Pikdamengeschichte

Also: Es fing an am Samstag abend, als ich plötzlich von der Idee befallen war, mal einen Blogtext nach Art des Blogozentrikers zu schreiben, mit sprechenden Namen, bisschen Paranoia, und einem verblüffenden, sehr verknappten Ende. Ich fing an das zu schreiben, es machte Spaß, fast erlag ich der Illusion, ich wäre der Blogozentriker, und am Sonntag schrieb ich das dann schnell fertig, während der Sohn seinen Mittagschlaf hielt und die Tochter mit dem Nachbarskind Dornröschen im Fernsehen schaute. Ich postete noch ziemlich hektisch den Text ins Blog hinein und machte mich dann schnell auf ins Schillertheater zur Götterdämmerung, die super war, die Inszenierung zwar verhauen, aber Barenboims Dirigat dafür genial, die sechs Stunden vergingen wie im Flug.

Am nächsten Morgen, Montag also, brachte ich Wagnermelodien vor mich hersummend die Tochter in den Kindergarten, und wollte dann bloß ganz kurz mal schauen, wie es meinem neuen Text ergangen war in der Zwischenzeit. Ich klickte auf die Blogstatistik und erstarrte.

„Oh“, sagte ich zur Pikdame, „ich glaube Buddenbohm empfiehlt mich hier gerade in seinen Linkempfehlungen.“ – „Buddenbohm? Nicht dein Ernst. Welchen Text?“ – „Winterende.“ – Draußen fiel unbeirrt neuer Schnee.

Schneller als ich erfasste die Pikdame den Ernst der Lage: „Jetzt musst du sofort nachlegen! Abliefern!“, sagte sie, während ich mich noch blöde an den Klickzahlen berauschte, die wie entfesselt durchs Dach schossen. Auch am Dienstag hielt dieser unfassbare Besucherstrom noch an, aber spätestens am Mittwoch wurde klar, dass ich doch auch mal wieder selbst was schreiben müsste, aber worüber nur, in meinem Kopf saß plötzlich so ein Mini-Buddenbohm, der alle meine Themenvorschläge gnadenlos ablehnte. Über die neue Kassiererin bei Edeka vielleicht, die nicht wusste, was ein Wirsing ist und ihren Kollegen dann mit angewidertem Gesichtsausdruck fragte, welche Nummer denn die, äh, der, äh, dieses Grüne da habe? Nein, nicht lustig genug, auch in keiner Weise ausbaufähig, sagte der neue Chefredakteur meines Gehirns. Ja, ok, stimmt ja. Aber hier vielleicht, das könnte doch was sein: Wie ich überrascht feststellte, dass ich auf Twitter einem leeren Stuhl folgte, der mit blauem Häkchen versehen als der wahrhaft echte leere Stuhl authentifiziert war?

Bildschirmfoto 2013-03-13 um 14.27.49

Hm, naja, probiers halt mal, aber mach schnell, das Konklave tagt bereits. Natürlich war ich viel zu langsam, bereits am selben Abend hatte sich der Stuhl wieder in Pontifex umbenannt. Nix mit Wirsing, nix mit Papst, ein drittes Thema musste her, jetzt war schon Donnerstag, verflucht. Verzweifelt blickte ich im Zimmer herum. Worüber schreibt denn der Buddenbohm immer so? Aber natürlich, wie Schuppen fiel es mir jetzt von den Augen: die Kinder!

Beim Abendessen nahm ich die Kinder scharf ins Visier, volle Konzentration, nichts durfte mir entgehen. Die lustigen Kindersätze kommen immer gänzlich unangekündigt, dachte ich, du musst nur warten, nicht nachlassen in der hundertprozentigsten Aufmerksamkeit, wie ein Jäger auf dem Hochsitz. Aber nichts geschah. Der Sohn löffelte stoisch seine Tomatensoße, nachdem er die Nudeln fein säuberlich vom Teller geklaubt hatte, während die Tochter das Dornröschenlied mit improvisiertem Nonsenstext sang und gar nichts aß. Nichts besonderes, alles wie immer, nachher würden wir wieder Butterbrote für sie schmieren.

Schließlich riss mir der Geduldsfaden: „Macht doch mal was Lustiges!“, herrschte ich sie an. Fragende Kindergesichter blickten schweigend zurück. „Buddenbohms Kinder machen ständig lustige Sachen“, fügte ich noch hinzu. Sie schwiegen weiter und rührten sich nicht. „Was ist ein Buddenbohm?“, fragte schließlich die Tochter. „Sowas ähnliches wie ein Lobo“, wollte ich noch antworten, aber da waren sie schon getürmt und spielten Bobbycar-Laufrad-Verfolgungsrennen im Flur. Es war zum Verzweifeln.

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8 Kommentare zu “Pikdamengeschichte

  1. Dieser Druck, wenn man erst mal berühmt ist. So schlimm. Und dann noch von den eigenen Kindern hängen gelassen zu werden. Ach herrje.
    Ich möchte wirklich nicht an Deiner Stelle sein.
    (*grins*)

    • Fies, oder? Aber ich hab mir überlegt, ich bin jetzt ganz schlau: jetzt schnell berühmt werden, und dann fressen mir die Leute aus der Hand, egal wie langweiliges Zeug ich schreibe. Ob das gut geht? Auf die Unterstützung der Kinder kann ich jedenfalls nicht zählen, das ist jetzt auch schon mal klar…

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