstarke Zeichnung der Charaktere hatte für mich schon gleich etwas Abstoßendes, weil es die Geschichte so irreal erscheinen lässt, das Böse dämonisiert und damit auf die uns nicht zugehörige Seite schiebt.“ – Genau so ging es mir auch, danke für diesen Satz, Phorky, auch gerade in Verbindung mit der erwähnten Szene, die mir ebenfalls seltsam aufstieß, ohne dass ich das Unbehagen daran so genau hätte analysieren können. Es ist dies vor allem deswegen interessant, weil die Serie ja genau die gegenteilige Absicht verfolgte: das Böse eben nicht blöd dämonisieren, nicht in ein Jenseits von uns verlegen, sondern die Grundthese war ja wohl eigentlich: das waren unsere Väter und Mütter – das hätten auch wir sein können. Aber in der Durchführung gestand man dann eben die charakterlichen Ambivalenzen nur den fünf Hauptakteuren zu, die sind permanent zerrissen zwischen gut und böse, während die Nebenfiguren dann doch wieder so platt gezeichnet, ja überzeichnet sind, dass das Ganze dadurch ins vollkommen Irreale abgerückt wird.
    Der Roman von Gert Ledig war für mich der perfekte Kontrast dazu. Da gibt es gar keine Hauptfiguren, niemand mit dem man sich besonders identifizieren könnte, alle sind eigentlich Nebendarsteller, und das Böse, das Schreckliche, das ist in denen allen, und gleichzeitig bricht es über sie herein und tötet alles andere ab. Dass der eine mal Geiger war früher, und der andere ein Studienrat, das kommt denen plötzlich selber fremd vor. Das ist gut geschrieben und kommt völlig ohne Floskeln aus. Und dennoch ist es durchaus ein Kunstprodukt, nicht ein bloßes Dokument eines Dabeigewesenen. Ledig hat seine Kriegserfahrungen da zusammengepresst in eine fiktive Erzählung über 48 Stunden an der Front.
    Ich gleite ab, aber irgendwie scheint mir die Existenz eines Romans wie „Die Stalinorgel“ genau der Beleg dafür, dass Kulturerzeugnisse nicht bloße Remixes oder Anhäufungen von Floskeln und vorgefertigten Formschablonen sein müssen. Deswegen mag ich den generellen Kulturpessimismus nicht teilen. An den Rändern, egal ob Kino oder Fernsehen oder Literatur, da scheinen doch immer neue Sachen auf, die toll sind, und die ihre Tollheit immer dadurch zeigen, dass sie eben den vorhandenen Werkzeugkasten der Floskeln und Standardformatierungen ganz lässig nicht beachten.

    • Eigentlich, so hatte ich das verstanden, ging’s ja aber nicht um Dämonisierung bei diesem Projekt, sondern um das genaue Gegenteil, oder? Indem man die Geschichte von ein paar deutschen Soldaten zeigt, wie Hollywood sie zeigen würde, werden die Protagonisten auf subtile Weise ins System der Guten, das Hollywood-USA-System, ins Lager der Hitler-Gegner geschmuggelt. Ästhetische Konterbande …

      • Genau. Und genau deswegen hat der Film nicht funktioniert für Leute, die mitdenken. Cary Grant war einfach nicht an der Ostfront. Und ein Schauspieler, der Cary Grant spielt, wie er eine Rolle als Ostfrontkämpfer spielt, wirkt nicht sonderlich glaubwürdig.

      • Ist das aber nicht ein wenig deutsch? „Wir können nicht Cary Grant, also wär’s besser ’s gar nicht erst zu versuchen.“ Genau die Möglichkeit des Gegenteils wollte ich in den Raum werfen: Man sollte Hollywood nicht überhöhen – wenn man sich die Filme im Nachhinein anschaut, dann sieht man doch auch, dass die nur mit Wasser kochen bzw. das Wichtigste der Kunst, die Aufladung oder Überhöhung eben im Auge des Betrachters stattfindet. Hollywood kann man doch auch hierzulande, wie mir beim zweiten Schauen von „Das Leben der anderen“ schon fast etwas ungut aufgestoßen ist. Der Film hatte mir nämlich beim ersten Mal sehr gut gefallen und dann beim zweiten Mal, sah ich da dann doch gerade beim Boheme-Edel-Protz-Künstler ein bisschen zuviel von Statussymbolen und Attitüden und dachte: Ja, das muss hier wohl fett aufgetragen sein, larger than life – kein Wunder dass das Ding den Oscar bekam.
        Von dem 30-Sekunden-Ausschnittm den ich genießen konnte, hatte ich das Gefühl, dass dieser Film, von Technik, Machart und Schauspieler durchaus in ner ähnlichen Liga spielt.
        Als Kulturpessimismus wollte ich das nicht verstanden wissen, der stößt mir manchmal schon übel auf (besonders wenn er von mir selbst kommt). Ich schätze, blogo, meint das „subtile“ Schmuggeln ins System des Guten ironisch – vielleicht geschieht es dann bei besserer Kunst tatsächlich subtiler, nämlich dass wir als Rezipienten gar nicht mehr merken wie unser Affirmationswille unterfüttert wird und wir dann unversehens auf der Seite der Durchblicker landen.

      • Also ich hab mir ja wirklich in einem Akt der Selbstkasteiung alle drei Teile reingezogen, und für mich hat der Film gezeigt: Wir können Cary Grant. Wir können auch Gary Cooper und James Stewart und Brad Pitt und di Caprio. Wir können Spielberg. Der Film war ja eigentlich wirklich sehr gut gemacht. Aber trotzdem wirkt das Ergebnis falsch und teilweise geradezu lächerlich, wenn diese Hollywood-Imitationskünste dazu eingesetzt werden, diese urdeutsche Katastrophe, den 2.Weltkrieg zu erzählen.

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