Requiem in c-moll

Zwanzigster März, heiliger Scheißdreck, so fluchte ich heute morgen vor mich hin, während ich die zentimeterdicke Eisschicht vom Auto kratzte. Und während ich so fluchte und schabte, überkam mich plötzlich die Erinnerung an die Beerdigung meines Vaters. Die war am fünfzehnten März gewesen damals, Jahre her schon wieder. Der Himmel war bedeckt. Es war kalt. Ich trug den Lodenmantel, den ich mit ihm zusammen Jahre zuvor in München gekauft und seither nie getragen hatte. Jetzt war der Moment für diesen Mantel gekommen. Zuerst standen wir in der Aussegnungshalle am alten Friedhof neben dem Sarg. In einer langen Schlange standen aufgereiht die Leute, die Blicke in den Boden gedrückt, der Reihe nach rückten sie vor und spritzten Weihwasser auf den Sarg. Danach das Requiem in der Kirche. Weil mein Vater Musiker war, spielte man das Huber-Requiem mit Chor und Orchester, normale Nichtmusiker kriegen nur ein Orgelrequiem. Vertrauteste Musik für mich. Als Schüler war ich immer froh, wenn ein Requiem war, dann bekam ich schulfrei und statt sechs Stunden Unterricht spielte ich eine Stunde Cello in der Kirche, das war natürlich gut. Von der Empore aus beobachtete ich immer die unten sitzenden Leute und fühlte deren Trauer niemals mit. Jetzt saß ich selber unten und wäre lieber oben gewesen, hätte lieber oben gespielt, als unten in der Kirchenbank zu sitzen. Ein seltsam quälendes Gefühl, diese Musik nicht spielen zu dürfen, sondern hören zu müssen.

Danach raus zum neuen Friedhof zur eigentlichen Beerdigung. Der Sarg noch einmal ausgestellt, wir wieder daneben, das halbe Dorf im Halbkreis außen rum gruppiert, der Weihrauch und die Beschwörungsformeln des Pfarrers, ich war schon halb benommen. Dann über den vereisten Weg hinüber zum Grab, meine Mutter krallte sich in meinen Arm, unendlich langsam gingen wir hinter dem Sarg her. Noch einmal aufstellen, noch einmal Reden und Gebete, und währenddessen fing es an zu schneien, erst nur ein wenig, aber während die Trauergemeinde uns so abschritt, immer Weihwasser aufs Grab, bekreuzigen und dann an der Familie vorbei, schneite es immer heftiger. Der Lodenmantel erwies sich jetzt als ideales Kleidungsstück. Wir gehen erst, wenn alle weg sind, flüsterte meine Mutter mir zu. Und so standen wir da, im mittlerweile dichtesten Schneetreiben, bis außer uns nur noch der Totengräber mit der Schaufel in der Hand da war. Als wir uns auch dem Ausgang zuwandten, begann er mit dem Zuschaufeln.

Am nachmittag ging ich mit meiner Mutter dann nochmal auf den Friedhof, um alle Kränze, Schalen und Gestecke genau zu protokollieren, damit man korrekte Dankesschreiben formulieren konnte. Es schneite immer noch, durch scheußlichsten Schneematsch musste ich ums Grab herumstapfen, und als die Liste endlich erstellt war, war ich wieder völlig durchnässt.

Aber am nächsten Tag war wie von Zauberhand der Frühling plötzlich da. In Windeseile schmolz der Schnee dahin, die Sonne strahlte und die Vögel pfiffen, was es sehr erleichterte, die durch den Todesfall ausgelöste Gedanken- und Gemütsschwere so langsam wieder abzustreifen.

Wie gesagt, das alles ist jetzt Jahre her schon wieder, und eigentlich wollte ich ja bloß kurz über das Wetter jammern, ich entschuldige mich hier gleich mal vorsorglich für diesen viel zu ausführlichen Exkurs. Es ist bloß so, dass solche Todesdaten sich der Erinnerung eben besonders einprägen, und deshalb ist für mich seither der sechzehnte März der gefälligst einzuhaltende Stichtag für den Frühlingsbeginn, was die letzten Jahre über immer so verblüffend gut gestimmt hat, dass mich der Winter, den ich vor fünf Tagen noch stoisch hinnehmen konnte, jetzt plötzlich völlig fertig macht und düsterste Gedanken mir das Hirn vernebeln: Was wäre, wenn der Frühling einfach gar nie mehr käme? Wenn es Winter bliebe für immer?

 

 

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7 Kommentare zu “Requiem in c-moll

  1. Als ich heute morgen zur Arbeit fuhr, brüllten die Sportfreunde Stiller aus den Lautsprecherboxen:

    „Und ich wart‘ mal wieder auf den Frühling.
    Man kann nicht nur traurige Lieder singen.
    Doch bald werden sie wieder anders klingen,
    wenn die ersten Sonnentage Wärme bringen!“

    Ich habe schön laut mitgesungen. Mal sehen ob es hilft. Obwohl so traurige Artikel von dir auch brillant sind.

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